David Siems, 27, ist Vorstandsmitglied des Vereins Selbstbestimmung.ch, der sich für ein selbstbestimmtes Leben Behinderter einsetzt und eine gleichnamige Internetplattform betreibt. Siems hat das Marfan-Syndrom, eine erbliche Erkrankung des Bindegewebes.

Der Fall sorgte landesweit für Ent­setzen: Ein Berner Sozialtherapeut hat in Behindertenheimen mehr als 100 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Jahrelang konnte er wüten, ohne dass ihn jemand stoppte. Aussenstehende blicken kaum hinter die verschlossenen Türen solcher Institutionen – und innen wurde trotz Hinweisen lange weggeschaut.

Behinderte werden besonders leicht zu Opfern. Eine Studie zeigt, dass Behinderte auch dann viel eher sexuellen Missbrauch erleben, wenn sie die normale Schule besuchen. Forscher der Uni Zürich hatten vor vier Jahren über 6700 Neuntklässler zu Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen befragt. 360 von ihnen gaben an, eine körperliche Behinderung zu haben. Ihre Angaben wurden jetzt an der Universität Cambridge separat ausgewertet. Die Resultate sind erschreckend: Jeder fünfte der körperbehinderten Jugendlichen wurde Opfer eines sexuellen Übergriffs, bei dem es Körperkontakt gab. Übergriffe ohne Körperkontakt haben gar 40 Prozent erlebt. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen.

Vergewaltigung: Doppelt so grosses Risiko

Doch unabhängig vom Geschlecht ist das Risiko für körperbehinderte Jugendliche mehr als eineinhalbmal grösser als jenes von Jugendlichen ohne Behinderung. Die Gefahr einer versuchten oder vollendeten Vergewaltigung ist für körperbehinderte Jugendliche sogar mehr als doppelt so gross. «Mich haben diese Zahlen schockiert», sagt der Schweizer Kriminologe Manuel Eisner, Professor an der Universität Cambridge und Mitautor der Studie.

Noch ein Resultat erstaunte die Forscher: Die Behinderung an sich ist nur bei männlichen Jugendlichen ein Risikofaktor. Bei jungen Frauen sind andere Risiken einflussreicher, etwa ein harscher Erziehungsstil der Eltern, Alkohol- und Drogenkonsum oder ein gewalttätiges Umfeld. «Ich könnte mir vorstellen, dass die meist männlichen Täter bei weiblichen Opfern eher attraktive Mädchen auswählen. Bei männlichen Opfern spielen Macht und Dominanz eine grössere Rolle, da suchen sie sich dann explizit die Schwächeren aus. Daher fällt die Körperbehinderung bei Jungen mehr ins Gewicht», so Manuel Eisner.

«Die schwächer Gemachten» würde hier wohl David Siems einwenden. Der 27-Jährige hat das Marfan-Syndrom und setzt sich für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderung ein. Ihn erstaunen die Studienresultate weniger. Wieso, erklärt er im Interview.

Beobachter: Die Gefahr, Opfer eines sexuellen Übergriffs zu werden, ist für Jugendliche mit Körperbehinderung viel grösser als für nichtbehinderte. Weshalb werden gerade die Schwächsten am wenigsten gut geschützt?
David Siems: Die Frage ist doch: Wie können sich diese Menschen selber schützen? Bei Menschen mit Behinderung ist die eigene Abwehr eingeschränkt, und zwar nicht nur körperlich, sondern auch erziehungsbedingt. Das fängt bereits im Kleinkindalter an, wenn man aufgrund der Behinderung unzählige Prozeduren und medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen muss. Natürlich sind diese oft sinnvoll. Doch als Kind kann man das nicht rational unterscheiden. Man lernt daraus, dass man im Leben Unangenehmes ertragen muss und dass es nicht nach dem eigenen Wohlbefinden geht. Das steht der Entwicklung eines natürlichen Abwehrreflexes im Weg.

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Beobachter: Man lernt nicht, für sich selber einzustehen?
Siems: Man hat es schwer, sich überhaupt selber kennenzulernen. Bei mir führten etwa Spitalaufenthalte immer wieder zu Unterbrüchen. Man hat viel weniger Gelegenheit, einfach Kind zu sein. Es dreht sich zwar vieles um dich, doch es geht eigentlich nie um dich als Menschen mit eigenen Bedürfnissen. Es geht um dich als defekten Apparat, den man flicken muss. So habe ich es empfunden, und ich kenne viele, denen es ähnlich erging. Ich konnte beispielsweise wegen meiner Krankheit nicht am Turnunterricht teilnehmen. Stattdessen musste ich zusammen mit jenen Kindern, die zur Strafe nachsitzen mussten, Aufgaben lösen. Das wurde mir dann auch noch so verkauft, als würde man wahnsinnig auf mich Rücksicht nehmen. Dabei hätte ich gerne mitgeturnt.

