Umfrage: Was machst du, wenn du siehst, wie eine Frau attackiert wird?

  • «Mitmachen»,
  • «Dem Täter applaudieren»,
  • «Sie vergewaltigen»,
  • «Nichts. Sie hat es bestimmt verdient»,
  • «Nicht die Polizei anrufen, sie ist meinen Akku nicht wert»,
  • «Lasst sie langsam sterben».

Hass in einem öffentlichen Forum. Im Internet ist das Alltag. 24 Stunden, 7 Tage die Woche.

In den Kommentarspalten und auf den sozialen Medien wird Hass zum Problem. Seien es diffuse Attacken auf bestimmte Gruppen oder gezielte Feindseligkeiten gegen Andersdenkende. Ob Frauen oder Männer häufiger betroffen sind, ist unklar. Aber die Art und Weise der Angriffe unterscheidet sich.

«Frauen sind oft wegen ihres Geschlechts eine Zielscheibe. Sie sind mit vulgären Begriffen, sexualisierten Attacken oder Vergewaltigungsfantasien konfrontiert», sagt die Soziologin Lea Stahel von der Universität Zürich.

Das Internet ist das ideale Umfeld für Frauenhasser, hier können sie sich radikalisieren. Das zeigt eine neue Studie von Manoel Horta Ribeiro von der ETH Lausanne, der mit seiner Forschergruppe 28 Millionen Posts auf frauenfeindlichen Foren untersuchte, eher harmloseren sowie extremen. Danach ist die Manosphere – ein Geflecht von frauenfeindlichen Online-Gruppierungen – in den letzten 14 Jahren stark gewachsen. Gingen 2011 aufs Konto der extremeren frauenfeindlichen Plattformen nur 30 Prozent der Posts, waren es 2018 bereits 75 Prozent. Gleichzeitig wurden die Diskussionen hasserfüllter.

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«Das Ausmass an Toxizität ist auf diesen Plattformen sogar vergleichbar mit bekannten Hass-Seiten, die als Brutkästen für radikale Extremisten gelten,» sagt Ribeiro.

Explosive Stimmung

Die Manosphere sei zwar eine Nische, deshalb aber nicht ungefährlich. «Solche Gruppierungen können in Einzelfällen mit Massenmord in Verbindung gebracht werden. Das sollte uns als Gesellschaft Sorgen machen», sagt Manoel Horta Ribeiro.

Tatsächlich: Frauenhass zieht sich durch Biografien und Manifeste von Attentätern.

  • 2011 tötete Anders Breivik 77 Menschen in Norwegen. In seinem Manifest schrieb er, der wachsende Einfluss von Frauen sei ein Einfallstor für die muslimische Invasion.
  • 2014 erschoss Elliot Rodger in Kalifornien sechs Menschen und verletzte viele, bevor er sich selbst umbrachte. Motiv: Krieg gegen Frauen.
  • Aus dem gleichen Grund tötete der 25-jährige Alek Minassian 2018 im kanadischen Toronto zehn Menschen mit einem Van.
  • 2020 ermordete Tobias Rathjen zehn Menschen im deutschen Hanau. In seinem Pamphlet nimmt Frauenhass ein ganzes Kapitel ein.

Doch geht uns das in der Schweiz überhaupt etwas an? «Die Foren sind international und anonym, es ist deshalb schwierig festzustellen, woher die User kommen. Das spielt auch keine Rolle. Solange sie den Mainstream mit ihrer Ideologie und ihrem Hass kontaminieren, ist ihr Einfluss grenzüberschreitend», sagt Horta Ribeiro. Die Schweiz sei keine Insel.

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«Es gärt in diesen Gefässen», sagt Markus Theunert vom Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen Männer.ch. «Es ist gut möglich, dass unsere Arbeit künftig vermehrt in den Dienst der Radikalisierungsprävention gestellt wird.»

Aussage eines Schweizer Users auf der Plattform Reddit
Quelle: Andrea Klaiber, Anne Seeger und Alexandra del Prete

Ausmass erkannt? 

Ein grosses Problem bei Hetze im Internet: Man sieht oft nicht, wer dahintersteckt.

Vor vier Jahren erhielt die Berner FDP-Nationalrätin Christa Markwalder über Twitter eine anonyme Morddrohung. Es stellte sich heraus: Es war ein 13-jähriges Mädchen aus Köniz BE. «Als Frau in der Öffentlichkeit bekomme ich die ganze Palette ab – Drohungen, Stalking, anonyme Anrufe, üble Kommentare in den sozialen Medien», erzählt Markwalder.

