Pendler sind so verbreitet, dass sie bereits als typisches Phänomen der Moderne gelten. Der deutsche Soziologe Norbert Schneider etwa spricht von einer «Kultur der Beweglichkeit»: Wer heute nicht möglichst frei, ungebunden und beweglich ist – auch im Geiste –, der wird abgehängt. Der durchschnittliche Zeitaufwand für den Arbeitsweg ist zwar in den letzten Jahren nicht stark gestiegen (siehe Grafik unten) – doch die Umstände zwingen immer mehr Pendler zu langen Wegen.

Denn moderne Unternehmen sind oft an mehreren Standorten ansässig. Zugleich entstehen viele Firmen, die Angestellte mit Laptops ausrüsten und sie alle paar Monate irgendwo anders hin zur Arbeit schicken.

Viele Menschen träumen zudem vom Häuschen im Grünen, während die Arbeitsplätze sich auf die städtischen Zentren konzentrieren. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten kommt hinzu: Auch die Arbeitslosenversicherung pocht auf Beweglichkeit. Eine Stelle, für die man täglich vier Stunden pendeln muss, gilt als zumutbar.

Klicken Sie auf die Grafik, um sie vergrössert anzuzeigen. Quelle: Bundesamt für Statistik; Infografik: beo/dr

Quelle: Dominic Büttner
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Fortschreitende Entwurzelung

Der Zwang zur Mobilität hat seinen Preis. Besonders belastend sind lange Wege oder ständig wechselnde Arbeitsorte für Paare und Eltern: Am Arbeitsort können sie kaum Freundschaften aufbauen, weil sie immer gleich nach Hause müssen. Die Zeit, die ihnen dort fürs Familienleben bleibt, ist sehr knapp. Die Folge: Die Verwurzelung mit Wohnort, Familie und Freunden lockert sich; das kann zu Orientierungslosigkeit und Identitätsverlust führen. In einer Studie der Uni Mainz gaben 69 Prozent der befragten Langstreckenpendler und 62 Prozent ihrer Partner an, dass sie diese Lebensart belastend finden.

«Manchmal habe ich das Gefühl, etwas zu verpassen.» Oliver Oberlach, IT-Berater (mit Ehefrau Birgit und Hannah und Jonas)

Quelle: Dominic Büttner

Fahrzeit: je nach Verkehrslage gesamthaft zweieinhalb bis drei Stunden

Jonas hat keinen Bock, sich auf den eigenen Stuhl zu setzen. Viel lieber bleibt der Einjährige auf den Knien seines Vaters Oliver Oberlach. Auch der frisch gebackene Kuchen vermag den Kleinen nicht zu überzeugen: Jonas will nicht Kuchen, sondern Papa. Dasselbe gilt für die dreijährige Hannah. Sie tänzelt unentwegt um den Vater herum, zupft an Ärmel und Hosenbein, will ihm mal dies zeigen, dann jenes erzählen. Oliver Oberlach geniesst die Aufmerksamkeit seiner Sprösslinge. Die Zeit mit ihnen ist stets zu knapp bemessen. «Er geht morgens früh weg, kommt abends spät zurück, oft sind die Kinder dann bereits im Bett», erklärt Mutter Birgit Oberlach.

Die Familie lebt im deutschen Schopfheim bei Lörrach. Oliver Oberlach aber arbeitet in Zürich. Und so sitzt der IT-Berater täglich rund zweieinhalb bis drei Stunden im Auto. Kommt es unterwegs auch noch zu Staus, empfindet Oberlach die Situation als besonders belastend. «Da wünscht man sich schon einen kürzeren Arbeitsweg.» Für Termine beim Zahnarzt oder in der Autogarage muss er meist einen halben Tag freinehmen. Zu Hause fehlt er besonders während turbulenteren Phasen: «Wenn die Kinder krank sind oder sonst viel los ist, bleibt alles an mir hängen», sagt Birgit Oberlach.

