«Ihre Hand schützte mich davor, komplett überzuschnappen»: Warum braucht es Sexualbegleiter?

Klaus Birnstiel ist ein Kopfmensch. Einerseits. Der 30-Jährige ist ein brillanter Denker, hat seine Doktorarbeit über postmoderne Literatur geschrieben und arbeitet als Assistent an der Uni Basel. Anderseits denkt Birnstiel oft an Sex. Und das ist ein Problem, wenn man im Rollstuhl sitzt, 24 Stunden am Tag auf Betreuung angewiesen ist und sich kaum bewegen kann.

Birnstiel leidet seit Geburt an einer ­seltenen Muskelerkrankung, die seinen Bewegungsspielraum immer weiter einengt. Fortbewegen kann er sich nur in seinem «Kettenfahrzeug» – so nennt er seinen ­motorisierten Rollstuhl, den er mit einem Steuerknüppel bedient. Eine Atemmaschine unterstützt seine Lunge, ein Team von acht Laienhelfern hilft ihm rund um die Uhr. Birnstiel liebt seine Arbeit, verbringt viel Zeit mit Freunden und wirkt zufrieden. Wäre da nicht die offene Frage nach Sex und Beziehung. Das Thema hat ihn gepackt. Mit Worten – geschriebenen und gesprochenen – umkreist er es: Ein Theaterstück hat er dazu aufgeführt, nun schreibt er ein Buch zum Thema.

«Meine Behinderung wurde für mich erst mit dem Thema Sex präsent. Als Teenager war ich überraschend unbesorgt. Ich habe zwar immer wieder für Mädchen geschwärmt, aber da ist nie etwas passiert. Wird dann schon mal klappen, dachte ich. Die Jungs, die um mich herum waren, waren auch nicht von der schnellen Sorte. Lustigerweise war ich sogar der Erste, der mit einem Mädchen Hand in Hand über den Pausenhof spazierte. Plötzlich, mit 17, sind die Jungs dann in irgendwelche Klubs. Da war ich nicht mehr dabei. Ich habe das so aus dem Halbschatten beobachtet.

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Mit 19 verlor ich die Fähigkeit, mich zu berühren. Das war richtig übel. Die Muskelkrankheit schreitet zwar nicht schnell ­vo­ran, aber der Bewegungsspielraum wird ­enger, die Gelenke funktionieren immer schlechter. Es ist ein Langzeitprozess. Schritt für Schritt habe ich es kommen sehen. Da­rüber gesprochen habe ich mit niemandem. Ich kann mich nicht entsinnen, dass je ein Gesprächsangebot kam, was das Thema Sex betrifft. Von meinen Eltern sowieso nicht. Meine Eltern sind pragmatische, liebevolle Menschen. Aber meine Mutter hält sich ­beide Ohren zu, wenn es um das Thema geht, heute noch.

Wie ich aufgewachsen bin, das war für mich grossartig. Meine Kindheit empfand ich als normal. Ich habe seit Geburt eine Muskelerkrankung – ich bin nicht mit 15 ­gegen einen Baum geknallt und konnte plötzlich nicht mehr gehen. Erst als ich mich nicht mehr selbst befriedigen konnte, ist es fies geworden. Ich konnte zum Teil keinen klaren Gedanken mehr fassen. Weil ich ­davon so abgelenkt war. Eine Krankenschwester, die 20 Jahre älter war als ich, sah das Problem, wortwörtlich. Sie löste es – mit der Hand. Es war ein unausgesprochenes ­Arrangement zwischen uns, das über viele Jahre Bestand hatte. Es gehörte zu meiner Sonntagabendroutine. Das hat sich absolut gut angefühlt, es war der Sexhorizont, den ich hatte. Ich war in keiner Weise an ihr ­interessiert und sie sowieso nicht an mir. Aber es schützte mich für lange Zeit davor, komplett überzuschnappen. An der Geschichte war nichts falsch. Ich habe den ­Verdacht, dass diese Art von Arrangement bei Behinderten nicht so selten vorkommt.

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Die Sache mit den Callgirls

Als ich mit 25 von zu Hause auszog, habe ich mein eigenes Team gecastet, Laienhelfer in meinem Alter, mehrheitlich Frauen. Ein solches Arrangement gab es dann nicht mehr. Das hätte ich auch nicht gewollt. Ich trage eine Verantwortung für sie und für mich. Ich bin ja quasi der Chef des Vereins.

