Wenn irgendwo ein Loch war, musste ich immer reinschauen oder meine Finger hineinstecken», erzählt Peter Junker, «das war schon als kleines Kind so.» In den vergangenen 40 Jahren hat der 74-Jährige hinter seinem Haus am Fluerain in Seewil BE einen Tunnel von über 220 Metern Länge in den Sandstein geschlagen; bis zu 65 Meter tief in den Fels. Den Tunnelbau sah er als wertvollen Ausgleich zu seiner Arbeit als Feinmechaniker. «In den Glanzzeiten» habe er nach Feierabend noch etwa fünf Stunden im Stollen gearbeitet; dies mindestens dreimal die Woche und am Samstag jeweils weitere zehn Stunden. «Nur sonntags habe ich nie eine Schaufel angefasst.»

Die Buddelei hatte am Anfang ganz pragmatische Gründe: Es war der Wunsch nach Unabhängigkeit von der unsicheren Wasserversorgung, der Wunsch nach einer eigenen Quelle. Der junkersche Anschluss wurde zu Beginn der sechziger Jahre von einer Gussleitung gespeist, die unter der nahen Strasse verlief. Es kam immer wieder vor, dass die Rohre unter dem Gewicht grosser Lastwagen zerbrachen, worauf die Familie für Tage auf dem Trockenen sass.

Mit einem Pickel fing es an
Am 4. November 1964 begann Peter Junker zu graben - mit dem Vorsatz «100 Meter oder bis Wasser läuft». Zu Beginn arbeitete er nur mit Pickel und Schaufel, später auch mit einer Schlagbohrmaschine. Als es mit zunehmender Tiefe des Stollens immer mühsamer wurde, den Schutt abzutransportieren, bastelte er sich einen «Minenhund». In der kleinen Lore schob er die Gesteinsbrocken aus der Höhle und verteilte das Material auf den Waldwegen der Umgebung. Da der Schutt mit der Zeit immer weiter weggebracht werden musste, kaufte er sich 1965 einen alten Fiat Topolino, den er zu einem Kleinstlastwagen mit kippbarer Ladefläche umbaute. Damit führte Junker den Schutt auf verschiedene Baustellen, auf denen Füllmaterial benötigt wurde. Wie viele Ladungen Sandstein er in all den Jahren weggekarrt hat, weiss der Schwerarbeiter nicht mehr genau. Es müssen Tausende gewesen sein.

20 Jahre lang keine Ferien
Da sich Junker horizontal in den Hügel arbeitete, befand er sich bald einmal unter fremdem Boden. Nach zehn Metern hatte er bereits einen Weg unterquert und grub fortan unter einem Feld. Der Bauer, dem das Land gehört, habe schon immer von seiner Locherei gewusst, und solange er ihm nicht von unten die Kartoffeln klaue, sei das in Ordnung. Überhaupt habe er nie ein Geheimnis aus seiner Höhle gemacht, sagt Junker: «Wenn du jahrelang Schutt wegführst, wirft das Fragen auf.» Deshalb habe er die Höhle immer jedem gezeigt, der sie sehen wollte. Irgendwann sei dann auch die Baukommission des Gemeinderats vorbeigekommen und habe sich den Stollen angeschaut. «Die fanden aber, sie seien nicht zuständig.» Mittlerweile, glaubt der Wassergraber, könne er sich sowieso auf eine Art Gewohnheitsrecht berufen.

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Nach zwei Jahren graben, ungefähr 20 Meter tief im Fels, stiess Junker auf eine härtere Gesteinsschicht. Da die Zähne der Bohrkrone dem Material nicht mehr gewachsen waren, begann Junker zu sprengen. Sprengstoff und Lunte konnten damals noch ganz unkompliziert in der Eisenwarenhandlung erstanden werden. Nach einer ersten, missglückten Sprengung, die angesichts der verwendeten Sprengstoffmenge aber glimpflich verlief, zog Junker seinen Vater zu Rate. Dieser hatte als Mineur Dienst geleistet und konnte seinem Sohn fachmännisch erklären, wie die Sprengladungen anzubringen waren. «Graben geholfen hat er mir aber nie», sagt Junker. Auch seine drei Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, hätten nur selten Schaufel oder Pickel in die Hand genommen. «Er wollte das auch gar nicht», sagt Junkers Frau Trudi, «man musste ihn einfach machen lassen.»

