Der Schweizer Presserat hat eine Beschwerde gegen einen Beobachter-Artikel in einem von acht Punkten gutgeheissen. Im Artikel vom 11. Dezember 2020 mit dem Titel «Finanzieller Tiefschlag für die Kirschblüten-Sekte» schrieb der Beobachter, die Sekte sei ihrer Haupteinnahmequelle beraubt, weil das Bundesamt für Gesundheit (BAG) entschieden hat, dass ihre Therapieform «Echte Psychotherapie» nicht mehr von den Krankenkassen übernommen werden muss. Gemäss Presserat stimmt zwar, dass der Entscheid des BAG Handhabe bieten soll, «Avanti-Therapeuten», die mit der Kirschblüten-Sekte verbunden sind, gegebenenfalls Honorare zu streichen. Ob damit aber diesen Therapeuten ihre Haupteinnahmequelle entzogen sei, sei nicht belegt. Noch weniger sei klar, ob damit gleich auch die «Kirschblüten-Gemeinschaft» einen finanziellen «Tiefschlag» erleide. Deshalb habe der Beobachter in diesem einen Punkt das journalistische Gebot der Wahrheit verletzt (Stellungnahme 37/2021).

Die Redaktion

Das Solothurner Gesundheitsamt schaut dem fragwürdigen Treiben der Kirschblüten-Gruppierung schon jahrzehntelang zu. Jetzt dreht ihr das Bundesamt für Gesundheit BAG zumindest den Geldhahn zu: Die Kosten für die Pseudotherapie der Kirschblüten-Anhänger, die sogenannte Echte Psychotherapie, müssen ab dem 1. Januar 2021 nicht mehr von den Krankenkassen übernommen werden. Damit dürfte die sektenähnliche Gemeinschaft ihrer Haupteinnahmequelle beraubt sein.

Der Entscheid wird am 22. Dezember rechtskräftig. Er fusst auf einer sogenannten Umstrittenheitsabklärung durch die Eidgenössische Kommission für allgemeine Leistungen und Grundsatzfragen ELGK. Dieses Gremium befindet darüber, ob eine medizinische Behandlung in den Leistungskatalog der Versicherer aufgenommen wird oder nicht.

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Ärzte propagieren Gebrauch von LSD

Den Antrag für diese Abklärung hatte die Solothurner Psychiaterin Alexandra Horsch im Mai 2018 gestellt, im Namen der Fachgesellschaften SGPP (Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie) und GPPSo (Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie des Kantons Solothurn).

«Die Echte Psychotherapie war uns schon lange ein Dorn im Auge. Wir begrüssen, dass diese fragwürdigen Methoden nicht mehr zu Lasten der Prämienzahler abgerechnet werden können», sagt Matthias Müller, Pressesprecher der Santésuisse.
Wie viel die Avanti-Gruppe über die Kassen abgerechnet hat, kann aus Datenschutzgründen nicht bekanntgegeben werden.

Die Echte Psychotherapie wird von den Mitgliedern der Ärztegemeinschaft Avanti vertreten und angewendet. Sie alle sind Anhänger der esoterischen Gruppierung Kirschblüte, die der 2017 verstorbene Psychiater Samuel Widmer gegründet hatte. Die Keimzelle der Gemeinschaft mit ihren rund 200 Mitgliedern liegt im solothurnischen Lüsslingen-Nennigkofen . Viele von ihnen propagieren öffentlich den Gebrauch von LSD und anderen bewusstseinserweiternden Substanzen und leben polyamor, also mit wechselnden Sexualpartnern. Auch Kinder und Jugendliche sind eng in die Gruppe eingebunden.

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In ihrem Hauptquartier, einem alten Bauernhaus im Dorfkern der Solothurner Gemeinde, veranstalten sie auch Gruppentherapien und Kongresse zu Themen wie «Das Inzesttabu in der Therapie». Die Avanti-Psychiater und ihre zugewandten Therapeuten schliessen sexuelle Beziehungen zwischen Therapeuten und Patienten nicht aus: «Der stimmige Umgang muss jedes Mal in einer lebendigen und wahrhaftigen Auseinandersetzung von Du zu Du herausgeschält werden, da sonst die Lebendigkeit der Beziehung verloren geht», steht auf der Avanti-Website. Ein grober Verstoss gegen die Standesregeln der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP.

