Stellen Sie sich vor, dass Ihre Einkünfte um 40 Prozent sinken. Von einem Tag auf den andern. Statt zum Beispiel 7000 Franken brutto im Monat gibt es nur noch 4200. Keine schöne Vorstellung. Doch dieser Tag, an dem Sie den Gürtel enger schnallen müssen, kommt – wenn Sie in den Ruhestand gehen. Und: Falls Sie dann noch 4200 statt 7000 Franken erhalten, ist das fast eine gute Nachricht. Denn so viel sieht unsere Altersvorsorge bei diesem Lohn als angemessene Rente vor: aus erster und zweiter Säule 60 Prozent des letzten Salärs.

Und hier die schlechte Nachricht: Sie sollten sich auf weniger einstellen. Die Hauptgründe dafür sind die gestiegene Lebenserwartung und die über Jahre gesunkenen Zinsen – und das nicht erst, seit die Nationalbank vor fünf Jahren Negativzinsen eingeführt hat.

Galoppierende Schwindsucht

«Viele Leute dürften die Situation unterschätzen», sagt Karl Flubacher vom VZ Vermögenszentrum. Er hat berechnet, wie sich die Rente aus beiden Säulen entwickelt hat (siehe nachfolgende Infografik). Ein Mann, der 2002 mit einem Bruttolohn von 100'000 Franken regulär pensioniert wurde, bekam 62 Prozent seines letzten Lohns als Rente. 2018 aber lag diese sogenannte Ersatzquote nur noch bei 55 Prozent. Schuld daran sind die gesunkenen Renten der Pensionskassen (PK) – die AHV ist im Verhältnis zu den Löhnen praktisch gleich geblieben. Das sind Modellrechnungen, je nach PK kann es real besser oder schlechter aussehen.

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Es gehört zwar zum Geschäft der Finanzbranche, mit der Warnung vor sinkenden Renten Kunden zu gewinnen. Doch die Prognosen sind beunruhigend, gerade für den Mittelstand.

2002 konnte laut VZ ein 55-Jähriger, der 120'000 Franken brutto verdiente, damit rechnen, dass er zehn Jahre später eine Rente von fast 75'000 Franken erhält. Heute werden einem solchen Versicherten noch rund 60'000 Franken prognostiziert – ein Fünftel weniger. Ersatzquote: nur noch 50 Prozent. Denn wegen niedriger Verzinsung steigen die PK-Altersguthaben weniger stark, und die Umwandlungssätze, mit denen die Renten berechnet werden, sind seit 2002 um einen Fünftel gesunken. «Man kann nicht sagen, dass einer der Effekte grösser ist als der andere», so Flubacher.

Es ist kein Zufall, dass das VZ mit relativ hohen Löhnen rechnet. Hier wirken sich sinkende PK-Renten prozentual stärker aus. Bei einem Jahreslohn von 50'000 Franken brutto ist die Ersatzquote praktisch gleich wie früher und über 60 Prozent geblieben. Denn für solche Rentner spielen der gesetzliche Mindestumwandlungssatz und die erste Säule eine grössere Rolle – seit 2002 ist die AHV-Rente um 15 Prozent gestiegen.

Infografik: So schrumpfen die Renten

Die Ersatzquote gibt an, wie hoch die Rente aus erster und zweiter Säule im Vergleich zum letzten Lohn ist. Beispiel: 2002 bekam ein 65-Jähriger mit einem Bruttoeinkommen von 100'000 Franken 62,4 Prozent seines Lohns als Rente, 2018 waren es noch 55,5 Prozent. Das lag vor allem an den PK-Renten. Die AHV blieb dagegen stabil.