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An Weihnachten 2019 lag ein Paket mit einer Schlinge in ihrem Briefkasten. «Erhängen Sie sich», schrieb der Mann. Nicht einmal anonym. Ein anderer beschrieb detailliert, wie er sie vergewaltigen werde. «Die abstrakte Morddrohung des Mädchens war fast harmlos im Vergleich zu dieser sadistischen Vergewaltigungsbeschreibung», sagt die Nationalrätin. Die Polizei konnte nicht viel machen.

Ob die Schweizer Behörden das Ausmass von Hass im Internet auf dem Radar haben, ist fraglich. Die Kantonspolizeien weisen nicht einmal aus, ob das Internet der Tatort für ein Verbrechen ist. Der Nachrichtendienst hätte zwar den Auftrag, sich mit der Früherkennung und Bekämpfung von gewalttätigem Extremismus zu befassen, ihm sind aber gesetzliche Schranken gesetzt. Für die Bekämpfung radikaler Frauenhasser im Netz ist er nicht zuständig, auch das Bundesamt für Polizei Fedpol nicht.

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Nicht jedem hasserfüllten Chat entspringt ein Täter. Aber je heftiger es online zu und her geht, desto eher wird aus Hass physische Gewalt. Diesen Zusammenhang konnten Forscher am Beispiel Deutschland belegen: Auf Facebook schaukelte sich die Stimmung gegen Flüchtlinge hoch, im Anschluss kam es zu vermehrter physischer Gewalt gegen sie.

Das Spektrum der Menschen, die Hasskommentare verfassen, ist breit. Es reicht von Personen, die aktiv zu Gewalt aufrufen, bis zu solchen, die nur Dampf ablassen und vermeintlich harmlos sind.

Männer zweiter Klasse

Zu den Extremsten zählen die Incels. Der Begriff setzt sich aus «involuntary» und «celibate» zusammen und bedeutet «unfreiwillig im Zölibat». Incels sehen sich als Männer zweiter Klasse, fühlen sich zurückgewiesen und geben Frauen die Schuld an ihrem Elend. In Foren wie Reddit fantasieren sie in einer Insidersprache über Vergewaltigungen und planen den eigenen Suizid. Der einzige Ausweg aus einer Welt, die gegen sie ist: Gewalt. Sie verehren Attentäter als Helden. Im Juni setzte Kanada Incels auf seine Liste der terroristischen Gruppierungen.

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Statement auf dem Online-Portal incels.co
Quelle: Andrea Klaiber, Anne Seeger und Alexandra del Prete

Rund 40 Prozent der Nutzer auf der Plattform Incels.co geben an, aus Europa zu stammen. Man muss nicht lange suchen, bis man auf Schweizer trifft. «Jungen Männern wird viel seltener als Frauen gesagt, dass sie geliebt werden. Ich erinnere mich nicht an das letzte Mal, als das jemand zu mir gesagt hat», beklagt sich auf Reddit ein Swisscel – ein Schweizer Incel. «Ich mochte einige Mädchen, aber sie haben nie Interesse gezeigt. Irgendwann hat mich das angepisst. Ich kann mit niemandem über all diesen Hass in mir sprechen.»

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«Das Phänomen wurde im deutschsprachigen Raum bisher nur oberflächlich analysiert», sagt Veronika Kracher, die im September ein Buch über die Incel-Subkultur veröffentlicht. Der Frauenhass von Incels sei keine Ausnahmeerscheinung, und Terroranschläge seien nur die Spitze des Eisbergs. «Die Aggressivität ist eine Antwort auf die fortschreitende Gleichstellung.» Sie nehme nicht nur in Incel-Foren zu, sondern auch auf Plattformen wie WGVDL («Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land?»), «Manndat» oder «Wikimannia».

Gefahr für die Jugend

Wikimannia wurde 2009 gegründet und bezeichnet sich als Wissensdatenbank «über Benachteiligungen von Jungen und Männern sowie Bevorzugungen von Maiden und Frauen». Feminismus basiere auf einer Verschwörungstheorie. Wer hinter dieser Plattform steckt, ist unbekannt.

