Eine gepflegte, liebevoll eingerichtete Wohnung in Erlinsbach AG. In einer Ecke des Wohnzimmers ein Christbaum, in einer anderen ein Meerschweinchenkäfig. Ein blondgelockter Zweijähriger sitzt neben seiner Mutter auf dem Sofa, plappert vor sich hin und knuddelt fröhlich eine Schmusedecke, während der Vater Mineralwasser und Gläser aus der Küche holt. Auf dem Esstisch steht eine Schale mit M-Budget-Bonbons. Eine ganz normale Familie also. Wäre da nicht die Tatsache, dass Vater Patrick Sandmeier ein Ex-Neonazi ist und seine Partnerin - die Mutter des gemeinsamen Kindes - aus Slowenien stammt.

«Schon in der Schule waren mir die Ausländer ein Dorn im Auge. Heute weiss ich, dass ich vor allem neidisch war auf die Ausländerkinder. Ich war ein schwacher Schüler, erhielt zu den schlechten Noten zu Hause noch eins hinter die Ohren. Und sie, die fremden Fötzel, bekamen Förderunterricht, während mir niemand half.»

Der zierliche 24-Jährige mit den veilchenblauen Augen sprudelt los, als fürchte er, nicht genug Zeit zu haben, sich nicht genügend erklären zu können.

«Im letzten Schuljahr bin ich über einen Schulkollegen, bei dem ich häufig zu Besuch war, in die rechtsextreme Szene reingerutscht. Sein älterer Bruder war ein Skinhead, und es schmeichelte mir, dass er sich mit uns  Kleinen abgab. Er fütterte uns mit rechtem Gedankengut. So kam es, dass ich eines Tages nach einem Konzert mit einer Glatze heimkam. Bald folgten Springerstiefel und Bomberjacke. Natürlich erschrak meine Mutter. Doch sie liess sich vermutlich nur zu gerne überzeugen, dass nichts Schlimmes dahinterstecke. Es war für sie nicht einfach mit uns drei Buben. Unser Vater hatte uns alle geprügelt, Liebe hatten wir von ihm nie bekommen. Sie liess sich dann scheiden und musste uns allein grossziehen.»

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Der Kleine hustet. Patrick Sandmeier steht auf, packt ihn in die Decke ein und sagt liebevoll: «Hand vor den Mund beim Husten, Nico.» Es fällt schwer, sich diesen quirligen jungen Mann in Kampfstiefeln und mit Hakenkreuzemblemen vorzustellen, die Hand zum Hitlergruss erhoben. Noch während er sich hinsetzt, fährt Sandmeier fort:

«Es war ein gutes Gefühl, in der Montur mit der Gruppe auszugehen. Die Leute drehten sich nach uns um, aber nicht spöttisch, sondern - so dachte ich zumindest - voller Respekt. Es war wohl eher Angst. Plötzlich ist man jemand.

Dorffeste und insbesondere die Fasnacht waren unsere Bühnen, Alkohol unser Treibstoff. Erst trafen wir uns bei einem Kameraden, tranken uns mit Bier und Schnaps Mut an und hörten dazu rechtsextremen Sound. So aufgeputscht und oft mit Baseballschlägern ausgerüstet, gings dann auf die Piste. Der Erstbeste, der lange Haare hatte oder uns sonst irgendwie nicht passte, wurde verhauen. Das war für mich nichts Neues, Gewalt und Hass kannte ich ja von zu Hause. Mit einem Unterschied: Diesmal war nicht ich das Opfer.

Wir Kleinen in der Truppe waren die Scharfmacher. Wir pöbelten und zündeten, bis der andere sich wehrte oder auch nur ein falsches Wort sagte. Dann gings zack, zack, und die Grossen aus der Truppe erledigten den Rest. Hinterher genehmigten wir uns ein Bier und suchten schon bald ein neues Opfer.»

