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Suizid bei Bauern«Die Welt stand plötzlich still»

Warum nahm sich ein 27-jähriger Bauer aus dem Thurgau das Leben? Eine Suche nach Antworten.

«Er war einer, der dem Kälbli nach dem Trinken mit Heu das Schnörrli wischte. Ein sehr liebevoller Mensch.»
von aktualisiert am 26. März 2019

Heidi Roth* und ihr Sohn Andreas sitzen an diesem Donnerstag zusammen und besprechen bei Brot und Kaffee die Arbeit. Wie jeden Morgen. Am Nachmittag wollen sie mit dem Obsten beginnen. Andreas telefoniert mit einem Freund, fragt ihn, wo er am billigsten Diesel finde. Mutter und Sohn verabschieden sich, gehen ans Werk.

 

Eine SMS kommt: «Es tut mir alles leid.» Seltsam, denkt die Mutter. Damit macht er einem ja Angst.

 

Um Viertel nach elf fährt Heidi Roth zu sich nach Hause, ans andere Ende des kleinen Thurgauer Dorfs. Wie immer kocht sie das Mittagessen für Andreas und sich. Kurz vor zwölf kommt eine Textnachricht von ihm: «Es tut mir alles sehr leid.» So eine seltsame SMS, denkt sie. Damit macht er einem ja Angst. Andreas verspätet sich. 15 Minuten, eine halbe Stunde. Heidi Roth fährt zum Hof zurück, vielleicht braucht er ja Hilfe.

Gemeinsam mit ihrer Schwägerin sucht sie den Hof ab. Doch Andreas ist nicht zu finden. Als sie sein Handy anruft, hören sie es in der Scheune klingeln. Sie gehen hinein, schauen sich um und sehen ihn an einem Strick am Balken hängen. Andreas war 27, Landwirt sein Traumberuf.

Der Schock verändert alles

«In diesem Moment blieb die Welt für einige Sekunden stehen. Als sie sich wieder drehte, war nichts mehr wie zuvor», sagt Heidi Roth. Die 60-Jährige sitzt mit ihren Kindern in der Küche des Bauernhauses, in dem Andreas bis zu jenem Herbsttag 2016 lebte. An der Wand hängt eine hölzerne Uhr, darin eingeritzt Andreas’ Name. Ein Geschenk seines ersten Lehrmeisters, das Dankeschön für die gute Arbeit. «Von klein auf wollte Andreas Bauer werden», sagt die Mutter. Schon als Bub habe er alle Namen der Kühe gekannt. «Er wusste, wer die Tante von welchem Kalb war und welcher Stier der Vater.»

Ein logischer Entscheid

Andreas’ älterer Bruder Stefan lernte Automechaniker. Seine Schwestern Corina und Sandra wollten nicht Bäuerinnen werden. Es war klar, dass Andreas den Hof übernehmen würde.

Er absolviert die drei Lehrjahre auf drei Betrieben, wie im Thurgau üblich. Seine Lehrmeister beschreiben ihn als sehr wissbegierig. An der Landwirtschaftsschule Arenenberg schliesst er als Bester seines Jahrgangs ab, tritt dem Vorstand des Jungzüchterverbands Thurgau bei.

«Er war mit Herzblut bei der Sache», sagt seine Schwester Sandra. «Und hat seine Tiere sehr geliebt.» Heidi Roth fügt an: «Er war einer, der dem Kälbli nach dem Trinken mit Heu das Schnörrli abgewischt hat. Ein sehr liebevoller Mensch.» Die Geschwister nicken. «Er war schon eher der ruhige Typ Einsamkeit Wege aus der Isolation . Aber überhaupt nicht zurückgezogen oder verklemmt. Er hatte Freunde und Freundinnen», erzählt Sandra. 

 

«Ich habe ihm gesagt: Du hast 40 Jahre Zeit, mach dir nicht zu viele Gedanken, das geht vielen jungen Landwirten so.»

