Es war ein reiner Zufallstreffer. Die Grenzwächter am unbewachten Grenzübergang bei Basel entdeckten in einem kleinen Auto zwei Hunde und zwei Katzen, eingepfercht in Transportboxen. Am Steuer ein Mann, daneben seine Partnerin. Alles sah harmlos aus. Doch die Zöllner wurden stutzig, als das Paar für die Tiere russische und ukrainische Dokumente vorwies. Sie ordneten eine Durchsuchung an.

Im BH der Beifahrerin fanden sie eine detaillierte Liste mit mehr als zwei Dutzend Adressen. Ein eigentlicher Reiseplan mit Datum, Lieferort und Preis. Offensichtlich war die Fahrt in die Schweiz nur die letzte Etappe einer Odyssee quer durch Europa. Gemäss der Liste hatten die Tierschmuggler zuvor Hunde und Katzen nach Österreich, Deutschland, in die Nieder­lande und nach Italien geliefert.

Das Geschäft mit Hunden aus dem Ausland floriert. Innerhalb von zehn Jahren stieg die Zahl der eingeführten Hunde von rund 12'000 auf fast 27'000 im Jahr 2017. Letztes Jahr waren es rund 26'000. Pro Tier lassen sich problemlos 1000 Franken verdienen. Der Import von Hunden ist ein Millionengeschäft geworden.

Besonders hoch im Kurs sind momentan Französische Bulldoggen und Chihuahuas, kleine Rassen mit überproportional grossem Kopf und riesigen Rehaugen. Schweizer Züchter können die Nachfrage nach diesen Moderassen längst nicht decken. Der Import boomt. Denn ein reinrassiger Schweizer Welpe kostet rasch viermal so viel wie ein eingeführter.

Ein Boom

Infografik: Seit 2007 hat sich die Anzahl offizieller Hundeimporte mehr als verdoppelt.

Seit 2007 hat sich die Anzahl offizieller Hundeimporte mehr als verdoppelt. (Bem.: Die Zahlen aus der Amicus-Datenbank enthalten mehrfache Importmeldungen desselben Hundes, etwa wegen Ferien oder Hundeshows.)

Quelle: Anis.ch / Hundedatenbank Amicus – Infografik: Beobachter/Andrea Klaiber

Von der Slowakei in den Thurgau

Wer einen Chihuahua kaufen will, kann sich bequem durch die Online-Inserate klicken. Und landet beispielsweise bei Händlerin Monika H.* Sie präsentiert ihre Welpen in einer Wohnung in einer kleinen Ortschaft im Thurgau. Das private Ambiente ist nur Fassade. Es kaschiert ein professionell aufgezogenes Geschäft, das seit bald zehn Jahren bestens floriert.

Monika H. ist vor 30 Jahren aus der Slowakei in die Schweiz gezogen und bietet alles, was es im Geschäft mit Hunden braucht. Seit 2015 hat sie ein Fähigkeitszeugnis als Tierpflegerin, nun darf sie mit dem Segen des kantonalen Veterinäramts 120 Hunde und 60 Katzen pro Jahr importieren. Zuvor hatte sie eine Handelsbewilligung für 50 Hunde.

Vor allem aber hat Monika H. eine schier unver­sieg­­bare Quelle. Alle vier bis sechs Wochen fährt sie mit einem Auto voller neuer Hunde aus der Slowakei in die Schweiz. Sie übernachtet jeweils in ihrer Wohnung in der Stadt Banská Bystrica, etwa eine Stunde von Bratislava entfernt. Im nahegelegenen Poniky besitzt sie ein stattliches Haus mit grosszügigem Garten. Dort ist unter dem Namen Monika H. gemäss einem slo­wakischen Verzeichnis ein «Collection-Center» registriert, eine Sammelstelle.

Ein weiteres Haus in der Nachbarschaft ist ebenfalls auf ihren Namen eingetragen, dort leben ihre Eltern. Von einer familieneigenen Zucht, wie sie das Interes­senten suggeriert, ist auf beiden Anwesen nichts zu sehen. Woher sie die Hunde hat, erfahren die Käufer nicht.

Knapp 1000 Kilometer in einem Tag?

