Die Lukmanierschlucht liegt tief verschneit zwischen den stummen Bergflanken. Das Wasser des Vorderrheins funkelt im schwindenden Sonnenlicht. Sechs Grad unter null. «Ich warte jeden Tag auf den Frühling», sagt August Brändle. Im Winter sind seine Goldgründe unzugänglich. Der 55-Jährige kommt seit fast 20 Jahren in die Surselva. Vor 13 Jahren hat er hier das damals grösste Nugget der Schweiz gefunden: 48,73 Gramm Gold, ein Klumpen von der Grösse eines Zwetschgensteins.

Zurzeit jagen viele Schweizer dem Gold andernorts hinterher: Sie kaufen es bei Banken, in der Hoffnung, so ihr Erspartes sicher durch die Krise zu bringen. Für Brändle ist das nichts. Er wühlt sich seit Ende der Achtziger durch den Rhein. Er hatte damals in der Zeitung von Goldfunden bei Disentis gelesen. Am darauffolgenden Wochenende holte der gelernte Maler vier Farbkessel voller Kies aus dem Rhein und durchsiebte sie über der Tischkante Stein für Steinchen nach Gold. Nichts. Beim zweiten Mal ging er mit einer Keramikschüssel zu Werke und fand ein paar Goldflitter. «Dann habe ich aufgerüstet.» Nach einem weiteren Wochenende mit Waschpfanne und Waschrinne funkelte ihm ein erstes kleines Nugget entgegen.

Der Goldgehalt in der Surselva liegt zwischen zwei und vierzehn Gramm pro Tonne Gestein. Das haben Analysen der MinAlp SA ergeben, die in der Gegend kommerziell Gold abbauen will. Im Frühjahr soll mit Probebohrungen begonnen werden.

Brändle ist zwar geologisch interessiert und weiss genau, wo die goldführenden Schichten verlaufen. Industriellem Bergbau kann er aber nicht viel abgewinnen. Für Gold-Gusti, wie ihn die anderen Goldwäscher nennen, liegt der Reiz des Goldes darin, kleinste Spuren davon zwischen Unmengen von Gestein zu finden. Die mühselige Suche im Bachbett ist Teil der Faszination, denn umso grösser erscheint der meist kleine Lohn: «Das Besondere an Gold sind Glanz und Gewicht. Schon ein kleines Nugget wiegt angenehm schwer in der Hand», sagt Brändle. Gold hat eine Dichte von 19,32 Gramm pro Kubikzentimeter und ist damit fast doppelt so schwer wie Blei – ein Würfel Gold mit einer Kantenlänge von bloss 37 Zentimetern wiegt eine Tonne.

Wie viel Gold Brändle in all den Jahren gefunden hat, verschweigt er: «Darüber spricht ein Goldwäscher nicht.» Und davon lebt er auch nicht. Winters arbeitet Gold-Gusti bei den Disentiser Bergbahnen; im Sommer gibt er Goldwaschkurse für Schulklassen, Firmen und Touristen.

Brändles Nuggetrekord hielt kaum ein Jahr. 1997 fand jemand einen Klumpen von 123,1 Gramm. Es war Peter Bölsterli, ein ehemaliger Schüler von ihm, der erst seit zwei Jahren Gold suchte. In seiner Gleichgültigkeit hat der Berg Brändle übergangen. «Ein bisschen Glück gehört immer auch dazu», sagt er. Das Gefühl, unter dem nächsten Stein, in der nächsten Schaufel Kies lauere der nächste grosse Fund, treibe einen unaufhörlich an. «Denn eigentlich kann man nur gewinnen.»

Am Tag, an dem er sein bisher grösstes Nugget fand, arbeitete Brändle so lange im kalten Wasser weiter, dass er danach drei Tage im Bett lag. «Man vergisst sich völlig.» Er wurde zwar körperlich wieder gesund, aber das Goldfieber ist geblieben.

Barrenturnen einmal anders: Rohstoffexperte Erich Meier im Tresorraum der Zürcher Kantonalbank.

