Menschen stürmen Apotheken, plündern Supermärkte, prügeln sich um Lebensmittelrationen. Auf den Strassen türmt sich der Müll, zerschossene Autowracks liegen herum. In den Krankenhäusern siechen Patienten in den Gängen, rennen Ärztinnen herum, es fehlt an allem. Banken und Vorortvillen werden überfallen. Verzweifelt versuchen die Letzten, aus der Stadt zu fliehen. Häuser brennen, aber die Feuerwehr hat längst den Dienst quittiert. Ein Virus versetzt eine Stadt in Panik – im Hollywood-Streifen «Contagion» von 2011.

Während das Chaos über den Bildschirm flimmert, holt man sich in der Küche seelenruhig eine Tüte Chips und macht es sich wieder auf dem Sofa bequem. Warum schaut man sich so was mitten in der Pandemie freiwillig an? 

Bestenlisten im Internet

Die Zürcher Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat sich während des Lockdowns Pandemiefilme angesehen. Sie hat das mit dem Blick der Wissenschaftlerin getan und ihre Erkenntnisse in Buchform veröffentlicht. Doch Bronfen ist nicht die Einzige, die Spass an der Katastrophe hat. Im Internet kursieren Listen der besten Pandemiethriller, bei den Streamingdiensten wurden die Filme häufiger nachgefragt.

«Auf der Leinwand können wir geniessen, was uns in Wirklichkeit ängstigt», erklärt sich Bronfen die Faszination am Genre. Wenn wir mit Matt Damon hautnah miterleben, wie er seine Tochter vor der Seuche zu retten versucht, «verleiht das unseren persönlichen Ängsten den Reiz eines Abenteuers, von dem wir wissen, dass wir es überleben werden».

In «Contagion» spielt Damon Mitch Emhoff, dessen Frau Beth an einem unbekannten Virus erkrankt, nachdem sie von einer Geschäftsreise aus Asien zurückgekehrt ist. Was danach geschieht, hätten wir noch vor kurzem als Science-Fiction abgetan, nun erscheint es verblüffend realistisch. Da ist von Contact-Tracing die Rede, der Überlebensdauer des Virus auf Karton, wie oft man sich am Tag ins Gesicht fasst, von den Regeln des Social Distancing.

Realität als Vorbild

Alles kein Zufall – der Film von Steven Soderbergh ist von der Sars-Epidemie inspiriert, die 2002 und 2003 in Asien gewütet hat. Die vielen Details machen uns bewusst: Wir sind nicht die Ersten, die mit einer Pandemie klarkommen müssen. Und während das Drama im Film seinen Lauf nimmt und die Panik uns immer tiefer in ihren Sog zieht, stellen wir erleichtert fest: Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können.

In Pandemiefilmen ist nichts dem Zufall überlassen, die Handlung durch und durch komponiert – was uns jetzt erst recht entgegenkommt. Das Drehbuch folgt verschiedensten Handlungssträngen, jedes Detail ist sinnvoll.

«Selbst wenn eine Figur an der Seuche sterben muss, tut sie das nicht grundlos, sondern weil es die Geschichte vorantreibt oder abschliesst», sagt die Kulturwissenschaftlerin. Der Tod sei in der Logik des Films sinnvoll, das habe etwas Tröstliches. In der realen Pandemie vermissen wir genau das: den Sinn darin, dass Menschen an Covid-19 sterben.

Die doppelte Front

Der Thriller «Outbreak» von Wolfgang Petersen ist um einiges düsterer als «Contagion». Das Virus wird in Afrika von Affen auf den Menschen übertragen – der Film entstand Mitte der Neunzigerjahre, nach der militärischen Intervention der USA in Somalia. Ein Virologe des US-Militärs macht sich auf die Suche nach dem Ursprung des Virus. Doch seine Vorgesetzten wollen verhindern, dass er ein Gegenmittel findet, weil sie das Virus als biologische Waffe nutzen wollen.

Der Kampf gegen eine solche doppelte Front sei ein Merkmal vieler Pandemiefilme, sagt Bronfen. «Der Held muss nicht nur gegen das Virus kämpfen, sondern auch gegen Leute, die eigene Interessen verfolgen.» 

