Darf man keinen Menschen mit dunkler Hautfarbe ehren und würdigen? Und das auch viele Jahrhunderte nachdem sein Name als «Mohr» in den Türsturz aus Marmor gemeisselt wurde wie im Zürcher Niederdorf? Und das – auch hier gilt die Unschuldsvermutung – in bester Absicht?

Im Mittelalter wies der Hausname oft auf den Ort hin wie «Zur Felsenegg» oder «Zum Feigenbaum». Auf Tiere wie «Zur Henne» oder Gewürze wie «Zum Rosmarin». Auf die Tätigkeit wie «Zur Schmitte» und «Zum Barfüsser», einem Mönch. Oder man nannte das Haus «Zum Mohr» – nach den Mauren oder nach Caspar, einem der Heiligen Drei Könige. Oder nach Maurice, dem Heiligen der Soldaten und der Tuchweberinnen. 

Der Soldat, der zum Heiligen Mauritius werden sollte, kam ums Jahr 300 unserer Zeitrechnung aus Ägypten ins Unterwallis. Er sollte mit seiner Truppe gegen die Christen kämpfen. Selbst Christ, verweigerte er seinem Auftraggeber den Befehl. Der Auftraggeber liess 6600 Mann, einen nach dem anderen, töten. Er war ein römischer Kaiser.

Die Legende dahinter

Auf den Gräbern der Männer wuchs Saint-Maurice. Eine riesige Abtei samt Dorf zwischen Montreux und Martigny. Sie besteht seit über 1500 Jahren. Der Christ aus Ägypten wurde wegen seiner Standhaftigkeit als Märtyrer verehrt. Aus Mauritius wurde Maurice, aus dem französischen Maurice wurde der deutsche Mohr.

Von Saint-Maurice aus verbreitete sich die Legende in Europa. Für ihn schnitzte man Statuen. Apotheken von Berlin über Graz bis Stein am Rhein wählten einen «Mohren» als ihren Schutzheiligen. Oder sie weihten ihm einen «Mohrenbrunnen» wie in Schaffhausen. Die meisten Leute hatten zu jener Zeit in Mitteleuropa vermutlich nie einen dunkelhäutigen Menschen erblickt. Das Konzept «Rassismus» existierte nicht, aber die Furcht vor Fremdem, die zeitweise in Gewalt umschlug.

«Zeitzeugnisse wie Inschriften oder Malereien zu zerstören, ist ein Stellvertreter-Scharmützel. Es ist Pflästerli-Politik.»

René Ammann, Beobachter-Redaktor

Dann kam die Umdeutung durch die Intellektuellen in den Städten. Sie greifen bei einem Wort wie «Mohr» zum Messer wie der römische Kaiser, als Maurice sich nicht beugen wollte. Die deutsche Politikerin Sahra Wagenknecht wirft ihnen vor, sie lebten «in der Filterblase des eigenen Milieus». 

Gut situiert, begegnen sie den weniger Begünstigten im realen Leben kaum noch, allenfalls «in Gestalt preiswerter Servicekräfte, die ihre Wohnungen putzen, ihre Pakete schleppen und ihnen im Restaurant das Sushi servieren». Die weniger Begünstigten, das sind oft Menschen mit dunkler Hautfarbe.

Der Rassismus-Hammer

Statt deren Lage und die Lage aller Leute zu überdenken und zu verbessern, die wegen Corona in Schwierigkeiten sind, greift der Zürcher Stadtrat mitten in der Pandemie zum Hammer «Rassismus». Kein Mensch von Verstand setzt sich für Rassismus ein. So schlägt der Stadtrat auf längst Tote ein, die wehren sich am wenigsten. Und er haut erst noch auf den Falschen ein, einen dunkelhäutigen Heiligen.

Als links galt das Ziel, weniger Begünstigte «vor Armut, Demütigung und Ausbeutung zu schützen», so Wagenknecht in ihrem Buch «Die Selbstgerechten». US-Bürgerrechtler Martin Luther King habe sich weniger dafür interessiert, wie man Schwarze nennt, «als dafür, in welchen sozialen Verhältnissen sie leben». Wenn man Wörter wie «Mohr» entfernt, profitiert davon kein einziger Mensch mit dunklerer Hautfarbe.

Zeitzeugnisse wie Inschriften oder Malereien zu zerstören, ist ein Stellvertreter-Scharmützel. Es ist ein Akt, der auch Restauratorinnen die Tränen in die Augen treibt. Es ist Pflästerli-Politik. Am besten bringt der Zürcher Stadtrat am Haus eine Erklärungstafel an, um Missverständnisse auszuräumen, und deckt den Namen mit Wundpflaster ab. Das kann man entfernen, wenn der Wind sich gedreht hat. Und wenn die Demütigungen der weniger Begünstigten aufgehört haben.

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René Ammann, Redaktor

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