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Gut die Hälfte der Schweizer hat Vorurteile gegenüber Fremden. Das ergab eine Studie der Universität Genf, die der Schweizerische Nationalfonds im vergangenen Jahr veröffentlichte. Dabei zählten 23 Prozent der Befragten zu den «konservativen Nationalisten» mit klar fremden- und menschenfeindlicher Haltung. Zudem sind sie latent gewaltbereit.

«Erschreckend daran ist, dass so etwas in aller Öffentlichkeit geschehen kann. Aber es gibt wohl neben der Szene viele Sympathisanten, die das durch Stillschweigen und Tolerieren erst ermöglichen. Ein Land, dessen Polizei so wenig gegen die rechtsextreme Szene unternimmt, verdient keinen Stolz. Auch die SVP ist schon jenseits der Grenze zu gesundem Patriotismus. Bundesrat Blocher und Co. sind eine Vorstufe des rechten Denkens; sie legitimieren bis zu einem gewissen Grad rechtsextremes Gedankengut.»

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Rund 1800 Rechtsextreme sind in der Schweiz polizeilich erfasst. Neonazi-Hochburg ist der Kanton Aargau mit über 500 Anhängern. Die Dunkelziffer und die Zahl der Mitläufer liegen um einiges höher. Und die Tendenz ist steigend: In ihrem Bericht 2005 zur inneren Sicherheit sagte die Schweizerische Bundespolizei ein Anwachsen der rechtsextremen Szene voraus.

«Das Anwerben von Neumitgliedern gehörte schon fast zu unseren Pflichten. Einmal wurde ein Preis in Aussicht gestellt, wenn wir innert einer Woche drei neue Mitglieder präsentierten. Rekrutiert wurde so: Wir suchten Jugendliche ab zwölf, denen man anmerkte, dass sie schüchtern waren und zu Hause und in der Schule Probleme hatten. Hatten wir einen im Visier, wurde er ausgekundschaftet. Dann bestimmten wir einen aus der Gruppe als grossen Onkel, der ihm ab und an ein Bier spendierte und ihn auch mal an ein Konzert mitnahm. Und dieser versprach ihm, im Notfall für ihn da zu sein: Wenn du Probleme hast, kannst du mich jederzeit anrufen. Meldete sich der Junge nicht innert nützlicher Frist, schickten wir ihm ein paar von unseren Jungs auf den Hals. Der Einschüchterungstrupp trug normale Klamotten und gab vor, ihn verprügeln zu wollen. Meist funktionierte der Trick. Das Kid rief an, wir Glatzen konnten als Retter auftreten und hatten nachher ein neues, dankbares Mitglied in der Truppe. Es klappte nicht immer, aber meistens. Es funktioniert wie in einer Sekte: Gemeinschaftsgefühl, Stärke in der Gruppe, Aufmerksamkeit und Abgrenzung gegen alle Aussenstehenden.»

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Laut einer unlängst veröffentlichten Studie der Universität Basel tun sich jugendliche Rechtsextreme sehr schwer, aus der Szene auszusteigen. Zentral für ein Gelingen, so die Sozialwissenschaftler, sei die Möglichkeit, frühere Beziehungen ausserhalb der Szene wieder aufzunehmen.

«Als ich in der Szene meinen Ausstieg bekannt gab, wurde ich von meinen alten Kameraden als Landesverräter und Ex-Nazi-Sau betitelt. Ich wurde verprügelt, meine hochschwangere Freundin massiv bedroht. Zwei Wochen lang patrouillierte eine Polizeistreife vor meinem Haus. Noch heute, fast vier Jahre nach dem Ausstieg, gibt es Nächte, in denen ich Angst habe. Angst, dass mich meine Vergangenheit einholt, Angst vor der Szene.

Zudem steht man von einem Tag auf den andern ohne Freunde da. Meine Kollegen von früher hatten sich schon lange von mir abgewandt. Neue Bekannte kehrten mir den Rücken, sobald sie von meiner Vergangenheit hörten. Die Einzigen, die in dieser Zeit zu mir hielten, waren ausgerechnet drei ausländische Arbeitskollegen.

