Diskussion am Frühstückstisch: Die Mutter nimmt einen Joghurt aus dem Kühlschrank, die Tochter beäugt den Deckel argwöhnisch und schiebt den Becher weg. «Ist etwas nicht in Ordnung?», fragt die Mutter. «Das ist abgelaufen», antwortet die Tochter.

Das Datum, wie man es seit 1967 auf Lebensmittelverpackungen vorfindet, markiert eine Generationengrenze. Wer von den Eltern noch gelernt hat, woran man einen verdorbenen Joghurt erkennt, den interessiert das aufgedruckte Datum nicht sonderlich. Später Geborene hingegen nehmen die Zahl als Mass aller Dinge, auch wenn der Deckel noch nicht gewölbt und von Schimmel weit und breit nichts zu sehen ist. Vorbei die Zeiten, als man Produkte noch selber herstellte oder sie vom Nachbarn kaufte. Damit ist auch das Wissen, wie ein Produkt aussehen und schmecken sollte und wann es «hinüber» ist, verloren gegangen.

Keine Frage: Hat man Sushi gekauft, tut man gut daran, das aufgedruckte Datum ernst zu nehmen und die Kühlkette nicht zu unterbrechen. Doch wie steht es mit Geschnetzeltem, mit Butter, mit Teigwaren, Mineralwasser oder Honig? Was sagt das Datum aus – und was nicht? Und woran erkennt man, dass man das Produkt besser nicht mehr konsumiert?

Konsumenten sehen sich einer Fülle von Daten gegenüber, deren Bedeutung vereinzelt nicht klar ist. Zudem liegt der Verdacht nahe, dass Hersteller auch solchen Nahrungsmitteln, die gar kein Verbrauchsdatum bräuchten, eines aufdrucken, bloss weil das verkaufsfördernd wirkt. Michael Beer, Leiter der Abteilung Lebensmittel und Ernährung beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), relativiert: «Gerade die Grossverteiler setzen solche Mengen von Produkten um, da ist so eine Massnahme gar nicht nötig. Ihnen geht es vermutlich wirklich darum, dem Kunden die bestmögliche Qualität zu garantieren.»

Was hilft gegen die Verschwendung?

Das ist nichts Schlechtes – jedenfalls nicht, bis man bedenkt, dass jeder Konsument in der Schweiz jede Woche mehr als zwei Kilogramm Lebensmittel entsorgt, die man problemlos noch essen könnte. Deshalb wollen die EU und auch die Schweiz nun bei der Datierung von Lebensmitteln Ordnung schaffen. In einem ersten Schritt wurden gewisse Lebensmittel von der Datierungsvorschrift befreit: frisches Obst und Gemüse, weil jedes Kind sieht, wenn es nicht mehr frisch ist; Essig, weil er schon durch den Herstellungsprozess sauer geworden ist; Salz, Zucker in fester Form, Wein und harte alkoholische Getränke. Salz, Zucker, Essig und Alkohol sind an sich schon Konservierungsmittel – das wussten unsere Urgrossmütter noch, die Früchte als Rumtopf oder Konfitüre und Fleisch als Mostbröckli haltbar machten.

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In einem zweiten Schritt sollen Lebensmittel, die nicht ungeniessbar werden können, etwa getrocknete Nudeln, Kaffee, Tee oder Reis, vom Mindesthaltbarkeitsdatum befreit werden. Noch gibt es für diesen zweiten Schritt keinen Termin, doch Michael Beer vom BLV sagt, die Schweiz werde versuchen, sich in die Gespräche einzubringen und allfällige Anpassungen in den Kennzeichnungsbestimmungen adäquat nachzuvollziehen. Die Stiftung für Konsumentenschutz führte auf die Absichtserklärung der EU hin im Mai dieses Jahres eine Online-Umfrage durch. Sie hat ergeben, dass die Konsumentinnen und Konsumenten das Datum als wichtige Information betrachten. Mehr als die Hälfte möchte nicht darauf verzichten.

Josianne Walpen, bei der Stiftung für Konsumentenschutz zuständig für den Bereich Lebensmittel, gibt jedoch zu bedenken: «Wenn kein Datum mehr auf der Packung steht, könnte das die Konsumenten verunsichern und sie dazu bewegen, das Produkt wegzuwerfen, weil sie denken, es habe jetzt doch schon eine Weile im Schrank gestanden.» Die Lösung wäre eine Information auf der Packung, die besagt, dass das Produkt unbegrenzt haltbar ist. Vielleicht würden dann endlich weniger Lebensmittel im Müll landen, die man problemlos noch essen könnte. 