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Die rund 5700 Einträge behandeln Themen wie die «Lohndiskriminierungslüge» («eine gebetsmühlenartige Behauptung zur Vorteilssuche») und «lila Pudel» («Männer, die dem Feminismus anhängen»). Frauen werden konsequent Weiber genannt. Wer sich feministisch engagiert, wird angefeindet. Über Bundesrätin Simonetta Sommaruga etwa steht, sie sei «windelweich und opportunistisch, erfüllt von emotionalem Furor und moralischem Dünkel».

Erst kürzlich wurde Wikimannia von deutschen Behörden als «jugendgefährdendes Medium» eingestuft. Ende 2019 hat das Portal gemäss eigenen Angaben seine Tätigkeit eingestellt. Trotzdem erscheinen weiterhin neue Artikel. Auf die Fragen des Beobachters folgte ein Sturm von Antworten: Innerhalb von vier Wochen erreichten die Redaktion 19 E-Mails, die 39 A4-Seiten füllen und sechs Mal so lang sind wie der vorliegende Artikel.

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Die Quintessenz: «Feminismus ist nicht mehr als ideologisch motivierter Hass, krimineller Betrug sowie gesellschaftliche und politische Korruption.» Das Interesse am Portal sei nach wie vor gross, es erreiche monatlich 400'000 Zugriffe – auch aus der Schweiz.

Das hält die Online-Plattform «Wikimannia» vom Feminismus
Quelle: Andrea Klaiber, Anne Seeger und Alexandra del Prete

Hierzulande gibt es keine Plattformen, die ähnlich gross sind. Wikimannia führt aber einen Eintrag zur Schweizer Interessengemeinschaft Antifeminismus (IGAF). Offiziell befürwortet diese die Gleichstellung von Mann und Frau, lehnt aber «Gleichmacherei» ab.

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«Heute ist es leider so, dass viele Männer nicht mehr die gleichen Rechte besitzen wie Frauen. Gleichberechtigung heisst auch gleiche Pflichten, man kann nicht nur die schönen Dinge herauspicken», sagt Gründer René Kuhn, der bis 2009 Präsident der SVP Luzern war. Frauenhasser gebe es in der IGAF keine, Feministinnen nehme man aber nicht ernst. «Wir erfreuen uns daran, wenn sie als alte, frustrierte Frauen enden, ohne Familie sind und einsam zu Hause ihre Zeit verbringen müssen.»

Immer wieder eckte die IGAF an. Zum Beispiel, als sie 2011 dazu aufrief, die Adressen von Frauenhäusern öffentlich zu teilen, weil diese angeblich Männerhass schüren.

Im gleichen Jahr nahm die Interessengemeinschaft an den Nationalratswahlen teil, scheiterte aber. Die jährlichen Antifeminismustreffen wurden gestrichen, die Website ist seit längerem inaktiv. Das soll laut Kuhn auch so bleiben – die Leute sollen selbst begreifen, was der Feminismus anrichte. «Bei vielen ist es leider so wie bei den Kartoffeln: Die Augen gehen erst auf, wenn sie im Dreck stecken.» Was er damit meint, sagt Kuhn nicht.

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Der Rückzug aus der Öffentlichkeit bedeutet nicht, dass es die IGAF nicht mehr gibt. Insbesondere online ist sie aktiv. 12'000 Mitglieder werden laut Kuhn über einen Newsletter informiert. Es gebe auch monatliche Treffen.

Zitat der Schweizer Interessengemeinschaft Antifeminismus
Quelle: Andrea Klaiber, Anne Seeger und Alexandra del Prete

Egal, wie aktiv Hetzerplattformen oder Vereine sind – sie allein sind nicht schuld am Klima, das Radikalisierung und Hatespeech fördert. Auch die grosse Zahl an Stänkerern aus der Mitte der Gesellschaft habe Einfluss. «Senioren, die einfach mal Dampf ablassen, schaffen ein Meinungsklima und den Nährboden, auf dem Hass gedeiht», sagt Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW.

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Frust ablassen

Einer dieser Stänkerer war der 68-jährige Jürg Streuli, der sich über die ehemalige Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin aufregte. «Für mich war sie eine Lügnerin. Auf Facebook fand ich eine Gruppe von Gleichgesinnten und schrieb meinen Frust nieder», sagt er im Gespräch. Eines Morgens hatte er eine Vorladung im Briefkasten. «Zuerst konnte ich mich nicht einmal erinnern, was ich geschrieben hatte. Als es mir einfiel, hatte ich wenig Verständnis. Für diesen Guguus sollte ich vor die Staatsanwaltschaft?»