Heidi Roth, Mutter

 

2013 übernimmt Andreas den Hof. Zusammen mit dem Pachtland 14 Hektaren. Im Stall hat er um die 35 Kühe stehen. Seine Eltern haben den Betrieb noch vor der Übergabe umgebaut. Aus dem Anbindestall wurde ein moderner Freilaufstall mit Melkstand, der Platz für mehr Tiere bot. «Damit er unter guten Bedingungen starten konnte», sagt Heidi Roth. Mit dem Hof übernimmt Andreas aber auch fast eine Million Franken Schulden. Das habe ihm manchmal Sorgen gemacht. «Ich habe ihm gesagt: Du hast 40 Jahre Zeit, mach dir nicht zu viele Gedanken, das geht vielen jungen Landwirten so.»

Morgens um fünf klingelt bei Andreas der Wecker. Bis um sieben, halb acht am Abend ist er draussen am Werken. Dann erledigt er oft noch die Büroarbeiten. Die Düngerbilanz sollte längst ausgefüllt sein. Ein Kälbli muss abgemeldet werden. Ab und an schläft er über dem Laptop ein. Wenn seine Kollegen am Wochenende in den Ausgang gehen, ist Andreas oft zu müde und kann sich nicht mehr aufraffen. Er weiss, um fünf muss er wieder raus. «Und wenn er am Abend abgemacht hatte, kalberte just dann eine Kuh. Darauf konnte man wetten», sagt Heidi Roth.
 

Burn-out? Unvorstellbar

Gerade für junge Landwirte kann es schwierig sein, die Arbeit gut einzuteilen, sagt Claude Gerwig. Er lehrt Betriebswirtschaft am landwirtschaftlichen Kompetenzzentrum Strickhof in Lindau. Für die Meisterlandwirte unterrichtet er das Modul «Persönliche und methodische Kompetenzen». Was heisst Überforderung? Welche Ziele setze ich mir? Wie erhole ich mich am besten? Seine Studenten sind im Schnitt 23 Jahre alt. «Manche sind stolz darauf, dass sie noch nie in den Ferien waren. Ein Burn-out ist für viele unvorstellbar», erzählt Gerwig. Er hat in den achtziger Jahren selbst Landwirt gelernt. «Ferien waren auch damals kein Thema. Das geht, wenn man das Tempo der Arbeit anpassen kann. Wenn man am Tag auch mal Zeit hat, um innezuhalten.»

Im 21. Jahrhundert funktioniere das aber nicht mehr. Anpassungs- und Zeitdruck sind für landwirtschaftliche Unternehmer so gross wie in anderen Branchen. Wenn die Eltern dem Sohn das Bild vorleben, dass man 365 Tage durcharbeiten muss, könne das den Druck noch verstärken, sagt Claude Gerwig. «Er muss ja dasselbe leisten können, wenn nicht sogar mehr.» Als Dozent versuche er, den Studenten ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass sie ein eigenes Wertesystem entwickeln. «Sie sollen sich fragen: Wie viel kann und will ich leisten?»

Problem Milchpreis

Die wirtschaftliche Situation ist schwierig für Andreas Roth. Er erbringt seinen Umsatz mit Molkereimilch, doch der Milchpreis ist tief. Seine grösste Sorge: Er hat zu wenig Land und kann nicht genug Futter anbauen. Er muss Futter zukaufen, aber das ist teuer: Für ein vier Hektaren grosses Feld Mais bezahlt er 8000 bis 10'000 Franken. 

Seine Mutter hilft auf dem Hof mit. «Aber als 100-prozentige Arbeitskraft konnte man mich nicht zählen.» Das Geld für einen Angestellten hat Andreas Roth nicht. Auch ein Melker als Ferienablösung war zu teuer. «Der kostet 20 bis 30 Franken auf die Stunde. Zu viel, wenn man selbst so wenig hat», sagt Heidi Roth. Wenn der Jungbauer mal etwas freie Zeit hat, verdient er bei einem Gartenbauer in Weinfelden etwas dazu. 

 

«Ich war nach seinem Tod oft wütend auf ihn. Ich kann nicht verstehen, dass er nur noch diesen Ausweg sah.»

Sandra, Schwester

 

«Ich habe Andreas oft gesagt, er solle sagen, wenn er Hilfe braucht beim Obsten oder Heuen», erzählt Sandra, 32. «Ich war nach seinem Tod Suizidprävention Viel guter Wille, aber kein Geld oft wütend auf ihn. Ich kann nicht verstehen, dass er nur noch diesen Ausweg sah. Wir haben einen sehr guten Zusammenhalt, er konnte auf uns zählen. Manchmal frage ich mich aber: Hätte ich ihm meine Hilfe deutlicher anbieten sollen?»

