Aufgezeichnet von Yves Demuth:

Kurz vor dem Shutdown zog ich zu Grandpa. Das war am 12. März 2020. Ich rief meinen Vater an und sagte: «Ich mach das jetzt.» Es gab ja noch keine Impfungen.

Als ich durch das Gartentor seines Baselbieter Reihenhäuschens trat, schaute er mich verwundert an. «Schmeisst du mich jetzt raus aus meinem Haus?», fragte er. «Das ist doch dein Haus!», antwortete ich. «Ich bin hier, um mit dir die Isolation zu überstehen.» Grandpa erzählte mir daraufhin, dass ihn das an seine Kindheit in Polen erinnert habe: «In Kozienice, das Haus meiner Eltern, das war auch mein Haus. Und dann, 1940, haben sie uns rausgeschmissen.»

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Mein Grossvater Jakob ist als Achtjähriger deportiert worden. Er überlebte das Konzentrationslager Buchenwald, verlor einen Grossteil seiner Familienangehörigen, seine Heimat, seine Kultur, seine Sprache.

Nach dem Krieg gab sich Grandpa als ein Jahr älter aus, damit ihn die Briten mitnahmen nach England. Dort ging er zur Schule, studierte und lernte ein Au-pair-Mädchen kennen, meine Grossmutter, eine Baselbieter Protestantin. Das gefälschte Geburtsjahr steht bis heute in seinem Pass. Vor einigen Monaten hat Grandpa einen riesigen Blumenstrauss erhalten von der Gemeinde Reinach, zu seinem Neunzigsten. Doch wir feierten erst seinen 89. Geburtstag.

Jakob Fersztand, 89, in seinem Wohnzimmer

Als Kind kam er ins Konzentrationslager: Jakob Fersztand, 89, aus dem Baselbiet

Quelle: Anna Fersztand
«Tagesschau» und Angst

Während der sieben Wochen Isolation schwiegen wir häufig miteinander. Wir schauten die «Tagesschau» und die Bundesrats-Medienkonferenzen. Die Mobilmachung der Armee machte Grandpa Angst: «Was ist, wenn ich ins Spital muss? Ich möchte nicht von Spitalsoldaten dorthin gebracht werden. Damals liessen die Soldaten unsereins einfach am Strassenrand liegen.» Die Erinnerung war für ihn wie real. Ich sagte, dass ich auf ihn aufpassen würde.

Ich wohnte bei Grandpa als Enkelin und Sozialanthropologin. Mein primäres Anliegen ist ein wissenschaftliches, meine Recherchewerkzeuge sind Kamera, Stift und meine Ohren. Zugleich bin ich Teil der Familie.

Ich filmte über 100 Stunden. Er schlug vor, meinen Kurzfilm «Remembering the Holocaust» zu nennen. Er will, dass ich seine Geschichte des Holocausts weitergebe – wider das Vergessen. Grandpa spricht seit 30 Jahren vor Schulklassen über den Holocaust.

Zu Tränen gerührt

Kurz vor der Pandemie hatte ich seine Verwandten in Paris besucht, mit denen er nur noch wenig Kontakt hatte. Zurück kam ich mit Videobotschaften. Die Tochter seines Cousins sagte, die schrecklichen Holocaust-Erinnerungen seien niemals so stark wie die Liebe, die die Familie verbinde. Die Videoclips berührten Grandpa bis zu Tränen.

Die gemeinsame Zeit mit Grandpa hat mich sehr beschäftigt. Sie hat mir zu weiteren Ideen verholfen. Sie bestätigte mir, wie die Familiengeschichte die nachfolgenden Generationen prägen kann. Ich besuche ihn natürlich weiterhin regelmässig. Wir können offen miteinander reden, aber wir teilen auch miteinander das Nichtsagbare.

Zum Film

Der Kurzfilm über Jakob Fersztand erschien unter dem Titel «Jakub, 115110, Jacques, Jake, Jakob» und wurde im November 2021 am Global Science Film Festival in Bern gezeigt.

Dazu ein Aufsatz in: Jacques Picard und andere: «Erzählweisen des Sagbaren und Unsagbaren».

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