Am Tag der Verhandlung war ihm das Ganze unangenehm. «Ich konnte doch nicht wissen, dass sie meinen Kommentar liest.» So ist es oft. Während sich Cybermobbing gegen eine bestimmte Person richtet, schreit Hatespeech einfach ins Internet. Mit Dialog hat das wenig zu tun. Jürg Streuli sagt: «Ich achte heute darauf, niemanden persönlich zu beleidigen.» Manchmal ärgere es ihn, Worte in Watte packen zu müssen. «Man ist schnell ein Macho, ein alter weisser Mann. Viel mag es nicht mehr ‹liidä›.»

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Dürfen Männer gar nichts mehr sagen? «Doch, sicher. Es ist legitim, sich für Männeranliegen einzusetzen», sagt Markus Theunert von der Männer- und Väterorganisation. «Aber Antifeministen handeln nach einer Weltsicht, in der Frauen und Männer ‹von Natur aus› so sind. Gleichstellung ist für sie Zwängerei und Gleichmacherei.» Diese Sicht teile seine Organisation nicht. «Der Ausgangspunkt unserer Arbeit ist eben nicht ein individuelles Benachteiligungsgefühl, sondern die Forderung, dass Ressourcen und Belastungen fair zwischen den Geschlechtern verteilt werden», so Theunert.

Konservatives Weltbild

Ein eindeutiges Profil der Verfasser von frauenfeindlichem Hatespeech lässt sich nicht erstellen. Laut Dirk Baier sind sie eher ältere, sozial schwächere und weniger gebildete Personen. Wie bei anderen extremen Einstellungen, etwa Fremdenfeindlichkeit, erhalten sie meist von älteren Menschen Zuspruch. Gewalttätig werden aber vor allem unter 30-Jährige.

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«Antifeminismus ist elementar im Rechtsextremismus verankert», sagt Dirk Baier. Dahinter stecke ein konservatives Weltbild, das von einer Ideologie der Ungleichwertigkeit ausgehe, die sich in Antisemitismus, Rassismus, Sexismus oder Homophobie äussere.

Das gleiche Phänomen lasse sich bei konservativen Muslimen beobachten. «Überspitzt ausgedrückt sind Rechtsextreme und Islamisten Brüder im Geist, wenn es um ihr Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit geht», sagt Baier. Aber: Studien aus Deutschland zeigten, dass Sexismus in den letzten 20 Jahren deutlich abgenommen habe. «Genau diese Jahre waren von Migrationsbewegungen geprägt, deshalb kann man nicht behaupten, dass Migration pauschal zu mehr Frauenhass führt.»

Auch Linksextreme hetzen gegen Frauen. «Linker Hatespeech hat aber einen anderen Charakter. Er ist ideologisch und zielgerichtet», sagt Dirk Baier. Es würden eher Frauen angegriffen, die für eine dem Linksextremismus verfeindete Ideologie stehen: rechte Aktivistinnen oder Politikerinnen, Chefinnen von grossen Unternehmen. Insgesamt sei Hassrede aus der linken Ecke aber deutlich seltener.

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Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind besonders häufig betroffen, egal, ob sie Feministinnen sind oder nicht. «Du dreckige Rotz-Fotze, halt doch dein Schandmaul», «Du hast doch zu viel Lack gesoffen, kranke Trulla», «Total inhaltslose Publikumsschlampe (ich würde sie aber nicht ficken)» – solche Kommentare musste Weltwoche-Kolumnistin Tamara Wernli einstecken. Die Verrohung im Internet müsse man thematisieren, sagt sie. Diese drei Kommentare seien aber eine Ausnahme, sie würden ihren Alltag in keiner Weise widerspiegeln.

Obwohl sie sehr aktiv auf Social Media sei, erlebe sie kaum Hass. «Vielleicht bewege ich mich in einer gemässigten Community oder stufe nicht alle Kommentare als sexistische Beleidigung ein», sagt Wernli. «Zudem ist es mir egal, ob mich drei fremde Typen als Schlampe bezeichnen und mich für bumsbar halten. Das perlt an mir ab.»