In Banská Bystrica bringt die Hundehändlerin die Welpen jeweils zu einer Tierärztin. Jeder Hund erhält einen Tierpass und wird vorschriftsgemäss gechippt. Jedes Tier wird am Zoll registriert. Alles sauber und korrekt, ge­radezu überkorrekt.

Das ist zum Beispiel beim kleinen Chihuahua-Weibchen Sissi der Fall. Gemäss Eintrag in der slowakischen Tierdatenbank wurde es auf den Tag genau acht Wochen nach der Geburt – noch in seiner Heimat – das erste Mal geimpft und mit einem Chip versehen. Dort hat man auch den Tierpass ausgestellt und das Geburtsdatum eingetragen. Am gleichen Tag passierte das Tier die Schweizer Grenze, belegt ein Stempel im Tierpass. Monika H. muss an diesem Morgen die Tierärztin in Banská Bystrica sehr früh aufgesucht haben, um nach einer knapp 1000 Kilometer langen Autofahrt noch gleichentags am Schweizer Zoll die Einreise bestätigen zu lassen.

Verdächtige Geburtstermine im Tierpass

Mehrere vom Beobachter kontaktierte Tierärzte hegen allerdings den Verdacht, dass das Geschäft anders läuft. Vermutlich ist der Geburtstermin dieses Hundes erfunden und wurde den Bedürfnissen der Händlerin angepasst. Hundehändler sind versucht, den Geburts­termin auf den Transport in die Schweiz anzupassen – das hängt mit dem magischen Alter von acht Wochen zusammen. Ab diesem Zeitpunkt dürfen Welpen von Gesetzes wegen ohne Muttertier transportiert werden. Zudem müssen die Hunde bei den ersten Impfungen mindestens acht Wochen alt sein.

Das heisst: Für internationale Hundehändler liegt das ideale Alter von Welpen zwischen acht und zwölf Wochen. Denn bei der notwendigen Tollwutimpfung müssen die Tiere mindestens zwölf Wochen alt sein. Und sie dürfen erst drei Wochen nach der Tollwutimpfung einreisen, denn erst dann wirkt die Impfung. Wenn aber ein Welpe zwischen der achten und der zwölften Woche in die Schweiz eingeführt wird, braucht es nur einen von einem Tierarzt unterzeichneten Eintrag im Tierpass, dass der Hund nie in Kontakt mit frei lebenden Tieren kam.

Die Welpen der Thurgauer Hundehändlerin Monika H. sind auffällig oft zwischen acht und zwölf Wochen alt. Auf jedes Inserat melden sich angeblich fünf Interessenten. Aus einem dem Beobachter vorliegenden Zolldokument geht hervor, dass sie in der Slowakei pro Welpen gerade mal 250 Franken zahlt. In der Schweiz verkauft sie die Tiere für 1000 bis 1500 Franken.

«Alles wirkte seriös»

Conny und Stefan K.* aus Zuzwil SG kamen günstiger weg. Statt der anfänglich verlangten 1300 Franken zahlten sie nur 750 Franken, bar auf die Hand. «Alles wirkte seriös», sagt Stefan K. Als man sich handelseinig war, gab Monika H. ihnen noch ein paar Tabletten mit. Denn die kleine Mila habe leider gerade eine Magenverstimmung, und deshalb leide sie unter Durchfall, gestand die Händlerin.

Kaum waren Conny und Stefan K. zu Hause, erlebten sie ihr blaues Wunder. Das Tier war ernsthaft krank, litt an einem Dünndarmparasiten und benötigte Antibiotika. Der Tierarzt empfahl, sämtliche Impfungen zu wiederholen. Die Kosten für den Tierarzt summieren sich inzwischen auf knapp 1000 Franken, eine notwendige Zahnoperation noch nicht eingerechnet.

Was Conny und Stefan K. nicht wussten: Der Tierarzt hätte noch einen Schritt weitergehen können. Denn der Chip des kleinen Chihuahua beginnt mit der Zahl 900. Das europäische Chipsystem soll sicherstellen, dass man die Herkunft eines Tieres jederzeit feststellen kann. Die ersten drei Ziffern des Chips stehen für das Herkunftsland. 900 ist jedoch die all­ge­meine Nummer eines Chipherstellers. Sprich: Herkunft und Zuchtland sind unklar. Theoretisch können die so gechippten Tiere aus einem Land mit Tollwutrisiko stammen, also etwa aus der Ukraine, aus Serbien oder Russland. Es gibt Tierärzte, die solche Tiere konsequent für mehrere Wochen unter Quarantäne stellen – auf Kosten des ­Hundehalters.