Beobachter: Sie halten diese Fürsorge also für scheinheilig?
Siems: Ja. Rücksichtsvolle Menschen reiben einem ihre Rücksicht nicht ständig unter die Nase. Denn wer das tut, übt Macht aus, drängt das Gegenüber in die Defensive, so wie es eben in einem Täter-Opfer-Verhältnis auch der Fall ist. Das zieht sich oft durchs ganze Leben, sei es in der Sonderschule, sei es am geschützten Arbeitsplatz, sei es als IV-Bezüger: In der Hierarchie steht man weit unten – weniger wegen der eigentlichen Einschränkung, sondern wegen der damit verbundenen Werturteile und Abhängigkeiten. Behinderte Menschen werden quasi zu Opfern erzogen oder geformt.

Beobachter: Man könnte Ihnen jetzt natürlich vorwerfen, Sie seien undankbar, schliesslich kümmert man sich in diesen Institutionen um die Leute und unternimmt viele Anstrengungen, um ihnen ein möglichst «normales» Leben zu ermöglichen.
Siems: Diese Institutionen sind im Prinzip doch Dienstleister. Normalerweise bemühen sich Dienstleister um die Zufriedenheit ihrer Kunden. Es käme keinem in den Sinn, von einem unzufriedenen Kunden auch noch Dankbarkeit einzufordern. Doch in dieser Branche gilt das nicht. Hier ist man unmündiges Objekt einer oberflächlichen Wohltätigkeit. Das liegt unter anderem an der Finanzierung, die über den Kopf des Endverbrauchers hinweg stattfindet. Dieses Zusammenspiel von Werturteilen und dem fehlenden Dienstleister-Kunden-Verhältnis macht Institutionen zu besonders täterfreundlichen Umgebungen.

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Beobachter: Wie meinen Sie das konkret?
Siems: Wenn Ihnen täglich bei jeder Gelegenheit bewusst gemacht wird, dass Sie nichts zu melden haben, tun Sie es irgendwann auch nicht mehr. Wenn Sie es dennoch tun, werden Sie nicht ernst genommen. Oder es entstehen Ihnen durch Ihre Abhängigkeit vom Goodwill der Betreuungspersonen erst recht Nachteile. Oder beides. Gerade bei sexuellem Missbrauch geht es ja nicht um Sex, sondern um Macht. Menschen mit Behinderung sind deshalb so interessante Ziele, weil das Machtgefälle besonders gross ist.

Beobachter: Die erwähnte Studie zeigt nun aber, dass auch Behinderte ausserhalb der Institutionen häufiger Opfer werden. Ist es nicht eher eine Frage der Erziehung, ob man lernt, Nein zu sagen?
Siems: Auch. Eltern von behinderten Kindern werden ja immer mitbehindert, sie stehen unter stärkerer Beobachtung. Es ist zum Beispiel völlig normal, dass nichtbehinderte Kinder sich manchmal danebenbenehmen. Wenn ein behindertes Kind dasselbe tut, wird das sofort mit der Behinderung in Verbindung gebracht. Deshalb neigen viele Eltern dazu, das Verhalten anderen gegenüber zu erklären. Auch sie sind in der Defensive. Den Kindern geben sie dadurch unbewusst das Gefühl, sich um den «Segen» der anderen bemühen zu müssen. So lernt man natürlich nicht, für sich selber einzustehen. Die Behinderung macht es besonders fürsorglichen Eltern auch leichter, die Tatsache zu verdrängen, dass ihre Kinder irgendwann erwachsen werden und ihre eigenen Erfahrungen machen müssen. Das kann die Entwicklung einer unabhängigen Persönlichkeit auch hemmen.

Beobachter: Was müsste sich ändern, damit Behinderte Übergriffen weniger stark ausgesetzt wären?
Siems: Ich denke, das Risiko wird bei ihnen immer grösser sein, ein Machtgefälle wird es immer geben. Aber es wäre hilfreich, wenn man nur schon einmal begreifen würde, dass man Menschen nicht schützen kann, indem man ihnen Informationen vorenthält. Man wird mit Sexualität immer auf irgendeine Art konfrontiert, egal, ob man behindert ist oder nicht. Eine möglichst frühe, verantwortungsbewusste Aufklärung ist die beste Missbrauchsprävention – für alle Kinder.

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