Infografik: So schrumpfen die Renten
Quelle: VZ Pensionierungs-Barometer 2019 – Infografik: Andrea Klaiber

«Mit 2400 Franken kommt man nicht durch»

Nach Ansicht des Bundesrats erlaubt eine Ersatzquote von 60 Prozent «die Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung in angemessener Weise», wie es die Verfassung verlangt. Wirklich? Urs Eicher ist Präsident des PK-Netzes, einer Plattform für Arbeitnehmervertreter in PK-Stiftungsräten. Er sagt: «Bei einem Lohn von 4000 Franken sind 60 Prozent 2400 Franken – damit kommt man nicht durch. Es ist eine Schande, über welche Rentenhöhe wir in der reichen Schweiz diskutieren.»

Bei der Ersatzquote schneidet die Schweizer Altersvorsorge im internationalen Vergleich eher schlecht ab. Der Melbourne Mercer Global Pension Index vergleicht jährlich die Rentensysteme von aktuell 37 Ländern. Die Schweiz fiel letztes Jahr auf Rang 12. Besser stehen etwa die skandinavischen Länder, Australien, Neuseeland und Kanada da. Den Spitzenplatz belegen die Niederlande, knapp vor Dänemark.

Der Index bewertet drei Aspekte: wie gut das Rentensystem für die Zukunft aufgestellt ist (Nachhaltigkeit), wie vertrauenswürdig es ist (Integrität) und wie hoch die Rente ausfällt (Angemessenheit). Für die mässige Gesamtplatzierung auf Rang 12 ist vor allem die Rentenhöhe verantwortlich. Bei diesem Kriterium landet die Schweiz sogar nur auf Rang 27, hinter China (21), Saudi-Arabien (24) oder den USA (26). «Bei der Angemessenheit der Renten liegen wir doch recht deutlich zurück», sagt der Geschäftsführer von Mercer Schweiz, Samuel Lisse.

Lernen könnte die Schweiz gemäss Lisse von den Niederlanden und Dänemark. «Dort steigt das Rentenalter mit der tatsächlichen Lebenserwartung. Das macht das System als Ganzes nachhaltiger und führt zu höheren Leistungen», so Lisse. In den Niederlanden seien die Pensionszahlungen ausserdem an die Deckungsgrade der Kassen gekoppelt. Wenn diese zu weit absinken, werden die laufenden Renten entsprechend gekürzt. Umgekehrt könnten die Pensionierten aber auch von Erhöhungen profitieren.

FDP fordert «Entpolitisierung»

Fraglich ist, ob eine automatische Erhöhung des Rentenalters in der Schweiz mehrheitsfähig wäre. Bei den Bürgerlichen stossen solche Ideen auf offene Ohren. Die FDP etwa fordert im Einklang mit vielen Vorsorgefachleuten, die Grundlagen für die Berechnung der Renten und das Rentenalter zu «entpolitisieren». Man solle das Rücktrittsalter an die finanzielle Lage der Altersvorsorge oder an die Lebenserwartung koppeln, so FDP-Sprecher Martin Stucki.

Linke und Grüne lehnen dagegen derartige Automatismen entschieden ab. Veränderungen bei der Rentenhöhe oder beim Rentenalter müsse man demokratisch abstützen, sagt Regula Tschanz, Generalsekretärin der Grünen. «Wenn die Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz alle drei Monate über mehr oder weniger wichtige Weichenstellungen entscheiden können, dann möchten sie bei der Regelung ihrer eigenen Altersvorsorge sicher nicht abseitsstehen.»

Vieles spricht dafür, dass ein allgemeines Rentenalter 67 – wie es andere Staaten Europas beschlossen haben – hierzulande so schnell nicht kommen dürfte. Unterdessen sinken die neuen und die künftigen Renten.

Starke Einbussen

Ein Beispiel: Andrea Hauser*, Angestellte im Sozialwesen, steht drei Jahre vor der Pensionierung. Allein weil ihre PK den Umwandlungssatz in den letzten Jahren von 6,8 auf 6 Prozent gesenkt hat, wird sie als Rentnerin rund 12 Prozent oder 220 Franken weniger im Monat haben. Über 24 Jahre Ruhestand gerechnet, bedeutet das eine Einbusse von mehr als 60'000 Franken – eine Summe, die nur wenige mal eben so fürs Alter ansparen können.

