Sie erinnert sich genau: «Ich hatte gerade erst die Scheidung eingereicht. Er kam angetrunken nach Hause, und als ich zu Bett gehen wollte, grabschte er plötzlich nach mir und wollte Sex. Er sagte: ‹Du bist ja immer noch meine Frau›», erzählt Katrin Jelzer* (Name geändert). «So oft hatte ich es vorher über mich ergehen lassen, damit er die Kinder nicht bestraft. Verweigerte ich mich, liess er es 
an ihnen aus, war gemein und brutal.» Jetzt aber konnte sie nicht mehr. Und sie war überzeugt, dass er es sonst vor Gericht gegen sie verwenden würde. Denn er wollte die Scheidung nicht.

«Er schränzte mir den Baumwollslip vom Leib. Ich wehrte mich mit Händen und Füssen, es war ein richtiger Kampf. Die Kinder wollte ich nicht rufen, sie sollten ihren Vater nicht so sehen.» Irgendwann konnte sie sich losreissen. In der Not schlief sie dann im Zimmer ihrer beiden jüngeren Söhne, aber sogar dort betatschte er sie vor deren Augen. «Als ich am nächsten Morgen das Bett machte, sah ich, dass mein 15-Jähriger 
das Pfadimesser unter sein Kissen gelegt hatte. Es war Kriegszustand bei uns», sagt sie.

«Plötzlich grabschte er nach mir. Er sagte: ‹Du bist ja immer noch meine Frau.›»

Katrin Jelzer, 83, erinnert sich.

Das war 1976. 44 Jahre sind seither vergangen. «Ich habe Glück gehabt. Mein richtiges, freies Leben fing erst nach der Scheidung an.» Mittlerweile ist Jelzer 83 Jahre alt, ihr Ex-Mann verstorben. Sie hätte es nie gedacht, aber im Rentenalter verliebte sie sich nochmals. Beim Tschau-Sepp-Spielen in den Veloferien mit den Naturfreunden. Sie hatten nur sieben gemeinsame Jahre, bis er starb. «Aber was für eine Zeit! Diese Jahre haben alles gutgemacht, mein Leben abgerundet und einen Balsammantel über meine Wunden gelegt. Die schönen Erinnerungen tragen mich bis ins Grab», schwärmt sie.

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Der Triggermoment

Und trotzdem – als Katrin Jelzer vor kurzem im Beobachter einen Artikel über sexuelle Gewalt las, wühlte sie das dermassen auf, dass sie der Redaktion einen Brief schrieb. «Ich bin nicht nahe am Wasser gebaut, aber jetzt rinnen sie wieder, die Tränen», stand da. Eigentlich sei sie der Meinung gewesen, sie habe die Sache überwunden. Beim Lesen wurde aber alles wieder lebendig.

«Das ist nicht ungewöhnlich. Auch so lange Zeit nach einer traumatischen Erfahrung nicht. Die Zeit heilt nicht alle Wunden», erklärt Rosmarie Barwinski vom Schweizer Institut für Psychotraumatologie. Traumata würden im Gedächtnis nämlich anders gespeichert als andere zentrale Erlebnisse. «Wenn traumatische Erfahrungen nicht überwunden werden, bleiben sie stecken und werden zum Beispiel durch ein ähnliches Erlebnis oder irgendeinen anderen Anlass wieder ausgelöst. Als Trigger kann alles Mögliche dienen, etwa ein Geruch», sagt Barwinski.

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1976 versuchte Jelzer, sich den Mann mit allen Mitteln vom Leib zu halten. Schnellstmöglich aus der bedrohlichen Situation herauszukommen. Nach dem schweren sexuellen Übergriff riet ihr Scheidungsanwalt, Klage einzureichen und eine vom Gericht verordnete sofortige Wegweisung zu erwirken. Sie stimmte zu. Sie hoffte, ihr Mann müsse die Wohnung verlassen.

