Um eine Präsentation vorzubereiten, musste ich neulich sieben Leute zusammentrommeln. Kaum stand der Termin für das Treffen fest, widerrief einer seine Zusage. Er habe übersehen, dass an diesem Datum Frau und Kinder Vorrang haben: An diesem Abend finde der wöchentliche Familienrat statt.

Familienrat, auweia! Klingt nach verpädagogisiertem Anlass. Wenn ich nur schon daran denke, kriege ich Gänsehaut. Sie auch? Dann können Sie sich sicher vorstellen, was das wohl für einer ist, der jeweils dienstags Familienrat abhält – bestimmt so ein «Gspüürsch mi»-Typ.

Ob man denn so einen Familienrat nicht verschieben könne, fragte ich höflich per Mail. Es handle sich nicht um «so einen Familienrat», antwortete er und fragte, ob ich überhaupt wisse, was ein Familienrat ist. Ausser meinen Vorurteilen wusste ich nichts darüber. «Familienrat basiert auf Alfred Adlers Individualpsychologie und wurde vom österreichisch-amerikanischen Psychiater und Pädagogen Rudolf Dreikurs entwickelt», schrieb er. Macht die Sache nicht besser, dachte ich. Trotzdem begann ein interessanter Mailverkehr.

Er schrieb: «Irgendwann, als unsere Kinder grösser wurden, merkte ich, dass ich zwar wusste, was meine Kinder tun und lassen – aber nicht, wie es ihnen geht. Weil sich die Familie wegen Kursen, Hobbys und Vereinsaktivitäten nur noch am Sonntag beim Brunch sah, haben wir bloss noch News, aber keine Emotionen mehr ausgetauscht. Alle haben sich daheim nur noch vom Alltag erholt. Das Familienleben wurde langweilig. Da hat unsere älteste Tochter einen Familienrat vorgeschlagen. Sie hörte davon im Fach ‹Lebenskunde› und lieferte gleich die Regeln dazu:

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  • Alle Familienmitglieder sind gleichwertig – unabhängig vom Alter.
  • Die ganze Familie versammelt sich einmal wöchentlich.
  • Der Familienrat bestimmt jeden Monat eine neue Leitung und einen neuen Protokollführer.
  • Besprochen werden darf alles, ohne Zensur, ohne Tabus. Jedes Thema muss aber vorgängig auf eine Traktandenliste geschrieben werden.
  • Zu Beginn der Versammlung erzählt jedes Familienmitglied seine Aufsteller und Ablöscher der Woche.
  • Die Leitung achtet darauf, dass jedes Mitglied ausreden kann und niemand einen anderen beleidigt.
  • Entscheidungen sollten möglichst einstimmig erfolgen, denn sie können nur für alle gelten, wenn alle zugestimmt haben.


Mein Traktandum für den ersten Familienrat war ‹langweiliges Familienleben›, dasjenige der Tochter ‹Wo feiern wir Weihnachten?›. Meiner Frau wiederum lag das Thema ‹Mithilfe im Haushalt› am Herzen. Seither ist der Rat ein fixer Termin. Wir verteilen anfallende Arbeiten gerechter und nehmen mehr Anteil an den Befindlichkeiten der anderen.»

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Als unser Treffen stattfand, war ich überrascht: Da kam kein trümmliger Softie des Weges, sondern ein starker Typ. Er erzählte, dass ein Familienrat keineswegs normale Gespräche in der Familie ersetze. Im Gegenteil: Dank dem Rat seien alle kommunikativer geworden – und so ganz nebenbei sei man dank den Sitzungsprotokollen nun im Besitz einer wachsenden Familienchronik.