«Liebevoller Inzest»

Samuel Widmer, selber Psychiater, schrieb in seinen Inzesttheorien auch vom «liebevollen Inzest» zwischen Eltern und Kindern. Der sei besser für das Kind als die Zurückweisung eines Elternteils, die zum Verlust von Selbstwertgefühl und Urvertrauen führen könne. Der Sex-Guru hat auch die «Therapeutisch-Tantrisch-Spirituelle Universität» gegründet, wo den Jüngern zu «sexueller Befreiung» verholfen werden soll.

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Zweites Standbein der Quasi-Therapie ist die sogenannte Psycholyse. Dabei sollen psychoaktive Substanzen wie LSD und Meskalin zum Einsatz kommen. Sie sollen helfen, zum wahren Ich zu finden. Laut Aussteigern finden auch die tantrischen Veranstaltungen oft unter Drogeneinfluss statt.

Die Substanzen werden Sakrament, Medizin oder Helfer genannt. Und sie werden nicht in einem klinischen Setting verabreicht, sondern herumgereicht: Ein Pokal macht die Runde, jeder nimmt einen Schluck, selbst Schwangere. Das zeigte der Reporter-Beitrag des Schweizer Fernsehens, «Der Guru von Nennigkofen», schon im Jahr 2006. Der Beitrag ist heute erstaunlicherweise nicht mehr einsehbar, aus «juristischen Gründen», wie es heisst.

Zwei Tote bei Psycholyse

Die Avanti-Psychiater haben den Einsatz illegaler Drogen bei Sitzungen immer abgestritten.

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2009 forderte eine psycholytische Sitzung in Deutschland trotzdem zwei Todesopfer. Ein Dritter überlebte mit schweren bleibenden Schäden. Zum Einsatz war nachweislich die illegalen Drogen Methylon und MDMA gekommen. Der veranstaltende Arzt, Gari Rober, war ein Schüler Widmers. Im psychiatrischen Gutachten für das Landgericht Berlin, das über Rober verfasst worden war, wird auch Samuel Widmer mehrfach erwähnt. Eine Zeugin sagte aus, dass Rober und Widmer in einer anderen Sitzung Meskalin, MDMA und LSD nicht nur an die Teilnehmenden verabreicht hätten. Die beiden hätten die Drogen auch selber konsumiert.

Knapp an Katastrophe vorbei

Kurz vor der tödlich verlaufenen «Therapie» hatte Gari Rober an einer Weiterbildung bei Widmer teilgenommen. Seine Eindrücke beschrieb er hinterher einen Rundbrief an die Kirschblütengemeinschaft. Er zeigt, wie knapp auch eine Sitzung Widmers wohl an einer Katastrophe vorbeischlitterte:

Als erstes fällt mir auf, dass etwas mehr Humor meinerseits im direkten Kontakt mit Euch eine neue kleine (oder große?) Meisteraufgabe wäre. Jedenfalls war ich unmittelbar nach der Sitzung voll davon: Humor und Freude -dieses Gefühl, das man hat, wenn man ein unglaubliches Ding durchgestanden und unbeschadet überstanden (überlebt) hat.

...

Und dann – ich bin ganz klar und bei mir – fängt allmählich das Chaos an.

Bei Dir, Claudia C., ist es, glaube ich, gekippt, als Du den Schmerz der «kleinen Claudia» nicht aushalten konntest/wolltest. Da habe ich Dich als Baby, vielleicht als 2-, maximal als 3-Jährige erlebt. Bis zum tantrischen Ritual (ich fand es wieder mal genial von euch, Samuel und Daniele, mit dieser Überraschung in dieser Situation zu kommen!) habe ich mich, so gut es ging, um Dich gekümmert. Du hast es sogar zugelassen, dass ich mich auf Dich lege, aber von einer gemeinsamen Verschmelzung oder einfach nur still zusammen liegen kann keine Rede sein.