Mitte 20 traf ich mich zum ersten Mal mit einem Callgirl. Das erste Mal war ­wunderbar. Sie war etwa 30, ein normales, bodenständiges Mädchen. Sie übernahm die Führung. Es war aufregend und lustvoll. Das zweite Mal war eine Katastrophe. Das Callgirl war völlig überfordert, hatte einen Weinkrampf. Es ist völlig ausser Kontrolle geraten. Sie war sehr jung, vielleicht noch keine 18. Ich fühlte mich elend. Danach unternahm ich ein Dreivierteljahr nichts mehr.

Die Sache mit den Callgirls war hilfreich, aber es schützte mich nicht davor, mich zu verlieben. Da war die Sehnsucht, dass Liebe und Sex zusammenkommen. ­Eine Frau, die mit dir spricht, die dich auch mag, die ‹es› mit dir mag. Callgirls küssen ohne Intensität, so flüchtig. Ich hatte noch nie eine Freundin, mit der ich Sex hatte oder die ich geküsst hätte. Einmal gab es ein Mädchen, wir haben uns gestreichelt.

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Die Beine lassen sich nicht strecken

Jahrelang hatte ich eine Liebeskummer­geschichte nach der anderen. Man lernt eine Frau kennen, verbringt viel Zeit, à la ‹beste Freunde›. Irgendwann wollte ich mehr, versuchte händeringend, das mitzuteilen – und musste dann den Scherbenhaufen zusammenwischen. Ich hielt Abstand und dachte, es sei wahnsinnig erwachsen, die Frau vor meinem Behindertsein zu schützen, weil man sie mag. Das hielt ich für eine heldenhafte Pose. So ein Kitsch, so ein Blödsinn. Denn eigentlich wollte ich mit ihr ins Bett.

Bis vor zwei Jahren war ich überzeugt, dass man sich für guten Sex fürchterlich ­verlieben muss. Mittlerweile hat sich mein Denken von diesem Liebespol wegbewegt. Es ist gut, wenn da ein bisschen Realität einzieht. Seit ein paar Monaten treffe ich mich mit Sara (Name geändert). Ich spürte von Anfang an, dass ich diesen zweiten Blick auf sie habe und dass bei ihr etwas möglich sein könnte. Sara ist ein neugieriger Mensch. Irgendwann fasste sie mich an. Nun kümmert sie sich um mein sexuelles Bedürfnis, und ich gebe ihr ein bisschen Geld dafür. Ich genies­se es sehr. Wir lieben uns nicht. Sie ist weder meine Freundin noch eine Affäre, aber auch nicht mein Privat-Callgirl. Wir sind uns sympathisch, mit ihr rum­machen macht enorm Spass. Und ich finds angenehm, mal nicht verliebt zu sein. Aber es ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich bin am Experimentieren, ich möchte den körperlichen Spielraum, den ich habe, auskosten.

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Physiologisch ist alles in Ordnung

Ob ich je eine Freundin haben werde, mit der ich auch eine körperliche Beziehung ­habe? Ich weiss es nicht. Momentan habe ich das Gefühl, dass es Schritt für Schritt entspannter wird. Wenn ich heute eine Frau kennenlernen würde, würde ich mich sogar freuen über einen Kuss. Früher dachte ich immer vom Ende her. Dass es am Ende ­sowieso nicht geht.

Physiologisch funktioniert bei mir alles normal, die Erektion, der Orgasmus. Aber es gibt keinen Weg, auf normale Weise mit­einander zu schlafen. Meine Beine sind mir im Weg, ich kann sie nicht strecken. Ich schilderte den Ärzten das Problem und verpackte die Geschichte in einen romantischen Rahmen. Sie sagen, die Spielräume seien gering, aber man könne eventuell die Hüftgelenke optimieren. Ich habe mit ­Männern wie Frauen darüber gesprochen, ob Penetration wirklich der Kern der Sache sein muss. Ich würde Sara gern auch verwöhnen, zum Beispiel mit dem Mund. Sie tritt aber auf die Bremse, für mich, wegen mir. Die Service-Ebene bleibt.