Seit Jahren senken viele Pensionskassen die Umwandlungssätze und klagen darüber, dass sie sonst ihre Renten nicht mehr erwirtschaften könnten. Doch gleichzeitig haben sie ein gutes Jahrzehnt hinter sich: 4,8 Prozent betrug ihre jährliche Durchschnittsrendite laut UBS. Grundloses Gejammer also?

Ueli Mettler liefert eine Antwort, wie sie für PK-Experten typisch ist: Er rechnet vor, warum die Kassen trotz allem nicht im Geld schwimmen. Der Partner beim Beratungsunternehmen C-alm geht davon aus, dass die Kassen in den letzten zehn Jahren eine durchschnittliche Rendite von 3,3 Prozent allein dafür gebraucht haben, dass sich ihre finanzielle Lage nicht verschlechterte. «Die restliche Rendite, also 1,5 Prozent pro Jahr, wurde vor allem dafür benutzt, nach der Finanzkrise 2008 den Deckungsgrad der Kassen wieder zu steigern», so Mettler.
 

Die Welt der Pensionskassen ist keine gerechte, sondern eine voller Pechvögel und Glückspilze.


In der Realität besteht das PK-Universum aus rund 1600 verschiedenen Kassen und ganz verschiedenen Vorsorgeplänen. Sparbeitrag, Arbeitgeberanteil, Verzinsung, Umwandlungssatz – all das kann höchst unterschiedlich sein. Keine gerechte Welt, sondern eine voller Pechvögel und Glückspilze. Das macht die Debatte über die zweite Säule so anspruchsvoll – viele Aussagen stimmen, aber ihr Gegenteil trifft oft auch zu.

Es gibt zum Beispiel Kassen, die trotz Niedrigzinsen weiterhin sehr gute Renten versprechen. Etwa die Migros-Pensionskasse. Ihr Geschäftsleiter Christoph Ryter sagt: «Ein tiefer Umwandlungssatz heisst nicht automatisch tiefe Renten. Wenn hohe Sparbeiträge einbezahlt werden, ergeben sich auch entsprechende Leistungen.» Bereits mit 20, fünf Jahre früher als heute vorgeschrieben, beginnen die Migros-Angestellten, für ihre Rente zu sparen. Und zwar satte 8,5 Prozent des Lohns. Dazu legt der Arbeitgeber noch einmal das Doppelte drauf. Da die Kasse nach dem sogenannten Leistungsprimat funktioniert, berechnet sie die Renten mit einer anderen Formel, aber sie entspricht einem – eher tiefen – Umwandlungssatz von 5,4 Prozent.

Das Ergebnis kann sich aber sehen lassen: Bei einem Jahreslohn von 50'000 Franken gibt es nach 44 Beitragsjahren zusammen mit der AHV 47'000 Franken Rente – eine Ersatzquote von 94 Prozent. Und selbst wenn man mit 120'000 Franken sehr gut verdient, beträgt sie 76 Prozent.

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Bundesrat will Reform

Die grossen Unterschiede zwischen den Kassen bestimmen auch die Debatte über den Reformvorschlag zur zweiten Säule, den der Bundesrat bis Ende März in die Vernehmlassung gegeben hat. Mehr als ein Jahr haben Gewerkschaften und Arbeitgeberverband um diesen Kompromiss gerungen. Dass sie überhaupt einen gefunden haben, ist nicht selbstverständlich. Nun steht er unter Dauerbeschuss.

Die Vorlage sieht unter anderem vor, dass man mehr fürs Altersguthaben tut, indem der Koordinationsabzug halbiert wird. Auf diesen Teil des Lohns sind keine Sparbeiträge für die zweite Säule fällig. Aktuell liegt der Koordinationsabzug bei knapp 25'000 Franken. Das lässt Angestellten erst einmal mehr Geld in der Tasche und reduziert die Kosten für Arbeitgeber. Langfristig aber zahlen die Beschäftigten den Preis dafür – sie sparen weniger fürs Alter. Wenn der Koordinationsabzug halbiert wird, profitieren Teilzeitbeschäftigte am stärksten.

