Aus dem Beton ragen rostbraune Eisenstäbe, es dröhnen die Hämmer, Arbeiter brüllen gegen den Lärm an. Eine Baustelle in Chiasso. «Hier entsteht la cittadella della cultura», sagt Domenico Lucchini. Ausgerechnet in Chiasso, dem Nadelöhr, das man nur von der Durchfahrt nach Süden kennt.

Was man da sieht, ist ein Ausbund an Scheusslichkeit: Fabriken, Lagerhallen, Garagen, Hochhäuser. Freiwillig macht hier kaum jemand Halt. Ausser Domenico Lucchini, der Ende der achtziger Jahre dem Ruf als «operatore culturale di Chiasso» folgte und von Paris weg in das Grenzstädtchen zog. Was er seither leistete, kann sich sehen und hören lassen: Festival des modernen Tanzes (Chiasso Danza), Jazzfestival, Biennale der Fotografie. Und zwischen dem Corso San Gottardo und der Autobahn wächst ein ganzer Komplex von Kulturgebäuden – eben die «Cittadella della cultura». Fast zwei Millionen Franken investiert das Städtchen pro Jahr in die Kultur.

Das Publikum kommt auch aus Italien
«Heute kommen die Leute aus Mailand, Como und Varese wegen des Kulturangebots nach Chiasso», behauptet Lucchini, der neu als Kulturbeauftragter der Schweizer Zentren von Rom, Mailand und Venedig wirkt. Während er in der Bar der Bahnhofshalle einen Caffè liscio trinkt, schwärmt er von der italienisch anmutenden «Treibhausatmosphäre», die für das ganze Mendrisiotto – die italienischste Region der Schweiz – typisch sei.

Ein echter Lokalvertreter war Vincenzo Vela, eine schillernde Persönlichkeit und einer der erfolgreichsten und bedeutendsten Bildhauer des 19. Jahrhunderts. Ihm ist das, nach dem Landesmuseum, zweitgrösste nationale Museum gewidmet – im 1600-Seelen-Dorf Ligornetto (www.museo-vela.ch). Ligornetto, das sind zwei Bar-Restaurants, die Post, zwei Läden, eine Kirche, der Friedhof, zwei alte Waschbrunnen, die Raiffeisen-Bank – und der Lancia des Pfarrers.

An den Tag, an dem er ihn gekauft hat, erinnert sich Don Angelo, als ob es gestern gewesen wäre: «Es war der 13. Mai 1981. Als ich mit ihm zurück zur Pfarrei kam, herrschte grosse Aufregung. Nicht wegen des Autos, sondern weil in Rom ein Attentat auf den Papst verübt worden war.» Don Angelo holt selbst gebrauten Liquore und zwei Schnapsgläschen aus dem Schrank. Die Limoncina-Pflanze, von der er die Blätter zur Schnapsgewinnung erntet, wächst direkt vor dem Pfarrhaus, wo er auch Gemüse, Obst und Hühner züchtet.

Der 82-jährige Don Angelo könnte der sanftere Bruder von Don Camillo sein: einer, der die streitlustigen Leute im Dorf versöhnt und auf Wunsch der «Heiden» aus dem Norden sogar die Glocken in der Neujahrsnacht läuten lässt – ein im katholischen Tessin unbekannter Brauch. Angelo Arrigoni kennt das Mendrisiotto: Er stammt aus Balerna und war schon in Arzo, Tremona und Meride als Pfarrer tätig. Er erinnert sich gut an die Zeit, als die Region von Seidenraupenzucht, Tabak- und Weinanbau mehr schlecht als recht lebte.

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Zivilisationswüste mit vielen Oasen
Heute bilden die Gemeinden von Capolago am Ufer des Luganersees bis nach Mailand eine fast geschlossene Agglomeration, durchzogen von Eisenbahnschienen, Strassen und der Autobahn. Die gar nicht so seltenen Bijoux in und neben dieser Ansammlung von Industriebauten, Büro- und Wohnsilos sind für die überraschten Besucher deshalb doppelt eindrücklich.

