Dass Katzen sieben Leben haben, gehört vermutlich ins Reich der Legenden. Dass sie Menschenleben verlängern können Fitness-Tracker Ich messe, also bin ich , ist hingegen statistisch belegt. Der US-Biologe Dennis C. Turner erklärt das damit, dass Haustiere «ein nicht zu unterschätzender Faktor für unser physisches und emotionales Wohlbefinden» sind. Turner, der früher in Costa Rica Vampirfledermäuse erforsch­te, lebt heute in der Schweiz und hat sich ganz der Erforschung des Verhältnisses zwischen Mensch und Hauskatze verschrieben.

Über die Schweiz hat er nur Gutes zu sagen. In einem Interview mit der «Welt am Sonntag» sagte er auf die Frage, in welchem Land er als Katze gern leben ­würde, ohne Zögern: «in der Schweiz».

Die Tierliebe ist gross hierzulande. Sie ist der weitaus häufigste Grund, warum man sich ein Tier zulegt. 

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Warum werden Haustiere gehalten? Und warum nicht?

Das wichtigste Motiv für die Tierhaltung ist Tierliebe. Als Hauptgrund für die Nichtanschaffung eines Tiers wird die Lebensweise genannt (Umfrage unter 8000 Personen, 2011).

Sogar Fische lassen Blutdruck sinken

Von dieser Tierliebe profitieren beide Seiten: Der Mensch gibt dem Tier Obhut, Schutz, Nahrung, modernste veterinärmedizinische Pflege – Haustiere werden darum in aller Regel älter als wildlebende Artgenossen – und Liebe. Als Gegenleistung bekommt der Mensch bedingungslose Zuneigung ohne Vorurteile.

Früher hatten Haustiere vor allem praktischen Nutzwert: Sie halfen bei der Jagd, bewachten Viehherde und Haus, fingen Ratten, Schlangen und Mäuse. Doch ge­rade Katzen werden seit Jahrhunderten auch eingesetzt, um nervöse Zustände bei Menschen zu kurieren. Die ersten Dokumente, die belegen, dass Tiere als Therapeuten eingesetzt wurden, stammen aus dem England des frühen 19. Jahrhunderts.

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Sogar Fische haben einen mess­baren Nutzen: Wer sie im Aquarium beobachtet, senkt nachweislich seinen Blutdruck. Mehr noch: Hat ein Zahnarzt ein Aquarium im Wartezimmer, brauchen seine Patienten nur rund halb so viele Schmerzmittel, weiss Biologe Turner.

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Stimmungskanonen: Katzen machen gute Laune

Persönlichkeitspsychologie: Zu einer Liste von Adjektiven sagten Befragte aus, welche wie stark auf sie zuträfen. Singles, die eine Katze haben, sehen ihre Grundstimmung deutlich positiver.

Haustiere helfen Kindern

Logisch, dass nicht nur gestresste Erwachsene, sondern auch Kinder von Haustieren profitieren. Kinder mit tierischen Gefährten haben ein höheres Selbstwertgefühl, sind ausgeglichener und beliebter, zeigt eine Studie der Universität Wien. Sie können nonverbale Kommunikations­signale Handzeichen Andere Länder, andere Gesten besser deuten als ihre Gspäändli, die ohne Hund oder Katze aufgewachsen sind. Und sie werden mit dem Prinzip der Verantwortung und Hinwendung vertraut. Dazu kommt obendrein ein stärkeres Immunsystem Allergien Warum Dreck eine saubere Sache ist , wie das deutsche Bundesforschungsministerium herausgefunden hat.

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«Ich wollte wissen, ob neben Medikamenten auch Hunde den Kindern helfen können.»

Karin Hediger, Psychologin

Ausserdem sind Kinder in Anwesenheit eines Hundes konzentrierter, aufmerksamer und erinnern sich besser. Das konnte die Schweizer Forscherin Karin Hediger in einer Studie am Zürcher Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung zeigen. «Immer mehr Kinder haben Aufmerksamkeitsdefizite», sagt die Schulpsychologin. «Ich wollte wissen, ob neben Medikamenten auch Hunde den Kindern helfen können.»

