Jungs spielen Fussball, ich spiele Fussball, also bin ich ein Junge - was bin ich in meiner Jugend diesem vermeintlich logischen Schluss nachgelaufen auf den Fussballplätzen in meinem Dorf. Anpassen, lautete jahrelang meine Devise. Mithalten mit den Geschlechtsgenossen. Nur nicht unterkriegen lassen. Wer hätte damals auch gedacht, dass ich ein Mädchen bin? Ein Mädchen in einem männlichen Körper. Für mein Befinden gab es in meiner damaligen Welt im aargauischen Suhrental keine Erklärung. Ich war ein Junge. Nicht ganz wie die anderen, aber doch offensichtlich ein Junge. Und der älteste Sohn des Dorfpfarrers. So. Also stand ich meinen Mann, der ich gar nicht war, und spielte Fussball - und das nicht einmal so schlecht. Immerhin schaffte ich es in die Jugendauswahl und später mit dem FC Frauenfeld den Aufstieg in die zweite Liga.

In den Vereinen war ich akzeptiert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Brunner ist eben der Brunner. Der Brunner geht auch in die Kanti, während alle anderen in die Stifti gehen. Irgendwann gewöhnt man sich daran, anders zu sein als die anderen. So funktionierte ich bis zu meinem 21. Lebensjahr, dann ging mein Leben in die erste scharfe Kurve. Sie führte mich 1970 nach Zürich.

Die Erkenntnis, dass man nicht allein ist
Zürich war für mich die grosse weite Welt, und die lehrte mich: Du bist mit deinen Gefühlen nicht allein. Es gibt andere Menschen wie du. Transgender. Transsexualität. Die Unzufriedenheit mit meinem angeborenen Geschlecht bekam endlich einen Namen, wurde erklärbar. Und so begann ich mich mit 24 Jahren damit auseinanderzusetzen - und ich lebte aus, was der jahrelange Anpassungsdruck unter dem Deckel gehalten hatte. Es begann eine rebellische Zeit mit viel Rockmusik und Punk. Ich liess Dampf ab. Das Veterinärmedizinstudium an der Uni hatte ich bereits sausen lassen und mit ihm das Verlangen nach einer beruflichen Laufbahn und nach einem komfortablen Leben mit Job, Geld, Haus. Stattdessen entschied ich mich für ein Leben als Künstlerin und damit für die Freiheit. Ich begann Gitarre zu spielen, besuchte Jazztanz- und Pantomimekurse. Ich wollte endlich ich sein, keine Spielchen mehr spielen - auch nicht auf dem Fussballplatz.

Fast ein Vierteljahrhundert musste vergehen, bis ich erstmals wieder die Fussballschuhe schnürte; dann jedoch als Frau, als Fussballerin, als Stella Brunner. Im Jahr 2004 - im Alter von mittlerweile 55 Jahren - gab ich mein Debüt in der Alternativen Liga des Fortschrittlichen Schweizerischen Fussballverbands (FSFV). Dieser wurde 1976 von fussballverrückten 68er Revoluzzern gegründet und war der erste offizielle alternative Fussballverband der Welt - und genau das Richtige für mich. Ich spiele wieder in meiner angestammten Position im Mittelfeld. Genau wie Köbi Kuhn, das Idol meiner Kindheit. Eine Goalgetterin bin ich nicht, aber ich habe Spielübersicht. Ich liebe das kreative Spiel, lanciere gerne die Mitspielerinnen.

Klar falle ich auf dem Fussballplatz auf wie ein bunter Hund. Ich habe mich erst mit 40 Jahren einer geschlechtsumwandelnden Operation unterzogen. 40 Jahre Mann - so etwas wischt man nicht einfach weg und zieht eine neue, feminine Fassade hoch. Ich kann den Rest Mann an und in mir nicht vertuschen - will ich auch gar nicht. Ich habe meine Vergangenheit, und die sieht man mir an - dazu stehe ich. Aber beim Fussball ein schlechtes Gewissen haben wegen meiner körperlichen Vorteile? Nein. Immerhin bin ich nun bald 60 Jahre alt und damit die mit Abstand älteste Spielerin bei den Alternativen. Ausserdem gibt es viele Frauen, die mir körperlich mindestens ebenbürtig sind und die wohl gleich viel Testosteron in die Waagschale werfen können wie ich, wenn nicht noch mehr. Schliesslich hat sich der männliche Kraftstoff seit meiner operativen Geschlechtsanpassung nach und nach aus meinem Körper verabschiedet. Kraftstrotzend? Nein, das bin ich nicht mehr. Mein Schuss sei gefürchtet, sagt man? Ach was...

In der Alternativen Liga bin ich akzeptiert. Ich bin eben einfach die Stella, die von Rapid Industrie. Ich spiele auch nicht aus politischen Gründen Fussball, quasi um die Geschlechter- und Transgenderdebatte auf dem Rasen auszufechten. Nein, ich tschutte, weils Spass macht.

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Wie sieht eine «Umgebaute» aus?
Nur einmal fragte eine Gegnerin höhnisch: «Was will denn dieser Mann hier?» Ich brauchte nicht zu antworten, das taten alle anderen auf dem Platz für mich. Und auch das Duschen mit den Teamkolleginnen ist mittlerweile nicht mehr angespannt. Beim ersten Mal gab es ein paar Irritationen. Ich bin halt eine «Umgebaute», wie man so schön sagt. Da will man eben mal schauen, wies da unten jetzt aussieht. Ist ja normal.

Heute sind ich und mein Körper nichts Besonderes mehr. Selbst mein Vater, der Pfarrer, hat sich mehr als nur arrangiert damit. Obwohl er sich anfänglich schwertat - im Gegensatz zu meiner Mutter, die mich stets unterstützte. Wenn mich mein Vater heute jemandem vorstellt, sagt er: «Das ist Stella, meine älteste Tochter.»

Ja, ich bin Stella, kein Mann und nicht ganz Frau. Im Leben ist schliesslich auch nicht alles nur schwarz und weiss, ist nicht alles eindeutig und klar. Transgender bedeutet letztlich Unvollkommenheit, Zwischenstufen, Unschärfe. Diese Herausforderung muss man als Transsexuelle annehmen. Heute lebe ich mit Zufriedenheit und Wohlbefinden mein Frau-Leben - auf und neben dem Fussballplatz.

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