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«Wer nicht versteht oder verstehen will, was wir hier machen, tut es eben nich»: die ersten Sexualbegleiter der Schweiz und zwei «Coachs» im Schulungsraum.

Quelle: Matthias Willi

«Ich mache das aus tiefer Überzeugung und einer Form von Liebe»: Was ist der Job eines Sexualbegleiters?

Bettina Liechti (Name geändert) begrüsst ihren Kunden mit einem sanften Kuss auf die Stirn. Sie streichelt ihn, berührt seine Arme. Sie schiebt seinen Mundsensor zur Seite, drapiert die Kabel der medizinischen Geräte so, dass sie nicht im Weg sind, und fährt das Pflegebett hoch. Langsam zieht sie ihm die Kleider aus. Dann legt die Frau ihren Blazer ab, zieht das T-Shirt aus, danach ­ihren BH. Sie zögert einen Augenblick und legt den Blazer über ihre nackte Schulter. Denn Martin Eblis Zimmertür lässt sich nicht verschlies­sen. Das Pflegepersonal weiss zwar, dass Ebli an diesem Abend Damenbesuch hat, doch sicher ist sicher.

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Mehrere Monate lang liess sich Bettina Liechti zur Sexualbegleiterin ausbilden. Nach vielen theoretischen Stunden gilt es nun zum ersten Mal ernst.

Angst vor Missverständnis

Martin Ebli ist vom sechsten Halswirbel an gelähmt. Seit einem Motorradunfall vor einigen Jahren lebt der Tetraplegiker in einem Heim für Menschen mit körperlicher Behinderung. Sein Körper ist nicht empfindungsunfähig. Er kann Berührungen spüren, selber aber niemanden anfassen – auch nicht sich selbst. Welche Reize er wahrnehmen kann, will er mit Bet­tina Liechti herausfinden.

Mitte dieses Monats erst haben Liechti und sechs weitere Kursteilnehmer den Lehrgang Sexualbegleiter mit Diplom beendet. Die Frauen und Männer sind zwischen Mitte 40 und Mitte 60, arbeiten als Pflegefachpersonen, Künstler, Lehrer oder Sexualpädagogen. Die meisten leben in ­einer Beziehung. Seit Mitte März trafen sie sich an acht Wochenenden, haben über ­sexuelle Selbstbestimmung und rechtliche Rahmenbedingungen gesprochen, gelernt, wie man auch ohne Worte kommuniziert, und die Grenzen zu sexuellem Missbrauch und Übergriffen geklärt.

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Dass Behinderte genauso sexuelle Bedürfnisse haben wie Nichtbehinderte, da­rüber herrscht unter Experten mittlerweile Einigkeit. Behinderte Sexualität ist vom ­Tabu zum Thema geworden, bei Fach­leuten, in Betreuungskonzepten und Ausbildungen. Doch die Normalität ist weit entfernt. Auch ob so etwas wie Sexual­begleitung überhaupt existieren darf und wie weit diese Dienstleistung gehen soll, wurde in den vergangenen Jahren immer wieder kontrovers diskutiert.

Auch deshalb entschied Bettina Liechti, ihren neuen Nebenerwerb für sich zu behalten. Weder ihr Partner noch ihre Familie weiss davon. Zu gross ist ihre Angst, von der Gesellschaft missverstanden und vielleicht sogar verurteilt zu werden.

Erwin Schirmer, der mit Bettina Liechti die Weiterbildung zum Sexual­begleiter ­absolvierte, tauschte sich hingegen von Anfang an mit seinem Partner und seinen Freunden darüber aus. «Ich habe zu lange unterdrückt, was ich wirklich fühle. Heute passiert mir das nicht mehr. Wer nicht versteht oder nicht verstehen will, was wir hier machen, tut es eben nicht», findet Schirmer.

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Der Dienst kostet 120 Franken die Stunde

Sexualbegleiter bieten Menschen mit Behinderung Ersatzpartnerschaften auf Zeit. Was genau bei der Begegnung geschieht, ist nicht definiert. Klar ist: Wünscht der ­Behinderte Geschlechtsverkehr, soll das ­erlaubt sein – falls der Sexualbegleiter einwilligt. Das ­Honorar ist allerdings nicht von einer ­bestimmten Handlung abhängig, sondern von der Dauer der Begegnung. ­Eine Stunde kostet 120 bis 150 Franken, ­bezahlt wird sie vom Behinderten.

