Manchmal braucht es wenig, damit Grosses passiert. Es ist der Abend nach der allerersten Klimademo in der Schweiz. Über 300 Jugendliche sind in Zürich auf die Strasse gegangen. Eine kleine Demo, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Mehr ist vorerst nicht geplant. Man will zuerst klare Forderungen definieren, weil man befürchtet, sonst nicht gehört zu werden.

Doch Paula Schmid sieht das anders. Die 14-jährige Schülerin tippt die Nachricht in ihr Handy, die den Klimastreik in die Schweiz holen wird:
 

«Sit de Summerferie streikt es jungs Meitli, d Greta Thunberg, 15, für euses Klima vor em Parlament in Schwede. Sie wett zeige, dass d Bevölkerig und bsunders di junge Lüt nümm demit ihverstandä sind, dass Regierige bis ez zwenig gege d Klimaerwärmig undernoh hend.

Letztä Fritig hend in Züri über 300 Schüäler gstreikt!! Wiederholed mir das!!! Also lönd eus gmeinsam mit dä Greta dä Fritig, 21.12.18, und jede näxt Fritig zämä fürs Klima streike.»

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Der Aufruf, den sie in den sozialen Medien teilt, zeigt Wirkung. Am 21. Dezember streiken bereits mehrere tausend Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Städten der Schweiz. Mitte März gehen über 66'000 auf die Strasse. Sie sind laut, sie skandieren: «Ufe mit de Klimaziel, abe mit em CO2!» Es ist die Geburtsstunde einer Jugendbewegung. Was wird sie bewirken?

Es wächst eine neue, viel politischere Generation heran

«Es findet gerade ein Generationenbruch statt», sagt Politologe Lukas Golder vom GfS Bern. Er forscht seit Jahrzehnten zum Thema Jugendbewegungen. Noch vor drei Jahren galten junge Leute mehrheitlich als apolitisch. Das Markenzeichen der Generation Y, geboren zwischen 1980 und 1999, war der Rückzug ins Private. Es ging ihr um Selbstverwirklichung.

Vor zwei Jahren passierte dann etwas, was nicht nur Lukas Golder überraschte: Tausende Kinder und Jugendliche strömten plötzlich auf die Strasse, um gegen den Abbau bei der Bildung Bildung «Es läuft so viel schief – leider!» zu demonstrieren. Eine der damaligen Parolen – «Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut» – hallt bis heute nach, hunderttausendfach verstärkt an den Klimademos. Für den Politologen waren diese Schülerproteste erste Anzeichen dafür, dass da eine neue Generation heranwächst, eine rebellische Generation: die Generation Z.

Wer nach 1999 auf die Welt kam, wuchs quasi mit dem Smartphone in der Hand auf. Mit einem kleinen, mächtigen Werkzeug, das Revolutionen lostreten kann. Die Generation Z ist bestens informiert, hervorragend vernetzt und so versiert wie unbequem, wenn es darum geht, Forderungen gegen aussen zu vertreten. Als 2018 die weltweiten Klimademonstrationen und Klimastreiks begannen, war für Forscher Golder klar: «Diese Generation ist anders als die vorangegangene, sie ist viel politischer.»

Vom Trend zur Realität

Die wichtigste Frage lautet nun: Hält die Jugend durch, wird aus der Generation Z die Generation Klima? Kritiker sprechen von einem Hype Kritik an Klimastreiks «Das ist ein ziemlich gewieftes Ablenkungsmanöver» , einem Strohfeuer, als handle es sich um ein Modephänomen wie das Aufkommen und Verschwinden der Röhrli-Jeans. Lukas Golder widerspricht: «Mode kann zu einem Trend werden, und Trends schaffen unumkehrbare Realitäten.» Wenn die Sorge ums Klima zum Common Sense wird, zum Gemeinsinn, hat das weitreichende Folgen. «Die Klimabewegung kann Stars hervorbringen, die die Politik der Zukunft mitprägen werden», sagt Golder. «Sie hat mehr Substanz als alle Bewegungen der letzten 30 Jahre.»