«Lieber so als einen unzufriedenen Mann»

Manchmal beneidet sie ihren Mann um die Stunden, die er allein im Auto verbringt. «Es ist nicht gänzlich nutzlose Zeit, ich höre Musik oder Podcasts und lasse den Arbeitstag Revue passieren», so Oliver Oberlach. Doch er bedauert manchmal, nach Feierabend nicht öfter etwas mit Arbeitskollegen unternehmen zu können. «Manchmal habe ich das Gefühl, etwas zu verpassen.» Doch: «Ich habe einen tollen, gut bezahlten Job, der mir sehr viel Spass macht», sagt er. «Mir ist es lieber, ich habe einen Mann, der Freude an seinem Beruf hat, als einen, der zwar oft zu Hause ist, aber unzufrieden», pflichtet Birgit Oberlach bei.

Ein Umzug in die Schweiz steht nicht zur Diskussion: Die Grosseltern wohnen im gleichen Quartier, Birgit Oberlach ist im Nachbardorf als Lehrerin angestellt, und die Familie lebt in einem selbst gebauten Eigenheim. Die spärliche Familienzeit hat auch Vorteile: «Gerade weil wir so wenig gemeinsame Zeit verbringen können, ist diese umso wertvoller. Wir geniessen sie viel bewusster», sagt Birgit Oberlach.

«Manchmal habe ich Angst, zum Eigenbrötler zu werden.»: Klaus Schneeberger, Bauleiter Neat-Baustelle

Quelle: Dominic Büttner

Fahrzeit: je nach Verkehrslage gesamthaft drei bis vier Stunden

Klaus Schneeberger ist Bauleiter im Neat-Tunnel. Seit über einem Jahr pendelt er zwischen Erstfeld und seinem Zuhause Lörrach ennet dem Rhein. Das Familienleben der Schneebergers verläuft exakt nach Plan. Genauer gesagt, nach Schichtplan: zwei Tage hier, sieben Tage dort, drei Tage hier, zwei Tage dort. «Wir haben allen für uns wichtigen Personen einen Plan kopiert», sagt Erika Schneeberger und tippt mit dem Zeigefinger auf das Papier. «Das kann sich ja kein Mensch merken.»

Das System mit den Schichttagen bringt es mit sich, dass die Schneebergers einander nicht einmal jedes Wochenende sehen. Gemeinsame Aktivitäten mit Familie oder Freunden müssen Monate im Voraus geplant werden. Oft kommt es vor, dass Klaus Schneeberger zwar freihat, sich das Paar aber dennoch nur kurz über Mittag sieht. Erika Schneeberger ist berufstätig und auch in der Freizeit vielseitig engagiert. «Ich arbeite im Nachbardorf. Im Sommer radelt er dann rüber, so dass wir uns in der Mittagspause wenigstens kurz mit einem Sandwich auf eine Bank setzen können», erzählt sie.

«Eine Welt, in die ich nicht gehöre»

Für die Beziehung ist dieses Leben eine Belastungsprobe. «Das erste halbe Jahr habe ich gehadert», gesteht Erika Schneeberger. Doch ihre Söhne hätten sie unterstützt. «Sie sagten: ‹Mama, wir sind für dich da.›» Sie geben es ungern zu, doch manchmal sind Michael, 17, und Alexander, 15, sogar ganz froh darüber, dass Klaus Schneeberger nicht immer anwesend ist. «Ich bin in der Erziehung schon etwas konservativer als meine Frau», erklärt dieser schmunzelnd.

Nicht selten kämpft auch er mit der Situation. «Manchmal habe ich Angst, zum Eigenbrötler zu werden.» Das Leben mit den Kumpels unter Tage ist rau, die Schichtpausen verbringt er oft allein beim Wandern oder Gleitschirmfliegen. Während Erika Schneeberger stets weiss, ob er gerade im Tunnel ist oder in der Pause, vergisst er bisweilen ihre Termine, ruft an, wenn sie in der Musikprobe sitzt. «Er lebt dort in einer Welt, in die ich nicht gehöre», sagt sie.

