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Geschuldete DarlehenDer Fall des Franz A. Zölch

Mit dubiosen Versprechen versucht der Medienrechtler und Hochschuldozent Franz A. Zölch an Geld zu kommen.

«Ich habe Sie nicht vergessen. Ende Woche ist alles bezahlt»: Franz A. Zölch
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Er könne dem Beobachter alles erklären, versichert Franz A. Zölch. Das mit den Schulden, das mit den Mil­lionen und auch das mit 9/11. Das war am 12. September. Eigentlich wollte er an diesem Tag für ein Treffen nach Zürich kommen, doch dann die befürchtete Absage: «Das Geld ist heute eingetroffen. Sie verstehen, dass ich mich jetzt um meine Gläubiger kümmern muss. Das hat Priorität.»

Dann herrscht wieder Funkstille: Zölch reagiert weder auf Mails noch auf eingeschriebene Briefe, Anrufe enden im Combox-Nirwana. Dann wieder ein Lichtblick: «Ich habe Sie nicht vergessen. Ende Woche ist alles bezahlt, alles wird gut.»

Viele Gläubiger versuchen erst gar nicht mehr, den Berner Medienjuristen zu er­reichen. Über Monate und Jahre wurden sie vertröstet, jetzt wollen sie Geld. 1,9 Millionen Franken Betreibungen haben sich allein zwischen Januar 2009 und Mitte August 2011 gegen Zölch angesammelt. Private Darlehen, Forderungen für aus­geliehenes Personal, für nicht einbezahlte Lohnabzüge. Pfändungen machen ihm das Leben schwer. Doch Not macht erfinderisch.

Mitte Juli telefoniert Zölch einem seiner Kunden. Fünf Millionen Euro lägen auf einem Konto in Genf, vertraut er ihm an. Geld aus einem Geschäft, das mit dem 9/11-Attentat zerstört worden sei. Für seine bereits erbrachten Vorleistungen habe man ihn jetzt endlich entschädigt. Die ­Sache hat einen Haken: Um an das Geld zu kommen, braucht Zölch angeblich 50'000 Franken – sofort, aber nur für wenige Tage. Er benötige das Darlehen als «Depot für die Freigabe eines Bankkontos». So steht es im Vertrag, den Zölch dem Kunden vorlegt.

«Wieso braucht einer mit Millionen Geld?»

Noch am selben Tag will Zölch das Bargeld abholen. Dem Kunden beschert die un­gewöhnliche Bitte Kopfzerbrechen. «Wieso braucht jemand Geld, wenn er schon ­Mil­lionen auf einem Konto hat?», fragt er sich. «Irgendwie erinnerte mich das Ganze an diese nigerianischen Betrüger-Mails.» Auch dort soll man zuerst bezahlen, um dann an Millionen zu kommen. Und dann habe Zölch partout nichts über die Hintergründe dieses 9/11-Falls preisgeben wollen – «Kundengeheimnis». Anderseits: «Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein derart renommierter Medienrechtler und Hochschuldozent mit einer solch ­dubiosen Masche unterwegs ist. Sollte ich ihm also aus dem finanziellen Engpass ­helfen?» Für den Kleinunternehmer geht es um sehr viel Geld. Er holt sich da­rum Rat bei einer Bank, bei einem Anwalt und beim Beobachter. Die Antworten sind einhellig. Darauf weist er Zölchs Bitte ab.

Doch er ist nicht der Einzige, der solche Anfragen erhalten hat. Und mehrere haben bezahlt, wie Beobachter-Recherchen zeigen. Sie wollten Zölch aus der Patsche helfen und überliessen ihm fünf- oder gar sechsstellige Beträge. Sie alle warten bis heute auf ihr Geld. Einige haben Betreibungen eingeleitet, andere prüfen Strafanzeigen.

