Ihre Stimme füllt den Raum wie eine High-End-Stereoanlage. «Er ging zur Rolltreppe, fuhr hinunter, zuerst ein Stockwerk und dann noch eines, bis er auf dem Perron stand», liest Anna-Katharina Diener. Zum Satzende hin bremst sie leicht ab, fährt langsamer fort: «Im unterirdischen Bahnhof des Flughafens Zürich war es unangenehm kühl.» Dann zieht sie das Tempo wieder an: «Seine alte Heimat besuchte Konrad Mattmann nicht freiwillig, und dass der Hin- und Rückflug bezahlt wurde, machte die Sache nicht besser.» So beginnt «Der Vermisste vom Vierwaldstättersee», ein Krimi von Martin Widmer.

Anna-Katharina Diener hält inne und blickt ins Publikum.Es ist ein grauer Wintervormittag. Draussen kriecht der Nebel die Hügel des Zürcher Tösstals hoch, drinnen im alten Damensalon des Hotels Gyrenbad ob Turbenthal geben ein Biedermeier-Leuchter und zwei Kerzen warmes Licht. Das Zimmer mit dem ovalen Kirschbaumtisch, Bücherschränken und Blumentapete kommt auch im Roman vor.

Wie der Roman klingt

Die Zuhörerinnen und Zuhörer – wegen der Pandemie sind es nur fünf – haben es sich in den Polstern der Louis-XVI-Stühle gemütlich gemacht. Vorleserin Anna-Katharina Diener sitzt vorne auf dem Sofa, Autor Martin Widmer neben ihr. Wie eine Sängerin hält sie die Mappe mit dem Text vor sich. Wenn sie liest, bewegt sie den Körper mit, spitzt die Lippen, weitet die Augen. «Ich setze den Text in Szene, will aber nicht zu viel schauspielern», sagt die 34-Jährige.

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Die Winterthurerin trägt weite schwarze Hosen, braune Stiefel und eine hochgeschlossene Bluse. Der Nieselregen draussen ist durch die beschlagenen Fenster nur zu erahnen. Leise tickt die Wanduhr. Das Ambiente prägt die Lesung, und die Lesung prägt das Stück. «Durch die Art, wie Anna vorliest, gestaltet sie meinen Roman mit», sagt Autor Martin Widmer.

An Mattmanns Mutter entdeckt er einen neuen Wesenszug, wenn er seine Beschreibung aus Dieners Mund vernimmt. Liest sie eine Schilderung der Tösstallandschaft, entstehen in seinem Kopf auf einmal andere Bilder. «Durch das Mündliche erkennt man auch gnadenlos, wenn ein Gespräch zu schriftlich wiedergegeben ist», sagt der Romandebütant. Einige seiner Dialoge empfindet er als nicht mehr ganz so gelungen, seit er sie gehört und nicht nur gelesen hat.

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Gegen die Bilderflut

Anna-Katharina Diener liest in der ganzen Deutschschweiz, für Erwachsene und für Kinder. Vorlesen liegt im Trend. Es gibt erotische Lesungen und Lesungen kombiniert mit Musik. Allerorts bieten Restaurants kulinarische Lesungen an, bei denen die Gäste zu Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» russisch inspirierte Menüs kosten. Auch sich gegenseitig vorlesen sei wieder beliebt, berichten Buchhändlerinnen. Besonders bei jungen Paaren.

«Die Sehnsucht nach Hören nimmt zu in unserer Zeit, in der wir von Bildern geflutet werden», sagt Esther Schneider, Leiterin der Literaturredaktion beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Seit Jahren seien deshalb auch Hörbücher stark gefragt. Eine Geschichte vorgelesen zu bekommen, sei ein sinnliches Erlebnis. Zu den Bildern, die der Text im Kopf entstehen lässt, geselle sich die Wirkung der Stimme hinzu. «Viele spüren den Rhythmus und die Melodie der Sprache stärker, als wenn sie selber lesen», sagt Schneider. Bei einer professionellen Lesung komme noch die Präsenz der Schauspielerin hinzu. «Es ist wie bei einem Konzert. Die Vorleserin interpretiert das Werk des Autors wie die Geigerin das Stück des Komponisten. Gutes Vorlesen ist eine Kunst.»

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Yoga für Präsenz und Haltung

Im Damensalon des «Gyrenbads» bilden Diener und Widmer ein Duo. Sie liest einzelne Passagen vor, dazwischen berichtet er von seinen Recherchen und Gedanken beim Schreiben. Bei längeren Dialogen übernimmt er den Part seiner Hauptfigur Mattmann. Obwohl er ein sicherer Leser ist, treten Dieners Bühnenhochdeutsch und der satte Klang ihrer Stimme dann umso stärker hervor.