Diesen zweifachen Kampf gibt es auch in der Realität. Epidemiologen und Politikerinnen versuchen nicht nur Covid-19 in den Griff zu bekommen, sondern auch Coronaskeptiker und Impfgegnerinnen. Letztere macht die Netflix-Dokureihe «Pandemie» von 2020 zum Thema. Sie gibt Einblicke in den Alltag von Akteuren, die gefährliche Grippeepidemien wie die Schweinegrippe eindämmen. Wir schauen einem Arzt in Indien über die Schulter oder einem Forscherteam, das einen universellen Grippeimpfstoff entwickelt. Als Impfgegner zu Wort kommen, sagt ein Wissenschaftler: Er kämpfe an zwei Fronten, gegen das Virus und gegen die Impfgegner. 

«In Krisen sehnen wir uns besonders nach Helden, weil wir unsere unüberschaubare Realität als einfache Erzählung begreifen wollen.»

Elisabeth Bronfen, Kulturwissenschaftlerin

Impfstoffe stehen für die Hoffnung, die Pandemie zu überwinden, nicht nur im realen Leben. In «Outbreak» verkörpert Dustin Hoffman den menschlichen, unbestechlichen Helden, der das Heilmittel sucht. Eine Wohltat für das coronageschundene Gemüt.

«In Krisen sehnen wir uns besonders nach Helden, weil wir unsere unüberschaubare Lebensrealität als einfache Erzählung begreifen wollen», sagt Bronfen. Aus diesem Grund habe man Daniel Koch zu Mr. Corona stilisiert und dem heldenhaften Pflegepersonal applaudiert. 

In «World War Z» von 2013 gibt Brad Pitt einen solchen Helden. Er verlässt seine Familie, um im Kampf gegen eine sich rasend schnell ausbreitende globale Pandemie die Menschheit zu retten. Und verfällt in eine Kampfrhetorik, die uns heute sehr bekannt ist. Als der französische Präsident Emmanuel Macron letzten März die Ausgangssperre ankündigte, fiel der Satz «Wir sind im Krieg» gleich sechsmal. 

Kein Zufall, sagt Bronfen. «Wenn wir das Virus als kriegerische Invasion sehen, wird es für uns fassbarer.» Auch wenn das Virus in einem Film die Gestalt eines Zombies annehme, gegen den der Mensch in den Krieg ziehen könne, werde es «greifbar und begreifbar». Wie in «World War Z», wo Untote nach den Gesunden schnappen und so die Krankheit verbreiten.

Kommunisten-Zombies

Die starke Metapher geht auf den Schwarz-Weiss-Klassiker «Invasion of the Body Snatchers» von 1956 zurück. Ein amerikanischer Provinzarzt steht vor einem Rätsel: Viele seiner Patienten verwandeln sich über Nacht in Zombies. Ausserirdische Sporen haben von den menschlichen Körpern Besitz ergriffen und sie gleichgeschaltet. Laut Bronfen wurde der Film in den Fünfzigern, als alle ein Haus, ein Auto und einen Staubsauger wollten, als Konsumkritik interpretiert. Es war aber auch die Zeit des Kalten Kriegs, die gleichgeschalteten Menschen waren unschwer als Kommunisten lesbar.

«The Last Man on Earth» von 1964 ist ein weiterer Schwarz-Weiss-Klassiker. Darin verwandeln sich im Verlauf einer Seuche alle Menschen in vampirhafte Wesen. Nur Robert Morgan überlebt. Wir sehen ihm zu, wie er sich in der Stadt Nahrungsmittel und Benzin beschafft. Nachts spürt er Untote auf, um sie zu töten. Besonders eindrücklich ist die gespenstische, menschenleere Stadt. Sie war für spätere Pandemiefilme wie «Blindness» stilbildend. 

Das postapokalyptische Szenario – auf den leeren Strassen liegen Leichen und Autowracks – zeige eigentlich die Welt nach einem Atomkrieg, sagt die Kulturwissenschaftlerin Bronfen. «Die nukleare Bedrohung wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in vielen Filmen thematisiert.» Immerhin, denkt man sich im Heimkino: Diese Sorge ist mittlerweile etwas verblasst.

Die Endzeitvision wirkt heute wie eine makabre Verzerrung der Selbstisolation. Einer ganz allein, ohne jegliche soziale Kontakte. Das könnte einem sehr deprimierend vorkommen, aber die Filmexpertin hält dagegen: «Solange es einen Überlebenden gibt, gibt es Hoffnung. Wenn es keine Überlebenden gibt, kann man keine Geschichte mehr erzählen. Das wäre hoffnungslos.» 

