Der Koffer mit den neun Kilo Honig dreht einsam seine Runden auf dem Gepäckband, und Walter und Doris Wieser sitzen noch immer im Kabäuschen neben der Passkontrolle des Flughafens. 17 Stunden Reise liegen hinter ihnen. Erst die Fahrt mit dem Auto nach Orlando, Florida, dann der Flug nach Atlanta und weiter nach Zürich. «Also schon ein bisschen müde, ich kann beim Fliegen nicht schlafen», erzählt Walter.

Wiesers waren auf dem Weg zur Hochzeit ihres Sohns, in Seon im Kanton Aargau. Zwei Wochen Schweiz, die alte Heimat, mit der sie stärker verbunden waren, als sie ahnten. Die Eltern Wieser wohnen in Amerika, in St. Augustine. Die Siedlung heisst so, weil Spanier 1565 an der Küste Floridas anlegten. Und zwar am 28. August, dem Namenstag des heiligen Augustin. Die Geschichte der Gegend ist blutig, das Land ist nass und fruchtbar, das Wetter heiss und feucht. Zwei Flüsse schlängeln sich durch die Stadt zum Meer, Alligatoren schnappen nach allem, was Kalorien verspricht.

2001 zogen Wiesers nach Florida mit ihren zwei Jungs, 13 und 14. Sie lernten fleissig Englisch und wurden «wirklich mit offenen Armen empfangen», erzählt Walter. Sie bauten mehrere Firmen auf. Eine zum Bau von Küchen, eine für einen Schweizer Hersteller von Werkzeugen, eine zum Schutz vor Stürmen, denn ab und zu knickt ein Hurricane Wetter Wer gibt Stürmen ihren Namen? die Strommasten ab. Die Familie liess sich einbürgern. Und aus Walter wurde Walt.

«Unbekannter Aufenthaltsort»

So warteten Walt, 73, und Doris, 59, Mitte August in der Schlange vor der Passkontrolle. Als der Beamte Walts amerikanischen Pass durchsah, «hackte er ungewöhnlich lange auf dem Computer herum und führte ein beunruhigend langes Telefongespräch». Schliesslich bat er das Paar, auf eine Kollegin zu warten.

«Meiner Frau und meiner Wenigkeit blieb nichts anderes übrig, als uns hinter einer dicken Säule zu verstecken, damit die Einreisenden aus aller Welt, Hunderte von ihnen, viele mit bunten Kopftüchern geschmückt, uns wenigstens nur teilweise sehen konnten», erinnert sich Walt.

Nach etwa 20 Minuten erschien ein Beamter der Kantonspolizei Zürich und bat die Wiesers in einen verglasten Raum neben der Passkontrolle Fluggastdaten Diese Daten werden gespeichert, wenn man fliegt . «Der Raum war für die ankommenden Passagiere sehr gut einsehbar, das war uns ziemlich peinlich.» Walt schoss der Gedanke durch den Kopf, seiner Familie sei etwas Schreckliches zugestossen. Dann entstand ihm gemäss folgender Dialog.

«Sprechen Sie Deutsch?», fragte der Beamte.

«Ja.»

«Das macht die Sache leichter.»

«Würden Sie mir bitte sagen, worum es hier geht?»

«Besitzen Sie einen Schweizer Führerschein

«Ja, aber der ist vermutlich abgelaufen.»

«Ein Schweizer Führerschein läuft nicht ab.»

«Okay, das habe ich nicht gewusst.»

«Ja, Herr Wieser, 2016 sind Sie 70 Jahre alt geworden. Sie hätten damals eine medizinische Prüfung machen sollen. Sie haben das unterlassen. Darum wurden Sie zur Fahndung ausgeschrieben.»

«Zur Fahndung ausgeschrieben? Warum hat man mir das nicht mitgeteilt?»

«Weil Sie die Schweiz mit unbekanntem Aufenthaltsort verlassen haben.»

