Der kleine Willy klettert den knorrigen Stamm der alten Eiche hoch, kraxelt auf den dünnen Ast - vier Meter über dem Boden - und winkt. Jetzt reisst bei Papa der letzte Nerv. Er springt von der Bank auf, läuft zum Baum und ruft dem Sohnemann zu, er solle sofort herunterkommen. Das ist genau verkehrt. «Klettert ein Kind ohne fremde Hilfe auf einen Baum, kommt es auch selber wieder herunter», sagt Toni Anderfuhren, der unter anderem Spielräume mit Kindern entwickelt. Rufe man dem kleinen Kletterer hingegen plötzlich zu, wie gefährlich es da oben sei, werde er abgelenkt, es könne zu einer Stresssituation kommen - und im schlimmsten Fall zum Sturz.

«Um Risiken einschätzen zu lernen, müssen Kinder freie Entscheidungen treffen können», bestätigt Manfred Engel von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Kinder sollten zwar beaufsichtigt werden, das heisse aber noch lange nicht, dass man sie ständig an der Hand halten müsse. Gesunder Menschenverstand ist gefragt. Und starke Nerven.

«Eltern sind ängstlicher als früher», sagt Marco Hüttenmoser, Gründer der Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt». Das habe auch damit zu tun, dass viele Eltern nur noch ein oder zwei Kinder haben und diese mehr behüten. Ein Kind muss jedoch seine wachsenden Fähigkeiten und deren Grenzen kennenlernen. «Sägen Sie alle Äste vom Baum ab, damit das Kind nicht klettern kann, verweigern Sie ihm eine Gelegenheit, seine Körperkoordination zu entwickeln.»

Also wegschauen und machen lassen? «Aber natürlich», sagt Toni Anderfuhren. Denn die Optik des Erwachsenen konzentriere sich auf Unfälle. Aber das Kind brauche diese Erlebnisse: Einige schlagen sich immer wieder an und erfahren so, dass zum Beispiel Tischecken stärker sind als die eigene Haut oder die Knochen. Andere träumen beim Laufen vor sich hin und fallen auf die Nase. Kinder müssen ihre Erfahrungen auch unbeobachtet machen können - vorausgesetzt, der Spielort ist verkehrsfrei.

Spass haben und Grenzen erfahren
Da sieht Marco Hüttenmoser das Hauptproblem: «Es fehlt der geeignete Raum, wo Kinder sich austoben können.» Das muss nicht ein hochtechnisch ausgerüsteter Spielplatz sein - ein Hinterhof oder ein Stück verkehrsberuhigte Strasse vor der Haustür tun es auch. «Die Kinder werden mit Kreide den Boden bemalen, Bretter aus dem Keller holen und alte Leintücher aus dem Schrank.» Sie besetzen einen Teil der Strasse.

«Es müssen nicht immer Spielgeräte sein», erklärt Manfred Engel, «auch mit einem umgefallenen Baum im Wald können Kinder viel Spass haben und ihre Grenzen erkennen.» Das grösste Risiko seien weder die Geräte noch der Baum, sondern der Faktor Mensch: Unsere Kinder sind motorisch immer schlechter entwickelt, weil sie sich zu wenig bewegen, sich falsch ernähren und oft zu dick sind.

«Spielen Sie mit!», fordert Toni Anderfuhren. Nicht nur um der Bewegung willen, sondern auch, um die Angst abzubauen. Man lerne, die Risiken zu bewerten. Und: «Da gibts doch so etwas wie den gesunden Menschenverstand - und der wächst im Spiel mit den Kindern.» Wer aktiv ist, auch mal über wacklige oder glitschige Steine läuft, mal wieder ausrutscht und auf die Nase fällt, kann die scheinbare Gefahr relativieren: Sie wird rasch zum spannenden Teil des Spiels - und einschätzbar.

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Gefahren abschätzen: Vorsicht oder Gelassenheit?

Wo Sie eingreifen müssen

  • im Strassenverkehr
  • wenn Ihr Kind mit etwas spielt, was nicht dazu geeignet ist (Messer, Küchengeräte)
  • wenn es Geräte oder Werkzeuge zweckentfremdet (Holz schnitzen mit der Nagelschere)
  • wenn es Sportgeräte benutzen will, bevor es dafür alt genug und für den Umgang damit geschult worden ist
  • wenn es inaktiv ist und nur noch vor dem Fernseher oder dem Computer hockt


Das sollten Sie geschehen lassen

  • wenn Ihr Kind mit oder auf altersgerechten Geräten spielt
  • wenn es nass oder dreckig wird
  • wenn es sich in «freier Wildbahn» austobt: im Wald hinterm Haus, in der stillgelegten, frei zugänglichen Kiesgrube, am Bach, auf der Wiese
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