«Sex mit dem Sozialarbeiter? Horror!»

Mit den Hüllen fällt auch die Distanz, die Liechti als Psychologin üblicherweise gegenüber ihren Kunden wahrt. Während ­einer Stunde leiht sie Martin Ebli ihre ­Hände und lässt ihn mit ihren Fingern ­seinen Körper erkunden. Liechti massiert Eblis Bauch, dann seine Beine. «Fester», «etwas mehr nach oben», «dort nicht» – Ebli scheut sich nicht, der 60-Jährigen Anweisungen zu geben. Allmählich nähert sich Liechti dem Intimbereich, berührt seinen Penis leicht, reibt ihn. Der Katheter ­erschwert ihr die Arbeit, trotzdem spürt sie an manchen Stellen seines Glieds einen erhöhten Puls.

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Nachher wird sie über diesen Augenblick sagen: «Ich habe diesen Dienst aus einer tiefen Überzeugung und einer Form von Liebe gemacht. Es geht dabei nur um mein Gegenüber, um seine Empfin­dungen, seine Lust.» Eblis Hoffnung auf eine Erektion wird nicht erfüllt. Aber er habe erstmals seit seinem Unfall wieder gespürt, dass ­Leben in ihm ist.

«Das Angebot mag zwar gut gemeint sein, aber es dient letztlich eher der Unterdrückung behinderter Menschen», findet Peter Wehrli, Geschäftsleiter des Zentrums für selbstbestimmtes Leben in Zürich. «Sexualbegleitung ist ein weiterer Zweig der Behindertenversorgungsindustrie. Diese dient in erster Linie dazu, Menschen mit Behinderung von der übrigen Gesellschaft auszugrenzen.»

Wehrli sieht im Grundkonzept der ­Sexualbegleitung eine «fuselige Mischung aus therapeutischen, menschenfreund­lichen, heimsoziologischen und geschäft­lichen Ideen». «Die Vorstellung, sozial­arbeiterisch gewichst zu werden, ist für mich ein echter Horror», empört er sich.

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Vor 20 Jahren wäre dieser erotische Service undenkbar gewesen. «In meiner Kindheit wurde die Sexualität in den Heimen extrem tabuisiert», erinnert sich Peter Wehrli. «Es wurde alles getan, um sie zu verhindern. Wohl auch, um die ‹Vermehrung› von Behinderten zu vermeiden», sagt er maliziös. Gleichzeitig sei sexueller Missbrauch allgegenwärtig gewesen. «Dein Körper war deine Währung. Damit hast du dir den Schutz und die Zuneigung älterer Heimbewohner erkauft.»

Ein «weiterer Zweig der Behindertenversorgungsindustrie»? Ausbildung von Sexualbegleitern.

Quelle: Matthias Willi
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Sexualität darf keinem verboten werden

Wehrli musste noch mit den Händen auf der Bettdecke einschlafen. Sexuelle Bedürfnisse von Heimbewohnern wurden unterdrückt, Zwangssterilisationen gehörten zur Praxis. Das ist vorbei. Institutionen sind sensibilisiert, seit immer wieder Fälle von sexuellem Missbrauch durch das Pflegepersonal in Heimen an die Öffentlichkeit gelangten. Heute darf ­Sexualität und auch Schwangerschaft per Gesetz niemandem mehr verboten werden. In Heimen und ­Institutionen, die Menschen mit Behinderungen betreuen, ist Sexualität längst kein Tabu­thema mehr. Im Gegenteil: Viele ­Einrichtungen verfügen über seitenlange Konzepte zum Umgang mit Sexualität und schulen ihr Personal. Ab nächstem Jahr bietet die Hochschule für soziale Arbeit in Luzern sogar eine Weiterbildung zu «Se­xualität und ­Leben mit Einschränkungen».

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Oft sträuben sich die Angehörigen

Zwölf befragte Heime aus der Deutschschweiz betonen, dass Sexualität zu den Rechten jedes Menschen gehöre und sexuelle Bedürfnisse respektiert und unterstützt werden sollten. Alltagsfragen handhaben die Institutionen jedoch unterschiedlich. Doppelzimmer für Paare gibt es nicht überall. Der Besuch von Prostituierten und Sexualbegleitern ist bei vielen verboten. Auf Wunsch erledigen Mitarbeiter allerdings Anrufe bei Prostituierten, helfen beim Kauf von Kondomen oder begleiten gehbehinderte Bewohner in Kontaktbars.

