Die amerikanische Notenbank hat Ende Juli zum ersten Mal seit zehn Jahren die Leitzinsen gesenkt. In Europa und in der Schweiz sind sie seit Jahren im negativen Bereich. Und die Europäische Zentral­bank hat bereits weitere Zinsschritte angedeutet. Ob die Schweizerische Nationalbank (SNB) nachziehen wird, ist offen. Was aber ­bedeuten die Minuszinsen für Sparer, ­Anlegerinnen, Hausbesitzerinnen und die Altersvorsorge?
 

Die 12 wichtigsten Fragen und Antworten:

Wieso gibt es Negativzinsen?

Nach der Finanzkrise von 2008/2009 und der folgenden Eurokrise senkten die Zentralbanken die Zinsen radikal. Damit wollten sie den Zusammenbruch des Bankensystems verhindern. 2014 senkte die Europäische Zentral­bank die Zinsen sogar in den negativen Bereich. Das zwang die SNB nachzuziehen. Nur so liess sich eine weitere Aufwertung des Frankens verhindern. Am 15. Ja­nuar 2015 führte sie Zinsen von minus 0,75 Prozent ein. Sie wollte damit verhindern, dass noch mehr Anleger in den Franken flüchten.

«Weitere Zinssatzsenkungen wird die SNB kaum durchsetzen können», sagt Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhoch­schule Nordwestschweiz. «Es ist eher damit zu rechnen, dass sie wieder grosse Mengen an Devisen kauft, um eine weitere Aufwertung des Schweizer Frankens zu verhindern.»

Geben Banken die Minuszinsen bald an Kleinsparer weiter?

Bis jetzt verrechneten Banken die Negativzinsen nur institutionellen und sehr reichen Kunden. Die UBS hat jetzt ihre Regeln verschärft. Wer über zwei Millionen Franken cash hält, zahlt ab November einen Zins von 0,75 Prozent. Auch die Credit Suisse führt Negativzinsen auf hohe Euro-Bar­bestände ein. Kleinsparer bleiben bis auf weiteres verschont. Einzig die Alternative Bank Schweiz gibt Negativzinsen seit 2015 an alle ihre Privat­kunden weiter.

«Banken scheuen sich, die Negativzinsen breit zu verrechnen», sagt Karl Flubacher, Geschäftsleiter beim VZ Vermögenszentrum. «Sie befürchten, dass Kunden ihr Geld dann zu Hause horten.» Statt den Kunden ­Minuszinsen zu verrechnen, haben ­viele Banken die Gebühren erhöht, wie zuletzt die Postfinance.

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Was bedeuten Negativzinsen für meine Ersparnisse?

Werden die Negativzinsen nicht an die Kunden weitergegeben, verliert man kein Geld. Wenn man keine Zinsen erhält und Vermögenssteuern zahlen muss, geht aber unter dem Strich Geld verloren. Hinzu kommt die Inflation, die letztes Jahr 0,9 Prozent betrug. «Auf dem Konto bleibt zwar gleich viel Geld, die Kaufkraft wird aber kleiner», sagt Karl Flubacher. In der Inflation nicht einberechnet ist die Teuerung bei den Krankenkassenprämien Teuerung Steigende Gesundheitskosten fressen die Renten auf : Wenn sie steigen, kostet das zusätzlich Geld.

Soll ich überhaupt sparen oder mein Geld besser in Konsumgüter und Ferien stecken?

Sparen lohnt sich unabhängig von den Zinsen. Dagegen sei es nie sinnvoll, Geld für Konsum auszugeben, wenn das keinen Nutzen bringt oder keine Freude bereite, sagt Mathias Binswanger. Sparentscheide würden entgegen der öko­nomischen Theorie meist nicht rational gefällt. «Sparer überlegen sich kaum, wie viel heutigen und wie viel künftigen Konsum sie wollen. Sie geben einfach Geld für Konsum aus. Der Rest wird zu Ersparnissen, egal, ob die Zinsen etwas höher oder tiefer sind.»

Wie wirken sich Negativzinsen auf die Altersvorsorge aus?

Tiefe Zinsen haben einen direkten Einfluss auf die Altersvorsorge. So wurde der Mindestzinssatz in der beruflichen Vorsorge in den letzten Jahren stets gesenkt. 2002 lag er noch bei 4 Prozent, aktuell ist es noch 1 Prozent. Das führt zu grossen Einschnitten.

«Früher nannte man den Zins den dritten Beitragszahler. Diese Zeiten sind vorbei», so Flubacher vom VZ Vermögenszentrum. Viele Pensionskassen haben zudem den Umwandlungssatz gesenkt und wenden den minimalen Satz von 6,8 Prozent nur im Obligato­rium an. «Im Überobligatorium ist er viel tiefer – zum Teil liegt er schon unter 5 Prozent», sagt Flubacher. Bei einem Umwandlungssatz von 5 Prozent erhält man für 100'000 Franken Sparvermögen 5000 Franken Rente pro Jahr.