Nach fünf Jahren beharrlichen Grabens war Junker am Ziel. 1969 plätscherte sein eigenes, klares Wässerlein aus dem Sandstein. Doch weder dies noch die Tatsache, dass die alten, brüchigen Wasserleitungen unter der Strasse ersetzt worden waren und der Wasserhaushalt somit eigentlich gesichert gewesen wäre, waren ihm Grund genug, das Höhlengraben aufzugeben. In immer neue Richtungen folgte er Wasseradern, bis sich diese im Fels verloren. «Man muss ein bisschen wahnsinnig sein», sagt Junker. Fürwahr. Es gibt wohl nicht viele Leute, die mehr Zeit auf so wenig Raum verbracht haben. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, hier habe jemand sein Leben verschwendet. Auch Junker nicht. Jede Verzweigung hat eine Geschichte, und in allen Ecken und Spalten lassen sich Anekdoten aus der 40-jährigen Höhlenchronik erahnen. Neben den verwinkelten Stollen schuf Junker auch einen Saal. Drei Jahre, erzählt der Erbauer, verschlang allein die kleine Nische mit dem runden Tisch.

Eigentliche Gründe für sein Schaffen hat Peter Junker nicht. Er weiss aber, was ihn all die Jahre getrieben hat: «Jeder Schritt war gefundener Boden.» Boden, den vor ihm keiner je betreten hat. Und der freigelegte Fels habe immer die Frage aufgeworfen, was denn dahinter komme - «u so hets mi ichegschrisse».

Im Stollen sei ihm immer am wohlsten gewesen, und manchmal habe er darob fast seine Familie vergessen. «Die Höhle machte mich zu einem schlechten Vater», sagt Junker. Wegen seiner Leidenschaft verzichtete die Familie während 20 Jahren auf Ferien.

Wer den kleinen, kräftigen Mann mit den kurzen Armen in den engen und niedrigen Stollen beobachtet, dem drängt sich die Erkenntnis auf, dass dieser Mensch hier nicht einfach sinnlos lochte: Unter Tag, in jeder Richtung von undurchdringbarem Sandstein umgeben, scheint er mehr zu Hause als unter freiem Himmel. Hier, im Gewirr von Stollen und Gängen, zeigen sich fast wühlmaushafte Züge. Es ist, als hätte Gott ihn zum Graben geschaffen.

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Der Sandstein hat gewonnen
«Da ist mein Leben drin», weiss Junker. In der ganzen Zeit hätte er auch ein dickes Buch schreiben können, sinniert er. «Aber bereut habe ich die Locherei nie.» Auch die finanzielle Belastung habe sich in Grenzen gehalten. Bohrhammer, Topolino und Sprengstoff hätten zusammen kaum 2000 Franken gekostet; monatlich seien vielleicht noch 100 Franken Stromkosten hinzugekommen. Er habe eben nie viel Geld gehabt, murmelt Junker und fügt hinzu: «U Angscht - Gäld u Angscht hani nie gha.»

Das habe sich allerdings ein wenig geändert. Anfang November 2005. Fast auf den Tag genau 41 Jahre nach Grabungsbeginn erleidet Junker einen Hirnschlag. Seither fehlt ihm die Kraft, den Bohrhammer zu stemmen. Der Sandstein hat gewonnen. So jäh an die eigene Vergänglichkeit erinnert, ist Junker nun doch etwas bange. Er habe Angst davor, wie es mit ihm einmal zu Ende gehen werde.

An der tiefsten Stelle der Grotte findet sich nicht nur Junkers bester Tropfen, sondern auch eine sauber gearbeitete Nische mit einem Spitzbogen. Sie war für seine Urne gedacht. Mittlerweile hat er es sich aber anders überlegt: «Wir gehen ins Gemeinschaftsgrab, wie die ganz normalen Leute.» Ein anständiges Grabmal habe er sich ja schon gesetzt.