Quelle: wrw pixelio.de

Vier Milliarden im Keller

Nicht überall in der Schweiz ist Gold so schwer zu finden wie in der Surselva. Im Tresorraum der Zürcher Kantonalbank (ZKB) lagern derzeit 105 Tonnen des gelben Metalls – hinter einer Sicherheitsschleuse, einer drei Tonnen schweren Panzertür und nach allen Seiten von meterdickem Stahlbeton umgeben. Ist Gold einmal gefördert, liegt die nächste Herausforderung darin, es für alle anderen möglichst unzugänglich zu machen.

Die Goldbarren ruhen geduldig auf hölzernen Paletten. Gold verdirbt nicht. Der Gesamtwert des ZKB-Goldschatzes pendelt derzeit irgendwo um die Vier-Milliarden-Franken-Grenze – je nach Preisschwankung. «Gold ist im historischen Vergleich unterbewertet», sagt Erich Meier, Rohstoffexperte der ZKB. Der 39-Jährige beobachtet für die Bank den Markt. «Das Geld meiner Kinder ist in Goldvreneli angelegt.» Als Meier vor ein paar Jahren die erste Zeichnung seines Sohnes mit dessen Initialen signierte, hielt er kurz inne: NEM ist auch das Kürzel der Newmont Mining Corporation, eines der weltweit grössten Goldförderer. «Ein Goldjunge.» Ein gutes Zeichen.

Jeder einzelne Barren ist 12,5 Kilo schwer. Ein Gewicht, das man unweigerlich unterschätzt. Wer einen Barren drei Minuten lang mit ausgestrecktem Arm festhalten kann, darf ihn behalten, lautet ein Scherz unter den Angestellten. Ein ebenso verlockendes wie hoffnungsloses Unterfangen.

Den Hoffnungen und Ängsten der Leute begegnet Rohstoffexperte Meier mit nüchternem Kalkül – es sind die Gefühle der Massen. Er selbst beobachtet deren Auswirkungen aufs Geschäft: «Läuft die Wirtschaft gut und boomt die Börse, kaufen die Leute Aktien.» Börsenblasen entstehen aus Gier, sagt Meier. In Krisenzeiten hingegen wollten die Menschen Gold. «Gold kaufen sie aus Angst.» Das Edelmetall wirft zwar keinen Ertrag ab, es entwickelt sich seit einigen Jahren aber deutlich besser als Obligationen und Aktien.

Meier glaubt deshalb, dass der Goldboom den Zenit noch nicht überschritten hat. «Angst ist ein stärkerer Treiber als Gier», sagt er. Angst ergreife die Massen. Noch sei es aber nicht so weit. Das Interesse an Gold sei merklich gestiegen, aber zu einem eigentlichen Run ist es bisher nicht gekommen.

Alles Gold der Welt in zwei Schwimmbecken

Das unerschütterliche Vertrauen in Gold ist historisch gewachsen. Über alle Kulturen hinweg herrscht der Konsens, dass Gold der Stoff ist, für den es sich zu leben, zu töten und zu sterben lohnt – und das seit Menschengedenken.

Ein georgisch-deutsches Forscherteam hat unlängst das älteste Goldbergwerk der Menschheit entdeckt, bei Sakdrissi im Kleinen Kaukasus nahe der türkischen Grenze. Vor 5000 Jahren schlugen Bergleute dort mit Steinwerkzeugen das Golderz aus dem harten Fels. Viel Aufwand für etwas, was man nicht essen kann.

Rund 150 Kilogramm Gold, schätzen die Forscher, wurden aus der Mine gewonnen. Weil aber bei Grabungen in Siedlungen der Umgebung kein Gold gefunden wurde, wird gemutmasst, dass die Minenarbeiter Sklaven waren. Im Schatten des Reichtums wuchert seit je die Ausbeutung von Mensch und Natur.

Zu den ältesten 150 Kilo Gold aus Sakdrissi sind weltweit mittlerweile rund 160'000 Tonnen hinzugekommen. Das klingt nach viel, ergäbe zusammen aber lediglich einen Würfel von 20 Metern Seitenlänge – diese gesamte je geförderte Menge Gold ist gerade genug, um zwei Schwimmbäder zu füllen.

