Mit der Frage «Wie definiert sich Leben?» konfrontierte Charlotte Rutz ihre Studierenden gern gleich in der ersten Unterrichtsstunde. «Fortpflanzung ist nur eines von fünf Merkmalen. Die anderen sind Wachstum, Bewegung, Stoffwechsel und Atmung.» Rutz hat sich nie für oder gegen eine Karriere, für oder gegen Kinder entschieden. «Mich hat stets meine Neugierde angetrieben», erzählt sie.

Als ihre Freundinnen häuslich wurden und Kinder bekamen, absolvierte die heute 68-Jährige als Zweitausbildung ein Biologiestudium, reiste mit Kommilitonen für eine meeresbiologische Exkursion an die Adria, präsentierte Forschungsresultate an Konferenzen in den USA und absolvierte dann noch eine dritte Ausbildung zur Bibliothekarin. «Ich glaube, dass eigene Kinder eine grosse Bereicherung sein können. Aber es ist eben nicht die einzige Art, ein erfülltes Leben zu leben», so Rutz.

Wenn es nur so einfach wäre. Elternschaft scheint auch im 21. Jahrhundert ein moralischer Imperativ zu sein. Spätestens mit festem Partner und stabilem Einkommen muss sich Frau irgendwann rechtfertigen, wenn sie keine Kinder haben will. Die immer gleichen Floskeln und düsteren Prognosen lassen meist nicht lange auf sich warten. «Das kommt dann schon noch», «Kinder sind das Schönste auf der Welt», heisst es dann. Oder «Du bist eben egoistisch». Und «Dann bist du später einmal ganz allein».

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Einsamkeit ist ein Risiko

Dass Frauen keine Kinder wollen, ist für viele immer noch dermassen unverständlich, dass sie sich bei jeder Gelegenheit dazu äussern müssen. Erst kürzlich veröffentlichte die britische Zeitung «The Guardian» eine Serie über Frauen, die die Fortpflanzung nicht als Krönung ihres Daseins begreifen. Doch egal, wie ausführlich ihre Erklärungen ausfallen, egal, welche Beweggründe sie liefern, eine Reaktion in den Kommentaren ist so sicher wie das Amen in der Kirche: «Du wirst es bereuen!» Wenn nicht heute, dann später. Nur, ist das wirklich so?

Einsamkeit im Alter sei unbestritten ein Risiko, sagt Biologin Charlotte Rutz. Deshalb habe sie sich intensiv überlegt, wie sie die Zeit nach der Pensionierung nutzen kann. Sie meldete sich für einen mehrjährigen Feldornithologie-Kurs an. Ein wichtiger Schritt, wie sie meint. «Ich glaube allerdings nicht, dass meine Freunde, die Kinder haben, sich weniger mit ihrer Lebensgestaltung im Ruhestand auseinandersetzen müssen. Schliesslich gibt es so viele Variablen im Leben, auf die wir keinen Einfluss haben. Kinder sind selbständige Persönlichkeiten und kein Garant für irgendetwas.»

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Rezept fürs gelungene Leben

Statt auf den Nachwuchs zu hoffen, sei es viel wichtiger, sich aktiv um ein soziales Umfeld zu kümmern und den Alltag mit Dingen zu füllen, die einen begeistern. «Das Leben ist kein Flussdiagramm, das sich mit einfachen Wenn-dann-Funktionen meistern lässt. Genau das macht es doch so interessant. Es ist keine Einbahnstrasse, sondern bewegt sich stets, entwickelt sich weiter und bietet unzählige Optionen.»

Tatsächlich haben Kinder nur wenig Einfluss auf das Glück. Forscher der US-amerikanischen Universität Princeton etwa haben Daten von knapp drei Millionen Menschen aus 161 Ländern ausgewertet und herausgefunden: Für die Zufriedenheit ist es weitgehend egal, ob man Kinder hat oder nicht. Das bestätigten auch belgische Wissenschaftler, die nur Menschen aus wohlhabenden westlichen Ländern untersuchten. Auch sie fanden keine Hinweise, dass Eltern glücklichere Menschen sind. Für die Schweiz zeigen Erhebungen des Bundesamts für Statistik zur Lebenszufriedenheit keine nennenswerten Unterschiede zwischen Eltern und Kinderlosen.