Den Einzelrichter, der kurz vor Weihnachten 1976 gegen sie entschied, hat sie nie gesehen. Nur die Gerichtsschreiberin, die die Aussagen festhielt. «Mein Mann hat gelogen und behauptet, ich hätte einen heissen Striptease vor ihm abgezogen, bevor ich mich ihm verweigerte. Und er kam damit durch. Ich habe nie wieder einen so perfekten Lügner getroffen. Es war unheimlich», sagt sie. «Der Entscheid war niederschmetternd. Demütigend. Ein Fehlurteil! Dass das Gericht 
ihn nicht aus der Wohnung verwies, hat ihn in seinem Verhalten bestärkt und alles verschlimmert. Das war die grösste Schmach meines Lebens», sagt Jelzer. In ihrer Stimme hört man den Schmerz von damals – auch Jahrzehnte später.

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Kein Wunder, sagt Psychotraumatologin Barwinski. «Man zweifelt sowieso an sich selbst in so einer Situation. Und wenn der Sachverhalt juristisch nicht anerkannt wird, kann einem das den Boden wegziehen.» Sehe man sich durch eine äussere Gerechtigkeit bestätigt, könne man sich wenigstens daran etwas festhalten.

Monatelanges Ausharren

Erst Ende März wurde über seinen Auszug verhandelt. Noch bis am 1. Mai 1977 konnte der Mann, der sie mehrfach sexuell angegriffen hatte, in der Wohnung bleiben. «Diese Monate waren der blanke Horror. 
Er hat uns nur noch ‹zleid gwercht›.» Der älteste Sohn zog kurz darauf aus, sie konnte in sein Zimmer. Doch um ihren Mann auf Abstand zu halten, musste sie sich verbarrikadieren. Er hatte alle Schlüssel abgezogen und die Schlösser so präpariert, dass man nicht abschliessen konnte. 

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Der jüngere Sohn, der eine Schreinerlehre machte, brachte ihr eine Holzlatte, die sie unter die Türfalle klemmte. «Sonst hätte ich gar 
nicht schlafen können.» Aber das merkte der Ehemann bald und zerbrach die Latte. Um sie dazu zu zwingen, aus dem Zimmer zu kommen, schloss der Vater sogar die Kinder aus der Wohnung. Danach versuchte sie, mit ihren Buben 
zu einer Freundin zu fahren, aber er verfolgte sie und quetschte sich hinten in ihren Mini rein. «So konnte ich natürlich nicht zu ihr und fuhr stattdessen direkt auf den nächsten Polizeiposten. Die halfen aber zuerst ihm. Erst nachdem ich ihnen die Situation klargemacht hatte, sagten die Polizisten zu ihm: ‹Lassen Sie Ihre Frau jetzt wenigstens schlafen!›»

Eine Freundin organisierte ihr später einen Keil, dank dem die Tür immerhin nur noch 20 Zentimeter aufgedrückt werden konnte. «Er ist zum Glück bald nicht mehr zu mir gekommen, weil er sich eine neue Freundin besorgt hatte. Aber bis er ganz aus der Wohnung raus war, hatte ich jede Nacht den gleichen Albtraum: Er schleicht sich rein, wickelt mir das Duvet um den Kopf und hält unten zu. Grausam», sagt Jelzer. Ständig hat er die Kinder schikaniert. Vor allem nachdem sie, wie vom Gericht verordnet, Briefe schreiben mussten, dass sie bei der Mutter bleiben wollten. «Alles war nur noch mühsam. Er hat sogar umso mehr darauf gepocht, dass zur richtigen Zeit das Essen auf dem Tisch steht, obwohl ich auch arbeitete.»

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«Dass die Frau trotz Gewalt in der Wohnung bleiben muss, das würde heute nicht mehr passieren.»

Peter Breitschmid, emeritierter Rechtsprofessor

In den Siebzigerjahren war einiges anders als heute. Der Ehemann war per Gesetz das Familienoberhaupt, Frauen mussten um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten wollten. Jelzer durfte zwar arbeiten – ihr Lohn ging aber direkt aufs Konto ihres Ehemannes. Erst ab 1988 basierte das Schweizer Eherecht auf Gleichberechtigung.