Einige Institutionen bieten aktiv Ver­hütungsmittel an, andere nur Aufklärung darüber. Die Pfleger verschliessen Windeln nicht zu satt, damit Selbstbefriedigung erleichtert wird, und klopfen an, bevor sie ein Zimmer betreten.

«Die Privatsphäre der Klienten soll auch gegenüber ihren Familien geschützt werden», sagt Michael Martig, der die kantonale Abteilung Behindertenhilfe Basel-Stadt leitet. Die Idee, dass weder Eltern noch Personal alles wissen und protokollieren sollen, setzt sich immer mehr durch. «Sehr wohl können Sexworkerinnen in ­unser Haus kommen, aber das brauchen wir nicht zu wissen», sagt etwa Gabriela Kasper-Dudli, Institutionsleiterin des Quimby-Huus in St. Gallen.

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Mit gutem Grund, sind es doch häufig die Eltern, die sich sträuben. «Wir erleben zum Teil, dass Angehörige weniger liberal und offen sind und die Bedürfnisse ihrer erwachsenen Kinder ganz negieren. Das kann wie ein unausgesprochenes Verbot wirken», sagt Christof Trachsel, Leiter Wohnen des Schulungs- und Arbeitszen­trums für Behinderte in Burgdorf BE. Das ist der Grund, warum die Wohnheime der Stiftung Vivendra in Dielsdorf ZH weder Sexualbegleitung noch Hilfsmittel anbieten. «Wir wollen nicht in einen Konflikt mit den Angehörigen geraten, die sich häufig sehr schwertun mit der Sexualität ihrer ­behinderten Kinder», sagt Geschäftsführer Stefan Eckhardt.

Ein Vibrator? Schockierend!

Diese Erfahrung macht auch Eva Schult­hess, Präsidentin des Zentrums für selbstbestimmtes Leben in Zürich. Sie leidet seit Geburt an Zerebralparese und lebt im Rollstuhl. Später kam multiple Sklerose dazu. Mit zwölf Jahren wurde sie von ihrer Mutter erwischt, als sie sich selbst befriedigte. Es folgte eine Standpauke.

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Über Sexualität sprach die Mutter mit ihr allerdings nie. Sie beschwor die Tochter nur immer wieder, keinesfalls schwanger zu werden. «Jahrelang hat meine Mutter mir gesagt, ich solle ­keinen Bundesrat wollen», erinnert sich Eva Schulthess. «Das bedeutete, ich solle keinen zu intelligenten Freund suchen.»

Es blieb nicht ihre einzige schlechte ­Erfahrung. Vor wenigen Jahren nahm sie all ihren Mut zusammen und kaufte sich einen Vibrator. Trotz einer diskreten Verpackung fiel er der Spitex-Pflegerin in die Hände. Diese war schockiert. «Die Frau war ausser sich, insistierte, dass das nicht gut sei und ich so etwas nicht machen ­solle. Es war mir unglaublich peinlich», ­erzählt Schulthess.

Wie heikel das Thema ist, hat auch Pro Infirmis vor etwa zehn Jahren zu spüren bekommen. Damals wollte die Behindertenorganisation sogenannte Berührer aus­bilden lassen, die bereit sind, «körperlich oder geistig behinderten Menschen durch Zärtlichkeit, Körperkontakt und Anleitung zur Selbstbefriedigung zu helfen, ihren Körper zu geniessen». Geschlechts- und Oralverkehr wurde damals explizit aus­geschlossen.

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Obwohl die Organisation ­keine Spendengelder für die Ausbildung verwenden wollte, brachen die freiwilligen Zuwendungen um rund 400'000 Franken ein – und es hagelte Kritik von allen Seiten. Trotzdem steht Pro Infirmis solchen Dienstleistungen weiterhin offen gegenüber. «Jede se­riöse Ausbildung in diesem Bereich ist willkommen. Da viele Menschen mit Behinderung Assistenz benötigen, begrüssen wir das Angebot der Sexualbegleitung», sagt Mark Zumbühl, Leiter Kommunikation von Pro Infirmis.

