Pro Monat 685 Franken. So wenig erhält Meredith Nellen* als halbe IV-Rente. Obwohl sie 31 Jahre lang in die Kasse eingezahlt hat. IV-Renten werden aufgrund des durchschnittlichen Jahreseinkommens berechnet. Das betrug bei Meredith Nellen lediglich rund 22'000 Franken für ihre Arbeit als Köchin.

Was sie sonst noch geleistet hat, wird nicht in die Waagschale gelegt. Sie hat das Kind ihrer Schwester grossgezogen. Hat gewaschen, geputzt, gekocht. Fieber gemessen. Bei Ufzgi geholfen. Sich gekümmert, gesorgt. Und sie musste einen unvorstellbaren Verlust verarbeiten, der sie bis heute verfolgt: Am 14. September 1996 wurde Meredith Nellens Schwester Christine E. in ihrer Wohnung erschossen. Sie hinterliess Trauer, Leid, eine unfüllbare Lücke – und ein sechs Monate altes Baby: Linda*. 

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Mit dem Baby zurück zur Normalität

Kreativ und intelligent sei das Mädchen schon immer gewesen, sagt Nellen. Und zäh wie ein Bambusstock. «Sie sieht auch heute noch aus wie ein Zierpflänzchen. Aber sie hatte immer einen eigenen Kopf.»  Der leibliche Vater von Linda lebt im Ausland, hat nie Verantwortung übernommen. Und wenn die Mutter mal nicht in der Lage war, sich um ihr Baby zu kümmern, sprangen Meredith Nellen und ihr damaliger Mann ein.

«Nach dem Tod meiner Schwester durften wir Linda ganz zu uns nehmen.» Dürfen? Das Ehepaar Nellen wohnte in einem Wohnwagen. «Weil wir wissen wollten, wie es ist, so zu leben.» Es sei nicht einfach gewesen, das Jugendamt zu überzeugen, ihnen das Kind anzuvertrauen. «Wir mussten sogar einen Tuberkulosetest machen.» Schliesslich hätten die Zuständigen aber erkannt, wie gut es Linda bei ihnen habe, was für eine enge Bindung bereits bestand.

Es sei ein grosses Geschenk gewesen. «Wir, die ganze Familie, waren traumatisiert durch den Mord an meiner Schwester. Das Baby, diese riesige, aber wunderschöne Aufgabe, half uns, in die Normalität zurückzukehren.»

«Offiziell gelte ich als ungelernte Hilfskraft. Das trifft einen schon.»

Meredith Nellen*, ehemalige Küchenleiterin
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Kaum Unterstützung von öffentlicher Seite

Von öffentlicher Seite gab es wenig Hilfe. Zwar standen Meredith Nellen pro Monat 970 Franken Unterhalt für Kleidung, Essen und dergleichen zu. Kinderzulagen aber gab es nicht. Auch keine Erziehungsgutschriften Konkubinat So regeln Unverheiratete die Erziehungsgutschriften , die bei der Berechnung der AHV angerechnet werden. Und schon gar keine Betreuungsentschädigung dafür, dass sie das Kind grosszog und deshalb nicht oder nur wenig arbeiten gehen konnte.

Das ist dem Föderalismus geschuldet: Anders als in anderen Kantonen erhielten in Basel-Stadt bis vor kurzem nur nicht verwandte Pflegeeltern Pflegeeltern werden Wir wollen ein Pflegekind. Wie gehen wir vor? eine solche Entschädigung. Erst 2019 wurde das Gesetz angepasst. Seither bekommen – abgesehen von Grosseltern – auch Verwandte Betreuungsgeld. Also auch Tanten wie Meredith Nellen. 

Ungleichmässig verteilte Resilienz

Linda entwickelte sich gut, die Ehe weniger. Nach 25 Jahren trennten sich die Menschen, die zu ihren Eltern geworden waren. Linda war zwölf und Meredith Nellen alleinerziehend Alleinerziehende Fürs Alter sparen geht kaum . «Ich arbeitete so viel, wie es irgendwie ging, hatte zeitweise zwei Jobs .» Es sei ihr immer wichtig gewesen, dass es Linda an nichts fehlte, dass sie nicht zu spüren bekam, wie knapp das Geld war. Selbst den Wunsch nach Cellounterricht erfüllte sie ihr. «Linda sollte ihr Potenzial voll ausschöpfen können.»

