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Singen im ChorDie Seele aus voller Kehle

Immer mehr Leute entdecken das Singen im Chor – und berichten von magischen Momenten.

«Ein unbeschreibliches Gefühl»: Kammerchor des Zürcher Gymnasiums Rämibühl.
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«Megacool» findet Vera Balmer die Musical-Auftritte, die sie mit dem Kammerchor der Zürcher Kantonsschule Rämibühl hat. Natürlich macht es der 16-Jährigen auch Spass, wenn die Proben häufiger werden und dann ab und zu eine Schulstunde ausfällt.

Aber Freude machen vor allem die neuen Freunde, die man im Chor findet. Und das Gefühl, das nur der Chor vermitteln kann: «Es geht nicht da­rum, allein etwas zu leisten, sondern als Teil eines Teams. Wenn aus all den einzelnen Stimmen ein Ganzes wird – dieses Gefühl ist unbeschreiblich.»

In Erinnerung bleiben auch gemeinsame Ausflüge. «Wir haben mit dem Chor eine Reise nach Deutschland gemacht», erzählt Vera Balmer. «In Augsburg hatten wir einen Tag frei. Wir haben auf einem grossen Platz unsere Lieder gesungen und einen Hut für Spenden aufgestellt. Es kamen über 80 Euro zusammen.» Davon haben die Sängerinnen und Sänger ihrem Chorleiter ein Geschenk gekauft.

Ein regelrechtes Casting

Bei diesem Chorleiter, Beat Fritschi, proben jede Woche 120 bis 150 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Rämibühl: «Das sind minimal weniger als zu den Anfangszeiten vor rund ­40 Jahren, aber die Qualität hat deutlich zugenommen», sagt Fritschi. Und das, obwohl der Leistungsdruck in der Schule steigt und die Proben in den Freitagabend hinein dauern, wenn andere ausgehen.

Für Soloparts von Musicals des Kammerchors, in dem die Älteren und Ehrgeizigeren singen, muss Fritschi mittlerweile ein regelrechtes Casting durchführen: «Von vieren, die sich meldeten, konnte ich jeweils eine oder einen nehmen. So viele Begeisterte, aber auch so viele Begabte, da fällt die Auswahl extrem schwer.»

Die Ursache für diesen Boom sieht Fritschi in Sendungen wie «Deutschland sucht den Superstar» oder «Musicstar»: Singen ist hip geworden, der Übergang zwischen Popmusik und klassischem Chorgesang fliessender.

«Singen verwandelt einen»: Das Vokalensemble Altricanti in Bern.
Quelle: Stephan Rappo

«Wir fühlen uns wie eine grosse Familie»

Auch Penelope Coker singt im Kammerchor der Kantonsschule Rämibühl. In einer modernen Adaption des Musicals «Hair» spielte sie eine Hauptrolle. «Ich singe auch zu Hause die ganze Zeit», sagt die 17-Jährige, die ausserdem Geige spielt. «Musik ist ein Teil von mir und wird es immer sein.» Auch wenn sie nicht vorhat, das Hobby zum Beruf zu machen. «Die Musik nach der Schulzeit aufzugeben ­wäre total deprimierend – ich werde ­sicher eine Möglichkeit suchen, auch nach der Matur zu singen.» Als schönste Erinnerung bezeichnet auch Penelope Coker die Chorreise nach Deutschland: «Wir fühlten uns dabei wie eine grosse Familie – auch ­musikalisch: Nach der intensiven Probezeit haben wir richtig gut geklungen. Ich hatte oft das Gefühl, komplett von der Musik verschluckt zu werden.»

Das Gefühl des Aufgehens in allumfassender Harmonie beschreiben auch die Männer, die im schwulen Männerchor Zürich (Schmaz) singen. Die wöchentlichen Proben, die regelmässigen Auftritte und die Chorreisen sorgen dafür, dass sich Freundschaften entwickeln. Der Chor verschliesst sich hetereosexuellen Männern keineswegs: «Wir sind gespannt auf den Tag, an dem sich ein hetero­sexueller Mann bei uns meldet und mitsingt», sagt Präsident Matti Rach lachend.

Wer hinter dem Schmaz eine lustig-maskuline Plauderstunde vermutet, liegt allerdings falsch: Die Jungs proben engagiert und konzentriert. Ein Witz zwischendurch, ein Grinsen in den Reihen, dann gehts im Stechschritt weiter durchs Repertoire.

Kirchenchöre: Zu wenig Nachwuchs

Die Schweizerische Chorvereinigung, die seit 1842 existiert, umfasst heute rund 60000 Sängerinnen und Sänger, Erwachsene wie Kinder. Rund 40000 weitere singen in reformierten oder katholischen Chören. Ihnen allerdings helfen Castingshows nicht weiter – sie leiden unter Überalterung.