«Unbekannt? Wir haben uns ordnungsgemäss in Chur abgemeldet und unsere Steuern bezahlt. Wir haben uns beim Schweizer Konsulat in Atlanta, USA, angemeldet. Wir bekommen vom Kanton Graubünden Stimmmaterial. Ich bekomme monatlich meine AHV ausbezahlt . Und Sie sagen mir, mein Aufenthaltsort sei unbekannt?»

«Das ist nicht unser Problem, sondern das Problem liegt im Kanton Graubünden.»

«Wo hätte ich die medizinische Untersuchung denn durchführen lassen müssen?»

«Bei einem Amtsarzt in der Schweiz.»

«Also hätte ich wegen dieser Untersuchung extra von den USA in die Schweiz reisen müssen?»

«Möglich.»

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Das überholte Gesetz

Man riet Walt Wieser, sich innerhalb von zwei Tagen beim Bündner Strassenverkehrsamt zu melden. Das tat er. Die Dame am Telefon sei sehr freundlich gewesen.

Sie riet ihm, auf den Schweizer Führerschein zu verzichten. Die Verzichtserklärung würde sie ihm per Mail schicken. Doch danach hörte Wieser nichts mehr. «Vermutlich hat das Amt inzwischen auch gemerkt, dass ich das Gesetz eigentlich nicht gebrochen habe – weil es gar nicht mehr existiert», sagt Wieser. Tatsächlich wurde das Alter für das obligatorische ärztliche Attest per Anfang 2019 von 70 auf 75 Jahre erhöht Senioren am Steuer Das Risiko fährt mit .

Also wartete Wiesers Nichte am Flughafen Zürich aus nichtigem Grund eine Dreiviertelstunde auf ihren Onkel aus Amerika. Oder aus beinahe nichtigem. Wenn eine Verfügung zum vorsorglichen Entzug des Führerscheins erlassen wurde und die Fahndung läuft, «bleibt die Ausschreibung so lange aufrechterhalten, bis sich die Sachlage geklärt hat», sagt der Chef des Bündner Strassenverkehrsamts. Im Jahr würden rund 50 solche Verfügungen ausgesprochen. Die Verfügung war in Wiesers Fall an seine letzte Adresse in Chur geschickt worden. Dort lebt die Familie seit 18 Jahren nicht mehr.
 

«Vermutlich hat das Amt gemerkt, dass ich das Gesetz eigentlich nicht gebrochen habe.»

Walt Wieser, Doppelbürger


«Wir waren geschockt, erstaunt und verärgert. Immerhin hat es 70 Jahre meines Lebens gebraucht, bis zum ersten Mal nach mir gefahndet wurde.» In den USA ist Wieser Mitglied einer internationalen Polizeiorganisation und hat eine Akademie für zivile Vollzugsbehörden absolviert. «Das heisst, ich bin doch ziemlich verbunden mit der Polizei Recht Was darf die Polizei? », fügt er trocken hinzu. Seinen Humor hat er offenbar nicht verloren.

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Walt Wieser verzichtete freiwillig auf den Schweizer Führerschein. In St. Augustine fährt er weiterhin Auto, «sehr viel sogar, und das legal, mit meinem Führerschein aus Florida. Keinen flotten Chevy, obwohl Mr. Chevrolet ein Schweizer war! Ich fahre einen alten Honda und einen kleinen Ford, ich bin nun mal kein Auto-Fan.»

Ein Magenbitter zum Verdauen

Die stille Wut im Bauch hat inzwischen etwas nachgelassen. Aus der Schweiz nahmen die Wiesers neben der Erinnerung an einen überraschend brüsken Empfang und an das fröhliche Hochzeitsfest Hochzeitsvorbereitungen An alles gedacht? dann noch Schokolade mit. Und eine Flasche Braulio, einen Verdauungslikör aus dem Veltlin. «Sehr zu empfehlen», sagt Walt.

Aufgrund der Nachfragen des Beobachters im Fall Wieser beschloss das Bündner Strassenverkehrsamt im Übrigen, ab sofort auch bei den zuständigen AHV-Stellen nachzufragen, ob ein Rentenbezüger allenfalls die Schweiz verlassen hat. Bevor man ihn auf die Fahndungsliste setzt.

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Quelle: Beobachter Edition

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René Ammann, Redaktor

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