Conny und Stefan K. mit Hündin Mila

Ihr «reinrassiger» Chihuahua entpuppte sich als slowakische Strassenmischung: Conny und Stefan K. mit Mila.

Quelle: Daniel Ammann

Kein Kommentar

In der Hundeszene ist Monika H. vielen ein Begriff. Aus den letzten Jahren sind mehrere Fälle dokumentiert, in denen sie kranke Tiere verkaufte. In mindestens einem verstarb ein Welpe beim neuen Besitzer nach wenigen Tagen. Als der «Blick» Anfang 2017 über ihre Geschäfte berichtete, betonte Monika H., sie besitze die notwendigen Bewilligungen. Gegenüber dem Beobachter wollte sie nicht Stellung nehmen.

Monika H. führt aber nicht nur Hundekäufer an der Nase herum, sondern auch die Behörden. Recherchen zeigen: Die frühere Besitzerin eines Nagelstudios lebt seit Jahren in Zürich. Hier hat sie ihren Wohnsitz gemeldet und bezahlt auch ihre Steuern. Die Wohnung im Thurgau, in der sie die knuddeligen Welpen präsentiert, ist bloss eine Art Showroom.

Der Thurgauer Kantonstierarzt Paul Witzig will den Fall Monika H. nicht kommentieren. Er sagt nur: Eine Handelsbewilligung müsse nicht zwingend auf einen Wohnsitz, sondern könne auch auf einen Geschäftssitz ausge­stellt werden. Und: «Bewilligungen werden nur erteilt oder verlängert, wenn die amtlichen Kontrollen und Abklärungen ergeben haben, dass die gesetzlichen Anforderungen erfüllt sind.»

Die geltende Regelung lässt Hundehändlern aber viel Spielraum. Jedermann darf ohne Bewilligung bis zu fünf Tiere einführen. Wer sich um eine Bewilligung drücken und am Zoll nicht als gewerbsmässiger Händler auffallen will, wechselt einfach immer mal wieder den Fahrer. So gesehen verwundert es nicht, dass der allergrösste Teil der 26'000 importierten Hunde privat in die Schweiz eingeführt wurde. Eine ­Umfrage bei den Kantonen zeigt: 2018 wurden gewerbsmässige Importe von gerade mal rund 3000 Hunden bewilligt. Im Kanton Thurgau waren es 750 Tiere. 
 

«Vermutlich werden die Hunde von irgendwelchen Personen in kleiner Anzahl oder gar einzeln über die Grenze gebracht. Das fällt niemandem auf.»

Albert Fritsche, St. Galler Kantonstierarzt


«Wir sind überzeugt, dass sehr viele Hunde durch ausländische Organisationen Strassenhunde Besser kastrieren als importieren , insbesondere aus Deutschland, direkt an Käufer in der Schweiz vermittelt werden», sagt der St. Galler Kantonstierarzt Albert Fritsche. Der Käufer hole den Hund entweder im Ausland ab oder erhalte ihn direkt nach Hause geliefert. «Vermutlich werden die Hunde von irgendwelchen Personen in kleiner Anzahl oder gar einzeln über die Grenze gebracht. Das fällt niemandem auf, da vermutlich verschiedene Zollstellen angefahren werden und die Personen wechseln», sagt Fritsche.

Der Fall eines serbischen Hundehändlers, der kürzlich am Zoll in einer Routinekontrolle mit drei Welpen hängen blieb, ist die Ausnahme. Der Händler war den St. Galler Behörden bekannt. Mehrere Tierärzte hatten einen Verdacht gemeldet, weil ihnen Hunde mit Chipnummern aufgefallen waren, deren Herkunft auf das Tollwutrisikoland Serbien hinwies. Die beschlagnahmten Welpen wurden deshalb eingeschläfert, der Händler hat ein Strafverfahren am Hals.

Kantonstierarzt Fritsche ist angesichts solcher Fälle alarmiert: «Ich gehe davon aus, dass wir in der Schweiz früher oder später wieder einen Fall von Tollwut bei einem Menschen oder einem Tier haben werden.» Seit 1999 ist die Schweiz offiziell tollwutfrei.