Mit 50'000 Franken sollten fünf Millionen Euro «ausgelöst» werden.
Quelle: Gaetan Bally/Keystone

«Der Mann hat beste Referenzen»

Franz und Elisabeth Zölch. Bis 2005 waren sie das Berner Traumpaar schlechthin, das es regelmässig in die Promispalten schaffte. Er, der umtriebige Medienrechtler und Hochschuldozent. Sie, die attraktive SVP-Regierungsrätin. Vor sechs Jahren trennte sich das Paar. Und für Franz A. Zölch verschärften sich finanzielle Probleme, die er bis heute nicht richtig wahrhaben will.

Freunde und Bekannte haben mehrfach versucht, ihn wieder auf die Bahn zu bringen. «Doch sobald man sein Geld­problem anspricht, verweigert er das Gespräch. Alles komme schon gut, versicherte er jeweils», sagt eine Bekannte. Manche verhalfen ihm zu neuen Aufträgen, aus Mitleid oder echter Hilfsbereitschaft. Tragisch: Auch mehrere der vom Beobachter kontaktierten Gläubiger gelangten auf ­diese Weise an Zölch.

«Ich dachte, da kann ja nichts schiefgehen. Der Mann hat beste Referenzen», sagt ein Berner Künstler, der ihm «kurzfristig» mehrere zehntausend Franken überliess. Ähnlich ein Zürcher Buchautor, der ihm über 50'000 lieh. «Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er sein Wort nicht hält.» Der Verlust hat Folgen: Der Autor konnte eine freie Übersetzerin nicht mehr beschäftigen, der Künstler musste wichtige Förderprogramme zurückfahren.

Eine Unternehmerin betreibt Zölch über 200'000 Franken. Die Rückzahlung des kurzfristigen Darlehens hat er ihr schon vor drei Jahren versprochen, angeblich war ein Millionenbetrag aus den Arabischen Emiraten bei ihm eingegangen. Gegen die Forderung hat Zölch Rechtsvorschlag erhoben. «Vor wenigen Tagen hat er mir erneut versichert, das Geld komme gleich. So geht das doch nicht. Ich werde ihn anzeigen», sagt die Frau. Die 200'000 Franken hätten nach Afrika an ein Hilfsprojekt flies­sen sollen, für das sie sich seit Jahren engagiert. Bei Zölch in Bern angekommen, hat das Geld jedenfalls kaum etwas bewirkt. Sein Schuldenberg wuchs beständig an.

Ein immenses Beziehungsnetz

Dabei war Zölchs geschäftliche Ausgangs­lage beneidenswert, auch nach der Trennung. Sein Rang als Brigadier im Militär, das ehemalige Präsidium der Eishockey-Nationalliga, seine Hochschultätigkeit und die Beratungsmandate in Medienhäusern verliehen dem Bernburger das erforder­liche Renommee, um sich erfolgreich in der Wirtschaftswelt zu vernetzen. Bis zu ein Dutzend Anwälte und Juristen arbei­teten zu besten Zeiten in seiner Kanzlei. Und Zölch gilt als Workaholic. Nächtelang ­arbeitete er an neuen Projekten, versuchte, zusätzliche Kunden zu gewinnen. Sein immenses Beziehungsnetz pflegte er bei jeder Gelegenheit mit persönlichen Dankes- und Gratulationsschreiben. Den Angestellten hinterliess er allmorgendlich Arbeits­anweisungen auf Diktiergeräten, im Büro war er selten.

2009 bezahlt Zölch plötzlich die Löhne nicht mehr. Mitarbeiter springen ab. Für den Juristen ein Problem: Weil er selber kein Anwaltspatent hat, ist er auf entsprechende Angestellte angewiesen. Nur so kann er Klienten vor Gericht vertreten.

