Der Zuger Heilmittelinspektor Ludek Cap ist seinen Job los. Erst wurde er freigestellt, Ende August hat man ihm fristlos gekündigt. Zum Verhängnis wurde ihm eine Kontrolle bei einem Hausarzt.

Jetzt zeigen Dokumente, die dem Beobachter vorliegen: Kantonsarzt Rudolf Hauri und der zuständige Regierungsrat Martin Pfister (CVP) persönlich hinderten den Heilmittelinspektor, Ende Juli die besagte Arztpraxis zu inspizieren. Weil der Arzt bei ihnen intervenierte. Er ist befreundet mit den zwei hochrangigen Behördenmitgliedern.

Kaum war Regierungsrat Martin Pfister über die anstehende Kontrolle informiert, schrieb er dem Kantonsarzt: «Lieber Ruedi. […] Ich möchte, dass Ludek dieses Dossier entzogen wird.»

Am Tag vor der geplanten Inspektion spitzte sich die Situation zu. Der betreffende Arzt schrieb dem Kantonsarzt: «Lieber Ruedi. […] Falls Herr Cap morgen um 8 Uhr 30 auftaucht, werde ich mich zu wehren wissen. […] Ich muss zur Wahrung meines Rufs und meiner Rechte das Empfangskomitee aufstellen.»

«Schikanös»

Drei Stunden später schrieb er auch noch seinem Duzfreund Regierungsrat Pfister. Er beschwerte sich über das «seltsame Tun» und das «schikanöse und kurzfristige Ansinnen» des Heilmittelinspektors. «Die Sache hat […] politische Dimensionen», der Gesundheitsdirektor stehe nun «in der Pflicht».

Die Intervention auf höchster Ebene war erfolgreich. Am Vorabend teilte der Kantonsarzt dem Heilmittelinspektor mit: «Auf ausdrück­liche Vorgabe des Gesundheitsdirektors musst Du die Inspektion absagen.» 

Ludek Cap dachte nicht daran. Aber die In­spektion führte zum Eklat. Als der Heilmittelinspektor gegen halb neun Uhr morgens in der Arztpraxis eintraf, wurde er von der General­sekretärin von Regierungsrat Pfister abgefangen. Unverrichteter Dinge musste er abziehen.

«Ich wurde vom Kantonsarzt und von der Gesundheitsdirektion massiv unter Druck gesetzt», sagt der geschasste Heilmittelinspektor. «Ich habe nie einen triftigen Grund dafür erfahren, warum ich auf die Inspektion verzichten sollte.»

Zur Inspektion kam es, weil es beim besagten Arzt Unstimmigkeiten gab, was die Bewilligung zum Betrieb einer Praxisapotheke in seiner bisherigen Praxis betrifft. Der 67-Jährige aus dem Zuger Hinterland eröffnet im Oktober in einer ehemaligen Bankfiliale ein Gesundheitszentrum – zusammen mit einem anderen Hausarzt, der schon 76 ist.

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Die Gemeinde zahlt Defizit

Die Firma dazu gründete er im Februar. Im Rücken hat er die Gemeinde, die dem neuen Zentrum für drei Jahre eine Defizitgarantie von 300'000 Franken für Leistungen zusichert, die nicht über das Tarifsystem Tarmed abgerechnet werden können.

Um die offensichtlich nicht korrekte Situation am alten Ort zu bereinigen, wollte der Arzt über den befreundeten Kantonsarzt Rudolf Hauri den kurzen Dienstweg einschlagen – ohne Inspektion. Nach Ansicht Hauris hätte die Bewilligung kurzerhand per E-Mail ausgestellt werden sollen. Der Kantonsarzt orientierte Regierungsrat Pfister, dass dieser Ablauf «ohne immensen bürokratischen Aufwand, aber noch vertretbar» sei.

Doch da hatte Kantonsarzt Hauri nicht mit der Gewissenhaftigkeit von Heilmittelinspektor Cap gerechnet. Der sagt: «Eine heilmittelrechtliche Bewilligung kann nicht per E-Mail erteilt werden. Dazu braucht es eine schriftliche Verfügung.»

Brisant: Die Bewilligung für die Praxisapotheke, dank der der Arzt Medikamente an Patienten abgeben darf, wurde angeblich in den Achtzigerjahren ausgestellt. Seit über 20 Jahren praktiziert er aber an einem neuen Ort, die Bewilligung wurde nie umgeschrieben. Die Folge: Ludek Cap tat, was er bei neuen Bewilligungen immer tut – dem Arzt eine Inspektion ankündigen. Dabei geht es darum, zu prüfen, ob die gesetzlichen Auflagen bei der Aufbewahrung von Betäubungsmitteln und Psychopharmaka eingehalten sind, aber auch die räumlichen, organisatorischen und hygienischen Anforderungen.

Als der Heilmittelinspektor bei der Kontrolle unverrichteter Dinge abziehen musste, reichte er gegen Kantonsarzt Hauri und Gesundheitsdirektor Pfister Strafanzeige ein – wegen Behinderung einer Amtshandlung. «In 30 Jahren ­Tätigkeit habe ich noch nie erlebt, dass mir Vorgesetzte eine Inspektion untersagten», sagt Cap.

Es gehe ihm um das Wohl und den Schutz der Bevölkerung, betont der Inspektor. «Ich bin dem Gesetz verpflichtet.» Folglich zögerte er nicht, wenige Tage später unangemeldet in der Praxis zu erscheinen. Fazit dieser Inspektion: rund 20 verschiedene Mängel, unter anderem bei der Wiederaufbereitung steriler Arbeitsinstrumente sowie bei der Lagerung und der Dokumentation von Betäubungsmitteln und Psychopharmaka.

Binnen zwei Stunden abgesägt

Den Bericht zur Inspektion konnte Cap nicht mehr abliefern. Zwei Stunden nach der Kontrolle hatte er keinen Zugang mehr zum Büro. Sein E-Mail-Konto und das Telefon waren gesperrt, er war freigestellt.

Cap reichte erneut Strafanzeige gegen Kantonsarzt und Gesundheitsdirektor ein. Diesmal wegen Amtsmissbrauchs. Gegen den fehlbaren Arzt reichte er ebenfalls eine Strafanzeige ein.

Auf Anfrage des Beobachters lässt Regierungsrat Pfister verlauten: «Es wurde nie eine Inspektion einer Arztpraxis untersagt.» Es habe lediglich «Fragen zur Terminierung und Art der Durchführung» gegeben. Der Arzt liess Fragen des Beobachters unbeantwortet. 

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Otto Hostettler, Redaktor

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