«Letztlich auch nur eine Währung»

Genau darauf beruht das Vertrauen in Gold: Es ist selten. Jahrhundertelang versuchte deshalb die Alchemie, andere Elemente in Gold umzuwandeln – vergebens. Gold ist nicht herstellbar. Papiergeld hingegen schon. Früher waren die meisten Währungen darum an den sogenannten Goldstandard gebunden: Der in Noten ausgegebene Gesamtbetrag muss zu einem bestimmten Teil (normalerweise 33,3 Prozent) durch Gold gedeckt sein. Verfechter des Goldstandards argumentieren, das System verhindere, dass einer begrenzten Menge Waren plötzlich Unmengen Geld gegenüberstünden. «Dies bewahre vor Inflation und wirke stabilisierend», erklärt Meier. Kritiker sagen hingegen, die Goldbindung sei wachstumshemmend. Seit der Goldstandard aufgegeben wurde, könnten Regierungen die Notenpresse beliebig rotieren lassen und Geld für notwendige Investitionen zur Verfügung stellen.

Der Schweizer Franken ist seit 2000 nicht mehr an die Golddeckung gebunden. In den letzten Jahren hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) 1300 Tonnen Gold aus ihren Reserven verkauft – die Hälfte des damaligen Bestands. Insgesamt löste die SNB dafür 14,6 Milliarden Dollar. Beim heutigen Goldpreis wären es rund 39 Milliarden. Konservative Politiker fordern mittlerweile, die Goldreserven wieder zu erhöhen.

Stand der Franken früher für eine bestimmte Menge Gold, verkörpert er heute nur noch die Gewissheit, dass man ihn wieder gegen Waren tauschen kann – in guten Zeiten, zumindest. In Krisen wandelt sich diese Gewissheit zur leisen Hoffnung. Gold dagegen ist physisch vorhanden. «Letztlich ist aber auch Gold nur eine Währung», sagt Meier. Schweres, gelbes Metall. Wenn niemand mehr Gold gegen Güter tauschen will, ist es wertlos. «Wenn Sie wirklich mit dem Schlimmsten rechnen, legen Sie lieber einen Notvorrat an – Lebensmittel für sechs Monate zum Beispiel.»

«Gold kommt nie aus der Mode»: Goldschmiedin Jacqueline Gasser spürt nichts von der Krise.

Quelle: wrw pixelio.de

Hämmern, sägen, biegen, walzen, schleifen

Jacqueline Gassers Verhältnis zu Gold ist ganz pragmatisch. «Gold ist der ideale Werkstoff», sagt die 46-Jährige. Gasser ist Goldschmiedin. Bei ihrer Berufswahl stand das Handwerk im Vordergrund; Gold ist einfach das geeignetste Material. «Gold ist mit einfachsten Mitteln zu bearbeiten und unglaublich wandelbar.» Es lässt sich schmelzen, hämmern, sägen, biegen, walzen, schleifen und löten. Letztes Jahr verarbeiteten Gasser und ihre Kollegin rund zwei Kilogramm in ihrem Atelier in der Berner Altstadt.

Den typischen Kunden gibt es nicht, sagt Gasser: Goldschmuck sei etwas für jedermann; selbst für jene, denen Gold gar nicht gefällt. «Dank Legierungen mit Kupfer, Silber oder Palladium kann man farblich den verschiedenen Geschmäckern entsprechen.»

Von der Krise spüren die Handwerkerinnen nichts. «Die Leute schnallen den Gürtel anderswo enger», vermutet Goldschmiedin Gasser. Das Geschäft sei diesen Winter sehr gut gelaufen: «Auch nach Weihnachten.» Vielleicht sehnten sich die Leute nach etwas Dauerhaftem in dieser unsteten Zeit. «Gold kommt nie aus der Mode.»

Und es geht nie verloren: Einmal in Menschenhand, befindet sich Gold in einem geschlossenen Zyklus. Im Atelier werden selbst anfallender Goldstaub und -späne auf einem Leder unter dem Werktisch aufgefangen und in die Raffinerie zurückgeschickt. Dort wird das Gold wieder geschmolzen und gereinigt.