Mehrmals bringt er befreundete An­wälte dazu, Angestellte für ihn arbeiten zu lassen. Dafür sind heute Rechnungen über mehrere hunderttausend Franken offen. «Meine Mutter sagte immer, ich sollte mich vor Namedroppern in Acht nehmen, Leuten, die ständig erwähnen, wen sie alles kennen», sagt ein Anwalt. Trotzdem sei er auf einen reingefallen. Von Zölch erwartet er noch einen sechsstelligen Betrag. Zwar haben Zölch und die AHV-Insolvenzversicherung inzwischen einen Teil der Löhne für die eigenen Angestellten bezahlt. Mehrere hunderttausend Franken Sozialabgaben sind aber laut Betreibungsauskunft noch offen. Und da Zölch wiederholt keine Lohnabrechnungen bei der AHV eingereicht hatte, eröffnete die Berner Staatsanwaltschaft im letzten Herbst ein Strafverfahren wegen Verdachts auf missbräuch­liche Verwendung von Lohnabzügen.

Ein Teufelskreis, der neue Opfer produziert

Weil Zölch nicht im Handelsregister ein­getragen ist, kann er von Gläubigern nicht auf Konkurs betrieben werden. Nach ersten Pfändungen arbeitet er mit zwei Volontären und einer Sekretärin weiter.

Etwas verbindet alle Zölch-Gläubiger: Sie fragen sich, wie sie so gutgläubig sein konnten. Einerseits erwähnen sie Zölchs einnehmende und stets freundliche Art. «Ich glaube, er ist eigentlich ein guter Typ», sagt ein Gläubiger, obwohl er schon mehrmals mit falschen Versprechen hingehalten wurde. Und dann ist da noch der Promifaktor: «Einem unbekannten Hans Müller hätte ich das Geld wahrscheinlich nicht geliehen», sagt einer. «Zumindest hätte ich zuerst einen Betreibungsauszug verlangt.»

In der Berner Anwaltsszene hat der Name Zölch mittlerweile viel von seinem Glanz verloren. Seine Reputation kann er sich als Dozent an einem halben Dutzend Hochschulen noch erhalten, wo er Medienrecht und Krisenmanagement lehrt.

Unter dem Titel «Nichts ist wertvoller als ein guter Name» schrieb Zölch einmal: «Man muss zu Fehlern stehen, sie richtig vermitteln, aber immer nach dem Prinzip Wahrheit und Wahrhaftigkeit handeln.» Für seine eigene Krise scheint das nicht mehr zu gelten. Seine Gläubiger hält er mit leeren Versprechungen hin, gleichzeitig sucht er immer neue Darlehen, um das ominöse Geld «auszulösen». Ein Teufelskreis, der ständig neue Opfer produziert.

Warum findet Zölch aus dem Schuldenstrudel nicht heraus? Eine Spur führt nach Gstaad. Wo sich der internationale Jetset erholt und Geschäftsleute aus Chalets heraus Vermögen bewegen, dort ist auch Franz Zölch. Seit Jahren verbringt er seine Wochenenden im Nobelort. Und er will mehr als ein Zaungast sein. Vor zwei Jahren eröffnete der Hobbyfotograf im Rahmen des Menuhin-Festivals seine eigene Fotoausstellung. Unter dem Titel «Vollkommenheit» präsentierte er wolkige und neblige Landschaftsbilder im Abendrot.

Der Anlass hatte ein Nachspiel. Die ­pro­fessionelle, mehrtausendfränkige Fotoausrüstung wurde beschlagnahmt, Zölch hatte sie nie bezahlt. Die Firma Canon ­betreibt ihn über 19'000 Franken.

«Du glaubst bis am Ende, er sei ein Freund»

Das Berner Oberland ist auch Ausgangspunkt für eine verhängnisvolle Verstrickung in Zölchs Geschäftsleben. Dort ­lernte er den schillernden Engländer ­Simon Welsh kennen.

Als die «New York Times» 2005 den Nobelort Gstaad porträtierte, liess sie den 34-jährigen Welsh als angeblichen Chalet-Interessenten zu Wort kommen. Er lobte den hohen Lebensstandard in Gstaad, «wofür es sich auch lohnt, die hohen Preise zu bezahlen». Was damals kaum jemand wusste: Zur selben Zeit wurde Welsh von der französischen Justiz gesucht. Wegen Verdachts auf Checkbetrügereien hätte er in Monaco vor Gericht erscheinen sollen.

