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Gilles Tschudi«Ich bin auch böse und gemein, aber nicht nur»

Als Bösewicht in der TV-Soap «Lüthi und Blanc» wurde Gilles Tschudi bekannt. Der Schauspieler ist ein umweltbewusster Mensch, der auf Fleisch verzichtet und mit Vorliebe Zug fährt.

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Gilles Tschudi, 53, wuchs in Bottmingen BL auf und brach mit 17, noch vor der Matura, die Schule ab, um Schauspieler zu werden. Vor allem dank seiner Rolle als Fiesling in der Fernsehserie «Lüthi und Blanc» und der Verkörperung des knallharten Bankers Marcel Ospel im Erfolgsfilm «Grounding» wurde er einem breiten Publikum bekannt. Tschudi ist bilingue und wirkt regelmässig in deutsch- und französischsprachigen Produktionen mit, im Film wie auf der Bühne. Zu seinen aktuellen Rollen zählt die des Kommissars Madörin in der Verfilmung von Hansjörg Schneiders Kriminalreihe oder die Verkörperung des Basler Politikers Johann Rudolf Wettstein (1594–1666) für das Westschweizer Fernsehen. Gilles Tschudi lehrt an der Schauspielakademie in Zürich (ZHdK) und ist Präsident der Schauspielergewerkschaft Schweizer Syndikat Film und Video (SSFV). Der ge­schie­dene Vater von drei erwachsenen Söhnen lebt in Zürich und im Jura.

BeobachterNatur: Herr Tschudi, das Publikum kennt Sie vor allem als «Bad Guy», privat sind Sie ein umweltbewusster Vegetarier. Eine auffällige Diskrepanz.
Gilles Tschudi: Die Rollen, die ich spiele, widerspiegeln ja nicht unbedingt mein Privatleben das ist bei Schauspielern bekanntlich so.

BeobachterNatur: Welche Bedeutung hat für Sie eine fleischlose Ernährung?
Tschudi: Mein Vegetariertum ist ein Statement. Ich verzichte auf Fleisch aus Selbstschutz, was wiederum zum Umweltschutz führt. Ich bin ein Teil der Umwelt. Das heisst, wenn ich mich pflege, trage ich diesem Umstand Rechnung. Die ökologischen Aspekte ergeben sich so von selbst.

BeobachterNatur: Ein Vegetarier ist nicht zwingend ein Umweltschützer. Was tun Sie konkret?
Tschudi: Ich lebe umweltbewusst, soweit das möglich ist. Aber ich bin nicht stur. Ich habe ein Generalabonnement der SBB und fahre Zug und Bus, solange es nicht zu umständlich ist. Ansonsten bringt mich mein Hybridauto von A nach B. Ich bewohne ein einfaches Haus im Jura, bei Les Bayards – keine schicke Villa, sondern die Hälfte eines alten Bauernhofs; ein Haus mit dicken Mauern und Kachelöfen, auf einer Sonnenterrasse auf 1000 Metern Höhe gelegen. Ich heize mit Holz aus dem nahen Wald. Und das Wasser stammt aus einer eigenen Quelle, die von einem unterirdischen See gespeist wird.

BeobachterNatur: Damit müsste Ihr Energieverbrauch unter dem schweizerischen Durchschnitt liegen. Kennen Sie denn Ihren «ökologischen Fussabdruck»?
Tschudi: Sie meinen das Ausmass, in dem ich die Umwelt belaste? Nein. Wissen Sie, als freischaffender Künstler probe ich heute in Genf, morgen bin ich an einer Talkshow in Basel, übermorgen rede ich in Solothurn über den Schweizer Film, tags darauf bin ich wieder in Zürich an einer gewerkschaftlichen Sitzung – ökologisch betrachtet ist das natürlich Schwachsinn.

BeobachterNatur: Sie wirken trotz Ihres rastlosen Lebens und Ihrer 53 Jahre fit und jugendlich. Sind Sie ein besonders eitler Mensch?
Tschudi: Ich weiss nicht. Wenn ich präsent sein, auf der Bühne Leistung bringen will, muss mein Körper sensibel und wach sein. Eine Rolle zu spielen bedeutet nicht nur, Texte zu lernen, es bedingt eine ganzkörperliche Auseinandersetzung. Was im Menschen abläuft, seine Emotionen, Triebe, all dies wird in Sprache umgesetzt. Damit ich diese Sprache füllen kann, muss ich den Zusammenhang verstehen. Der Körper ist bei meiner Arbeit das Vehikel, die Maschine, die es zu pflegen gilt.