Von der Deutlichkeit des Ergebnisses ist Hediger selber überrascht: Während die Aufmerksamkeit der 10- bis 14-Jährigen gegen Ende der Testphase deutlich nachliess, wenn bloss ein ­Roboterhund anwesend war, konnten sich die Kinder bis zum Schluss konzentrieren, wenn sie in der Pause einen echten Labrador hatten knuddeln dürfen. Für diese Studie hat ­Hediger gesunde Kinder getestet. «Nun wäre es natürlich sehr spannend, die­selben Tests mit Kindern durchzuführen, die eine ADS-Diagnose haben», sagt sie.

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Stressabbauer: Hunde wirken beruhigend auf Kinder

Wenn Kinder Testaufgaben zu lösen haben, bewirkt das Stress. Der Spiegel des Stresshormons Cortisol im Speichel sinkt markant schneller, wenn ein Hund im Raum ist – schneller als bei Anwesenheit einer freundlichen erwachsenen Person oder wenn ein Spielzeughund zur Verfügung steht (Werte in Nanomol/Liter).

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Tiere im Altersheim lassen die Bewohner oftmals aufblühen.

Tiere im Altersheim lassen die Bewohner oftmals aufblühen.

Quelle: Getty Images

Seit die Meerschweinchen da sind, lacht die Heimbewohnerin wieder

Auch für ältere, vielleicht einsame Menschen sind Haustiere wertvolle Freunde. Immer mehr Altersheime erlauben Pflegeheim Wo den Alten tierisch wohl ist , dass die Bewohner ihre liebgewordenen Vierbeiner mitbringen. Oder halten gleich selber Tiere – wie etwa das Heim Riedhof im zürcherischen Höngg: Da sitzt Armando Ulrich im Rollstuhl vor dem gros­sen Meerschweinchengehege und hält seinem Lieblingsmeersäuli Moritz ein Salatblatt hin. Moritz pfeift und frisst. Jeden Morgen füttert Ulrich die drei Nager. Die Heimbewohnerin, die abends die Fütterung übernimmt, hat lange mit niemandem mehr gesprochen. Seit die Meerschweinchen da sind, plaudert und lacht sie.

Für die Zwerggeissen ist in Höngg ­Alfons Kälin zuständig. Die Tiere reissen ihn fast um, wenn sie an den Futterkübel drängen. Kein Wunder, hängt am Gehege ein Schild, das bittet, die Tiere nicht zu füttern. «Die Geissen fressen weiter, solange es etwas gibt, auch wenn sie keinen Hunger haben», erklärt Alfons Kälin.

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Nicht nur die Heimbewohner kommen die Geissen besuchen, sondern auch Kinder aus der Nachbarschaft. Man trifft sich und plaudert vor dem Gehege. Die Kinder haben viel weniger Hemmungen, alte und behinderte Menschen anzusprechen, weil die Ziegen eine Verbindung schaffen.

Tiere bringen Leben in den Heimalltag

Der grosse Renner im Altersheim sind aber Katzen – das zeigt eine Befragung, die Barbara Schaerer von der Fachstelle Leben mit Tieren im Heim bei Schweizer Alters- und Pflegeheimen durchgeführt hat. 86 Prozent der Heime gaben an, Tiere zu halten. Ein Viertel der Institutionen setzt Tiere auch in Therapien ein. 88 Prozent bewerten ihre Erfahrungen mit der Tierhaltung als positiv.

«Tiere bringen ein Stück Leben in den Heimalltag», sagt Barbara Schaerer. Allerdings betont sie, dass es auch Heime gibt, die Tierhaltung aus verständlichen Gründen als zusätzlichen Aufwand sehen und die Tierbetreuung so effizient als möglich halten wollen. «Hier sollte man mehr an die Wirkung und weniger an den Aufwand denken – jede halbe Therapiestunde kostet ein Heim mehr als das Ausmisten eines Meerschweinchenkäfigs.»