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Meistens, wenn etwas Neues sich anschickt, das Alte zu verdrängen, fühlen sich ein paar Ewiggestrige aus dem konservativen Lager provoziert. So lästerte etwa SVP-Nationalrat Roger Köppel auf Twitter, das Klima sei eine «Intensiv-Mode, ein Rausch». Die Leute seien wie betrunken davon, nur bedingt ansprechbar, und man dürfe keinesfalls aus derselben Flasche trinken. Hätte der «Weltwoche»-Chefredaktor recht, müsste sich bald Katerstimmung breitmachen im Lager der Klimastreikenden. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Den Leuten klarmachen, was auf dem Spiel steht

In einem Kirchgemeindehaus in Bern versammeln sich am zweiten Maiwochenende rund 250 Menschen aus der ganzen Schweiz, von der 17-jährigen Genfer Marxistin bis zum Alt-Hippie Gesellschaft Hippies sind immer noch hip aus dem Breitenrain-Quartier. Am nationalen Klimastreik-Meeting will die Bewegung ihr Profil schärfen, gemeinsame Ziele formulieren. «Let’s work!», ruft am Sonntagmorgen ein barfüssiger Speaker mit Bob-Geldof-Mütze ins Mikrofon. Als Zeichen der Zustimmung flattern die Zuhörer im Saal mit den Händen. Tosender Applaus wird an diesem Nachmittag nur einmal aufbranden. Fürs Küchenteam, als Dank fürs Mittagessen, Falafel und Salat.

Dario Vareni aus dem Zürcher Oberland hat wie viele der Aktivistinnen und Aktivisten die Nacht im Schlafsack verbracht. Jetzt ist er als «Runner» unterwegs, er besucht die sieben «Working Groups», organisiert Dolmetscher, hilft bei Computerproblemen. In drei Wochen beginnt er seinen Zivildienst, das Biologiestudium hat er nach dem ersten Semester abgebrochen. Seither widmet er sich ganz der Klimastreikbewegung. Vareni sagt: «Jetzt müssen wir erst einmal das Klima retten, damit es danach überhaupt noch etwas zu studieren gibt.»

Er sei jetzt 20 Jahre auf diesem Planeten, sagt Dario Vareni. «Auf den ersten Blick hat sich nicht viel verändert, ausser dass es nun fast sieben Jahre her ist, seit ich das letzte Mal auf dem Pfäffikersee Schlittschuh gelaufen bin.» Es sind kleine Hinweise im Alltag, die ihn alarmieren. Dass er auf seinen Spaziergängen immer weniger Vogelgezwitscher Umweltpsychologie Von der Natur verführt hört. «Es ist frustrierend, wie die Biodiversität verlorengeht.» Man müsse den Leuten endlich klarmachen, was auf dem Spiel stehe. Gemäss dem Uno-Klimabericht bleiben elf Jahre Zeit, um eine Erderwärmung von über 1,5 Grad zu verhindern. Vareni: «Die Zeit läuft uns davon.» Klimawandel Warum handeln wir nicht? Darum die Forderungen der Klimastreikenden: Ausstoss von Treibhausgasen Klimaschutz CO2 reduzieren – in der Schweiz oder im Ausland? bis 2030 auf netto null, Ausrufung des Klimanotstands, Klimagerechtigkeit.

Was machen Deutschschweizer für den Klimaschutz?