2015 reist Andreas mit einem Kollegen für vier Wochen nach Neuseeland. Die Mutter schaut mit einem Melker auf dem Hof zum Rechten. «Wir haben immer probiert, ihm Dinge zu ermöglichen», sagt sie. «Aber er war Perfektionist. Das fing bei der schnörkellosen Buchhaltung an und hörte bei der Sorge auf, dass der Betrieb ohne ihn nicht funktioniert.» Diese hohen Anforderungen an sich selbst hätten ihn zusätzlich gestresst. «Ich frage mich oft, was ich sonst noch hätte tun können.» 
 

Jungbauern unter Zugzwang

Den Hof führt heute Corina, 25, die jüngere Schwester, mit ihrem Mann Bruno. Ausgerechnet sie, die nie Bäuerin werden wollte, verliebte sich in einen Bauern. Eigentlich wollten sie den Betrieb von Brunos Eltern übernehmen. Nach Andreas’ Tod beschlossen sie aber, die Höfe zu fusionieren. So haben sie mehr Land, können mehr Tiere halten, müssen kein Futter zukaufen. «Andreas musste unter sehr schwierigen Bedingungen versuchen, gewinnbringend zu arbeiten.» Corina hält inne, schaut auf den Tisch. «Vielleicht lernt man zu wenig, über seine persönlichen Probleme zu sprechen? Vielleicht schämt man sich, weil man glaubt, man zeige damit Schwäche?»

Viele Jungbauern seien nicht sehr kommunikativ, sagt Berufsbildner Claude Gerwig. Auch weil sie das in der Lehre nicht lernen. «Landwirte Streit mit dem Veterinäramt Bauer Burri und die hinkende Kuh arbeiten nicht im Team und lernen weniger gut, mit Gruppendynamik umzugehen oder vertiefte Gespräche mit Kollegen zu führen. In der täglichen Arbeit sind sie meist allein, ein Austausch mit anderen Landwirten, bei dem es auch um Probleme und Sorgen geht, muss eigens organisiert werden.»

Grundsätzlich gebe es viele gute Förderinstrumente, sagt Gerwig. Allerdings könne genau das die Jungbauern auch in Zugzwang bringen. Sie können etwa eine finanzielle Starthilfe beantragen. Wenn sie den Hof vor dem 35. Lebensjahr übernehmen, erhalten sie ein zinsloses Darlehen, das sie später aber zurückzahlen müssen. Das könne zu Investitionen verleiten, die zwar unternehmerisch begründet, finanziell aber nur schwer tragbar sind. «Oft beseitigt eine Finanzspritze nicht die Ursache des Problems.»

Selber plötzlich am Rand

Andreas’ Tod verarbeiten alle auf ihre eigene Weise. Heidi Roth ist anfangs wie betäubt, funktioniert nur noch. «Irgendwann habe ich gemerkt, wie schnell bei mir die Hemmschwelle sinkt. Und dass ich mir das, was Andreas getan hat, ebenfalls vorstellen konnte. Dann ging ich zum Psychiater.»

Stefan, 33, macht seit Anfang Jahr eine Gesprächstherapie. «Ich habe gemerkt, dass es mich innerlich auffrisst. Andreas hat mich am Abend vor seinem Tod gefragt, ob wir noch ein Bier trinken. Ich hatte keine Zeit. Jetzt frage ich mich jeden Tag: Hätte es was geändert?» Wieder herrscht Stille in der Küche des Bauernhauses.

Dann erzählt Heidi Roth von einem Kollegen von Andreas, der sich ein Jahr vor ihm das Leben genommen hat. Andreas sei erschüttert gewesen, habe gesagt, das sei doch keine Art zu gehen. Das könne man seiner Familie nicht antun. «Ich bin mir sicher, dass sein Tod eine Kurzschlussreaktion war. Dass er in diesem Moment nicht mehr links oder rechts schauen konnte. Es hätte doch für alles eine Lösung gegeben.»

 

*Nachname geändert

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