Frage von Daniel Z.: «Am Abend bevor unser Sohn durch plötzlichen Kindstod starb, sah ich ihn in einer spontanen Fantasie auf einer Wolke sitzen. Für mich war das eine Vorahnung. Ein Psychologe sagte mir allerdings, ich würde mir das nur einreden, um den Schicksalsschlag besser zu verkraften.»

Hören Sie nicht auf ihn. Lassen Sie sich dieses wertvolle Erlebnis auf keinen Fall nehmen oder entwerten. Das Bild, das Sie hatten, ist eine psychische Tatsache. Dass es Ihnen hilft, den Schicksalsschlag besser zu akzeptieren, kann ich mir gut vorstellen. Eine solche Erfahrung kann einem die Demut geben, sich als Teil eines grossen Ganzen zu sehen und die Dinge anzunehmen, die das Leben für einen bereithält, auch wenn sie sehr schmerzhaft sind.

Im Kleinen kennen alle solche übersinnlichen und eigentlich unerklärlichen Phänomene. Man denkt an jemanden, von dem man schon ewig nichts mehr gehört hat. Sekunden später klingelt das Telefon, und er ist dran. Andere erleben, dass ein Bild von der Wand fällt, und später erfährt man, dass die Person auf dem Bild gestorben ist. Oder jemand passt während des Auslandsaufenthalts eines Freundes auf seine Pflanzen auf – und obwohl er sie regelmässig giesst, verdorrt eine davon. Bald darauf erreicht ihn die Nachricht, dass der Freund ernsthaft erkrankt ist.

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Das «Titanic»-Unglück vorausgeahnt?

Ein klassisches Beispiel ist der Musiker Frank Adelman, der 1912 seine Reise mit der «Titanic» stornierte, weil seine Frau wiederholt von einem Schiffsuntergang geträumt hatte. Hardcore-Realisten bezeichnen solches als reine Zufälle. Der Psycho­therapeut C. G. Jung da­gegen prägte den Begriff «Synchronizität», um Si­tua­tionen zu beschreiben, die wie Zufälle aussehen, aber zusammenhängen – wie eben Ereignisse und ihre Vorahnungen.

Der englische Natur­wissenschaftler Rupert Sheldrake (siehe Buchtipp) geht noch einen Schritt weiter. Er ist überzeugt, dass Menschen über einen siebten Sinn verfügen, der Phänomene wie Vorahnungen und Gedankenübertragungen möglich macht. Bloss sei die Fähigkeit eine sehr subtile, die im Lärm des Alltags oft untergehe und meist wenig entwickelt sei.

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Nicht nachweisbar

Mit Experimenten hat die Wissenschaft bisher weder Präkognition (Vorahnungen und Hellsehen) noch Telepathie (Gedankenübertragung) nachweisen können. Bei Telepathieversuchen, bei denen Test­personen einfache Zeichen in ein anderes Zimmer zu einem Empfänger «sendeten», gab es zwar auffallend viele Treffer, aber die Sender konnten nicht spüren, wann ihre Übertragung wirksam war und wann nicht. Eine von einem Skeptiker in den USA gegründete Stiftung hat einen Preis von einer Million Dollar ausgeschrieben für die erste tatsächlich überzeugende Demonstration zum Beispiel einer hell­seherischen Fähigkeit – bisher hat kein Seher die Summe abholen können.

Unabhängig davon, ob man an einen sechsten oder siebten Sinn glaubt, kann man aber mit Vorahnungen häufig durchaus Sinnvolles anfangen. Oft sind diese nämlich Produkte unseres Unbewussten, das bekanntlich über viel mehr Informa­tionen verfügt als unser Bewusstsein.

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Wenn man etwa träumt, man habe seinen Bruder an einem Volksfest im Gedränge aus den Augen verloren, könnte das bedeuten, dass man diesen Kontakt tatsächlich vernachlässigt hat. Vielleicht ein Hinweis, wieder auf ihn zuzugehen.

Wenn wir etwas nicht wissenschaftlich beweisen können, heisst das ja nicht, dass es nicht existiert. Es fehlt uns vielleicht nur noch die Methode, es zu erfassen.

Tipps zum Umgang mit Vorahnungen

  • Träume oder Fantasien von Unglücks­fällen sind meist Produkte des eigenen Unbewussten, die für einen selbst, nicht für die Welt Bedeutung haben.

  • Lassen Sie sich daher nicht davon beherrschen und verfallen Sie nicht in Angst.

  • Überprüfen Sie hingegen gelassen, ob der Traum oder die Fantasie ein sinnvoller Hinweis des Unbewussten darauf sein könnte, welche Lebensbereiche mehr Aufmerksamkeit erfordern.

Buchtipp

Rupert Sheldrake: «Der siebte Sinn des Menschen: Gedankenübertragung, Vorahnungen und andere unerklärliche Fähigkeiten»; Verlag Fischer, 2003, 480 Seiten, CHF 16.90

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