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UmgangWie geht Toleranz?

Wessen Bedürfnisse sind nun wichtiger? Bild: Thinkstock Kollektion

Nachsicht und Flexibilität sind im Umgang miteinander von grosser Bedeutung. Wie kann man tolerant sein – ohne selbst zu kurz zu kommen?

von Guy Bodenmann und Caroline Fux

Toleranz und tolerant sein werden oft missverstanden: Für viele bedeutet das, nachzugeben – egal, um welchen Preis. Hauptsache, der Friede bleibt gewahrt.

Aber Toleranz ist nicht einfach nur ein grosszügiges Abweichen von einer Idealvorstellung. Und schon gar keine passive, märtyrerhafte Hingabe an ein ungewolltes Schicksal oder blindes Nachgeben. Konfliktvermeidung hat mit Toleranz nicht das Geringste zu tun. Tolerant zu sein heisst vielmehr, bei auseinandergehenden Haltungen und unterschiedlichen Bedürfnissen kompromissbereit und konstruktiv nach einer Lösung zu suchen.

Tolerant zu sein wird gemeinhin als erstrebenswerte Eigenschaft angesehen – die meisten von uns möchten als tolerante und grosszügige Menschen gelten. Das kann schon mal dazu führen, dass man allzu häufig klein beigibt – oder dass man seine eigenen Bedürfnisse in unangemessener Weise den Ansprüchen des Partners unterordnet. Toleranz in einer Partnerschaft sollte jedoch keine einseitige Angelegenheit sein. Es geht im Gegenteil um ein wechselseitiges, faires Aufeinander-Eingehen, um ein Abgleichen der eigenen Bedürfnisse mit denen des Partners. Im Falle von unterschiedlichen Anliegen gilt es, Lösungen zu finden, die für beide tragfähig und akzeptabel sind. Ein tolerantes, kompromissbereites Klima ist eine wesentliche Grundlage für eine konstruktive Beziehung.

«Toleranz ist der bewusste Entscheid, einzulenken, Kompromisse zu finden oder eine Sache zu akzeptieren, nachdem man ihren Hintergrund verstanden hat.»

Eine Herzensangelegenheit

Echte Toleranz kommt von Herzen – auch wenn man allzu häufig meint, sie müsse rational begründet sein. So möchten wir in einer bestimmten Situation zum Beispiel verstehen, weshalb der Vorschlag des Partners besser sein soll oder warum seine Bedürfnisse wichtiger sein sollen als unsere eigenen. Doch darum geht es gar nicht – denn mit dem Verstand werden wir nie wirklich entscheiden können, wessen Bedürfnisse richtiger oder wichtiger sind. Beide Partner haben ihre Ansichten, ihre Wünsche und Ziele, und es gibt kein Schiedsgericht, welches darüber urteilen könnte, wer recht hat. Recht haben beide. Daher können wahre Kompromisse nur über einen emotionalen Zugang gefunden werden.

Während wir uns auf der Verstandesebene häufig in schöngeistige Debatten und Machtkämpfe verstricken, haben wir auf der Gefühlsebene meist eine grosszügigere Haltung. Wenn wir gefühlsmässig verstehen, weshalb dem Partner etwas wichtig ist, dann werden wir auch eher zu einem Kompromiss bereit sein.

Dies bedeutet, dass Sie nicht versuchen müssen, Ihren Partner verbal von Ihrer Ansicht zu überzeugen. Sondern dass Sie ihm mitteilen, weshalb Sie etwas emotional ganz elementar brauchen.

Keine grosse Sache, aber sie stört

Es ist doch nur eine Kleinigkeit... Das Eselsohr im Buch, das man dem Partner ausgeliehen hat, die liegengelassene PET-Flasche im Auto, die «falsch» ausgedrückte Senftube, die Spritzer auf dem Spiegel nach dem Zähneputzen. Und trotzdem können diese banalen Dinge Missstimmungen oder sogar Streitereien von beeindruckendem Ausmass auslösen. Doch warum genau nerven einen Dinge, die an und für sich trivial sind?

Zugegeben, es hat etwas Kleinliches, wenn man nicht darüber hinwegsehen kann, dass der Partner die Senftube von der Mitte und nicht vom Ende her ausdrückt. Die meisten Leute würden wohl an die Toleranz der Betroffenen appellieren.

Tatsächlich wird es aber in den wenigsten Fällen wirklich um die oberflächlichen Dinge gehen. Denn gestritten wird letztlich nicht über den Zahnpastaspritzer oder über das stehengelassene Glas. Sondern darüber, wofür diese Dinge stehen: zum Beispiel für die Missachtung eines Grundbedürfnisses einer Person.

Daher gilt: Viele Dinge sind unbedeutend – man arrangiert sich damit. Doch jenen Dingen, die uns nachhaltig stören, sollten wir auf den Grund gehen, so unbedeutend sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen.

Wie sage ich, dass mich etwas stört?

Gehen Sie einen Moment in sich, bevor Sie Ihren Partner mit einer seiner Marotten konfrontieren. Fragen Sie sich:

  • Was stört mich wirklich an seinem Verhalten?

  • Geht es wirklich nur darum – oder steckt mehr dahinter?

  • Könnte ich mich da nicht grosszügig zeigen? Warum tue ich es nicht?


Nur wenn Sie formulieren können, was wirklich das Problem ist, kann Ihr Partner Sie verstehen und auf Ihre Bedürfnisse eingehen.

Verzichten Sie auf rationale Argumente. Gehen Sie stattdessen auf die Suche nach den Gründen, warum etwas Sie persönlich so stark stört.

Was, wenn wir uns nicht einig werden?

Viele Leute machen den Fehler, dass sie den Partner und seine Bedürfnisse ändern wollen. Es funktioniert nicht! Zudem steckt dahinter auch ein fundamentaler Denkfehler.

Denn nicht der Partner oder seine Wünsche sind das Problem, sondern die Unvereinbarkeit zweier verschiedener Bedürfnisse.

Der Inhalt dieses Artikels ist Bestandteil des Buches «Was Paare stark macht»:

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Veröffentlicht am 2016 M01 29