BeobachterNatur: Was tun Sie für Ihren Körper?
Tschudi: Ich ernähre mich bewusst und mixe mir morgens einen frischgepressten Saft aus Äpfeln, Karotten, Zitronensaft und Ingwer – das ist für mich eine Form von Lebensenergie, die wunderbar schmeckt. Was ich zu mir nehme, hat viel mit meinen Fastenerfahrungen zu tun. Mit 27 habe ich einmal bewusst zwei Wochen lang auf feste Nahrung verzichtet. Es war ein Experiment, um meinen Körper besser kennen zu lernen.

BeobachterNatur: Was ging bei dieser Hungerkur in Ihnen vor?
Tschudi: Nach zweiwöchigem Fasten spürte ich eine neue Form von Sensitivität. Mir wurde klar: Was ich esse, hat ein Programm, eine Information, die ich aufnehme, auf der grob- wie auf der feinstofflichen Ebene. Bei der folgenden Recherche bin ich auf eine Studie gestossen, die zeigt, dass die Ängste der Tiere beim Schlachten in ihrem Fleisch gespeichert sind. Tiere spüren instinktiv, wenn wir ihnen Böses antun, sie töten wollen. Diese Stresshormone stecken in jedem Stück Fleisch, und diese Energie will ich nicht. Du bist, was du isst davon bin ich überzeugt. Seit meiner Fastenerfahrung verzichte ich auf Fleisch, und ich trinke auch keinen Alkohol mehr.

BeobachterNatur: Das klingt sehr esoterisch. Nahrungsmittel sind doch in erster Linie Energielieferanten.
Tschudi: Ja, aber es gibt verschiedene Qualitäten von Energie. Alles, was wir aufnehmen, sei es über die Nahrung oder die Atmung, jedes Partikel oder Molekül löst etwas in uns aus – das ist kein esoterischer, sondern ein naturwissenschaftlicher Befund. Und dies wirkt sich auf den Körper aus.

BeobachterNatur: Wieso keinen Alkohol? Schauspieler sind ja nicht gerade als Abstinenzler bekannt.
Tschudi: Ich weiss sehr wohl, wie es ist, wenn man zu viel trinkt. Alkohol bringt eine Bewusstseinsveränderung mit sich, eine Wahrnehmungsveränderung, die ich weder will noch brauche. C’est pas du tout nécessaire.

BeobachterNatur: Der erfolgreiche Schauspieler Gilles Tschudi, der uns in einer lässigen Lederjacke gegenübersitzt: ein Asket? Irgendwie nehmen wir Ihnen diese Rolle nicht ab
Tschudi: Nun, ich passe meinen Kleidungsstil der Rolle an, die ich gerade spiele. Vor drei Tagen bin ich hier (deutet auf die Lobby des Genfer Hotels) noch im Anzug herumgelaufen. Kleider machen Leute, sie verändern dich. Ein Anzug macht dich gesetzter, quadriert dich, Lederschuhe vermitteln ein anderes Gefühl als diese hier (zeigt auf seine leichten Laufschuhe). Mit diesen Dingern «floate» ich geradezu, das ständige Ausbalancieren hält mich wach. Bis ich allerdings so aufrecht gehe wie die Afrikaner, braucht es noch eine Weile.

BeobachterNatur: Jetzt kokettieren Sie. Wie eitel muss man als Schauspieler sein, um auf der Bühne bestehen zu können?
Tschudi: Aufgepasst, da projizieren Nichtschauspieler ein falsches Bild in mich, in die Schauspielerei hinein. Wer aus Eitelkeit Schauspieler wird, macht es nicht lange. Schauspieler zu sein bedeutet nicht, bei einer Gala über den roten Teppich zu tänzeln. Die harte Arbeit, die dahintersteckt, hat nichts Glamouröses. Wenn ich ein Stück spiele, gehe ich durch den Hinterausgang ab. Beim Spielen steht einem die Eitelkeit im Weg; als selbstverliebter Mensch kann ich nicht differenziert spielen. Eitelkeit funktioniert vielleicht für eine Miss oder einen Mister Schweiz, wo es um Schönheit und Oberfläche geht. Für einen verantwortungsvollen Schauspieler aber geht es um die Dekomposition des Menschen, um seine Zerfleischung. Ich zeige auch meine Hässlichkeit, meine negativen Seiten.

