In der Krise tut der Mensch zwei Dinge: Er igelt sich ein. Und er stellt die Frage nach dem Warum. Will uns das Universum mit dem Coronavirus auf die Sprünge helfen? Die kosmische Botschaft lautete dann vielleicht: Fliegt weniger! Hört auf, Tiere in Käfigen zu halten! Kommt endlich zur Ruhe! Ein überforderter Planet zieht die Notbremse – Lockdown.

Den Dingen einen Sinn oder eine Bedeutung zu geben, ist zutiefst menschlich. Was erklärbar ist, macht weniger Angst. Also suchen wir weiter. Ist da mehr? Mehr als Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung, die physikalischen Gesetze?

Goethe und Schiller vermuteten es. Ersterer liess seinen Helden Faust an der Frage zerbrechen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und sein Weimarer Kompagnon dichtete: «Den Zufall gibt die Vorsehung – zum Zwecke muss ihn der Mensch gestalten.»

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Falls alles aus einem bestimmten Grund geschehen sollte, müssten wir bloss das Prinzip dahinter verstehen. Bis heute ist es uns nicht restlos gelungen.
 

Schicksal: «Die Krise ist kein Zufall. Aus dem Chaos entsteht Ordnung.»

Inge Hoffmann, Taoismus-Expertin

Inge Hoffmann, Taoismus-Expertin

Quelle: Luxwerk

Inge Hoffmann wollte als junge Frau die Welt sehen. Paris und Amerika. In der Schweiz gab es gute Verdienstmöglichkeiten. Sie stieg auf den Pilatus, wo im Hotel Kulm eine Stelle an der Réception ausgeschrieben war.

Als dort einmal Verpackungsexperten tagten, tauchte in der Lobby ein elegant gekleideter Herr auf: «Fräulein, Sie haben da eine Laufmasche im Strumpf.» Wenn es ihn störe, könne er ihr ja neue kaufen, erwiderte Inge Hoffmann. Am nächsten Morgen schenkte ihr der Mann zwölf Paar Strümpfe. Es war der Beginn einer grossen Liebe.

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Heute ist Inge Hoffmann 78, ihr Mann ist vor neun Jahren gestorben. Sie glaubt nicht, dass die Begegnung auf dem Pilatus Zufall war. «Es musste so geschehen.» Geheiratet wurde Ende der Sechzigerjahre, die Radiostationen spielten den Song «Age of Aquarius» aus dem Musical «Hair» rauf und runter. Das Zeitalter des Wassermanns. Gemäss Anhängern der New-Age-Bewegung, Hippies Gesellschaft Hippies sind immer noch hip und Esoterikern war das der Beginn einer friedlicheren Ära.

Die Koinzidenz, sagt Inge Hoffmann, habe eine Grammatik. Diese bestehe aus Zahlen und Geometrie. Das habe nichts mit Esoterik zu tun, dafür viel mit alter chinesischer Weisheit, dem Taoismus.

«Die Vorzeichen des Taoismus stehen sehr gut»

Es war ein Schubser des Schicksals, der sie in diese Welt eintauchen liess. Die gebürtige Österreicherin entstammt einer Apothekerfamilie. Als sie vor über 40 Jahren schwer an Rheuma Rheuma Schmerzen bis an die Grenzen erkrankte, fragte sie sich: «Schlucke ich weiter Hunderte Pillen – oder ändere ich etwas?» Inge Hoffmann begann mit Tai-Chi, dem meditativen Schattenboxen. Jetzt, sagt sie, gehe sie nur noch zum Arzt, um ihre Sehkraft zu testen. Wegen des Führerscheins.

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Inge Hoffmann studierte die Grundlagenwerke des Taoismus, das «I Ging» und das «Daodejing». Sie reiste in der ganzen Welt herum, um sich weiterzubilden, und gründete Tao-Zentren in Thun BE und Oberrohrdorf AG. An ihren Seminaren unterrichteten namhafte Experten wie der Philosoph und Religionswissenschaftler Arnold Keyserling (1922–2005) aus Wien.