Der Hauptpunkt der Reform ist aber ein anderer: Der Umwandlungssatz von 6,8 Prozent im obligatorischen Teil der zweiten Säule gilt als nicht mehr finanzierbar – dazu bräuchte es 5 Prozent Rendite. Nun soll der Umwandlungssatz auf 6 Prozent sinken. So würde die jetzige Umverteilung Pensionskassen Pech hat die Generation 50 plus reduziert – 2018 flossen laut amtlicher Schätzung mehr als fünf Milliarden Franken von den Aktiven zu den Rentnern, da deren Bezüge rechnerisch zu hoch sind. Im Schnitt hat das jeden Aktiven 100 Franken im Monat gekostet, bei riesigen individuellen Unterschieden. Geld, das heutigen Angestellten im Alter fehlen wird.

«Dem ganzen Pensionskassensystem droht Einsturzgefahr»

Es gebe Pensionskassen, die das Problem des zu hohen Umwandlungssatzes nicht mehr lösen könnten, warnt Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt. «Wenn sie in Schieflage geraten, droht dem ganzen Pensionskassensystem Einsturzgefahr.»

Der neue Umwandlungssatz von 6 Prozent würde laut Arbeitgeberverband die künftigen PK-Renten – für bestehende ändert sich nichts – um 13 Prozent kürzen. Ohne Kompensation wäre das politisch chancenlos. Vor zehn Jahren scheiterte deshalb der Versuch, den Umwandlungssatz auf 6,4 Prozent zu senken: Fast drei Viertel sagten in der Volksabstimmung Nein.

Auch Vogt ist klar, dass eine Reform mit Rentenkürzungen eine Totgeburt wäre. «Um das zu verhindern, braucht es den solidarisch finanzierten Rentenzuschlag.» Für Gewerkschafter ist das selbstverständlich – wenn aber der oberste Arbeitgeber hier für eine «solidarische Finanzierung» wirbt, ist das ein Tabubruch.

Wer soll mit wem solidarisch sein? Da gehen die Ansichten weit auseinander.

Vom Rentenzuschlag profitieren soll die «Übergangsgeneration»: die ersten 15 Jahrgänge, die nach den neuen Regeln pensioniert werden. Weil diese Leute nur relativ wenig Zeit haben, Kürzungen durch Sparen zu kompensieren, erhalten sie lebenslang einen fixen Zuschlag – je nach Jahrgang 100 bis 200 Franken pro Monat. Finanziert wird er durch einen neuen Lohnabzug Lohnabrechnung Welche Abzüge gehen vom Gehalt weg? von 0,5 Prozentpunkten, von dem die Arbeitgeber die Hälfte übernehmen. Also ein Umlageverfahren à la AHV – eine Zumutung für viele in der Fachwelt der Pensionskassen, schliesslich spart jeder im Prinzip für die eigene Rente.

Christoph Ryter von der Migros-PK lehnt den Rentenzuschlag ab. Bei der Migros leiste man schon lange hohe Beiträge und habe weit höhere Renten als gesetzlich vorgesehen. Er sehe nicht ein, weshalb nun alle Neurentner, also auch die der Migros, «noch mehr Leistung erhalten müssen». Ihn stört, dass beim Zuschlag die Situation der jeweiligen PK keine Rolle spielt.

Verluste vor allem für Besserverdienende

Einer der einflussreichsten Gegner ist Hanspeter Konrad, Direktor des Pensionskassenverbands Asip. Er spricht von einem «unnötigen Leistungsausbau» – viele Versicherte seien von einer Senkung des obligatorischen Umwandlungssatzes doch gar nicht betroffen.