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Hund und Katz: Nicht die beliebtesten Haustiere

Die Gesamtzahl der Haustiere in der Schweiz wird auf sieben Millionen geschätzt. Neben Katzen und Hunden gibt es fast eine halbe Million Nagetiere, 600'000 Vögel und – als Spitzenreiter – viereinhalb Millionen Zierfische.

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Krankenkassen zahlen nichts für Haustiere

Der Biologe Dennis Turner sieht das ähnlich. Er hat gemeinsam mit dem Präventivmediziner Felix Gutzwiller in einer Studie berechnet, dass Menschen, die Haustiere haben, monatlich durchschnittlich zehn Franken sparen – weil sie weniger oft zum Arzt gehen und weniger Medikamente brauchen. Die zehn Franken sind eine Nettoeinsparung: Die durchschnittlich 80 Franken, die ein Tier pro Monat kostet, sind bereits mitgerechnet.

Zu den Krankenkassen ist der Gedanke «Sparen dank Haustieren» noch nicht durchgedrungen. Zwar empfehlen Ärzte für über­gewichtige Kinder gern einen Hund – aber auf Rezept gibt es den vierbeinigen Trainer bisher nicht. Die einzige Therapie, die in der Schweiz seit 1994 von der Grundversicherung übernommen wird, ist die Physiotherapie auf dem Pferd, zum Beispiel für MS-Patienten.

Andere tiergestützte Therapien zahlen die Kassen nur in Ausnahmefällen. Nicht aber die Delphintherapie: Die US-Anthropologin Betsy Smith begründete sie in den siebziger Jahren, nachdem sie gesehen hatte, wie sich Delphine gegenüber ihrem geistig behinderten Bruder völlig anders benahmen, als wenn Menschen ohne Behinderung ins Wasser stiegen. «Der Delphin kann durch seine Beharrlichkeit, sein Gefühl für Körpersprache und seine Verspieltheit autistischen Kindern helfen, ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern», bilanzierte sie.

Zwiespältiger Erfolg der Delfintherapie

Der Delphintherapie steht Biologe Turner ­allerdings sehr kritisch gegenüber: «Delphine zu Therapiezwecken artgerecht zu halten ist praktisch unmöglich.» Man wisse zwar, dass sie behinderten oder autistischen Kindern helfen können: «Allerdings ist nicht belegt, ob sie das besser können als ein Hund oder eine Katze.» Der Therapieerfolg sei schwierig zu messen: «Wir können nicht mit Sicher­heit ­sagen, dass es nur die Delphine waren, die ­geholfen haben. Vielleicht haben auch die zwei Wochen am Palmenstrand einen Teil beigetragen.» Zudem ärgert Turner, dass viele kommerzielle Delphinarien «husch, husch» einen Therapeuten anstellten, nur um die Halte­lizenz für Delphine nicht zu verlieren.

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Therapien mit Delphinen sind in der Schweiz nicht kassenpflichtig. Eltern autistischer Kinder müssen eine Reise nach Florida, in die Ukraine oder die Türkei selber bezahlen. Doch vielleicht ist das bald nicht mehr nötig: US-Forscher arbeiten daran, Del­phin­therapie per Compu­tersimulation ortsunabhängig zu machen. Virtuelle Tierthera­pien würden nicht nur die Kosten massiv senken, sondern auch die Probleme lösen, die sich beim Tierschutz ergeben. Kids fänden ein «Flipper-Game» sicher mega. Vielleicht ist das die Tierliebe der nächsten Generation.

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Die Katze hat die Schnauze vorn

Wenn in einem Haushalt nur ein Tier lebt, ist es in fast 60 Prozent der Fälle eine Katze.

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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