Dass es sich beliebig teilen und wieder zusammenfügen lässt, ist nicht nur Segen, sondern auch Fluch. Die Herkunft geschmolzenen Goldes lässt sich nicht zurückverfolgen. Dies wurde immer wieder ganzen Völkern zum Verhängnis. Was heute eine Zahnkrone ist, schmückte einst vielleicht das Haupt eines Aztekenkönigs. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: das Raubgold der Nazis.

Gasser weiss aus persönlicher Erfahrung um die Zweischneidigkeit dieser Eigenschaft. Einmal tauchte ein junger Mann auf, der bei ihr Schmuck einschmelzen lassen wollte – jenen seiner nichtsahnenden Eltern. «In manchen Fällen muss man vorsichtig sein», sagt sie. Aber natürlich gibt es auch gute Gründe, seinen Goldschmuck zur Verwandlung herzugeben. Einmal kam eine Kundin mit einem massiven Armband ins Atelier. Sie wollte aus dem Gold des Erbstücks ihre Eheringe giessen lassen. «Das Armband selbst hätte sie nie getragen», sagt Gasser.

Auch Gold-Gusti trägt Schmuck. In seinem Ohrläppchen steckt ein kleines Nugget, das er in Neuseeland gefunden hat; seine kräftige Hand ziert ein schlanker Fingerring aus Surselva-Gold. Den Ring hat er selbst geschmiedet. Er nimmt ihn nie ab, auch nicht zum Goldwaschen. «Wenn er arg zerkratzt und verbeult ist, schmelze ich ihn halt wieder ein.» Dass er den Ring im Rhein verlieren könnte, macht ihm keine grossen Sorgen. «Dann finde ich ihn wieder.» Er blickt in die Lukmanierschlucht. «Und sonst ist noch genug da für einen neuen.»

Mensch und Gold im Lauf der Zeit

3000 v. Chr.
Bei Sakdrissi im heutigen Georgien hauen Menschen mit Steinwerkzeugen Stollen in den Fels. Es ist das bisher älteste bekannte Goldbergwerk der Menschheit.

1200 v. Chr.
Die Ägypter verfeinern die Goldverarbeitung; sie hämmern Blattgold zur Verzierung von Oberflächen und entwickeln Legierungen mit verschiedenen Farben und Härten.

6. Jh. v. Chr.
In Kleinasien lässt Krösus, König der Lyder, aus Gold Münzen herstellen. Zum ersten Mal wird aus Gold Geld.

325 v. Chr.
Die Alchemie entsteht. Anhänger dieser Wissenschaft versuchen über Jahrhunderte vergeblich, Gold herzustellen. Die Suche nach dem «Stein der Weisen» ist der Beginn der modernen Chemie.

1284 n. Chr.
Venedig führt den Golddukaten ein. Die Münzen werden schnell zum wichtigsten Zahlungsmittel und behaupten diesen Status die nächsten 500 Jahre.

17. Jh.
Die spanischen Importe von Inka- und Aztekengold führen in Europa zu einer Inflation.

1844
Der klassische Goldstandard, ein­geführt durch die Bank of England, beginnt seinen weltweiten Siegeszug. Der in Noten ausgegebene Gesamt­betrag muss zu einem bestimmten Teil durch Gold gedeckt sein.

1848
James W. Marshall findet in Nordkalifornien mehrere Nuggets und löst damit den kalifornischen Goldrausch aus. Bis zu diesem Zeitpunkt sind weltweit geschätzte 10'000 Tonnen Gold gewonnen worden.

1886
Der Südafrikaner George Harrison gräbt Steine aus, um ein Haus zu bauen, und stösst auf Gold. Seither kamen fast 40 Prozent des geförderten Goldes aus Südafrika.

1939 bis 1945
Die Schweizerische Nationalbank kauft von den Nazis ­ins­gesamt 1231 Tonnen Gold – im Wissen, dass die Deutsche Reichsbank auch über Raubgold verfügt.

1965
Bei seinem Weltraumspaziergang trägt der US-Astronaut Edward White ein goldbeschichtetes Visier, um die Augen vor der Sonne zu schützen.

1997
Peter Bölsterli ­findet in der Lukmanierschlucht ein 123,1 Gramm schweres Nugget – das grösste, das in der Schweiz je gefunden wurde.

2009
Die Genfer MinAlp SA will in der Bündner Surselva Probe­bohrungen vornehmen.