Unbeschreibliches am 20. April 2020

Zuversicht gibt Inge Hoffmann ein ganz bestimmtes Datum. Der 20. April 2020. Bruce Lipton, ein US-Stammzellforscher und Star der Szene, wandte sich auf Youtube Youtube Was gucken Jugendliche da ständig? an seine Follower: Man solle an diesem Tag um exakt 11 Uhr meditieren.

Weshalb? Hier kommen die Zahlen ins Spiel. Und eine Portion guter Wille. Wenn man die Quersumme aus «20.04.2020» berechnet, resultiert die Zahl 10. Addiert man «11 Uhr», erhält man die Zahl 21. Die 21 wiederum hat die Quersumme 3: der göttliche Code. Im christlichen Glauben steht die Trinität für den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Die ägyptische oder die indische Mythologie kennen das Prinzip auch: Aller guten Dinge sind drei.

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Inge Hoffmann meditierte also. Und es passierte Unbeschreibliches. «Es war einfach nur schön», sagt sie. Erklären könne man das nicht. Denn, so heisse es in der Schrift: «Das Tao, das sich mit Worten beschreiben lässt, ist nicht das wahre Tao.» Auf jeden Fall habe sie den göttlichen Code, den jeder in sich trage, an diesem Tag ganz besonders intensiv gespürt.

«Die Vorzeichen des Taoismus stehen sehr gut», sagt Inge Hoffmann. Die Menschheit habe nun die grosse Chance, es besser zu machen. Einen weisen Umgang zu finden mit den Ressourcen des Planeten und der Technik. «Die Krise ist kein Zufall. Aus dem Chaos entsteht Ordnung.» Deshalb frage sie sich jeden Tag: Wo kann ich helfen? «Es geht um bedingungslose Liebe», sagt Hoffmann, «und diese herrscht über jede Vernunft hinaus.»
 

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Glaube: «Nicht alles hat einen göttlichen Plan. Das Unbegreifliche ist das Göttliche.»

Stephan Jütte, Theologe

Stephan Jütte, Theologe

Quelle: Luxwerk

Als vor zehn Jahren ein verheerendes Erdbeben Haiti heimsuchte, machten grosse Teile der tiefgläubigen Bevölkerung Gott dafür verantwortlich. Gleichzeitig vertrauten die Haitianer darauf, dass der Schöpfer aus den Ruinen Neues entstehen lasse. Ähnliches vernimmt man derzeit aus den USA. Dort verklären evangelikale Christen das Coronavirus gerade zur Strafe Gottes.

Wer so denke, mache es sich zu einfach, sagt der Theologe Stephan Jütte. Er habe zwar grosses Verständnis dafür, dass jemand, der an Gott glaube, eine sinnvolle Erklärung möchte für all die Katastrophen, die passieren. Doch Gottes Handeln sei kontraintuitiv, er rette die Welt eben nicht als Engel, der vom Himmel hinabsteigt, sondern dadurch, dass er am Kreuz stirbt Glauben «Die Bibel ist voll von Versagern» . «Gott straft nicht sofort. Für dieses Bonmot gibt es keine biblische Grundlage.»

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Es ist die grosse Frage der Theodizee: Wie kann ein gütiger Gott das Übel und das Elend zulassen? In einem Kirchenlied heisst es: «Lobet den Herrn, der alles so herrlich regieret.» Laut Stephan Jütte müsse man sich von dieser Vorstellung verabschieden.

Ein Plädoyer für Nächstenliebe

Gott sei kein General, der uns durch die Krise geleitet, eine «Regierung» Gottes existiere nicht. Es bringe nichts, auf irgendwelche Zaubertricks zu warten, denn Himmel und Erde seien längst aufgeräumt von Geistern und Dämonen. Vielmehr müsse man die Dinge selber in die Hand nehmen. Und Gott in Sachen Nächstenliebe nacheifern. Verantwortung füreinander übernehmen. «Zuversicht gibt uns, dass Gott noch im grössten Schlamassel bei uns ist.»