Dennoch sind beide überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben. Schneeberger ist in einem Baubetrieb aufgewachsen, die Neat-Baustelle ist für ihn ein Traum. «Für einen Tunnelbauer ist der Gotthard das Grösste.» Es ist seine Begeisterung, die sie die Nachteile dieses Lebens nach Schichtplan wegstecken lässt. Und das Ende ist absehbar. Im Spätsommer 2010 soll seine Arbeit an der Röhre fertig sein. Danach wartet die nächste Baustelle, irgendwo.

«Man weiss nie, ob es vielleicht das letzte Mal ist, dass man jemanden sieht.»: Fritz Reimann, Korrespondent beim Schweizer Fernsehen (mit Tochter Giulia und Ehefrau Daniela)

Quelle: Dominic Büttner

Etappen einer nomadisierenden Familie: 1. Thun, 2. Zürich, 3. Schwerzenbach, 4. Busswil, 5. Thun, 6. Nyon, 7. Washington, 8. Bern

Giulia Reimanns Herkunft ist ungewöhnlich: «Ich bin in Zürich geboren, meine Eltern stammen aus Thun, ich fühle mich ein wenig als Amerikanerin und lebe in Bern», sagt die 20-Jährige und lacht. Nein, Mühe hat sie nicht damit, ihr ganzes bisheriges Leben eher nomadisch verbracht zu haben. Im Gegenteil: «Ich merke jetzt, wie viel ich davon profitiert habe. Ich spreche drei Sprachen fliessend.» Und sie sei ein weltoffener Mensch, der auf andere zugeht. «Ich denke schon, dass jemand, der immer wieder von vorn anfangen muss, auch offener wird für Neues», sagt Giulias Mutter, Daniela Reimann.

Der Beruf von Fritz Reimann, Korrespondent beim Schweizer Fernsehen, bringt es mit sich, dass die Familie dem Arbeitsort des hauptsächlich berufstätigen Elternteils jeweils mit Sack und Pack hinterherzieht. Ihre Zügelchronik liest sich wie ein Reisetagebuch. Es beginnt 1986 und endet (vorläufig) 2006: von Thun nach Zürich, dann nach Schwerzenbach. Als Fritz Reimann Bundeshauskorrespondent wurde, zog man nach Busswil, drei Jahre später zurück nach Thun. 1992 übernahm der Vater den Korrespondentenposten in der Westschweiz, die Familie zog nach Nyon. 2001 der bisher einschneidendste Wechsel: Die Reimanns übersiedelten nach Washington. Seit zweieinhalb Jahren berichtet Fritz Reimann wieder aus Bern, wo die drei heute leben.

Neue Möbel kaufen? Warum denn?

Dem Besucher offenbart sich das Unstete indirekt in der Wohnungseinrichtung. Fritz Reimann hebt die über dem Fauteuil liegende Decke und deutet auf den zerrissenen Bezug: «Wenn man alle paar Jahre zügelt, überlegt man sich dreimal, ob man Geld in neue Möbel investieren soll, die dann in der nächsten Wohnung vielleicht nicht passen», erklärt er. In Nyon hätten sie jahrelang mit einer grossen weissen Wand gelebt. Was soll man Nägel einschlagen, wenn man ohnehin auf dem Sprung ist?

Die vielen Umzüge waren besonders für Giulia nicht immer einfach. «Ich knüpfe leicht Kontakte, aber manchmal vermisse ich eine gute Freundin, die ich schon seit Kindertagen kenne.» Der Gedanke, die Tochter immer wieder aus ihrem Umfeld zu reissen, bereitete den Eltern einige schlaflose Nächte. Das Chaos kurz vor dem Umzug, wenn der Job angenommen, aber noch keine Wohnung gefunden ist, drückt bisweilen auf die familiäre Stimmung. Auch Abschied zu nehmen war manchmal schwierig. «Man weiss nie, ob es vielleicht das letzte Mal ist, dass man jemanden sieht», sagt Fritz Reimann. Doch er sieht gerade darin eine grosse Chance: «Es stärkt das Bewusstsein, dass alles vergänglich ist.»