Und sie gab dem Kind etwas, was sie selbst und ihre jüngere Schwester nur spärlich bekommen hatten: Liebe. «Schon unsere Eltern hatten keine schöne Kindheit gehabt. Weil sich solche Schicksale quasi weitervererben, habe ich alles getan, diese Kette zu unterbrechen.»

Resilienz nennt man die Fähigkeit, mit Schicksalsschlägen zurechtzukommen, sich von Ungerechtigkeiten, von schlimmen Erlebnissen nicht nachhaltig aus der Bahn werfen zu lassen. Manche haben mehr davon, andere weniger. Und selbst innerhalb von Familien ist psychische Widerstandsfähigkeit Wie widerstandsfähig sind Sie? Der Resilienz-Selbsttest oft nicht gleichmässig verteilt. Während Meredith, die bereits mit 16 von zu Hause abgehauen war, ihre Kindheit und Jugend zumindest vordergründig verarbeiten konnte, rutschte die ein Jahr jüngere Christine in die Drogen ab. «Die Drogen waren ihre Selbstmedikation», sagt ihre Schwester.

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«Ich empfinde es als Affront, dass meine Erziehungsarbeit so wenig wertgeschätzt wurde.»

Meredith Nellen*, Pflegemutter

Nur der Täter weiss, was geschah

Das Plus an Resilienz hatte Meredith Nellen ihr Leben lang nötig. Zum Beispiel an jenem Septembertag vor 24 Jahren, als gegen Mitternacht die Polizei anrief. Ihre Schwester sei umgekommen, sie sei einer schweren Kopfverletzung erlegen.

Später wird sie erfahren: Nachmittags um drei hatte der Täter Opfer einer Straftat Den Täter anzeigen? , ein gelernter Landwirt, Christine zu Hause aufgesucht. Er wollte sich 200 Franken zurückholen, die sie ihm angeblich von einem Drogendeal her schuldete. Wie üblich hatte er auch an jenem Tag 60 bis 80 Milligramm Methadon konsumiert, zusammen mit einem halben Gramm Heroin und etwas Kokain, hält der Untersuchungsbericht fest. Unter der Sympatex-Jacke hatte er seine geladene Armeewaffe Prävention bei Depression Armeewaffe hinterlegen , ein Sturmgewehr, versteckt.

Was genau geschah, weiss niemand ausser dem Täter. Gesichert ist, dass er der 30-jährigen Frau in den Kopf schoss. Ihm sei «der Faden gerissen», sagte er später vor Gericht aus. Meredith Nellen engagiert sich seither für eine Verschärfung des Waffengesetzes. «Wenn der Täter keine Armeewaffe zu Hause gehabt hätte, würde Christine möglicherweise noch leben.» 

Vorrat an Resilienz aufgebraucht

Wie und wann erklärt man einem Kind, dass man nicht die leibliche Mutter Adoption Die Suche nach den Wurzeln ist? Dass die «richtige» Mutter ermordet wurde? «Wenn man auf den richtigen Moment wartet, hat man immer eine Ausrede. Es könnte ja noch ein besserer Moment kommen. Deshalb habe ich Linda die Geschichte schon erzählt, als sie noch ein Baby war.» So habe sie sich selber ausgetrickst. «Später habe ich jede Frage von Linda so ehrlich wie möglich und so altersgerecht wie nötig beantwortet.»

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Die Jahre vergingen. Meredith Nellen fand eine neue Liebe. Linda machte die Matura, verliebte sich ebenfalls, verliess mit knapp 20 das Elternhaus. Zwei Wochen nachdem sie ausgezogen war, wachte Meredith Nellen eines Morgens auf. Neben ihr im Bett ihr Partner. Regungslos. Tot. Ein Herzinfarkt Reanimation So reagieren Sie richtig bei einem Herzinfarkt , ohne Vorzeichen.