Vergewaltigungen Vergewaltigung Was tun nach der Tat? und sexuelle Übergriffe in der Ehe wurden sogar erst 1992 unter Strafe gestellt, zuerst als Antragsdelikt – das Opfer musste den Täter aktiv anzeigen. Es dauerte bis 2004, bis solche Vergehen zu einem Offizialdelikt wurden, sprich von Amtes wegen ermittelt werden müssen. «Dass die Frau trotz Anzeichen auf Missbrauch und Gewalt so lange noch mit dem Mann in einer Wohnung bleiben musste, das würde heute glücklicherweise nicht mehr passieren», sagt der emeritierte Rechtsprofessor Peter Breitschmid von der Universität Zürich. «Heute geht das sehr schnell. Man schickt den ‹Störer› vorerst einmal weg und klärt danach alles im Detail ab.»

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Erst 1979 war Katrin Jelzers langwierige Scheidung endgültig durch. 1978 zivilrechtlich – weil ihr Ex-Mann schon wieder heiraten wollte. Später güterrechtlich – nachdem Jelzer nachgegeben und auf die Hälfte von dem verzichtet hatte, was ihr eigentlich zustand. «Ich wollte einfach nur noch Ruhe haben.»
 

Au-pair mit 47

Die schrecklichen Erlebnisse prägten ihre Biografie. «Ich wollte nie mehr von einem Mann abhängig sein. Weder finanziell noch emotional», sagt Katrin Jelzer. Einige Jahre nach der Scheidung nahm sie sich eine längere Auszeit. Sie hatte nicht das Geld, um lang auf Reisen zu gehen, aber: «In der ‹Annabelle› las ich, dass Au-pairs gesucht werden. Also ging ich mit 47 Jahren für ein Jahr als Au-pair nach Kanada. Das hat mir gutgetan und mein Leben geprägt.» Sie lernte dort einen «Naturburschen» kennen und erlebte allerhand Abenteuer – sie gingen in die Natur, paddelten, fuhren Ski. Auch zurück in der Schweiz hatte sie Beziehungen. «Aber ich wollte keine festen Bindungen. Alle Männer waren vom selben Schlag: Sobald sie einen kannten, meinten sie, sie könnten über einen bestimmen.»

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«Beziehungstraumata erschüttern das Selbst- und das Weltverständnis», sagt Rosmarie Barwinski. Ein Mensch, den man geliebt hat, tut einem so etwas an. Das mache es schwierig, wieder Vertrauen in neue Beziehungen aufbringen zu können. «Menschen, die so etwas durchlebt haben, haben wahnsinnig Mühe, sich nochmals auf andere einzulassen. Das ist bei Beziehungstraumata viel ausgeprägter als bei anderen Traumatisierungsformen.»

In der Regel brauchten Menschen, die so etwas erlebt haben, eine Therapie, sagt Barwinski. Gerade bei einem massiven Trauma Trauma Ein Schock, der das Leben verändert . Je früher, desto besser. «Aber das ist ein Riesenschritt für viele. Heute sind wir viel mehr sensibilisiert, dass man so etwas fundiert aufarbeiten muss, als noch vor 30 oder 40 Jahren. In den Siebzigerjahren hatte Therapie eine andere Bedeutung, und die Hürde, eine zu machen, war viel grösser.

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In der Scheidungsphase machte Katrin Jelzer keine Therapie. «Meine Freundinnen haben mich in all den schlimmen Jahren getragen», sagt sie. Erst viel später suchte sie professionelle Hilfe. Nach dem Tod ihrer grossen Liebe belegte sie einen Biografiekurs und schrieb ein Buch über ihr Leben. Nur für sich selbst und ihre Familie. Die Aufarbeitung der schmerzhaften Vergangenheit wühlte sie auf. «Da brauchte ich eine Psychologin und habe zwei Jahre lang eine Therapie gemacht.»

Trotz allem – Jelzer ist eine Optimistin. Sie habe ein wunderschönes Leben, ihr gehe es gut. Nicht zuletzt, weil ihre Söhne andere Männer geworden seien, als ihr Erzeuger es war. Lachend erzählt sie: «Das gute Leben nimmt in meinem Buch doppelt so viel Platz ein wie das harte.»

«Die Jahre mit meiner späten Liebe haben alles gutgemacht, mein Leben abgerundet.»

Katrin Jelzer mit ihrem zweiten Ehemann
Quelle: Kornel Stadler
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