Infografik: Klimaschonendes Verhalten

«Jeder Einzelne kann sich klimaschonend verhalten. Was machen Sie im Alltag – regelmässig oder immer?» (Ergebnisse einer Online-Umfrage des «Blick» vom März 2019 mit rund 17'000 Teilnehmern)

Quelle: gfs.bern/«Blick» – Infografik: Anne Seeger
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Leute auf dem Land fühlen sich noch zu wenig angesprochen

Im Herbst soll ein grosses Klimaweekend stattfinden, um noch mehr Leute an Bord zu holen. «Auf dem Land gibt es viel Wachstumspotenzial», sagt Malin Philipp. Die 18-jährige Emmentalerin hat mitgeholfen, den Protest in die Provinz zu tragen. Anfang Mai fand eine kleine Demo in Ins BE statt, nun soll ihre Heimatgemeinde Langnau BE nachziehen. «Die Leute dort fühlen sich noch zu wenig angesprochen», findet die Steiner-Schülerin. «Dabei sind es gerade die Bauern, die am meisten darunter leiden, wenn es immer trockener wird.» Malin Philipp sieht die Politik in der Pflicht, achtet aber auch persönlich auf einen möglichst kleinen ökologischen Fussabdruck. Sie isst kein Fleisch Fleischlos glücklich 9 Alternativen zu Fleisch , fliegt nicht Klimakiller Flugzeug Wieso es keine Kerosinsteuer gibt – und leistet Überzeugungsarbeit in der Familie.

Am späteren Nachmittag stellen die Arbeitsgruppen ihre Ziele vor. Um jedes Wort wird gerungen; wenn es für einen Vorschlag nicht hundertprozentige Zustimmung gibt, wird nachgebessert. «Unsere Forderungen sollen Thema Nummer eins sein beim Wahlkampf im Herbst», sagt eine junge Frau auf der Bühne. Im Saal signalisiert ein Meer flatternder Hände Zustimmung.

Einen schweren Stand hat der Vorschlag, die Gletscher-Initiative offiziell zu unterstützen. Auf der Leinwand wird der Initiativtext eingeblendet: «Ab 2050 werden in der Schweiz keine fossilen Brenn- und Treibstoffe mehr in Verkehr gebracht.» Einige Klimastreikende kreuzen die Arme vor dem Gesicht, ihnen geht das zu wenig weit. Einer sagt: «Wir fordern dasselbe bis 2030. Wenn wir die Initiative unterstützen, machen wir uns unglaubwürdig.» Kein Konsens. Einig ist man sich dagegen, dass der Druck nun erhöht werden müsse. Die Rede ist von einem Ultimatum, von einem Generalstreik gar.

Demokratie ohne Worte: Die drei wichtigsten Handzeichen

Die Handzeichen der Klimajugendlichen

Die Klimajugendlichen benutzen an ihren Versammlungen Handzeichen, um einen Konsens zu finden.

Quelle: Anne Seeger
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Wärmster Winter, wärmster Frühling: Die Generation Z kennt nichts anderes

Die Bieler Gymnasiastin Nina Schlup opfert einen erheblichen Teil ihrer Freizeit dem Klima. Die 17-Jährige schreibt Druckereien an, um günstige Konditionen für den Druck der Flyer zu erhalten, hilft bei der Organisation der Demos. «Klimawandel ist etwas Abstraktes», sagt sie, «aber er findet vor unserer Haustür statt.» Seit ihrer Kindheit segelt sie auf dem Bielersee. «Früher herrschten im Sommer konstante Windverhältnisse, jetzt gibt es immer mehr Böen.»

Klimawandel als Realität, die man erlebt. Die Generation Z kennt nichts anderes: wärmster Winter, wärmster Frühling. Es ist ein existenzieller Kampf, den die Jungen führen. 2050 werden sie in der Blüte ihres Lebens stehen. Wenn dann auf der Welt zwei Grad wärmere Temperaturen herrschen, die Schreckensszenarien eintreten, wie sie Wissenschaftler zeichnen, trifft es sie am meisten. «Wir kämpfen, bis es uns nicht mehr braucht», sagt Nina Schlup. «Dieses Ziel ist erst erreicht, wenn die gesamte Bevölkerung mitzieht.»