Vorschriften für Onlineinserate kümmern fast niemanden

Das Rückgrat des internationalen Hunde­handels bilden inzwischen Onlineportale wie Anibis Anibis, Tutti & Co. Betrüger kapern Benutzerkonten , Tutti oder Findix. Auf solchen schalten Anbieter jährlich mehrere tausend Verkaufs­annoncen für Hunde, so etwa Home4dogs und «Hilf dem Tier». Zwischen April 2018 und April 2019 erschienen allein auf Anibis.ch 34'701 Inserate zum Verkauf von Hunden und Katzen. Nachträglich lässt sich nicht mehr eruieren, wie viel Inserate Hunde und wie viel Katzen betrafen. Zudem werden einige Tiere vermutlich mehrmals ausgeschrieben. In vielen Inseraten werden umgekehrt mehrere Tiere angeboten.

Es gibt Einzelpersonen, die pro Jahr mehr als 100 Inserate publizieren, teils bieten sie ein halbes Dutzend Tiere an pro Inserat. Die slowakische Händlerin Monika H. ist eine davon. Zwischen April 2018 und April 2019 veröffentlichte sie 80 Inserate, manchmal pries sie gleich vier Welpen an.

Seit 2018 gilt eigentlich eine verschärfte Informationspflicht. Hundeanbieter müssen in den Inseraten Name und Adresse des Verkäufers und Herkunft des Tieres angeben.

Die allermeisten Inserenten foutieren sich jedoch darum. Der Schweizer Tierschutz (STS) hat kürzlich knapp 300 Inserate ausgewertet. Das vernichtende Fazit: Nur elf Prozent erfüllten die Vorschriften. Bei 15 von 19 überprüften Plattformen fand sich kein einziges Inserat, das den gesetzlichen Anforderungen entsprach. Ausser bei Anibis kontrollieren die Plattformen die Verkäufer gar nicht oder machen nur Stichproben. E-Bay und Ricardo vermitteln keine Hunde.

Besserung ist nicht in Sicht. Die meisten Plattformen stammen aus dem Ausland und sind in der Schweiz nur mit einem .ch-Domainnamen präsent. De facto herrscht Wildwuchs.
 

«Egal, woher die importierten Welpen stammen, sie haben kaum Abwehrkräfte, sind häufig schlecht geimpft und haben Darmparasiten.»

Iris Reichler, Professorin für Reproduktionsmedizin


Hundehändler wie Andrej L.* nutzen ­diese Situation konsequent aus – oder passen sich an. Auf Anibis.ch oder Tutti.ch gibt Andrej L. ­jeweils eine fiktive Adresse in St. Gallen an, ­obschon er in der Nähe von Ulm wohnt. Interessenten präsentiert er manipulierte Fotos von Tierpässen. Am liebsten ist ihm, wenn man den Welpen bei ihm abholt und als eigenen Hund in die Schweiz einführt. Er ist dann fein raus und braucht sich nicht einmal um eine Schweizer Handelsbewilligung zu kümmern.

Andere Hundehändler präsentieren auf ihren Websites einen Katalog mit verfügbaren Hunden samt Preisen. Sie nutzen intensiv Google-Werbemethoden und richten ihr Geschäftsmodell auf die Bequemlichkeit der Käuferschaft aus. Bei ihnen ist es erschreckend einfach, einen Welpen zu kaufen Hundehaltung Tipps für die Anschaffung eines Hundes . Ein paar Klicks, ein kurzer Austausch via Whatsapp, und der Lieferant aus Osteuropa klingelt an der Tür.

«Natürlich wir können nach Schweiz auch zu liefern»

Der Zürcher Kevin Thalmann hatte sich auf der Website des slowakischen Hundehändlers Elitdog für «Sammy» entschieden, einen Cavalier King Charles Spaniel für 600 Euro, geimpft, mit EU-Heimtierpass, aber ohne Stammbaum. «Liefern Sie auch in die Schweiz?», wollte er von Elitdog wissen. Die ­Antwort kam nach wenigen Minuten: «Natürlich wir können nach Schweiz auch zu liefern.» Bezahlen müsse man in bar, stand in der Mail aus einem kleinen Ort östlich von Bratislava, dazu trudelte eine Handynummer ein.