Zu diesem Zeitpunkt bebte bereits der ganze Raum. Danach – Du, Claudia, warst nicht in der Lage, auf mir zu liegen – eine Runde mit meiner Elke: einfach, schön, erholsam, unspektakulär, und danach mit Marianne: die meiste Zeit schön, zum Schluss eher schwierig.

In der folgenden Zeit gibt es bis auf ein paar «Highlights» kaum etwas Persönliches zu berichten: Ich war die ganze Zeit weitgehendst klar und im Einsatz, wo ich meinte, gebraucht zu werden.

Zu den «Highlights».

Mit am meisten hat mich folgende Situation, als alles ausser Rand und Band war, total beeindruckt:

amuel, Du sagst (sinngemäss): «Vielleicht rufen wir einfach den Dr. soundso. Dann fliegt halt das Ganze auf, ich habe eh damit irgendwann mal gerechnet, ich habe keine Angst davor.» – Bei mir stockt der Atem (ich bin gerade bei Dir, Brigitte). «Das kann nicht sein! Er hat keine Angst??? I I I I I I c h habe eine Riesenangst davor, obwohl mir doch nichts passieren kann. Warum hast Du keine?» Ich spüre zu Dir hin, Samuel, und mein «ICH» kann das nicht fassen: «Du hast tatsächlich keine! Unglaublich! Unfassbar!» Ich bin so was von beeindruckt, Samuel, bis heute noch! Finde keine Worte dafür.

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Behörden wussten Bescheid

Der Solothurner Kantonsarzt wie auch das Solothurner Gesundheitsamt wissen seit bald zwei Jahrzehnten über die fragwürdigen Therapieinhalte der Kirschblütler Bescheid. «Wir hatten sie, wie verschiedene Personen vor uns, immer wieder mit Hinweisen aus den Schriften der Gruppe, mit Filmmaterial und Zeugenaussagen bedient», sagt Alexandra Horsch. Auch verschiedene Interpellationen von Parlamentariern blieben ohne Folgen.

Das Gesundheitsamt liess die Kirschblütler aber nicht nur gewähren. Die Psychiater der Avanti-Gruppe verrichten sogar psychiatrischen Notfalldienst im Kanton.

Ende Dezember 2018 reichten Alexandra Horsch und Thomas Ackermann, Präsident der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie des Kantons Solothurn (GPPSo), beim Solothurner Gesundheitsamt eine aufsichtsrechtliche Anzeige gegen mehrere, therapeutisch tätige Mitglieder der Kirschblütengemeinschaft ein. Doch das Departement des Innern sah «keine zureichenden Indizien für Pflichtwidrigkeiten von Ärztinnen und Ärzten im Umfeld des Netzwerks Avanti». «Umso mehr beruhigt es mich, dass das BAG mit demselben Material zu einem ganz anderen Schluss gekommen ist», sagt Horsch.

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Kind mit LSD-Vergiftung

Auch verschiedene Anzeigen bei der Solothurner Staatsanwaltschaft brachten nichts. Der Staatsanwaltschaft genügte weder der Umstand, dass ein Kind aus dem innersten Kreis der sektenähnlichen Gruppe mit einer LSD-Vergiftung ins Spital eingeliefert worden war, noch die Tatsache, dass ein Reporter der ARD undercover an einer Psycholyse-Sitzung teilgenommen und eine Probe der verabreichten illegalen Drogen MDMA und Meskalin herausgeschmuggelt hatte. Die Verfahren gegen die beiden Partnerinnen Widmers, Danièle Nicolet Widmer und Marianne Principi, wurden nach vier Jahren fallen gelassen.

Auch eine Anzeige von Infosekta blieb folgenlos. Die Fachstelle für Sektenfragen hatte der Staatsanwaltschaft zwei Zeuginnen vermittelt, die zu ihren Erlebnissen von Tantrasitzungen unter Drogeneinfluss aussagen wollten. Es stand er Vorwurf der Schändung im Raum. Das Verfahren wurde eingestellt.

Die Avanti-Ärztegesellschaft hat auf eine Stellungnahme verzichtet.

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Matthias Pflume, Textchef Digital

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