Kinder als Helden

In der dänischen Netflix-Serie «The Rain» (2018–2020) geht es um das Überleben in einer virusverseuchten Welt. Zwei Geschwister haben in einem Bunker überlebt und wollen nach Jahren herausfinden, was es mit dem tödlichen Regen auf sich hatte. Die Serie arbeitet sich am Endzeit-Einmaleins ab – verlassene Landschaften, Kampf um Nahrung, übermächtige Bedrohung. Um die Dramatik zu steigern, werden die Helden von Kindern gespielt. Allerdings dehnt sich die Weltuntergangsstimmung über drei Staffeln dann doch etwas in die Länge. 

Doch wer sagt, Pandemiefilme seien prinzipiell düster? In der Fox-Serie «The Last Man on Earth» (2015–2018) wird die Katastrophe als Komödie inszeniert. Nach einem Seuchenausbruch streift der vermeintlich letzte Überlebende, gespielt von Will Forte, durch die USA, auf der Suche nach anderen Menschen. Die Pointen speisen sich aus den absurden Situationen, in die man kommen könnte, wenn man allein auf der Welt wäre.

Galgenhumor kann eine desolate Situation vielleicht nicht retten, aber zumindest erträglicher machen, lehrt uns der Film. Es schadet nicht, wenn wir uns daran erinnern. 

  • Buch: Elisabeth Bronfen: «Angesteckt – Zeitgemässes über Pandemie und Kultur»; Echtzeit-Verlag, 2020 

«Contagion» (2011)

«Contagion», Film aus dem Jahr 2011 mit Matt Damon

Beobachter-Bewertung: • • • • • (5 von 5 Punkten)
Der genaueste Film über eine Pandemie. Irgendwie beruhigend, dass es nicht nur uns so ergeht.

Quelle: Alamy Stock Photo

«Outbreak» (1995)

Bildausschnitt aus dem Film «Outbreak» (1995) mit Dustin Hoffman

Beobachter-Bewertung: • • • • •
Dustin Hoffman ist Balsam für die coronageschundene Seele: Können wir den mal kurz ausleihen?

Quelle: imago images/Everett Collection

«Invasion of the Body Snatchers» (1956)

Bildausschnitt des Films «Invasion of the Body Snatchers» aus dem Jahr 1956

Beobachter-Bewertung: • • • •
Ausserirdische wollen die Macht auf der Erde übernehmen: Kultfilm, der das Potenzial hat, Verschwörungsgeschichten zu befeuern.

Quelle: ddp/interTOPICS/mptv

«The Last Man on Earth» (1964)

Bildausschnitt des Films «The Last Man On Earth» aus dem Jahr 1964

Beobachter-Bewertung: • • • • •
Sie finden zehn Tage Selbstisolation schlimm? Nicht mehr, wenn Sie diesen Film gesehen haben.

 

Quelle: imago images/Everett Collection

«Pandemie» (2020 / Netflix)

Screenshot aus der Netflix-Serie «Pandemie»

Beobachter-Bewertung: • • • • •
Die Doku begleitet Ärztinnen und Forscher, die seit Jahren vor einer neuen Pandemie warnen. Jetzt ist sie da.

Quelle: Screenshot / Netflix

«World War Z» (2013)

Bildausschnitt des Films «World War Z» aus dem Jahr 2013

Beobachter-Bewertung: • • • • •
Schnelle Schnitte, atmosphärisch stark – aber Achtung! Die Horrorelemente sind nichts für schwache Nerven.

Quelle: Allstar/Paramount Pictures

«The Last Man on Earth» (2015–2018 / Fox)

Bildausschnitt aus der Fox-Serie «The Last Man On Earth»

Beobachter-Bewertung: • • • • •
Etwas einfach gestrickt – aber wer sich nicht vorstellen kann, dass Pandemie Spass machen kann: schauen. 

Quelle: FOX Image Collection via Getty Images

«The Rain» (2018–2020 / Netflix)

Bildausschnitt aus der Netflix-Serie «The Rain»

Beobachter-Bewertung: • • • • •
Über drei Staffeln in der Pandemie-Depression versinken? Sorry, geht gerade gar nicht.

Quelle: Per Arnesen / Netflix

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Julia Hofer, Redaktorin

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