Beobachter: Die katholische Kirche ist wieder wegen sexuellen Missbrauchs in den Schlagzeilen. Das überrascht Sie wohl nicht?
Monika Schmid: Natürlich konnte ich mir den Gedanken nicht ver­kneifen, dass es vielleicht anders gekommen wäre, wenn die Kirchenführung vor zwei Jahren meine Kritik ernster genommen hätte, statt einen solchen Zirkus mit mir zu veranstalten. Ich bin erschüttert über das Ausmass der Fälle, denn ich kann mir vorstellen, was in den Opfern vorging und vorgeht. Nachdem ich damals im «Wort zum Sonntag» den Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch kritisiert hatte, mel­deten sich viele Opfer und schilderten mir ihre himmeltraurige Leidensgeschichte.

Beobachter: Haben Sie ein Beispiel?
Schmid: Eine heute 60-jährige Frau wurde mit 16 in einem Kinderheim von ihrem Pfarrer verführt. Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Das schrieb sie dem Pfarrer. Der aber liess rein gar nichts von sich hören. Sie zog den Sohn allein auf. Als dieser 20 war, schrieb sie das dem Pfarrer erneut. Diesmal reagierte er: Er schickte 50 Franken zum Geburtstag.

Beobachter: Reagiert die Kirche denn heute angemessen?
Schmid: Nein, die Reaktionen kommen immer zu spät. Es dauert immer zu lang, bis man etwas von der Führung der Kirche vernimmt, wie etwa den aktuellen Hirtenbrief, in dem sich der Papst für die Missbräuche in Irland entschuldigt. Und… – Ich kann mir nicht helfen, aber ich nehme vielen ihre Betroffenheit nicht ab. Diese Erklärun­gen sind mir oft zu schwülstig. Ob die Vertreter der Kirche wirklich wissen, wie den Opfern zumute ist, bezweifle ich.

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Beobachter: Warum?
Schmid: Im Brief an die Bischöfe aus dem Jahr 2001 stellt der damalige Kardinal und heutige Papst Josef Ratzinger «Straftaten» im Zusammenhang mit dem Sakra­ment der Eucharistie und der Beichte auf die gleiche Stufe wie den Missbrauch eines Kindes. Viel von diesem Geist der Verharm­losung ist auch noch heute zu spüren.

Monika Schmid, Gemeindeleiterin

Beobachter: Was muss sich ändern?
Schmid: Die katholische Kirche muss endlich mit ihrer verklemmten und lustfeindlichen Sexualmoral aufräumen. Es geht um das Menschenbild, das ganz neu angeschaut werden muss. Dazu gehört auch, dass die Frau als dem Mann gleichgestellter Mensch gesehen wird und nicht als die sündige Verführerin. Damit wir uns recht verstehen: Ich verlange nicht die Abschaffung des Zölibats. Wenn es frei gewählt wird, kann es durchaus Sinn machen. Predigt die Kirche eine natürliche Einstellung zur Sexualität, werden weniger Menschen mit einer problematischen Sexualität in ihren Mauern Schutz suchen.

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Beobachter: Was bringen schwarze Listen?
Schmid: Sie sind grundsätzlich eine ­gute Sache, funktionieren aber nur, wenn sie konsequent und transparent eingesetzt werden. Sind aber die Kirchenverantwortlichen dazu bereit? Ich glaube nicht. Nehmen Sie den Fall in Schübelbach: Die einen behaupten, sie hätten über die problematische Vergangenheit des Pfarrers informiert, die anderen sagen das Gegenteil. Da wird einfach der schwarze Peter hin und her geschoben.

Beobachter: Wie stark schaden diese Skandale der Kirche?
Schmid: Der Schaden ist immens. Wer schon aus der Kirche ausgetreten ist, wird sich durch die jüngsten Ereignisse bestätigt fühlen. Bei anderen sind sie vielleicht der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und für diejenigen, die der Kirche treu bleiben möchten, und zu denen gehöre auch ich, sind diese Skandale einfach ein erneuter schmerzlicher Tritt ans Bein.

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Beobachter: Warum möchten Sie der Kirche treu bleiben?
Schmid: Vielleicht bin ich etwas altmodisch. Aber wenn ich in der täglichen Arbeit in der Gemein­de den grossen Reichtum der katholischen Kirche sehe, wie ihre Rituale und Bräuche zum guten Gelingen eines Lebensentwurfs beitragen können, weiss ich, dass ich am richtigen Ort bin. Einige wären ja vielleicht froh, wenn ich gehen würde. Aber diesen Gefallen möchte ich ihnen nicht tun.

Beobachter: Wie geht es jetzt weiter?
Schmid: Meine grosse Angst ist, dass die Medien sich schon bald anderen Themen zuwenden und die Verantwortlichen die Probleme einfach aussitzen. In diesem Fall haben wir überhaupt nichts gewonnen.

«Skandalöse» Fernsehpredigt

Der Ärger und die Entrüstung in der katholischen Kirche waren gross nach der Predigt von Monika Schmid im «Wort zum Sonntag» vor zwei Jahren. Eine «Boulevardpredigt» sei das, sagte Roland-Bernhard Trauffer, Präsident der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz. Schmid habe «von den tatsächlichen Problemen abgelenkt».

Mehrere katholische Würdenträger forderten die Gemeindeleiterin aus Illnau-Effretikon ZH in offenen Briefen indirekt zum Austritt aus der Kirche auf. Was hatte Schmid gesagt?

Im Januar 2008 machte der Fall eines Kapuzinerpaters Schlagzeilen, der vor über 30 Jahren einen Ministranten sexuell missbraucht hatte. Als der Bischof das 1989 erfuhr, versetzte er ihn nach Frankreich, wo er prompt einen weiteren Knaben belästigte. Monika Schmid machte dies in ihrer TV-Predigt zum Thema und schlug einen Bogen zum Zölibat. Überführte pädophile Priester, so argumentierte sie im Februar 2008 im «Wort zum Sonntag», würden meist innerhalb der Kirche zwar versetzt, blieben aber im Amt. Priester aber, die eine reife Beziehung zu einem Partner oder einer Partnerin lebten, würden abgesetzt. Schmid: «Da stimmt doch etwas nicht.»

Das fanden auch die Leserinnen und Leser des Beobachters. Sie sprachen der mutigen Gemeindeleiterin den Prix Courage zu. Danach erhielt Monika Schmid innert weniger Tage über 600 Mails und 300 Briefe.

Gern hätte der Beobachter da­mals angesichts dieses Echos mit Bischof Vitus Huonder über den Umgang mit innerkirchlicher Kritik gesprochen. Doch die Bistumsleitung verweigerte das Interview nach längerer Bedenk­zeit mit zwei Zeilen: «Der Bischof sieht sich nicht in der Lage, diesem Wunsch zu entsprechen.»

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