Lusterfüllung kann Spastik lösen

Als die Medien im Januar 2013 die neue Ausbildung zum Sexualbegleiter ankündigten, reagierten Leser irritiert: «Das geht zu weit!», «Jetzt kommt ein Politiker dann sicher noch auf die Idee, die Dienste dieser Sexualbegleiter von der Invalidenversicherung zahlen zu lassen», «Wer sich in Sachen Sexualität derart unbegabt anstellt, kann auf eine Sexualbegleitung wohl gut und gern verzichten», «Das wird die Prosti­tuierten aber freuen! Ab jetzt sind sie alle Sexualbegleiter», schrieben sie in Foren.

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Mit dieser Unterstellung kann Kursleiter Erich Hassler vom Institut für Selbst-Bestimmung Behinderter leben: «Es ist richtig, dass wir se­xuelle Dienstleistungen gegen Geld anbieten. Trotzdem ist es nicht dasselbe.» Eine Prostituierte versuche, Kunden nach Möglichkeit zu behalten. Sexual­begleiter aber wollten Klienten an einen Punkt bringen, an dem sie nicht mehr auf Unterstützung angewiesen sind. «Wir versuchen, behinderte, ratsuchende Menschen therapeutisch und pädagogisch weiterzubringen, die Eigeninitiative und ihre sexuelle Kompetenz zu fördern», erklärt er. Es sei aber völlig in Ordnung, wenn sich jemand mit einem bezahlten Date etwas Gutes tun wolle: «Fast ein bisschen wie Wellness.»

Immer wieder erlebte es Hassler, wie sich die Spastik Behinderter durch Lust und Entspannung löste. Eine solche Begegnung kann aber noch mehr sein, weiss er. Bei einem bezahlten Date mit einer querschnittgelähmten Frau wollte diese mehr als nur gestreichelt und berührt werden – obwohl sie im Intimbereich nichts mehr spürt. «Sie erklärte mir, es reiche ihr, im Kopf zu wissen, dass eine Verbindung ­zwischen ihr und einem Mann bestehe. So könne sie sich endlich wieder als ganze Frau fühlen.» Das habe ihn tief berührt. Männer, die keine Erektion haben können, liessen sich eine Spritze setzen und ertrügen tagelange Schmerzen im Unterleib, nur um mit einer Frau zu verschmelzen. Wenn immer Hassler solche Geschichten hört, ist es für ihn un­verständlich, dass jemand ­gegen Sexualbegleitung sein kann.

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Seit fast zehn Jahren engagiert sich der 64-jährige Haustechnikplaner Hassler nebenher für das Thema Behinderung. Er begleitete schon mehrere Gruppenaufenthalte für schwerbehinderte MS-Betroffene, leitete Reitkurse für geistig behinderte Jugendliche und engagierte sich im Behindertensport. Es war Hasslers Frau, die vor rund zehn Jahren in einer Zeitung einen Artikel über die Weiterbildung zum Berührer gelesen und sie ihrem Mann vorgeschlagen hatte. «Niemand hat das Recht auf Sex, aber darauf, selber zu bestimmen, wie er seine Sexualität leben möchte», sagt Erich Hassler. Ge­sunde Menschen könnten ein Bordell ­aufsuchen oder einen Callboy engagieren. «Bei behinderten Menschen ist das häufig nicht so einfach.»

«Prostituierte erschrecken vielleicht, wenn sie einen Katheter sehen oder mit Inkontinenz konfrontiert werden», sagt Therese Kämpfer, die am Paraplegikerzen­trum in Nottwil LU Seminare zum Thema Sexualität durchführt. Sie ist querschnittgelähmt und befürwortet die Sexualbegleitung. «Eine Sexualbegleiterin nimmt sich Zeit für das An- und Ausziehen, für den Transfer vom Rollstuhl aufs Bett», sagt die 54-jährige gelernte Krankenschwester. «Patienten müssen damit leben, dass sie plötzlich jede Menge Ärzte, Pfleger, Therapeuten an ihren Körper lassen. Sie müssen einen Teil ihres Intimbereichs preisgeben.» Das sei schwer zu akzeptieren. Ausserdem kommen sich viele ­zuerst klein und unattraktiv vor im Rollstuhl. «Man fühlt sich wie die Karikatur seiner selbst.» Sexualbegleiter könnten hilfreich sein, den ­eigenen Körper neu zu entdecken. «Wenn ein Profi mit Phantasie einer querschnittgelähmten Person etwas beibringen kann, warum nicht?»