Auf den ersten Blick gibt es in der Bibel keinen Zufall. Alles kommt so, wie Er es will. Aber dem sei nicht so, sagt Stephan Jütte. Das Buch Hiob etwa erzähle von einem Mann, der ehrenhafter nicht leben könnte. Sich in seinem Leben nichts zuschulden kommen lässt. Und doch verliert er eines Tages alles. Er sei zu wenig fromm gewesen, bescheiden ihm die Mitmenschen. Hiob streitet das ab. Und Gott gibt ihm schliesslich recht. «Nicht alles hat einen göttlichen Plan», sagt Stephan Jütte. «Das Unbegreifliche ist das Göttliche.»

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Was andere vielleicht als göttliche Vorsehung betrachten, empfindet Jütte als eine verzauberte Wahrnehmung normaler Erfahrungen. Als Staunen darüber, was für Zufälle alle nötig sind, damit etwas so kommt – und eben nicht anders. Dabei geht es nicht um Uhren, die plötzlich aufhören zu schlagen, sondern um schicksalhafte Entscheidungen, die der Mensch in einem bestimmten Moment trifft.

Wer bestimmt unsere Geschicke?

Es war ein spontaner Entschluss mit grosser Tragweite, ein Zufall mit Bedeutung: Wenn Jütte vor Jahren wie geplant eine Pfarrausbildung absolviert und nicht die Assistenzstelle an der Uni angenommen hätte, wäre er seiner Frau nie begegnet. Und lebte heute mit einer anderen im Pfarrhaus.

Wenn Gott unsere Geschicke nicht leitet, wer oder was dann? Stephan Jütte nennt es das entscheidende Rätsel. Und dieses beginnt beim Urknall: Wie kann etwas explodieren, wo vorher weder Raum noch Zeit existierten? «Je genauer ich etwas betrachte, desto verschwommener wird das Bild. Alles entgleitet mir», sagt Jütte. Das sei die Tragik. Und gleichzeitig das grosse Glück Glücksforschung Ohne Unglück kein Glück? .

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«Unter dem Mikroskop betrachten wir das Kleine, mit dem Fernrohr schauen wir in die Weite. Und irgendwo dazwischen befindet sich unser Platz.» Der Planet, die Nachbarschaft Nachbarschaft Wer will Krach? , die Familie. Das ist unsere Verantwortung, das können wir steuern. «Und so wird uns fröhlich gewahr, dass wir nicht für alles zuständig sein müssen.»
 

Wissenschaft: «Wer nach Parallelitäten sucht, um ein Ereignis zu erklären, wird Parallelitäten finden.»

Claus Beisbart, Professor an der Universität Bern

Claus Beisbart, Professor an der Universität Bern

Quelle: Vera Maria Knöpfel

Der dänische Physiker und «Erzvater der Quantenphysik» Niels Bohr soll einmal gesagt haben: «Es ist falsch, zu glauben, die Aufgabe der Physik sei es, etwas über die Natur herauszufinden. Physik befasst sich damit, was wir über die Natur sagen können.» Eine Dreistigkeit, denn: Selbst in einer exakten Wissenschaft wie der Physik läge demnach so einiges bloss im Auge des Betrachters.

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Professor Claus Beisbart von der Uni Bern kann Bohrs Zeilen etwas abgewinnen. «Eine Messung ist immer ein Eingriff in die Realität», sagt der Wissenschaftstheoretiker, der in Physik und Philosophie promoviert hat. Lege er einen Messstab auf eine Tischplatte, könne die Tischplatte beschädigt, das Resultat leicht verändert werden. «Wenn es um die kleinsten Teilchen geht, ist unser Einfluss im Verhältnis noch grösser.»