Auch beim Ausstieg gibt es Parallelen zwischen der Neonazi-Szene und Sekten oder der Drogenszene. Die einzigen Kollegen gehören der Szene an, aus der man ausbrechen will. Und die Gruppe will nicht, dass man aussteigt. Nicht jeder kann mit dieser Einsamkeit, dem Gruppendruck und der Angst vor Vergeltung umgehen. Das erklärt auch, wieso viele rückfällig werden.»

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Viele Aussteiger sind gemäss der Basler Studie gar keine echten Aussteiger, sondern lediglich Umsteiger. Sie wenden sich einfach einer neuen Gruppe zu, etwa einer christlichen Bewegung oder einer linksradikalen Gruppierung. Zudem würden, so die Erhebung, viele zwar die Bomberjacke an den Nagel hängen und die Haare wieder wachsen lassen, das braune Gedankengut aber weiter mit sich herumtragen.

«Ich habe mich total aufgeregt über den Blick, der zur Basler Studie titelte: Einmal rechtsextrem, immer rechtsextrem. Wollte man der Zeitung Glauben schenken, bin ich immer noch rechtsextrem. Aber wenn es etwas gibt, wovor ich keine Angst habe, ist es, wieder reinzurutschen. Und die Tatsache, dass ich eine ausländische Partnerin habe und mit ihr und unserem Kind zusammenlebe, sollte die Frage nach meiner politischen Gesinnung eigentlich genügend beantworten.

Es ist im Prinzip nichts Schlimmes daran, sein Land zu mögen. Doch gesunder Patriotismus bedingt, dass man jeden Bewohner dieses Landes ungeachtet seiner Herkunft respektiert.»

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Die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus hat in ihrer jährlich erscheinenden Chronologie der rassistischen Vorfälle einen leichten Rückgang festgestellt. Tatsächlich werden Skins sehr selten von ihren Opfern angezeigt.

«Ein einziges Mal drohte mir eine Strafanzeige von der Jugendanwaltschaft. Körperverletzung. Ich hatte einen 17-jährigen Tamilen durch die Frontscheibe eines Ladens geworfen. Sein Hinterteil war schlimm zerschnitten. Aus Angst vor der Anzeige suchte ich ihn auf und entschuldigte mich - nur pro forma. Der merkte aber, dass es mir nicht ernst war, und bestand auf der Anzeige. Da besuchten ihn drei meiner Kumpels und gaben ihm klar zu verstehen: Lass das mit der Anzeige oder du bist ein toter Mann. Das zeigte Wirkung. Ich bezahlte ihm eine neue Hose und die Arztrechnung, das wars.

Umzudenken begann ich erst, als mir der Verlust meiner Lehrstelle drohte: Ich hatte mich geweigert, mit einem tamilischen Kollegen zusammenzuarbeiten, und ihm sogar ein Bündel Bananen an den Kopf geworfen mit den Worten: Friss, du Affe, und geh zurück in deine Heimat. Irgendwann merkte ich aber, dass meine ausländischen Mitarbeiter zuverlässige, gute Arbeiter und anständige Menschen waren. Das passte so gar nicht ins Bild der faulen Asylantenzecke, das die Rechtsradikalen von den Ausländern zeichnen. Und auch sonst begann ich mich an der Inkonsequenz der Neonazis zu stören: Türken verprügeln und dennoch Kebab essen, gegen die faulen Asylanten wettern und selber keinen festen Job haben - das ging für mich einfach nicht mehr auf. So zog ich mich nach und nach zurück, liess meine Haare wachsen, legte Bomberjacke und Stiefel ab, verschenkte meine Fahnen und sonstigen Nazi-Sachen.»

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Patrick Sandmeier begann auch, sich mit dem Aargauer Menschenrechtsaktivisten Heinz Kaiser auseinander zu setzen, der sich seit rund 20 Jahren gegen die rechtsextreme Szene engagiert. Heute will er mit Kaiser gegen die braune Brut kämpfen. Die beiden bauen derzeit die Informationsplattform zugera.ch auf, die präventiv wirken, Skinheads beim Ausstieg helfen und Eltern von Szenekids unterstützen soll.