BeobachterNatur: Wie etwa als intriganter Financier Michael Frick in der 2007 eingestellten Serie «Lüthi und Blanc». Ist die Figur ein Teil von Ihnen?
Tschudi: Natürlich sind Frick oder das Böse ein Teil von mir. Es gibt immer wieder Leute, die nach einem Gespräch erstaunt sagen: «Herr Tschudi, sie sind ja eigentlich ganz nett. Wie können Sie einen solchen Fiesling spielen?» Ich bin auch böse und gemein, aber nicht nur. Es gibt nicht nur Gut und Böse, es gibt unzählige Schattierungen davon.

BeobachterNatur: Was reizt Sie an den unsympathischen Rollen, den «bösen» Buben?
Tschudi: Gut und Böse sind wie gesagt relativ. Immerhin steht der Böse zum Bösen, der Gutmensch hingegen versucht seine Abgründe zu verstecken – und das ist viel schlimmer. Jeder Mensch trägt beide Anteile in sich. Wenn etwa ein Priester von sich sagt, dass er das Gute verkörpere, dann kann das gar nicht sein. Ich würde das nie von mir behaupten. Im Gegenteil: Ich stehe dazu, dass ich auch ein Schlimmer sein kann. Und weil ich diese Facette kenne, kann ich sie auch zeigen.

BeobachterNatur: Was betreiben Sie zum Ausgleich, um Abstand von Ihrer Arbeit zu gewinnen? Meditieren Sie?
Tschudi: Ich sitze nicht stundenlang in Meditation versunken da oder mache frühmorgens die Kerze. Meditation ist für mich ein Dauerzustand, Yoga eine Lebenshaltung. Yoga bedeutet nicht, dass ich die Füsse hinter dem Kopf verschränken kann (deutet die Übung an).

BeobachterNatur: Das hört sich aber schon fast nach Erleuchtung an.
Tschudi: Erleuchtung ist nichts, was ich anstrebe. Denn im Streben nach Vollkommenheit ist das Scheitern bereits programmiert. Du strebst nach etwas Höherem und verpasst dabei das Hier und Jetzt. Damit boykottierst du dich ständig selber. Das Ziel ist nicht, heilig zu werden. Der Sinn des Lebens besteht darin, sich selbst zu erkennen. Und dazu braucht es einen Spiegel. Als Künstler halte ich den Menschen diesen Spiegel vor. Das ist meine Aufgabe.

BeobachterNatur: Wie kam es zu Ihrem Engagement für das Hilfswerk Heks?
Tschudi: Das Heks hat mich angefragt, ob ich mich für die Kampagne «Gib e Geiss!» einsetzen wolle, und ich habe zugesagt. Das Projekt, das im vierten Jahr läuft, ist spannend. Weil man nicht einfach Geld spendet, sondern Kleinprojekte unterstützt. Die Ziege, die man der Bauernfamilie in Asien oder Afrika übergibt, liefert Milch; der Mist verbessert die Ernte; die Nachkommen der Ziege werden weitergegeben. Dieses nachhaltige Prinzip gefällt mir. Mit dieser Hilfe schafft man Unabhängigkeit und nicht Abhängigkeit, wie es in der Entwicklungshilfe oft geschieht.

BeobachterNatur: Gilles Tschudi als Entwicklungshelfer bei den Ärmsten – eine Alternative zur Bühne?
Tschudi: Als Bub wollte ich tatsächlich als Arzt oder Entwicklungshelfer in der Dritten Welt arbeiten. Aber in meinem jetzigen Beruf bin ich ja auch eine Art Entwicklungshelfer (lacht).

Veröffentlicht am 27. Mai 2010

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