Trotzdem: Mit unserem heutigen Wissen können wir die Vorgänge in der Welt ziemlich gut beschreiben und auch erklären. Bei der Erforschung des Universums, aber auch der kleinsten Bestandteilchen unserer Wirklichkeit gab es in den letzten Jahrzehnten unglaubliche Fortschritte. Aber es gebe da auch ein kleines Problem, sagt Beisbart: «Wir können zwar ein Stück weit verstehen, wie Elektronen und Quarks die Welt aufbauen, aber was uns die Quantenmechanik Wissenschaft «Man liess mich spüren, dass Physik nichts für Frauen sei» über die Wirklichkeit sagt, ist sehr umstritten. Es hängt von der philosophischen Deutung der Theorie ab.» Diese Unwissenheit sei mit ein Grund dafür, dass die Quantenmechanik von Esoterikern so gern herangezogen werde, um ihre alternativen Weltbilder wissenschaftlich zu rechtfertigen.

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Wenn die Erklärungsmuster ins Leere laufen

Unsere wissenschaftlichen Erklärungen kommen letztlich auch an ein Ende. Ein Beispiel: Wenn heute schlechtes Wetter herrscht, könnte die Luftströmung am gestrigen Tag dafür eine Erklärung liefern. Sofort taucht dann aber die Frage auf, was für diese Luftströme verantwortlich war. Und so weiter, immer tiefer zurück in die Vergangenheit. Vielleicht stösst man auf dieser Reise einmal auf Anfangsbedingungen. Allein um dann vor dem Rätsel zu stehen, weshalb diese genau so waren, wie sie waren. «Die üblichen Erklärungsmuster der Physik laufen hier ins Leere.»

Auch der Zufall begrenzt unsere Erklärungen. Ein Ereignis gelte als zufällig, wenn es nicht durch die Vergangenheit vorherbestimmt sei, sagt Beisbart. Als Forscher verwende er Wahrscheinlichkeiten, um den Zufall zu beschreiben. Gerade in der Quantenmechanik werden Messergebnisse nur mit Wahrscheinlichkeiten beziffert. «Gut möglich, dass diese Wahrscheinlichkeiten jedoch bloss unser Unwissen kaschieren.»

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Der menschliche Umgang mit Zufällen

Die Aussage, dass die Coronakrise einen tieferen Sinn habe, sie etwa als Weckruf der Natur zu verstehen sei, nun gemeinsam etwas anzupacken, hält Claus Beisbart für legitim. Wissenschaftlich sei sie aber nicht. Auch die Pandemie lässt sich mit naturwissenschaftlichen Werkzeugen analysieren. «Bestimmt wäre das Ausmass der Krise weniger gross, wenn der Ressourcenverbrauch und die Mobilität der Menschen kleiner wären.»

Es sei menschlich, dass wir Verbindungen herstellen, einordnen wollen, sagt Beisbart. Scheinbaren Zufällen einen Sinn geben. Der Konzertpianist etwa, der nach einem Unfall das Gefühl in den Fingern verliert und sich später damit tröstet, dass er nun mehr für die Familie da ist. «So gewinnt unser individuelles Leben an Erklärbarkeit», sagt Beisbart. Das sei eine Dimension von Sinn. Und Sinn ist wichtig für ein gutes Leben.

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Theorien, die sich zum Beispiel auf die Konstellation der Planeten berufen, um das Geschehen auf der Erde zu erklären, steht Beisbart kritisch gegenüber. «Wer bewusst nach Parallelitäten sucht, um ein bedeutsames Ereignis zu erklären, wird Parallelitäten finden.» Das Problem: Viele dieser Leute blendeten aus, dass gleichzeitig ganz viele Parallelitäten eben nicht stattfänden. Dass andere Himmelskörper etwa Einfluss auf die Gezeiten haben, sei gut erforscht. Ein Gesetz hingegen, dass die Planeten auch direkt die Gesellschaften beeinflussen, wurde bislang nicht gefunden.
 