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«Niemand hat das Recht auf Sex, aber darauf, selber zu bestimmen, wie er seine Sexualität leben möchte.» Erich Hassler, Kursleiter in Sexualbegleitung.

Quelle: Matthias Willi

Wer entscheidet für geistig Behinderte?

Peter Wehrli vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben weist auf eine Problematik hin: Se­xualbegleitung bei intellektuell oder psychisch beeinträchtigten Menschen. «Es gibt Fachleute, die jede Form von Sex zwischen einer intellektuell beeinträchtigten Person und einer nicht beeinträchtigten als Missbrauch betrachten. Das würde logischerweise auch auf Sexual­begleiter zutreffen.» Es sei problematisch, wenn Begleiter Geld mit Personen verdienen, die das Grundkonzept der Sexualbegleitung unter Umständen gar nicht verstehen.

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Gegen solche Vorwürfe verwahrt sich Se­xualbegleiter Erich Hassler. «Jede Person, egal, wie stark beeinträchtigt, findet einen Weg, um ein Ja oder Nein zu äussern – mit Worten oder ohne.» Er hat wiederholt mit geistig behinderten Menschen gearbeitet. Eine Frau habe ihm etwa immer wieder über den Kopf ­gestreichelt und ihn am Abend in seinem temporären Zimmer des Wohnheims besucht. Sie ­habe sich auf sein Bett gesetzt und angefangen, ihn zu streicheln. Er habe sie daraufhin ebenfalls an den Armen und Beinen berührt. Nach ein paar Minu­ten sei sie aufgestanden und wieder gegangen. Eine klare Botschaft.

Oft wirft man Hassler vor, er wecke «schlafende Hunde». Das hält er für Blödsinn: «Auch Menschen mit geistiger Behinderung haben eine Sexualität.» Um diese zu «wecken», brauche es keinen Sexualbegleiter. Schon der Anblick eines attraktiven Pflegers oder einer Pflegerin könne den Wunsch nach mehr auslösen – wie bei jedem anderen Menschen auch. In Heimen zeige sich immer wieder, dass Männer, die ihre Sexualität nicht ausleben können, aggressiv werden oder Pflegerinnen antatschen. Frauen reagieren eher introvertiert und depressiv. Das führe dazu, dass Heime auf die Bedürfnisse der Männer viel eher reagieren müssten als auf die der Frauen. Hassler ist sich sicher: «Schmerzlich ist es für beide gleichermassen, wenn sie ihre Sexualität nicht ausleben können.»

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«Sexuelle Handlungen können sich ergeben, müssen aber nicht.» Erwin Schirmer, Rettungssanitäter und Sexualbegleiter.

Quelle: Matthias Willi

«Es ist mir egal, ob ich eine Frau oder einen Mann berühre»: Warum wird man Sexualbegleiter?

Es dauerte Monate, bis sich Erwin Schirmer dafür entscheiden konnte, sich zum Se­xualbegleiter weiterbilden zu lassen. Inzwischen weiss der 44-Jährige, dass er das Richtige getan hat:

«Ich muss nicht als Sexualbegleiter ­arbeiten – ich möchte es. Menschen in schwierigen Situationen auf eine Art zu ­unterstützen, wie es nur wenige tun, reizt mich. Davor wollte ich ­allerdings etliche Fragen beantwortet bekommen – schon vor Beginn der Weiterbildung. Seit ich in einem Fernseh­beitrag von diesem Berufsbild gehört hatte, liess mich das Thema nicht mehr los. Ich trug den Gedanken mit mir herum, kontaktierte den Kursleiter, liess Zeit verstreichen. Selbst nach der Anmeldung war ich nicht sicher, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

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So normal wie Fusspflege

Zu Beginn des Kurses löcherte ich die Dozenten dann mit weiteren Fragen. Wie soll ich Menschen mit Behinderung begegnen? Wie wird ein Treffen auf­gebaut? Wie sieht es mit der Körperhygiene aus? Darf man auch nein sagen? Der Drang, alles kontrollieren und organisieren zu wollen, verflog aber schon während des ersten Weiterbildungswochenendes.