Zumindest sind es wohl viele nicht direkt. Denn 85 Prozent der Arbeitnehmer mit PK sind überobligatorisch versichert, erhalten also mehr als das gesetzliche Minimum. Und im Überobligatorium haben die Kassen den Umwandlungssatz so weit gesenkt, dass die Vorgabe von 6,8 im Obligatorium für sie praktisch keine Rolle mehr spielt. Sie weisen dann einen einheitlichen Satz für alles aus. 2018 lag er im Schnitt bei 5,7 Prozent.

Wie oft die damit verbundenen Rentenkürzungen kompensiert wurden, etwa mit einer zusätzlichen Einlage aufs PK-Konto, ist nicht so klar. Beim Bundesamt für Sozialversicherungen kennt man dazu keine Zahlen, auch Asip-Direktor Konrad bleibt vage. Es habe «Abfederungsmassnahmen im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Kasse» gegeben.

Urs Eicher vom PK-Netz begrüsst den Rentenzuschlag auch wegen dieser Entwicklung – viele hätten «schmerzhafte Rentensenkungen» hinter sich, die oft nicht wirklich ausgeglichen worden seien. Der Zuschlag würde die Situation dieser Versicherten wieder verbessern. Laut der Fondsgesellschaft Swisscanto ist der effektive durchschnittliche Umwandlungssatz innert acht Jahren von 6,7 auf 5,7 Prozent gesunken. Ohne Kompensation heisst das: 15 Prozent weniger Rente.

«Nicht zu rechtfertigen» 

Der Pensionskassenverband Asip wirbt für sein eigenes Reformmodell, mit dem der Umwandlungssatz sogar auf 5,8 Prozent sinken und ebenfalls mehr fürs Alter gespart werden soll. Vor allem in einem Punkt jedoch unterscheidet es sich fundamental vom Vorschlag der Sozialpartner. Asip-Chef Konrad will keine «solidarische Finanzierung». Er fordert, dass man eine Kompensation von neuen Rentenkürzungen, sofern es solche denn überhaupt gebe, den einzelnen Kassen überlässt. Sonst drohe «eine systemwidrige und durch nichts zu rechtfertigende Umverteilung zwischen den Pensionskassen». Und diejenige zwischen Jung und Alt werde auch noch ausgebaut.

So etwas ruft Martin Kaiser auf den Plan. Der Vorsorgespezialist des Arbeitgeberverbands sagt: «Das Asip-Modell wurde von Vertretern überobligatorischer, ‹reicher› Kassen für diese Kassen entwickelt.» Es gebe Kassen, die nur das Obligatorium versichern – sie seien dringend auf eine Senkung des Mindestumwandlungssatzes angewiesen. Denn sie können einen zu hohen Umwandlungssatz im Obligatorium nicht mit Kürzungen im Überobligatorium ausgleichen. Solche Kassen müssten beim Asip-Vorschlag nicht nur die Kosten für höhere Sparbeiträge verkraften, sondern «zusätzlich auch noch allein aufkommen für die Finanzierung ihrer eigenen Versicherten in der Übergangsgeneration».

Dass ausgerechnet die Arbeitgeber für höhere Lohnkosten eintreten – denn das bedeutet der neue Abzug für den Rentenzuschlag –, ist erklärungsbedürftig. Als es bei Alain Bersets Reformvorschlag «Altersvorsorge 2020» Altersvorsorge 2020 Das Ringen beginnt von vorne – mit schlechteren Karten darum ging, die AHV der Neurentner wegen Einbussen in der zweiten Säule um 70 Franken zu erhöhen, hatten die Arbeitgeber erfolgreich dagegen gekämpft. Diese 70 Franken waren für sie wie ein Fass ohne Boden. Denn alle Neurentner hätten sie bekommen sollen, so dass die Kosten mit steigenden Rentnerzahlen immer höher geworden wären.