Liebe: «Das ist wie im Film manchmal. Dann denke ich: Das ist Telepathie!»

Zuza Speckert, Journalistin

Zuza Speckert, Journalistin

Quelle: Luxwerk
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Zuza Speckert weiss über das Schicksal bestens Bescheid. Hunderte Male hat sie darüber geschrieben. Die Journalistin ist bei der «NZZ am Sonntag» seit 15 Jahren für die Heiratskolumne zuständig. Es stimme zwar, dass jeder seines Glückes Schmied sei, sagt sie. Gleichzeitig sei sie aber überzeugt, dass es ebenso eine höhere Macht gebe, die zu einem schaut. «Auch wenn man es heute nicht mehr so gern hört: Für mich ist das Gott.»

Obwohl sich immer mehr Paare aus praktischen Gründen das Jawort geben, etwa weil beide gerne tauchen oder «es halt einfach passt», gebe es die Geschichten noch, in denen die Liebe plötzlich so richtig einschlage. «Diese Erzählungen rühren mich stets am meisten. Wenn etwas so gekommen ist, wie es kommen musste. Sich zwei Seelenverwandte endlich gefunden haben, weil eben das Schicksal seine Hände mit im Spiel hatte.»

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Am besten in Erinnerung geblieben ist Zuza Speckert ein Paar, das sich mitten in der Nacht an der Zürcher Langstrasse kennengelernt hat. «Und zwar liegend!» Beide waren schon ziemlich angeheitert. Er trug, aus welchem Grund auch immer, ein Tierkostüm. In der Menschenmenge stolperte der Mann und fiel auf die Frau, die zufällig neben ihm stand. «Von da an ging es heftig los mit den beiden, und es endete vor dem Traualtar.»

Zufälle und das Schicksal erlebt Zuza Speckert aber nicht nur im Beruflichen. Es komme hie und da vor, dass sie an eine Person denke, die sie monatelang nicht gesehen oder gesprochen habe. Dann klingle das Telefon – und am anderen Ende meldet sich ebendiese Person. «Das ist wie im Film manchmal. Dann denke ich: Mein Gott, das ist Telepathie Parapsychologie «Es könnte solche Phänomene geben»
 

Synchronizität: «In der Krise keimt die Hoffnung, dass etwas Neues beginnt.»

Dorothea Müller, Leiterin C. G. Jung-Ambulatorium

Dorothea Müller, Leiterin C. G. Jung-Ambulatorium

Quelle: PD
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Wenn etwas Bemerkenswertes geschieht, für das es keine kausale Erklärung gibt, sprach der Schweizer Psychiater C. G. Jung Psychologie Wie Träume uns helfen (1875–1961) von einer «sinngemässen Koinzidenz zweier oder mehrerer Ereignisse, wobei es sich um etwas anderes als Zufallswahrscheinlichkeit handelt». Jung nutzte diese Synchronizitäten bei der psychoanalytischen Behandlung seiner Patienten. Über eine besonders unzugängliche Patientin schrieb er in einem Aufsatz: «Die Schwierigkeit bestand darin, dass sie alles besser wusste. Ihre treffliche Erziehung hatte ihr zu diesem Zwecke eine geeignete Waffe in die Hand gegeben, nämlich einen scharfgeschliffenen cartesianischen Rationalismus mit einem geometrisch einwandfreien Wirklichkeitsbegriff.»

Um die Therapie fortsetzen zu können, hoffte Jung, dass seiner Patientin etwas Irrationales zustossen möge. Und siehe da: Nachdem die Frau eines Nachts von einem Skarabäus-Käfer geträumt hatte und ihrem Therapeuten von diesem Erlebnis berichtete, klopfte just in dem Moment ein solches Insekt an die Fensterscheibe. «Damit war das Eis ihres intellektuellen Widerstands gebrochen. Die Behandlung konnte nun mit Erfolg weitergeführt werden.»