Kaum hatte ich mich auf die Situation eingelassen, wurde ich viel ruhiger. Gleich zu Beginn lernten wir verschiedene Massagetechniken und probierten sie in Zweierteams aus. Ich merkte, dass es mir egal ist, ob ich eine Frau oder einen Mann berühre. Für mich zählt allein der Mensch. Die gleiche Erfahrung machte ich, als wir in einem Spezialkurs zum ersten Mal Menschen mit Behinderung trafen. Mir wurde bald klar, dass für mich nicht nur das Geschlecht, ­sondern auch die Behinderung allmählich in den Hintergrund rückte.

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Der Mitarbeiter eines Heims für Menschen mit Behinderung sagte mir einmal, er wünsche sich, dass Sexualbegleitung in ­Heimen so normal werde wie Fusspflege. Mir gefällt dieser Gedanke. Sexualität von behinderten und älteren Menschen spielt sich meistens in einem Graubereich ab. Sie existiert zwar, aber man spricht nicht ­da­rüber. Und das, obwohl viele Leute das Bedürfnis haben und Unterstützung benötigen. Ein Treffen mit einem Sexualbegleiter kann deshalb ­eine sehr befreiende Erfahrung werden.

Allerdings nicht nur für Menschen mit Behinderung. Ich sehe eine weitere Kundengruppe: Menschen, die unsicher sind, welche sexuelle Orientierung sie haben. Die Idee dazu hat mit meiner eigenen Biographie zu tun. Bevor ich meinen heutigen Partner kennenlernte, war ich fast zehn ­Jahre mit einer Frau zusammen, sechs davon verheiratet. Ich hatte früh gemerkt, dass ich mich auch von Männern angezogen fühle, wollte es aber nie wahrhaben. Ich bin in einem religiösen, eher konservativen Umfeld aufgewachsen. Schwulsein war keine Option. Ich war hilflos.

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Hilfe in der Phase der Selbstfindung

In dieser Zeit habe ich mir oft gewünscht, ich könnte es einfach versuchen. Ich hätte gern einen Mann berührt, um zu sehen, ob ich tatsächlich so fühle, wie ich zu fühlen glaubte. In die Schwulenszene wollte ich mich nicht begeben. Dazu fehlte mir der Mut. Das Milieu war erst recht kein Thema. Bis ich endlich zu meinen Gefühlen stehen konnte, dauerte es viele Jahre. Genau in ­dieser Phase der Selbstfindung möchte ich andere Männer begleiten.

Ein Sexualbegleiter ist kein Sexworker

Der Vorwurf der Prostitution liegt natürlich nahe. Selbstverständlich wäre es mir nicht egal, wenn ich als Sexworker abgestempelt würde. Doch ich kann heute mit diesem Vorwurf umgehen.

Ich bin ausgebildeter Pflegefachmann und Rettungssanitäter, habe einen Nachdiplomkurs für die ­Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gemacht und kürzlich die Ausbildung zum Sexual­päda­gogen absolviert. Ich arbeitete für die Fachstellen für Sexualfragen und leitete ein Projekt für Männer, die Sex mit Männern haben.

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Warum tut man das?

Der Fokus einer Sexual­begleitung ist ein komplett anderer als bei einer Prostituierten. Jeder, der sich auch nur kurz mit dem Thema auseinandersetzt, begreift das sehr schnell. Der Schwerpunkt liegt auf der Begegnung, nicht auf dem Akt. Sexuelle Handlungen können sich ergeben, müssen aber nicht.

‹Warum willst du so etwas machen?› Warum und vor allem wie? Das waren wohl die häufigsten Fragen, die mir von Freunden und Verwandten gestellt wurden. Anfangs hatte ich keine Antwort darauf. Doch mittlerweile weiss ich, dass ich mich Menschen zur Verfügung stellen und ihnen körperliche Erfahrungen ermöglichen möchte. Kürzlich habe ich mich deshalb entschlossen, einen Raum einzurichten, in dem ich Beratungen und Begegnungen ­anbieten werde. Ich möchte als Sexual­begleiter arbeiten.

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