Ab diesem Moment lief der Dialog über Whats­app. Sammy sei stubenrein und zehneinhalb Wochen alt. «2 bis 3 Tage» werde man schon investieren müssen, liess Elitdog wissen. Dass Kevin Thalmann mehrmals erwähnte, dass er nur wenig Zeit für ein Tier und keine Ahnung von Hunden habe, war kein Problem für den Hundehändler. Erst als sich Thalmann nach Fotos des Heimtierpasses erkundigte, geriet die Konversation ins Stocken. Der Tierarzt sei noch nicht da gewesen, hiess es.

Als die Fotos dann endlich kamen, stellte sich heraus, dass nicht ein, sondern zwei Pässe abgebildet waren: Einer war auf den Namen «Sammy» und sein Geburtsdatum ausgestellt, ein anderer wies die angeblich gemachten Impfungen aus. Auf beiden Bildern war die Passnummer wie zufällig von einem Daumen abgedeckt. Kevin Thalmann verzichtete nicht nur deshalb auf einen Kauf. Der Zahnarzt in der Nähe von Zürich war fiktiv. So konnte der Beobachter aufzeigen, wie einfach man sich einen Hund aus einer rund 1000 Kilometer entfernten Zucht frei Haus liefern lassen kann.

Der Tierpass-Trick

Der Tierpass-Trick

Zwei Tierpässe werden per Handyfoto als ein einziger ausgegeben – um vorzutäuschen, alle notwendigen Einträge seien vorhanden. Kennnummern werden dabei wie zufällig verdeckt. Hier stimmen die Endnummern aber nicht überein.

Quelle: Privat

Auszüge aus einer slowakischen Tierdatenbank zeigen: Elitdog ist eine eigentliche Tier­fabrik. Dahinter steckt der Tierhändler Roland Tóth. Allein 2016 wurden in seinen Zwingern über 2700 Hunde geimpft und so für den Export bereitgemacht. Ein Geschäft mit bedenklichen Auswüchsen: Für rund 2000 Impfungen war ein einziger Tierarzt verantwortlich.

Die Website von Elitdog gibt es auf Deutsch, Dänisch, Englisch, Spanisch und Französisch. 2016 wurde gemäss den vorliegenden Daten ein Grossteil der Welpen nach Belgien exportiert. Das dürfte kein Zufall sein. In Flandern unterhielt Elitdog unter dem offiziellen Firmennamen Taktik in einem ehemaligen Gewächshaus ein Verteilzentrum. TV-Bilder und Zeitungsberichte zeigen, wie erbärmlich die Zustände waren.

Erst Ende 2018 ordneten die lokalen Behörden die Schliessung des Gewächshaus-Zwingers an. Verantwortliche von Taktik erklärten damals, für die üblen Bedingungen trage die Vorgängerfirma die Verantwortung. Inzwischen scheint der Skandal in Belgien vergessen. Firmenchef Ro­land Tóth geschäftet wieder wie eh und je.

Günstig einkaufen, in der Schweiz einschläfern

In der Kleintierklinik der Universität Zürich kennt man Hundehändler wie Elitdog nur zu gut, denn hier landen viele Opfer der Geschäftemacher: winzige Welpen, offensichtlich oft nicht einmal acht Wochen alt, die in einer osteuropäischen Hundefabrik ihrer Mutter weggenommen und in die Schweiz gekarrt wurden.

Iris Reichler, Professorin für Reproduktionsmedizin, hat Tausende solcher Hunde behandelt. Trotzdem bricht ihr kurz die Stimme, als ihr die Oberärztin einen Zettel hinlegt. Der zehn Wochen alte Spitz, um dessen Leben sie und ihre Kolleginnen auf der Intensivstation ein Wochenende lang gekämpft haben, zeige plötzlich auch Symptome einer Darmeinstülpung. Das liesse sich operieren, aber die Besitzer sind nicht bereit, noch mehr zu bezahlen. «Euthanasie», sagt Reichler leise. Auch nach über 30 Berufsjahren geht ihr die Anordnung zum Einschläfern nur schwer über die Lippen.