Klimafreundlichere Schule

Unterdessen arbeitet Paula Schmid daran, dass die Sek Horgen den Klimanotstand ausruft. Die Schulleitung steht hinter ihrer Schülerin. Co-Schulleiter Dariusz Chybik ist der Meinung, dass die Jugendlichen nicht nur demonstrieren sollen, sondern auch in ihrem nächsten Lebensumfeld etwas verändern.

Paula Schmid klappt ihren Laptop auf, auf dem Deckel werben Aufkleber für den Klimastreik, den Atomausstieg, die Velodemos von Critical Mass. Mit Kolleginnen sammelt sie Ideen für eine klimafreundliche Schule. Sie beisst in ein Sandwich, diesmal ist es nur vegetarisch. Sie sei «vegan Vegan leben Der Stachel im Fleisch in Umstellung», scherzt sie. Manchmal fehlt für ein politisch korrektes Leben schlicht die Zeit. Sie gehört zu den führenden Köpfen des Zürcher Klimastreiks, derzeit rennt sie von einem Meeting zum nächsten. Eine Extremsituation. Aber sie weiss, warum sie sich das antut. «Wir haben nicht mehr viel Zeit.»

Sie liest vor, was «Klimanotstand» bedeutet. Wer ihn ausruft, anerkennt, dass es neue und aussergewöhnliche Mittel braucht, um die mit dem Klimawandel verbundenen Gefahren abzuwenden.

Im Kochunterricht und für den «Mittagstisch» müsste häufiger vegetarisch gekocht werden, da ist man sich einig. «Ich verstehe nicht, warum die Lehrer halbe Bücher ausdrucken, wenn wir doch alle ein Tablet haben Digitalisierung Hightech macht Schule », sagt Vivienne. «Kann man den Eltern verbieten, ihre Kinder zur Schule zu fahren?», überlegt Paula und besinnt sich gleich wieder: «Nein, wir sollten niemanden blossstellen, sonst sind sie gegen uns.»

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Nicht nur in der Horgner Schule wird übers Klima diskutiert. Viele Gymnasien stecken mitten in der Flugdebatte, andere haben wie das Basler Gymnasium Leonhard bereits entschieden, dass ihre Schüler für Maturareisen künftig nicht mehr ins Flugzeug steigen.

«Durch die Klimabewegung formt sich ein sozialer Druck, auf Flugreisen zu verzichten», sagt Bernadette Sütterlin, Umweltpsychologin an der ETH Zürich und der ZHAW. Vielfliegen ist auf einmal nicht mehr der Inbegriff eines weltgewandten Lifestyles, sondern etwas, wofür man sich schämt.

Die Organisation Myclimate spürt den Greta-Effekt deutlich: Im ersten Quartal 2019 sind die Kompensationen im Vergleich zum Vorjahr um 200 Prozent gestiegen. Beim internationalen Reisekonzern DER Touristik, zu dem auch Kuoni gehört, stellt man sich schon mal darauf ein, dass das Flugzeug in Zukunft «bewusster gewählt» wird. Im April war die Zahl der Lokalpassagiere, die vom Flughafen Zürich abgeflogen oder dort angekommen sind, erstmals seit langem rückläufig. Wie nachhaltig dieser Effekt ist, wird sich zeigen.

«Der letzte Hitzesommer hat viele nachdenklich gestimmt»

Aus menschlicher Sicht scheint der Klimawandel langsam voranzuschreiten. Doch Wissenschaftler warnen vor plötzlichen Veränderungen, die teilweise nicht mehr rückgängig zu machen sind und gravierende Folgen für das Ökosystem und den Menschen haben können. Bis heute haben sie 16 Kippelemente identifiziert. Das Abschmelzen des grönländischen Eisschilds ist eines davon. Umweltpsychologin Sütterlin weiss, dass es nicht nur im Erdsystem Kippelemente gibt, sondern auch in der Gesellschaft, etwa wenn ein sozialer Trend entsteht.