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Die Genfer SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz erstattete zum ersten Mal Anzeige, als ihre Familie angegriffen wurde. Seither tut sie das bei sexistischen E-Mails konsequent. «Einige Männer wurden verurteilt, und die E-Mails hörten auf», so Amaudruz. Um sich zu schützen, versucht sie zu vermeiden, dass persönliche Fotos im Netz auftauchen.

FDP-Nationalrätin Christa Markwalder mischt sich online nur zurückhaltend in Diskussionen ein. «Nicht weil ich die Debatte scheue, sondern weil ich dadurch viel Zeit spare. In gravierenden Fällen habe ich Anzeige erstattet, leider ohne konkrete Resultate.»

Sportmoderatorin Steffi Buchli beantwortet zu Hause keine E-Mails mehr, um den Hass nicht in ihr Privatleben zu lassen. Ihre Facebook-Inbox ignoriert sie. «Schlecht weghören kann ich, wenn es um meine Familie geht. Als ich vier Monate nach der Geburt meiner Tochter wieder vor der Kamera stand, hagelte es Kritik.»

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Gegen Hatespeech

Das Gesetz schützt Betroffene nur wenig. «Hass im Netz hat einen Einfluss auf die ganze Gesellschaft. Erst wenn wir strafbare Handlungen im Internet möglichst präzise definieren und diese Art der Gewalt verfolgen, gibt es Zahlen zum Ausmass des Problems», sagt die Berner SP-Nationalrätin Tamara Funiciello. Entsprechende Vorstösse im Parlament hatten es schwer. «Immer wieder kommt das Argument, die Meinungsfreiheit würde eingeschränkt. Aber mal im Ernst: Gewalt kann doch keine Freiheit sein.»

Der Bundesrat sieht derzeit keinen Handlungsbedarf, die strafrechtlichen Bestimmungen zu verschärfen, aber die Rechtsdurchsetzung im Internet müsse verbessert werden. Das sei wegen des «grenzüberschreitenden Charakters» des Netzes nicht immer möglich, schrieb er als Antwort auf eine Interpellation.

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Deutschland ist einen Schritt weiter. Mitte Juni beschloss der Bundestag ein Gesetz gegen Hatespeech. Es stellt bereits die Androhung von Körperverletzung oder sexuellen Übergriffen im Internet unter Strafe. Bisher galt das nur bei Morddrohungen. Die EU-Kommission verfolgt Pläne für eine gesamteuropäische Lösung.

Organisierte Gegenwehr

In der Schweiz organisiert sich die Zivilgesellschaft selbst. Vorreiterin im Einsatz gegen Online-Hetze ist Netzcourage. Gegründet wurde der Verein von Jolanda Spiess-Hegglin, die selbst betroffen war. «Man hat mir Zitate in den Mund gelegt und Dinge erfunden. Ich hätte mir damals eine solche Hilfe gewünscht.» Netzcourage prüft E-Mails und betreut Social-Media-Kanäle von Betroffenen. Stösst der Verein auf Hasskommentare, sucht er das Gespräch mit Hetzern oder erstattet Anzeige.

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Alliance F, der Dachverband der Schweizer Frauenorganisationen, setzt auf eine Kombination aus technischen und zivilgesellschaftlichen Ansätzen. Seit letztem Jahr wird im Projekt «Stop Hate Speech» der Algorithmus «Bot Dog» entwickelt. Der digitale Hund erschnüffelt Hass und verbale Gewalt in Kommentarspalten und auf sozialen Medien. Wird er fündig, aktiviert er ein Netzwerk von Freiwilligen, das die Funde bewertet und den Algorithmus sensibilisiert. Mit Bot Dog will Alliance F Daten erheben, damit Hassrede quantifizierbar wird.

Im Herbst kommen sogenannte Gegenredner mit unterschiedlichen Lebensläufen und unterschiedlichen politischen Einstellungen ins Spiel. «Sie wehren sich organisiert, ganz ähnlich wie die Hetzer. Nur erwidern sie jeden Hasskommentar mit einer Vielzahl von Gegenmeinungen, um dem etwas entgegenzustellen», sagt Geschäftsführerin Sophie Achermann. Dass Gegenrede wirkt, zeigt eine neue Studie aus Deutschland.

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Trotz zivilgesellschaftlichem Engagement müsse die Politik ihre Verantwortung aber wahrnehmen, sagt Nationalrätin Funiciello. «Der Staat darf die Prävention und die Bekämpfung von Gewalt nicht den Privaten überlassen.»

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Tina Berg, Redaktorin

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