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Der Traum als Brückenbauer

Die Psychiaterin Dorothea Müller leitet das C. G. Jung-Ambulatorium in Zürich. Sie sagt: «Die Arbeit mit Träumen Träume Was uns nachts durch den Kopf geht hat nicht primär das Ziel, Synchronizitäten aufzuspüren, sondern aus der Traumsymbolik etwas Sinnhaftes für sich zu erschliessen.» Wenn jedoch in der Therapie Synchronizitäten bewusst werden, habe dies oft etwas Berührendes oder gar Erschütterndes. «Manchmal können diese scheinbar zufälligen Ereignisse einen Bedeutungszusammenhang liefern, um in einer Krise die Orientierung wiederzufinden.»

Müller erzählt von einer Patientin, die in der Nacht einen Traum hatte: Ihre geliebte Katze geriet in ein Wasser und wurde vom Strom fortgezogen. Später erfuhr die Frau, dass ihr Haustier in genau dieser Nacht verstorben war. Ihr Unterbewusstsein schuf via Traum eine Brücke zu einem tatsächlich stattfindenden Ereignis. Müller: «Das ist Synchronizität.»

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Es gehöre zu den Grundbedürfnissen des Menschen, nach Sinnhaftigkeit zu suchen Spiritualität «Welchen Sinn hat mein Leben?» . In der ersten Lebensphase orientierten sich viele an den Werten der Eltern Erziehung Wie bringen wir unsere Werte auf einen Nenner? oder anderer Autoritäten. In der Lebensmitte falle dann ein Teil dieser Menschen in eine Sinnkrise. «Weil die Übereinstimmung mit der eigenen Seele fehlt, um ein erfülltes Leben führen zu können.»

Manche haben keine Wahl

Müller glaubt an bewusste Wahlmöglichkeiten des Menschen. Unsere Entwicklung sei aber im Wesentlichen von der unbewussten Seele bestimmt. «Einige Menschen erleben leidvoll, dass sie ihrem Schicksal folgen müssen, auch wenn es ihren Wünschen und Zielen völlig widerspricht.» In Afrika hatte sie Schamanen kennengelernt, die sich gegen ihre Bestimmung gesträubt hatten. Weil die Magie Magische Orte Idyllen, Mystik und Magie halt auch nicht immer ein vergnügliches Metier ist. Vergebens: Sie wurden von Krankheiten und bösen Träumen geplagt. «So gelangten sie an einen Punkt, an dem sie sich ihrem Schicksal fügen mussten, weil sonst das Leben nicht mehr weitergegangen wäre.»

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In ihrer eigenen Praxis begleitet Müller Menschen mit Genderdysphorie. «In unterschiedlichen Phasen des Lebens kann das Erleben und Leiden daran, im falschen Körper zu leben, mit Wucht ins Bewusstsein drängen», sagt sie. «Auch wenn diese Menschen das gar nicht möchten, bleibt ihnen irgendwann keine Entscheidungsfreiheit mehr. Sie würden schwer krank, wenn sie den Weg nicht gingen.»

Ob es sich bei der Coronakrise um ein Ereignis mit Sinn handelt, darüber mag Dorothea Müller nicht spekulieren. «Noch sind wir ja mittendrin, für eine Aussage wäre es zu früh.» Sie persönlich sei früher oft von einem Ort zum anderen gehetzt, viel gereist. Jetzt spüre sie: «Es ist zu viel, so viele Ideen, da gerate ich in Gefahr, mich zu verlieren.» Nun hat ihr ein Ereignis, auf das sie keinen Einfluss hat, eine Grenze aufgezeigt. «Möglicherweise geht es vielen Menschen so», sagt Dorothea Müller. «In der Krise keimt die Hoffnung, dass etwas Neues beginnt.»
 

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Buchtipp

Buchcover: Leben, Tod und Selbstbestimmung

Über den Sinn des Lebens, den Umgang mit Schicksalsschlägen, das Altern und das Sterben.

Quelle: Beobachter Edition

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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