Was ist nun anders? «Jetzt ist die Leistung ausfinanziert», sagt Martin Kaiser vom Arbeitgeberverband. Denn beim geplanten PK-Zuschlag ist nicht die Leistung, sondern der Beitrag definiert: permanent 0,5 Lohnprozente. Sie sollen genügen, um den ersten 15 Jahrgängen die vorgesehenen lebenslangen Zuschläge zu zahlen. Wie hoch der Zuschlag ab Jahrgang Nummer 16 sein wird, ist offen. «Dann richtet er sich nach den verfügbaren Mitteln», betont Kaiser.

Lautstarke Kritik

Trotz Schulterschluss von Arbeitgeberverband, Gewerkschaftsbund und Travail Suisse bei der Reform der beruflichen Vorsorge: Die Kritiker – Pensionskassenverband, PK-Fachleute, Gewerbeverband, einzelne Branchenverbände, bürgerliche Politiker –, die den geplanten Rentenzuschlag verdammen, werden immer lauter. Die Tonlage hat die «Neue Zürcher Zeitung» vorgegeben: «Die Medizin des Bundesrats ist schlimmer als die Krankheit.»

Also erneut zurück auf Feld eins?

Arbeitgeberpräsident Vogt, der für den Deal mit den Gewerkschaften kämpft, befürchtet offenbar noch mehr als das. Auch er klingt, als ginge es nun um alles oder nichts: «Wenn wir jetzt nicht gemeinsam handeln, wird der Zerfall der beruflichen Vorsorge unabwendbar.»

Problem Nr. 1: Der dritte Beitragszahler streikt

Illustration: Der dritte Beitragszahler streikt
Quelle: Rüdiger Trebels

Stellen wir uns die KV-Angestellte Nicole Keller vor. Sie und ihr Arbeitgeber zahlen über Jahrzehnte auf ihr Vorsorgekonto Dritte Säule Vorsorgekonto - kann ich splitten? ein. Die Pensionskasse legt das Geld an, etwa in Aktien oder Immobilien, und erzielt so eine Rendite. Ein Teil davon wird Keller als Verzinsung ihres Kapitals gutgeschrieben. Man nennt diesen Zins auch den dritten Beitragszahler; denn dank dem Zinseszinseffekt soll er bis zum Rentenalter die reinen Einzahlungen um eine ansehnliche Summe erhöhen.

Allerdings funktioniert das nicht mehr wie früher. Der vom Bundesrat festgelegte Mindestzins für die Altersguthaben lag von 1985 bis 2002 bei 4 Prozent. Dann ging es vor allem bergab, seit 2017 verharrt er bei 1 Prozent. Je nach Möglichkeit schreiben Pensionskassen auch höhere Zinsen gut – für 2019 etwa lag oft mehr drin. Die Verzinsung liegt damit über der Inflationsrate, die 0,4 Prozent betrug. Das sah auch schon schlechter aus: 1990 zum Beispiel war die Inflation höher als der Mindestzins. Im Moment jedoch wachsen die Altersguthaben wegen seit Jahren sinkender Zinsen und der Umverteilung zu den jetzigen Rentnern weniger stark als erwartet.

Problem Nr. 2: Wir leben länger

Problem Nr. 2 der Altersvorsorge: Wir leben länger
Quelle: Rüdiger Trebels

Wenn Nicole Keller in Pension geht, erhält sie jedes Jahr einen Teil ihres Altersguthabens als Rente. Wie viel? Das legt der Umwandlungssatz fest. Wenn er bei 6 Prozent liegt und Keller 300'000 Franken hat, beträgt ihre jährliche PK-Rente 18'000 Franken. Ihr Kapital sinkt also Jahr für Jahr – der Rest bleibt aber angelegt, damit er weiter Rendite erwirtschaftet. Denn sonst würde das Kapital nur für knapp 17 Jahre reichen. Nicole Keller wäre dann erst 81 Jahre alt – statistisch wird sie aber fast 88. Das sind rund vier Jahre mehr, als man 1985 beim Start der obligatorischen zweiten Säule erwartet hatte. So erfreulich das für Keller ist – für ihre Rente ist es Problem Nummer zwei. Entweder arbeitet Keller länger, oder das Kapital muss mehr Rendite erwirtschaften als gedacht, damit es länger reicht.