Meredith Nellens Vorrat an Resilienz war aufgebraucht. «Ich hatte so viele tolle Menschen um mich herum, meine Tochter Linda, ihren Partner, Freunde, die mir durch diese Zeit halfen. Trotzdem brach vieles in mir auf.» Sie rutschte in eine tiefe Depression, verbrachte Zeit in einer Klinik. 

Pflegemutter sitzt in unaufgeräumter Küche
Quelle: Andreas Gefe

Aus der Bahn geworfen

21 Jahre lang hatte Meredith Nellen in einer öffentlichen Tagesschule für Kinder mit Beeinträchtigung gearbeitet, als Leiterin der Schulküche. Als Kind der Achtzigerjahre war sie eine Vorreiterin der Bioküche. Nebenbei hatte sie zusammen mit ihrem Partner bis zu dessen Tod einen Catering-Service betrieben, alles selbst gemacht, bis hin zum Brot. Saisonal, regional. Bio, wenn immer möglich. «Was früher als Chörnlipickertum verschrien war, galt plötzlich als Königsweg in der gesunden, vernünftigen, umweltverträglichen Ernährung.»

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Dass «ihre» Schulküche als einzige im Kanton Basel-Stadt die «Fourchette verte» erhielt, ein Qualitätslabel für ausgewogene und nachhaltige Ernährung in der Gemeinschaftsgastronomie, nützt Nellen heute nichts. Sie, die früh von zu Hause ausgezogen war, hat keinen Abschluss Junge verpassen Anschluss Nach der Schule in die Leere vorzuweisen. «Offiziell gelte ich, so steht es zumindest in der IV-Verfügung, als ungelernte Hilfskraft. Das trifft einen schon. Ich habe meine Arbeit geliebt, es war mein Traumjob.»

Doch Hektik ist Normalität, wenn jeden Tag 90 Dreigänger bereitgestellt werden müssen. Nellens Versuche, wieder zu arbeiten, scheiterten. «Sobald Stress Stress Wenn man ständig auf der Überholspur lebt aufkam, hielt ich es nicht mehr aus und rutschte in meine Depression», erzählt die 55-Jährige. Irgendwann kamen beide Seiten zum Schluss: Das wird nichts mehr. Meredith Nellen verlor ihre Stelle.

Die mickrige Rente als Affront

Heute arbeitet sie zu 30 Prozent als Köchin in einer Kinderkrippe. An manchen Tagen geht es besser, an anderen schlechter. «Aber wegen des Coronavirus ist jetzt sowieso geschlossen.» «Sie haben ja schon ein Scheissleben», sagte eine Ärztin einmal zu Nellen. Die sagt: «All die Vorkommnisse, auch die Geldnöte, haben bei mir über die Jahre nie zu Bitterkeit geführt.»

Dann aber kam der Bescheid für diese mickrige Rente. «Da hat es mir wirklich gereicht.» Mit ihrer Teilzeitanstellung verdient Nellen 1300 Franken. Ihr kleiner Batzen Erspartes ist bald aufgebraucht. «Ich werde nächsten Monat Ergänzungsleistungen beantragen müssen.»

Sie nähme Linda jederzeit wieder zu sich, sagt Meredith Nellen. «Es ging mir ja nie ums Geld. Aber ich empfinde es als Affront, dass meine Erziehungsarbeit so wenig wertgeschätzt wurde und wird.» Linda studiert heute Psychologie. Sie will als Kinderpsychologin arbeiten. Und sie ist zutiefst froh, dass sie bei der Schwester ihrer Mutter gross werden durfte und nicht in ein Heim oder in eine fremde Pflegefamilie kam.

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*Name geändert

Mehr zu den Leistungen der IV bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Neben einer Rente bezahlt die Invalidenversicherung Leistungen, die den Alltag der Betroffenen erleichtern und die soziale wie berufliche Integration fördern soll. Mitglieder von Guider erfahren nicht nur, wie hoch diese Leistungen sein können, sondern auch welche Voraussetzungen für das Beantragen erfüllt sein müssen.

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