«Schon als Kind habe ich mich gern auf Tonbandkassette aufgenommen», erzählt sie. Mit 19 ging sie zum Radio und absolvierte dann eine Ausbildung als Schauspielerin und Sprecherin. Mehrere Jahre spielte sie auf Bühnen in Zürich und Deutschland. Wenn sie heute als Vorleserin auftritt, bereitet sie sich vor wie damals: «Ich mache Stimm- und Atemübungen: übe Zungenbrecher, schneide Grimassen, klopfe Arme, Beine, Brust und Rücken ab.» Dazu Yoga für Präsenz und Haltung.

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In der Rolle verloren

Draussen wird der Nebel dicker. Die Nachbargehöfte verschwinden im Grau, im Salon wird es schummrig. «Mattmann war jetzt allein auf dem Grundstück. Er schaute sich um und ging ums Chalet», liest Diener.

Welche Szenen aus Widmers Krimi sie vorträgt, sucht Diener selber aus. Das Publikum soll einen Eindruck bekommen, aber nicht alles erfahren. Den Text hat sie in extragrossen Buchstaben ausgedruckt. Wo sie laut oder leise, schnell oder langsam lesen will, schreibt sie Zeichen hinein. Jede Figur, die spricht, erhält eine eigene Farbe. Die Dialoge werden so lebendiger. «Ich muss eine Szene vor mir sehen, damit ich sie gut vortragen kann.»

Mindestens fünfmal liest sie sich oder ihrem Freund ihre Fassung laut vor, bevor sie damit auftritt. Leise kommt sie locker auf 10, 20 Durchgänge. Improvisieren gehört trotzdem dazu. «Bei Kindern schauspielere ich stärker, bin mehr Erzählerin als Vorleserin.»

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Auch vor Erwachsenen habe sie sich schon derart in einer Rolle verloren, dass sie keine Ahnung mehr hatte, wo sie im Text war. Sie las auswendig vor, ohne es zu merken, und fand dann den Anschluss nicht mehr. «Solche Vorfälle sind dann eben der Unterschied zwischen einer Live-Vorlesung und einem Hörbuch», sagt sie. Oder zu einer Autorenlesung, bei der eine Schriftstellerin mit einem Glas Wasser neben sich auf einem Stuhl sitzt und nur liest, statt vorzulesen, könnte man sagen.

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Die perfekte Kombi

Diener ist ein Profi. «Anderen vorlesen aber kann jeder und jede», sagt sie (hier finden Sie die wichtigsten Tipps). Und jeder Text sei zum Vorlesen geeignet. «Man muss ihn nur mögen, sich ihm hingeben, ihn entdecken wollen.» Sie selbst mag Dialoge und szenische Stücke. Da kann sie am meisten mitgestalten. Aber auch reine Erzählungen seien schön und mindestens so anspruchsvoll. «Ton und Tempo müssen ganz nah am Text sein, damit die Stimmung rüberkommt.»

Literatur bestimmt Dieners Leben. Mit 30 hat sie eine zweite Ausbildung als Buchhändlerin gemacht, sie arbeitet Teilzeit in der Buchhandlung «Buch am Platz» in Winterthur. So kam sie auch zum Vorlesen: Eine Kollegin fragte, ob sie eine Veranstaltung für Kinder übernehmen könne. Sie mit ihrer Schauspielerfahrung. Diener konnte und las bald auch für Erwachsene. «Buch und Bühne – für mich ist das die perfekte Kombi.»

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Im Damensalon ist es fast Mittag geworden. Der Nebel draussen ist die Berge hochgestiegen, zum Fenster dringt wieder etwas Licht herein. Anna-Katharina Diener liest auf den Schluss zu. Vor den letzten zwei Sätzen stoppt sie und senkt den Kopf. In ihre Stimme legt sie ein Seufzen. «Er wusste noch nicht, wie er damit klarkommen sollte. Er war der Sohn eines Mörders.»

Für eine Weile ist es ganz still im Raum. Dann folgt sanfter Applaus.

Profi-Tipps

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  • Wählen Sie einen Text, der Ihnen gefällt. Was genau ist es, das Ihnen daran gefällt? Überlegen Sie sich, wie Sie vermitteln.
  • Machen Sie den Text zu Ihrem Skript: Setzen Sie Zeichen, wo Sie Pausen einlegen möchten. Streichen Sie Wörter an, die wichtig sind. Markieren Sie direkte Rede farbig, damit Sie wissen: Hier muss Leben rein.
  • Haben Sie den Mut, mit Ihrer Stimme zu spielen. Welche Stimme könnte zu einer Figur passen? An wen erinnert Sie die Figur? Wie redet diese Person?
  • Suchen Sie immer wieder den Blickkontakt zum Publikum. So schaffen Sie Nähe.
  • Sprechen Sie auch mit dem Körper. Sitzen oder stehen Sie aufrecht. Markieren Sie Präsenz. Bauen Sie Gesten ein.
  • Stellen Sie sich die Geschichte vor. Lassen Sie Bilder im Kopf entstehen, versetzen Sie sich hinein – um so die Bilder auch beim Publikum zu erzeugen.
  • Entspannen Sie sich. Atmen Sie einmal ruhig ein, aus, schauen Sie ins Publikum – und los gehts!
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Raphael Brunner, Redaktor

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