Wie hoch ist diese Rendite während Kellers restlicher Lebenszeit? Dazu trifft die PK innerhalb gewisser Grenzen eine Annahme, sie heisst technischer Zins. Dabei spielen die erwartete Rendite ihrer Anlagen, ihre Risikofähigkeit und die Lebenserwartung ihrer Versicherten eine Rolle. Je höher der technische Zins, desto mehr Rente kann die PK versprechen.

Kellers Kasse rechnet mit einem technischen Zins von 2 Prozent, den sie für ihre Rente dann auch im Schnitt pro Jahr erwirtschaften muss. Und zwar mit möglichst wenig Risiko, denn sie darf die Rente nicht mehr kürzen, sobald sie einmal festgelegt ist. Ob eine Prognose von 2 Prozent realistisch ist, wird man erst hinterher wissen.

Problem Nr. 3: Getrübte Erwartungen

Problem Nr. 3: Getrübte Erwartungen
Quelle: Rüdiger Trebels

Nicole Kellers Geld soll sicher angelegt werden und zugleich eine ausreichende Rendite abwerfen, um ihre Rente zu finanzieren. Als sicherste Anlage gilt eine Bundesobligation Börse Geld anlegen in unsicheren Zeiten , bei der man der Eidgenossenschaft Geld leiht: Man bekommt regelmässig einen Zins und am Ende der Laufzeit auch sein Kapital zurück. In Zeiten höherer Zinsen war das einfach.

Bloss haben sich inzwischen die Vorzeichen verkehrt. Wenn man dem Staat Geld leiht, muss man dafür zahlen – eben die Negativzinsen.

Wenn also die typische sichere Anlage keinen Zins mehr bringt – was heisst das für Nicole Kellers Rentenkapital? Man darf ihre Rente später nicht mehr kürzen. Welche Rendite will man künftigen Rentnerinnen in dieser Situation noch garantieren? Wie hoch darf also der technische Zins sein?

Die meisten Fachleute gehen davon aus – das sind blosse Prognosen –, dass die Zinsen und damit die Rendite auf sicheren Anlagen noch lange tief bleiben werden. Die Folge: Eine PK, die wenig Risiken eingehen will oder kann, senkt ihre Renditeerwartungen und dann auch den technischen Zins. Damit Kellers Alterskapital trotzdem bis an ihr statistisch erwartetes Lebensende reicht, erhält sie pro Jahr weniger aus dem Topf – der Umwandlungssatz wird gesenkt, zum Beispiel von 6 auf 5,5 Prozent. Ihre Rente beträgt dann nicht 18'000 Franken, sondern nur noch 16'500. 

Für PK-Fachleute ist das logisch – und für Nicole Keller ein Problem.

So erklären Pensionskassen schlechte Kennzahlen

Ob Rendite, Zins oder Verwaltungskosten: Zwischen Pensionskassen gibt es grosse Unterschiede. Beim jährlichen Vergleich der Beratungsfirma Weibel Hess & Partner AG im Auftrag der «Sonntags-Zeitung» unter 24 teilautonomen Gemeinschafts- und Sammelstiftungen landeten diese Kassen jeweils bei der  gelb markierten Kennziffer  auf dem letzten Rang. So nehmen sie Stellung:

So erklären Pensionskassen schlechte Kennzahlen

Klicken Sie auf die Tabelle, um sie zu vergrössern.

Quelle: Weibel Hess & Partner AG

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Achtung: Aktuell müssen Angestellte 21’330 Franken jährlich verdienen, um bei der Pensionskasse des Arbeitgebers obligatorisch versichert zu sein. (Stand 2020)

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Matthias Pflume, Textchef Digital

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