Welsh zog samt Frau und Kindern ins Berner Oberland. Dort lernte er Franz A. Zölch kennen. Der plante, mit seiner ­neuen Partnerin ein Dienstleistungsunternehmen zu gründen, die E. m. s. Gstaad GmbH. Simon Welsh wurde einer ihrer Kunden. Unter anderem sollte ihm ein ­Eigenheim vermittelt werden. Bald war Zölch auch Generalbevollmächtigter für die Rechtsangelegenheiten von Simon Welsh. Und davon gab es immer mehr.

Die Familie Welsh lebte in Gstaad auf grossem Fuss. Die Kinder besuchten die exklusive Kennedy-Privatschule, in der Freizeit spielten sie Polo. «Über die Kinder lernten wir 2006 die Welshs kennen. Sie wurden innert kurzer Zeit Freunde der Familie», sagt ein Gstaader Geschäftsmann. «Schon bald erzählte Welsh Geschichten über eine blockierte Erbschaft in England und Geld in Luxemburg. Dann kam die ­Bitte um ein kurzfristiges Darlehen.»

Er sei eigentlich kein leichtgläubiger Mensch, sagt der ebenfalls aus England stammende Gstaader. Aber heute schulde ihm Welsh über 200'000 Franken. Lange sei er mit «kurz bevorstehenden Rückzahlungen» vertröstet worden. Von Welsh, aber auch von Franz A. Zölch. Sein Geld habe er trotz einem Gerichtsentscheid bis heute nicht erhalten. «Es gibt Menschen, die verstehen es, andere innert kürzester Zeit zu ruinieren», sagt der Geschäftsmann. Welsh sei so einer. «Das Schlimmste aber ist: Du glaubst bis am Ende, er sei ein Freund von dir.»

Zölchs Engagement für Welsh uferte immer mehr aus. «Oft hatte er täglich mehrmals Kontakt mit ihm», sagt ein ehemaliger Angestellter. Zölch beruhigte immer mehr Gläubiger und handelte mit Banken Zahlungsvereinbarungen aus. Bis zu seinem Verschwinden aus Gstaad benutzte Welsh das Chalet Avalon als Kontaktadresse, den Sitz der E. m. s. Gstaad.

Bereits 2008 riefen Gläubiger im Internet zu Hinweisen über den aktuellen Aufenthaltsort von Welsh auf. Franz A. Zölch konterte mit einer Website, auf der er unter dem Namen «Legal Office Bern» davor warnt, Nachteiliges über seinen Mandanten zu verbreiten.

Dass Simon Welsh nicht mit offenen Karten spielte, gestand er 2009 selber ein. So liess er das Betreibungsamt wissen, die gegenüber Gläubigern vorgebrachte Geschichte über ein zu erwartendes Erbe seiner verstorbenen Mutter sei schlicht falsch.

Die täglichen Welsh-Kontakte irritierten zunehmend die Angestellten in Zölchs Berner Büro. Statt mit Medienrecht mussten sie sich mit nicht eingehaltenen Abzahlungsversprechen und nicht bezahlten Mieten des Klienten befassen. Seit 2008 warnten sie Zölch, dass ihre Arbeit für Welsh ausufere und wohl kaum je bezahlt werde. Zölch beeindruckte das nicht. «Er ­fixierte sich immer stärker auf diesen undurchsichtigen Kunden», erinnert sich ein ehemaliger Angestellter.

Warum Zölch mittlerweile selber mit dubiosen Geschichten nach Darlehen sucht, will er für sich behalten. Keine der vom Beobachter gestellten Fragen hat er beantwortet. Dafür ein Anruf knapp vor Redaktionsschluss: «Die Gläubiger werden in den nächsten Tagen bezahlt. Ich arbeite intensiv daran.» Alles kommt gut.

Dieser Artikel entstand dank Hinweisen auf der Whistleblower-Plattform des Beobachters: www.sichermelden.ch

Veröffentlicht am 28. September 2011