«Etwas baut sich langsam auf – bis sich ein neues Verhalten schlagartig und grossflächig ausbreitet», sagt Sütterlin. Bei der Klimabewegung sei dieser Punkt zwar noch nicht erreicht, aber möglicherweise stehe man kurz davor. Die Jugendlichen seien gut informiert, gut vernetzt und hätten eine eingängige Botschaft. Sie könnten verschiedene Gruppen zusammenbringen und für ihr Anliegen begeistern. Mit Greta verfüge die Bewegung über eine zugkräftige Galionsfigur. «Und der letzte Hitzesommer hat viele nachdenklich gestimmt.»

Man könne noch nicht sagen, ob die Klimabewegung erfolgreich sein werde, sagt der Historiker Ueli Haefeli, der ein Buch über die Schweizer Umweltpolitik schreibt. Er sieht jedoch gewisse Parallelen zur Umweltbewegung in den siebziger Jahren. «Anfang 1970 wusste noch kaum jemand, was das Wort ‹Umwelt› überhaupt bedeutet. Ende des Jahres wusste es jeder.» 1971 wurde das Umweltschutzgesetz mit der höchsten Zustimmung angenommen, die jemals erreicht wurde: 92,7 Prozent.

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Auch die Eltern mobilisieren

«Damit der Tipping-Point erreicht wird, müsste die Bewegung weitere Bevölkerungsgruppen erreichen», sagt Umweltpsychologin Sütterlin. Der Anfang ist bereits gemacht, 12'000 Wissenschaftler allein aus der Schweiz, Deutschland und Österreich halten die Forderungen der Streikenden für «berechtigt und gut begründet». Auch die Eltern der Streikenden gehen mittlerweile auf die Strasse Klimaschutz Streikt mit, ihr Eltern! . So kämpft etwa Paulas Mutter Seite an Seite mit ihrer Tochter.

Petra Schmid, die soeben mit einer 15-stündigen Zugfahrt aus den Italien-Ferien zurückgekehrt ist, erzählt vom Moment, der ihr «die Augen geöffnet» habe. Ihre Tochter habe ernüchtert festgestellt, sie könne sich nicht vorstellen, jemals Kinder zu haben, wenn sie sich die Szenarien der Klimawissenschaftler ansehe. Das machte die Mutter so traurig, dass sie mit zwei Gleichgesinnten die Whatsapp-Gruppe «Eltern fürs Klima» gründete. Heute mobilisiert sie Eltern, Grosseltern, Tanten und Götti auf Whatsapp, Facebook, Instagram und Twitter Digitale Sicherheit 12 Checklisten zu Google, Facebook & Co. .

«Wir müssen darauf achten, dass wir am Mittagstisch auch mal von was anderem reden», sagt sie und zieht sich ein Jäckchen an – geheizt wird in ihrer Wohnung nur noch minimal. Mittlerweile sei das Engagement beinahe zu einem 100-Prozent-Job geworden. Manchmal schickt sie Paula ins Bett, wenn sie bis in die Nacht hinein To-do-Listen Stress durch Multitasking «To-do-Listen sind gefährlich» abarbeitet. Manchmal nimmt sie Paula das Handy weg, wenn die Nachrichten im Sekundentakt reinploppen. Eben jetzt leuchtet es auf dem Display auf: Der Grüne Martin Neukom, der im März überraschend in den Zürcher Regierungsrat gewählt wurde, übernehme die Baudirektion. Die damit verbundene Hoffnung auf einen Kurswechsel lässt Schmid lächeln.

Der 32-jährige Neukom ist nicht der Einzige, der mit der grünen Welle ins Amt gespült wurde. Bei den Wahlen in Luzern, Baselland und Zürich legten die Grünen und die Grünliberalen enorm zu. Greenpeace sammelt die politischen Vorstösse, die die Klimabewegung in Gang gebracht hat, und stellt eine «eindrückliche Entwicklung» fest. Insgesamt sind die Forderungen der Klimastreikenden in der Hälfte der Kantone zu konkreten politischen Bestrebungen geworden oder auf dem Weg dahin. Jede Partei – auch die FDP und sogar die SVP – setzt sich mittlerweile mit dem Klimaschutz auseinander. Immer mehr Leute sehen die nationale Wahl im Oktober als Klimawahl.

