Neulich an der Migros-Kasse: Der Deutsche vor mir wechselt mit der Kassiererin ein paar nette Worte – so charmant, dass sie ihm auf Hochdeutsch sagte, wie viel er zu bezahlen ­habe. Doch dann nimmt die freundliche Konversation ein jähes Ende: Er sagt «Tschüüüss!» – und weg ist er. «Han ich mit dem scho mal Söi ghüetet?», murmelt sie, während sie ihm verdutzt nachschaut und noch sein Nötli in der Hand hält.

Was der Kunde nicht wusste: Anders als in Deutschland sagt man bei uns «Tschüss» nur, wenn man per Du ist. ­Korrekt ist «Adieu» oder – wie sich Katja Stauber jeweils in der «Tagesschau» verabschiedet – «Uf Wiederluege». Wie einem Kind muss man Deutschen in der Schweiz diesen Unterschied erklären. Sonst ecken sie an und gelten als unanständig, ohne ­etwas dafür zu können.

Damit wir im Leben möglichst wenig anecken, legten unsere Eltern in unserer Erziehung Wert auf ein Mindestmass an Anstand. Dank guter Kinderstube duzen die meisten von uns niemanden unaufgefordert, schmatzen und rülpsen nicht beim Essen, lassen die Leute ausreden, zeigen nicht mit blutten Fingern auf angezogene Leute, drängeln nicht, akzeptieren die Meinung anderer und haben keine Trauer­ränder unter den Fingernägeln. Kurz, unsere Eltern brachten den meisten von uns ethische, ästhetische und hygienische Verhaltensweisen bei, die ein friedliches und gesittetes Zusammenleben ermöglichen.

«Wie sagt man? Wie sagt man?»

Was manchmal gar nicht so einfach ist, wie neulich meine Nachbarin zeigte: Ihre fünfjährige Tochter fragte mich ganz lieb, ob sie nicht mal ein bisschen auf meinem iPhone gamen dürfe. «Wie sagt man? Wie sagt man? Wie heisst das Zauberwort?», begann ihre Mutter zu keifen. Ihr Töchterchen und ich schauten uns ratlos an. Ein anständiges Kind sage «Bitte!», erklärte die Mutter. Blödsinn! Als ob diese Floskel in diesem Fall wirklich nötig wäre. Ich empfand die Frage der Tochter keineswegs als unanständig, zumal Anstand mehr ist als einstudierte Redewendungen.

Unanständig schien mir aber das Verhalten der Mutter. Anständige Eltern stellen ihre Kinder nicht bloss und schikanieren sie nicht in aller Öffentlichkeit. Aber wie bringt man einem Kind Anstand bei? Sicher nicht, indem man es auf Anbiederung trimmt oder ihm veraltete Benimmregeln predigt. Man muss mit gutem Beispiel vorangehen und darf nichts verlangen, was man nicht selbst erfüllt.

Man könnte stundenlang darüber diskutieren, was Anstand ist – und wie man ihn lernt und lehrt. Es gibt unzählige Definitionen. Als einfacher Bürger halte ich mich an Queen Elizabeth: Bei einem Dinner in ihrem Schloss soll einer ihrer Gäste den servierten Fisch mit der Gabel zerdrückt haben. Raten Sie mal, wie sie ­reagiert hat. Not amused? Falsch! Sie tat es dem Gast gleich und drückte ebenfalls mit ihrem Besteck auf den Fisch und beide ­Augen zu. Anstand ist nämlich nichts anderes als Respekt.

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