Bei den Reformierten etwa sind mehr als die Hälfte der Sängerinnen und Sänger zwischen 50 und 65, gute 40 Prozent über 65. «Wie in so vielen anderen Freizeitsparten wollen sich immer weniger Leute fest verpflichten», sagt Hermann Stamm, Präsident des protestantischen Schweizerischen Kirchengesangsbundes.

«Deshalb sind in neuerer Zeit Projektchöre statt etablierte Kirchenchöre angesagt», erklärt Thomas Halter, Präsident des Schweizerischen Katholischen Kirchenmusikverbands: Man verpflichtet sich nicht langfristig, sondern für ein zeitlich begrenztes Projekt. Während einer gewissen Dauer übt man zu Hause, probt intensiv, arbeitet konkret auf Aufführungen hin – und danach geht jede und jeder wieder seiner Wege. Solche Chöre auf Zeit ­gehen mit einem Gospelprogramm auf Weihnachtstournee, gastieren mit ­einem Musical in mehreren Städten oder tun sich für eine Weile mit einem Orchester oder einer Band zusammen.

«Den absoluten Flow erlebt»

Ein viel länger dauerndes Engagement ist die Musik für die Berner Chor­­­-­lei­terin, Organistin und Cembalistin Helene Ringgenberg. Sie wusste schon früh, dass klassische Musik ihr ­Leben bestimmen würde: «Ich sang im Chor unseres Gymnasiums; wir durften Bachs Matthäus-Passion aufführen. Da hat sich mir eine Welt aufgetan – ich habe den absoluten Flow erlebt.»

Dass Singen gesund ist, weiss man. Studien belegen ein verbessertes Immunsystem, weniger Aggressionen, mehr Glücksgefühle. «Singen verwandelt einen», sagt Helene Ringgenberg. «Ich ­singe sehr oft, auch bei der Arbeit mit ­Chören: Ich singe lieber eine Stimme vor, als sie auf dem Klavier vorzuspielen, das ist nachvollziehbarer.» Ihr Freundeskreis bestehe zum Grossteil aus Musikfreundschaften, Bekannten von den verschie­denen Vokalensembles.

Schwierig wird es für die Dirigentin, wenn ältere Sängerinnen und Sänger stimmlich nicht mehr mithalten können, dem Chor aber menschlich sehr verbunden sind. «Solchen Leuten das Aufhören nahezulegen ist ein Alptraum für den Chorleiter», sagt Helene Ringgenberg. Sie plant, einen Alterschor zu gründen.

Auch das liegt durchaus im Trend. Es gibt diverse Chöre, die sich entweder an bestimmte Mitglieder oder an einen bestimmten Geschmack wenden: Jodelchöre, Shanty-Chöre, Gospelchöre. Denn egal, ob Bach-Kantate, Seemannsschunkler, Volkslied oder Spiritual: Das Gefühl, von der Musik verschluckt zu werden, ist nicht von der Stilrichtung abhängig.

So kommt man zu einem Chor

Es gibt Chöre für jeden Geschmack, jede Altersgruppe und jedes Niveau. Informieren Sie sich genau: Sind Sie eine Sängerin mit Ambi­tionen? Dann fragen Sie beim Kammerchor in Ihrer Region nach, wo man Sie wahrscheinlich zum Vorsingen einladen wird.

Möchten Sie lieber unkompliziert einmal pro Woche proben, ohne sich als Solist zu profilieren? Erkundigen Sie sich in Ihrer Gemeinde nach der Leitung des Kirchenchors. Glauben und Kirchenzugehörigkeit sind heute kaum mehr Bedingung fürs Mitmachen.

Beachten Sie, dass das Niveau eines Kirchenchors und damit der Ausbildung völlig vom Chorleiter abhängt: Die einen bevorzugen lockeres Singen, die anderen offerieren Stimm­bildung, die den Einzelnen weiterbringt.

Besuchen Sie meh­rere Proben, bevor Sie sich für oder ­gegen ein Ensemble entscheiden, denn ein einzelner Abend kann kaum einen gültigen Einblick geben in den Ablauf von Proben, die Gruppendynamik und das Repertoire.

Chöre im Internet

  • Schweizerische Chorvereinigung (Dachverband der weltlichen Chöre): www.usc-scv.ch
  • Verband der deutsch-schweizerischen reformierten Kirchenchöre: www.kirchengesangsbund.ch
  • Katholischer Dachverband für Kirchenmusik in der deutsch­sprachigen Schweiz: www.skmv.org
Veröffentlicht am 20. Januar 2015