So finden Deutschschweizer die Klimademos der Jungen

Infografik: Wie finden Sie die Klimademos?

Rund 17'000 Deutschschweizer wurden in einer Online-Umfrage des «Blick» gefragt: «In der ganzen Welt – auch in der Schweiz – gehen Junge für eine -andere Klimapolitik auf die Strasse. Wie finden Sie das?»

Quelle: gfs.bern/«Blick» – Infografik: Anne Seeger
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Entscheidende Wahlen

Warum es den grünen Parteien in den letzten zehn Jahren nicht gelungen ist, den Klimaschutz auf die politische Agenda zu setzen, weiss Ueli Haefeli. Es habe weder eine klare Zielgruppe – das Klima betrifft alle – noch die Möglichkeit gegeben, innerhalb einer Wahlperiode Fortschritte zu erzielen. «Historisch betrachtet hatten jene Umweltprojekte am meisten Erfolg, bei denen es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um Gesundheit ging», sagt er. Beim Waldsterben hiess der Slogan: «Erst stirbt der Wald, dann wir!» «Diese persönliche Betroffenheit fehlte beim Klima lange.»

Das hat sich geändert. Aber solange Schweizer Fluggäste insgesamt nur gerade ein Prozent ihrer CO2-Emissionen kompensierten, habe sich die Einstellung nicht nachhaltig verändert. «Dann wird man politisch keine Mehrheit finden.» Weder im National- und Ständerat noch beim Volk, falls eine Initiative zur Abstimmung käme. «Hier fallen die individuelle Haltung und das politische System zusammen.»

Es brauche jetzt einen verbindlichen Auftrag an die Politik, sagt Haefeli. «Wenn viele Städte und Kantone den Klimanotstand ausrufen, kann das Handlungsdruck erzeugen.» Möglicherweise komme auch die Gletscher-Initiative gerade zur rechten Zeit. Sie will das, was die Schweiz mit dem Pariser Abkommen beschlossen hat, in die Bundesverfassung schreiben: null CO2-Emissionen bis 2050. Ein ambitioniertes Ziel.
 

«Ich will nicht in 20 Jahren vor seine Kinder hinstehen und sagen müssen: ‹Ihr habt recht, wir hätten etwas machen sollen.›»

Ruedi Noser, FDP-Ständerat


Im Herbst hat die FDP noch tatkräftig mitgeholfen, das CO2-Gesetz zu versenken, und lieferte der Klimabewegung damit eine Steilvorlage. Nun erhält die Initiative für den Ausstieg aus der fossilen Energie auch aus der bürgerlichen Partei Zulauf. FDP-Ständerat Ruedi Noser sitzt gar im Initiativkomitee. Er begründete sein überraschendes Engagement damit, dass ihn seine Töchter herausgefordert hätten. Sie seien ein wichtiger Treiber für sein Engagement, sagte er der «NZZ am Sonntag». Er wolle nicht in 20 Jahren vor seine Kinder hinstehen und sagen müssen: «Ihr habt recht, wir hätten etwas machen sollen.»

Unterdessen ist Paula zurück. Sie ist spontan mit Kollegen nach Stockholm gereist – selbstverständlich mit dem Zug –, um Greta einen Dankesbrief und eine Fahne der Gletscher-Initiative zu überreichen. Zum Start der Unterschriftensammlung. Greta habe etwas müde gewirkt. Aber Paula ist voller Energie zurückgekehrt. Sie weiss: «Unser Kampf für eine bessere Zukunft hat eben erst begonnen.»

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Julia Hofer, Redaktorin

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