Sicherheit und Qualitätskontrolle

In der Schweiz existieren derzeit vier verschiedene Datierungsarten:

  • Keine Datierung wird bei Produkten verwendet, die entweder nur sehr kurz haltbar sind und dann augenfällig schlecht werden (frisches Obst, Gemüse, Brot), und bei solchen, die extrem lang haltbar sind (Getränke mit mehr als zehn Volumenprozent Alkohol, Kaugummi, Essig, Salz, Zucker in fester Form). Hier entscheidet der Konsument über die Verwendung.

  • Ein Verbrauchsdatum gibt an, bis wann ein Lebensmittel aufgebraucht sein sollte. Nach Ablauf dieses Datums darf das Produkt nicht mehr an die Konsumenten abgegeben werden. Gemäss dem Leitfaden des BLV sollen Lebensmittel, die kühl gelagert werden müssen, damit sich schädliche Mikroorganismen und giftige Stoffe nicht vermehren, mit einem Verbrauchsdatum versehen werden (Frischfleisch, Fisch und auch fertige Sandwiches).

    Das Verbrauchsdatum dient der Lebensmittelsicherheit. Isst man ein Produkt, nachdem das entsprechende Datum abgelaufen ist, kann das gesundheitliche Folgen haben, auch wenn man dem Produkt nichts ansieht und es noch nicht verdorben riecht. Dennoch bedeutet das Datum nicht, dass das Produkt danach in jedem Fall ungeniessbar ist: Joghurt zum Beispiel trägt ein Verbrauchsdatum, das sich auf eine Lagerung bei elf Grad bezieht. Auf dem Becher findet sich aber der Aufdruck, der Joghurt sei bei sechs Grad zu lagern. Der Grund für die Differenz ist eine Sicherheitsmarge, die davon ausgeht, dass der Konsument den Joghurt nach dem Einkauf nicht immer sofort kühlt.

  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum informiert nur darüber, bis wann ein Produkt garantiert seine optimale Qualität bewahrt, nicht aber, ob es danach gleich ungeniessbar ist. Es dient also nicht der Sicherheit, sondern bloss der Qualitätskontrolle. Das BLV gibt in seinem Leitfaden an, dass Produkte, die weder ein Verbrauchsdatum tragen müssen noch von der Datierung ausgenommen sind, ein Mindesthaltbarkeitsdatum tragen sollen. Eine Umfrage des «Kassensturz» hat jedoch gezeigt, dass die Grossverteiler die Mindesthaltbarkeit unterschiedlich festlegen. So fand der «Kassensturz» etwa heraus, dass Weissmehl von Migros und Carrefour mindestens ein Jahr lang haltbar sein soll, das von Denner jedoch nur sechs Monate.

  • Der Aufdruck «zu verkaufen bis» sorgt oft für Verwirrung. Er stellt keine gesetzlich verlangte Angabe dar und sollte gemäss BLV vermieden werden. Der Grund dafür ist die Befürchtung, dass Konsumenten die Formulierung «zu verkaufen bis» mit «zu verwenden bis» verwechseln und deshalb Lebensmittel wegwerfen, die noch problemlos geniessbar wären.
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Tipps

  • Bei Fisch und Frischfleisch das Verbrauchsdatum einhalten und das Produkt auch wegwerfen, wenn das Datum noch nicht überschritten ist, der Fisch oder das Fleisch aber streng riecht.

  • Alles, was Schimmel hat, wegwerfen.

  • Joghurt: Ist der Deckel nicht gewölbt und hat sich kein Schimmel gebildet, kann man das Joghurt getrost mehrere Wochen über das Verbrauchsdatum hinaus essen.

  • Lebensmittel ohne Verbrauchsdatum wie Hartweizen-Teigwaren, Konservendosen, Kaffeebohnen oder Öl gehören an einen dunklen, möglichst kühlen Ort. Denken Sie hier daran, dass einmal geöffnete Packungen nicht mehr endlos lang haltbar sind: Öl wird ranzig, in den Spaghetti schlüpfen Motten, der Kaffee verliert sein Aroma.