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«Wir haben in den letzten hundert Jahren ein Familienbild hochstilisiert, das oft nicht so viel Freude macht.»

Mathias Binswanger, Ökonom

Dennoch hält sich hartnäckig das traditionelle Bild von der Familie als Patentrezept für ein sinnhaftes Leben. Dafür verantwortlich macht Glücksforscher und Ökonom Mathias Binswanger eine nostalgische Komponente und den Konformitätsdruck eines «überbewerteten Lebensmodells». «Die Kernfamilie ist wahrscheinlich überhaupt keine ideale Form des Zusammenlebens», vermutet er.

Im Gegenteil: Dass Erziehung und Betreuung der Kinder vorwiegend auf zwei Bezugspersonen lasten, sorge für viel Stress – und Unzufriedenheit. In Grossfamilien und generationenübergreifenden Haushalten verteile sich diese Aufgabe auf mehr Leute. Das ermögliche den Einzelnen mehr Flexibilität, sagt Binswanger.

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«Wir haben in den letzten hundert Jahren ein Familienbild hochstilisiert, das oft nicht so viel Freude macht – vor allem dann, wenn beide berufstätig sind. Kinder sind selbstverständlich kein Königsweg zum Glück.» Entscheidend sei ein aktives Sozialleben, ob mit oder ohne Kinder. «Generell überschätzen wir die Möglichkeiten des Einflusses, den wir aufs Leben haben, da wir uns heute als souveräne Individuen betrachten. Wir können das Leben aber nur begrenzt planen. Darum hat es auch einen positiven Einfluss auf die Lebenszufriedenheit, wenn man sich schnell mit neuen Situationen abfinden kann.»

Steigende Scheidungsraten, aufgeschobene Kinderwünsche

Als während des Shutdowns alle nur noch für das Nötigste das Haus verlassen konnten, passierte etwas Aussergewöhnliches. Die grosse Welt schrumpfte auf vier Wände zusammen. Von einer biedermeierlichen Rückbesinnung auf die Kernfamilie, gar einem Babyboom war anfänglich die Rede.

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Doch das Gegenteil scheint einzutreffen. Die gemeinsame Zeit auf engstem Raum, die veränderten Tagesstrukturen, die staatlich verordnete Entschleunigung, dazu Existenzängste und Unsicherheit trafen viele mit voller Wucht. In China stieg nach dem Ende des Shutdowns die Scheidungsrate, in der Schweiz vermelden Scheidungsanwälte jetzt eine erhöhte Nachfrage. Ob es den prognostizierten Babyboom gibt, wird sich weisen. Eine Studie mit mehreren Tausend Menschen aus Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Grossbritannien zeigt, dass viele ihre Kinderpläne wegen Covid-19 nicht nur verschoben haben, sondern in Frage stellen oder gänzlich aufgegeben haben.

Schon vor Corona hatte in der Schweiz ein Drittel der 25- bis 80-Jährigen keine Kinder – Männer häufiger als Frauen. Die Corona-Krise könnte diesen Trend befeuern, denn in unsicheren Zeiten werde der Kinderwunsch erst mal aufgeschoben, sagt Soziologe Klaus Preisner von der Universität Zürich. «Wenn der Mensch nicht weiss, was kommt, möchte er keine Risiken oder grossem Verpflichtungen eingehen. Insbesondere bei einer Krise wie Corona, die wie ein Damoklesschwert über unserer Wirtschaft hängt, kann das unter Umständen relativ lange andauern und so tatsächlich zu niedrigeren Geburtenraten führen», vermutet Preisner.

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Eltern-Kind-Beziehungen haben sich verbessert

Dass nun eine Generation reuiger Kinderloser entsteht, bezweifelt Bettina Ugolini, Leiterin der Beratungsstelle «Leben im Alter» in Zürich. Nicht Kinderlosigkeit, sondern schwierige Eltern-Kind-Beziehungen seien im Alter häufig Anlass zu Kummer und deshalb immer wieder Thema in ihren Beratungen. «Die Trauer über schlechte oder nicht existierende Beziehungen zu Kindern oder Enkeln ist für die Betroffenen wahnsinnig schmerzhaft», berichtet Ugolini. Das hänge oft auch mit der Erwartung zusammen, dass man im Alter auf die Unterstützung des Nachwuchses zählen könne. Räumliche Distanz, fehlende Zeit, aber auch zerrüttete Beziehungen liessen diesen Traum in vielen Fällen platzen.