Der Spitz war ein paar Tage zuvor in die Kleintierklinik gebracht worden, die Diagnose war schnell klar: Parvovirose, eine hochansteckende Viruserkrankung. Sie tritt bei Hunden aus Schweizer Zuchten praktisch nie auf, wird aber bei importierten Welpen regelmässig diagnostiziert. «Hunde aus Schweizer Zuchten sind in der Regel gut geimpft, entwurmt und ernährt», sagt Reichler. «Sie haben eindeutig die besseren Startbedingungen als Welpen aus dem Ausland.»
 

«Es gibt Leute, die lassen das kranke Tier einfach einschläfern und besorgen sich ein neues. Für uns sind solche Fälle eine grosse Belastung.»

Iris Reichler, Professorin für Reproduktionsmedizin


Hunde sind typische Nesthocker. Ihr einziger Schutz ist Muttermilch, ihr Immunsystem braucht mehrere Monate, bis es vollständig entwickelt ist. «Egal, woher die importierten Welpen stammen, sie haben kaum Abwehrkräfte, sind häufig schlecht geimpft und haben Darmparasiten. Sie erkranken deshalb viel eher als erwachsene Hunde», sagt Reichler.

Die lange Reise in einer kleinen Box, die hohe Keimbelastung in engen Transportern mit vielen anderen Tieren, die Trennung von der Mutter: «Das ist Stress pur und macht einen Welpen anfällig für alle möglichen Krankheiten.» Wenn ein Welpe an Parvovirose erkrankt, heisst das: Durchfall, Erbrechen, Apathie, keine Nahrungsaufnahme. Das Tier muss rund um die Uhr in einem speziellen Isolationsraum betreut werden. Das bedeutet hohe Kosten für Besitzerinnen und Besitzer.

«Wir bringen die Welpen in den allermeisten Fällen durch», sagt Iris Reichler, «sofern die Besitzer bereit sind, für die Behandlungskosten aufzukommen.» Im Tierspital sind das bei einem schweren Parvovirose-Fall schnell einmal 3500 bis 5000 Franken – viel Geld für einen Hund, der mit ein paar Klicks für ein paar hundert Franken bestellt wurde. «Es gibt Leute, die lassen das kranke Tier einfach einschläfern und besorgen sich ein neues», sagt Reichler. «Für uns sind solche Fälle eine grosse Belastung.»

Das Schweigen der Käufer

Viele Hundekäufer Hundehaltung Tipps für die Anschaffung eines Hundes stellen erst im Nachhinein fest, dass sie betrogen wurden. Sie sehen zwar, dass sie einen Fehler gemacht haben. Den Hund wollen sie trotzdem nicht wieder hergeben. Deshalb schweigen sie.

Auch Conny und Stefan K. Wenn er daran denke, wie sie im Thurgau bei Monika H. auf dem Sofa dem herzigen Chihuahua-Welpen den Kopf kraulten, müsse er sich eingestehen: «Ich habe mich komplett blenden lassen», sagt Stefan K. Zwar konnte Monika H. keinen Stammbaum für das angebliche Rassetier vorweisen. Und sie wollte auch partout nicht sagen, woher der ­Welpe stamme. Conny und Stefan K. kauften den «reinrassigen» Hund trotzdem.

Als sich der kleine Hund dann einige Wochen später plötzlich eigenartig verhielt, veranlasste Stefan K. einen Gentest. Das Ergebnis erstaunte ihn dann nicht mehr wirklich: Sein Chihuahua hatte mit keiner der beim DNA-Labor hinterlegten 33 Referenzrassen eine Übereinstimmung von mehr als 30 Prozent. Anders gesagt: Der Welpe ist eine slowakische Strassenmischung.

Wahrscheinlich irgendwo in einer der berüchtigten Zuchtfabriken geboren, von unbekannten Händlern zu Monika H.s Sammelstelle östlich von Bratislava gebracht. Von dort im weissen Range Rover 1000 Kilometer in den Thurgau gefahren. Online ausgeschrieben, in der Vorführwohnung präsentiert und verkauft gegen bar. Monika H.s Marge: mindestens 500 Franken.

Stefan K. will jetzt sein Schweigen brechen. «Ich werde gegen die Hundehändlerin Straf­anzeige einreichen.»

 

  • Mitarbeit: Laura Kellöová («Aktuality.sk») und Sylvia Revello («Le Temps»)

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