Zum Beispiel Meride, für viele der schönste Ort im Tessin. Über dem Dorf liegt absolute Ruhe. Es ist – nur wenige Kilometer von der dröhnenden Nord-Süd-Autobahn entfernt – so still, dass man sich in den Gassen kaum laut zu reden getraut. Bewohner sieht man nicht, die meisten arbeiten auswärts. «Wenigstens müssen die Häuser nun wieder ganzjährig bewohnt werden. Die Gemeindeordnung wurde geändert, um den Zweitwohnungsbestand zu reduzieren», erzählt Esther Dietiker, die seit 31 Jahren im Ristorante San Silvestro wirtet und auch günstige Zimmer vermietet. Sie ist eine der wenigen hiesigen «Zücchin» (Kürbis) – wie die Deutschschweizer im Tessin abschätzig genannt werden. Die oft zitierte Fremdenfeindlichkeit der Tessiner gegenüber den Zücchin hat die Wirtin hier aber nie verspürt: Das Mendrisiotto sei eben ein warmes Land. Hier steckt Kalk im Boden und nicht Granit wie in den nördlichen Tessiner Tälern.

Etwas ausserhalb von Meride, versteckt im Wald, liegt das Grotto Fossati: Hier gibts Polenta, über dem offenen Feuer stundenlang gerührt, Risotto, Ossobuco, Brasato, Coniglio. Dazu Merlot aus dem Tazzin, einer kleinen Schale – im Mendrisiotto kennt man keine Boccalini. Ins normale Trinkglas füllt man die Zitronenlimonade Gazosa. Zum Abschluss gibts Formaggini aus Ziegen- oder Kuhmilch.

Die besten stammen aus dem Valle di Muggio, einem verwunschenen Tal, das bei Balerna beginnt. Das Postauto führt die wenigen Individualreisenden zuverlässig von Dorf zu Dorf. Viele Wege muss man zu Fuss bewältigen, etwa den 15-minütigen Abstieg zur Mühle von Bruzella an der Breggia, die seit 1996 wieder funktionstüchtig ist und in der man seinen eigenen Mais zu Polentamehl mahlen lassen kann. Il Mulino di Bruzella ist eines der Kernstücke des Museo etnografico della Valle di Muggio, eine Art volkskundliches Freilichtmuseum, das sich über das sieben Kilometer lange Tal erstreckt. Ansonsten gibt es «nur» die Natur – die eindrückliche Breggia-Schlucht (www.parcobreggia.ch), Viehweiden und Kastanienwälder. An den Steilhängen kleben die Dörfer, wie Scudellate, ein ehemaliges Schmugglerdorf zuhinterst im Tal. Die enge Strasse schlängelt sich abenteuerlich am steilen Hang entlang ins Dorf. «Ach was, die Autobahn ist gefährlich, nicht diese Strasse», beruhigt die Wirtin in der Osteria Manciana die von der Anfahrt noch blassen Autofahrer.

Draussen blühen die ersten Sträucher, Eidechsen erwachen aus der Winterstarre, Schmetterlinge flattern umher. Und das Mitte Januar auf 1000 Meter Höhe. «Ja, das Klima ist hier wärmer und trockener», erklärt die Wirtin. Sie selbst stammt ja «vom Meer», wie sie scherzt. Sie meint Riva San Vitale, unten am Luganersee. Dort liegt die See der Mendrisiotter, wo die Daheimgebliebenen im Sommer schwimmen gehen. Berühmt ist Riva San Vitale wegen seines Baptisteriums aus dem fünften Jahrhundert, das zu den ältesten christlichen Bauwerken in der Schweiz gehört.

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Grüsse aus der weiten Modewelt

Der direkteste Weg von Scudellate nach Riva führt über den Monte Generoso . Der bequemste ist freilich der mit dem Auto über Cabbio auf die andere Seite des Tals nach Mendrisio. Der Hauptort wartet mit einem Kontrastprogramm auf: Hunderte von Autos, ein Gehupe und Gedränge – die Anfahrt zum Outlet-Einkaufstempel Fox Town direkt an der Ausfahrt Mendrisio der A2. Er versammelt auf rund 20'000 Quadratmetern fast alles, was einen klingenden Namen hat, von Gucci über Versace bis Louis Vuitton, auch sportliche Marken wie Adidas oder Diesel. Die Modelle stammen aus dem Vorjahr oder aus Überproduktionen, weshalb die Rabatte zwischen 20 und 70 Prozent liegen. Wem auch das noch zu teuer ist, der kann gleich nebenan im Spielkasino sein Glück versuchen.