Zum Glück ist das nicht immer so. Trotz hoher Scheidungsraten sind Eltern-Kind-Beziehungen in den letzten Jahrzehnten im Schnitt besser geworden. So ist der Anteil der Kinder, die regelmässig Kontakte mit ihren Eltern pflegen, deutlich gestiegen. Man weiss, wie es einander geht, pflegt einen engen Austausch und unterstützt sich finanziell und emotional. Eine Untersuchung der Spitex von 2014 zeigt zudem, dass neben dem Partner vor allem die Kinder anpacken, wenn ein Elternteil pflegebedürftig wird.

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Bezugspersonen statt Kinder

Trotzdem sei sie in ihrer Senioren-Beratungsstelle noch niemandem begegnet, der eines Morgens aufgewacht sei und bereut habe, keine Kinder zu haben. «Was man nie hatte, kann einen in der Regel auch nur in einem bestimmten Ausmass schmerzen. Die meisten lassen das Thema spätestens mit Ende der Fruchtbarkeit hinter sich und schliessen Frieden mit ihren Lebensentscheidungen.»

Wer keine Kinder habe, habe es emotional sogar teilweise etwas einfacher. Diese Menschen seien es gewohnt, ihre Zeit in die Pflege ihres Netzwerks zu investieren und sich Bezugspersonen zu suchen, die sie im Alltag begleiten oder unterstützen. Insbesondere Menschen mit einem ausgeprägten Fürsorge-Gen lassen ihre Energie zudem vielfach in andere Projekte fliessen. «Das sind dann besonders motivierte Gottis und Onkel, sie engagieren sich sozial oder gehen einem Beruf nach, der sie erfüllt», sagt Ugolini.

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«Für viele Bekannte gab es in jüngeren Jahren nur noch Partnerinnen oder Partner und Kinder. Sie hatten keine Zeit für die restliche Welt. Das bin nicht ich. War ich noch nie.»

Anita Beerli, 65, kinderlos

Dass es nicht zwingend eigenen Nachwuchs braucht, um etwas weiterzugeben, weiss Anita Beerli bestens. 15 Jahre lang arbeitete sie als Pflegehelferin. Heute leistet die 65-Jährige Freiwilligenarbeit und engagiert sich in ihrer Nachbarschaft in Biel-Benken BL. «So viele Menschen sind dankbar für ein wenig Unterstützung. Ich gebe gern und bekomme dadurch auch wahnsinnig viel zurück. Es erfüllt mich», erzählt Beerli. Einsam und allein fühle sie sich kaum. Im Gegenteil, es sei eher das Konstrukt Kleinfamilie, das in ihr Engegefühle auslöse. «Für viele Bekannte gab es in jüngeren Jahren nur noch Partnerinnen oder Partner und Kinder. Sie hatten keine Zeit für die restliche Welt. Das bin nicht ich. War ich noch nie.»

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Beerli hatte sich der Idee von eigenen Kindern nie gänzlich verwehrt. «Ich habe immer gesagt: Wenn Kinder, dann will ich sie nur zusammen mit einem Mann grossziehen.» Zu oft habe sie erlebt, dass Freundinnen mit Torschlusspanik ein Kind zeugten und dann allein dastanden. Sie eröffnete mit zwei Kollegen eine Schreinerei, teilte mit acht Mitbewohnern ein Haus, ging auf Reisen. «Mit 75 eine Wohngemeinschaft zu gründen, wäre für mich eine gute Möglichkeit, sich gegenseitig im Alter zu unterstützen.»

Sie hat es nie bereut, keine Kinder zu haben. Aber manchmal beneide sie ihre Freunde um deren Enkel. «Ich finde die junge Generation toll. Ein Enkeli an den Klimastreik begleiten, das wäre lässig», sagt sie. «Aber es müssen nicht die eigenen sein. Viele junge Familien sind froh um ein Ersatz-Nani.» Es gebe immer etwas zu tun. 

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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