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Was kann ich tun, um wegen der Negativzinsen kein Geld zu verlieren?

Um mögliche Lücken in der Altersvorsorge Altersvorsorge Nur wer sät, kann auch ernten abzufedern, sollte man sich früh zusätzlich privat absichern, rät Harry Büsser, ­Autor des Beobachter-Buchs «Plötzlich Geld – so legen Sie richtig an». «Als Faustregel wäre es für die Altersvorsorge gut, wenn unter 30-Jährige einen Drittel ihres Einkommens beiseitelegen, unter 40-Jährige einen Fünftel, unter 50-Jährige einen Zehntel.»

Es sei sinnvoll, in die dritte Säule zu investieren, sagt Flubacher vom VZ Vermögenszentrum. Das lohnt sich erst recht, weil man den Freibetrag von den Steuern abziehen kann. Auch lohne es sich, in die zweite Säule einzuzahlen. Am höchsten ist die Rendite, wenn man kurz vor der Pensionierung einzahlt und das Geld später als Kapital und nicht als Rente bezieht PK-Guthaben Rente oder Kapital – das ist hier die Frage . Von den Steuern abziehen kann man aber nur Beiträge, die mindestens drei Jahre vor der Pensionierung eingezahlt werden.

Soll ich in Aktien oder Obligationen investieren?

Es sei sinnvoll, in Wertpapiere zu investieren – auch wenn die Märkte bereits hoch bewertet sind, sagt Flubacher. «Dort hat man noch eine gewisse Dividendenrendite.» Bei Aktien sei es wichtig, einen langen Anlagehorizont zu haben und das Portfolio gut zu diversifizieren. Das mache man am besten mit Fonds. «Oft lohnen sich passive Anlagen wie Indexfonds und ETF Geldanlage Die 7 Grundregeln für Kleininvestoren . Sie sind kostengünstig und transparent. Hohe Gebühren können die ­Rendite empfindlich schmälern», so Flubacher.

Wie viel soll ich investieren, wie viel sparen?

Auf dem Sparkonto sollte man genügend Geld für laufende Kosten und Unvorhergesehenes liegen haben: für Zahnarztbesuche Preiserhöhung wegen neuem Zahnarzttarif Warum Zahnärzte noch teurer werden , Waschmaschinen­reparaturen Mietwohnung Wer muss die Reparatur bezahlen? , Renovationen im Haus. Harry Büsser empfiehlt Angestellten, mindestens drei Monatslöhne als Sicherheit auf einem Konto zu haben. «Wenn man investiert, sollte man den Betrag so wählen, dass man damit leben kann, wenn zwischenzeitlich mal die Hälfte weg ist.»

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Was ist mit Investitionen in alternative Anlagen?

Man kann Geld auch in ungewöhnliche Produkte investieren, etwa in Whisky. Er hat dieses Jahr mit einem Wert­zuwachs von 40 Prozent alle anderen Luxus­anlagen wie Münzen, Uhren, Autos oder Wein übertroffen.

In spezielle Güter sollte man allerdings nur investieren, wenn man wirklich Freude daran hat – nicht als Geldanlage, sagt Investmentexperte Harry Büsser. «Dafür sind diese Anlagen meist zu schwankungsanfällig.»
 

Was bedeuten Negativzinsen für Hausbesitzer?

Hauseigentümer profitieren seit Jahren von den tiefen Zinsen. Hypotheken erhalte man heute zu sehr günstigen Konditionen, sagt Flubacher vom VZ Vermögenszentrum. Die Verlockung sei allerdings gross, dass man das, was man bei der Hypothek spare, anderweitig wieder ausgebe. Darum empfehle er ein Budget: «Hat man etwa eine Hypothek mit 1 Prozent Zins, sollte man mit 3 Prozent Zins rechnen und die Differenz auf die Seite legen – beispielsweise in die dritte Säule.» Wenn die Hypothe­kar­zinsen steigen, kann man einen Teil der Hypothek mit den Ersparnissen ­zurückzahlen.

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Lohnt es sich, ein Haus zu kaufen?

Die Hypotheken sind zwar sehr günstig, dafür sind die Preise für Immobilien seit der Jahrtausendwende stark gestiegen. Deshalb können sich sogar Menschen mit hohem Einkommen in den Städten oft kein Wohneigentum leisten. Wer ­etwa eine Wohnung für 1,5 Millionen Franken kaufen will, sollte ein Einkommen von rund 250'000 Franken haben, so Flubacher. Oder sehr viel Vermögen.

Was bedeuten die tiefen Zinsen für Mieter?

Für Mieter ist die Situation schlechter als für Hausbesitzer. «Das anhaltende Negativzins-Umfeld hat leider keine Auswirkungen auf die Mieten», sagt Pierre Zwahlen vom Mieterverband. «Die Entwicklung der Mietpreise in der Schweiz Immobilienmarkt Das läuft auf dem Wohnungsmarkt schief kennt in den letzten Jahren nur eine Richtung: nach oben.»

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