Die letzten Sterne verglimmen, im Tal unten hat sich Nebel breit gemacht. Auf dem Dorfplatz von Seewis GR steigt Kurt Gansner in seinen Geländewagen, schaltet die Scheinwerfer ein und fährt los. Sein Ziel ist die Luvadina, ein Gebiet oberhalb von Seewis. Die Luvadina bietet eine gute Rundsicht und einen ungehinderten Blick auf das Wildasyl gegenüber. «Es ist wichtig, Präsenz zu markieren. Die Jäger sollen sehen, dass ich unterwegs bin», sagt Gansner.

Kurt Gansner ist Wildhüter oder, genauer, kantonaler Jagd- und Fischereiaufseher, wie es im Amtsdeutschen heisst. Gansners Tage sind während der Hochjagd in Graubünden lang, im ganzen Kanton sind rund 5500 Jäger auf der Pirsch. Besonders auf den Freitag und den Samstag vor dem Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag dürften sie hingefiebert haben. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren waren während dieser beiden Tage die Kronenhirsche zum Abschuss freigegeben, jene kapitalen Tiere mit mächtigem Geweih, bei denen die Jäger bisher frustriert die Finger vom Abzug nehmen mussten, wenn sie ihnen ins Visier gerieten.

Steif gefrorene Jäger und kein Reh
Willig schiebt sich das vierradgetriebene Fahrzeug die unbefestigte Strasse hoch. Im Lichtkegel der Scheinwerfer leuchten plötzlich strahlend gelb die Augen eines Fuchses auf. Das Tier starrt, scheint sich zu besinnen und jagt in gestreckten Sprüngen den Hang hinauf. Wenig später fährt Gansner an die Seite und hält. Am Wegrand trotzt ein Jäger auf einem Baumstrunk der morgendlichen Kälte, eingepackt in dicke olivgrüne Kleider, an den Händen riesige Fausthandschuhe, auf dem Kopf eine Mütze mit Ohrwärmern. Gansner lässt die Scheibe herunter, wechselt ein paar Worte. Er sei auf Rehe aus, sagt der augenscheinlich fast steif gefrorene Mann, und, nein, bisher habe sich nichts gerührt. Gansner grüsst und fährt weiter.

Nach der rund halbstündigen Fahrt geht es abseits der Pfade zu Fuss weiter. Kurt Gansner steigt durch Sumpf, Morast und Geröll die steilen Hänge hinauf, als schreite er auf der geteerten Dorfstrasse. 15 Jahre arbeitet er schon als Wildhüter. Am Anfang sei es nicht immer leicht gewesen. «Wenn du als 22-Jähriger einem gestandenen Jäger von 50 Jahren die Beute wegnehmen musst, weil er ein verbotenes Tier erlegt hat, brauchst du Fingerspitzengefühl, Charakterfestigkeit und Durchsetzungsvermögen», sagt Gansner. Mittlerweile ist ihm der Umgang mit den Jägern zur Routine geworden. «Ich habe meine Linie, behandle jeden gleich und mit Respekt», sagt er. «Das Gleiche erwarte ich aber auch von den Jägern.»

Das Gebiet, das Kurt Gansner überwachen muss, misst rund 83 Quadratkilometer. «Es wäre naiv zu glauben, dass nicht gewildert wird. Doch ich kann nicht überall sein», sagt Gansner. Vor wenigen Tagen erst hat er zwei Frevler erwischt, die zwei Gemsböcke im Auto hatten. Die beiden Männer kassierten 10 beziehungsweise 20 Tage Haft, mehrere Jahre Patententzug und eine hohe Geldbusse. «Das Gesetz bestraft den Frevel hart. Der Gesetzgeber fasst das Wildern als Diebstahl am Gemeineigentum auf», sagt Gansner.

Der Wandel der Zeit macht vor den Frevlern nicht Halt. Früher ging es ihnen ums Fleisch, heute interessiert sie hauptsächlich die Trophäe. Um nicht aufzufallen, schiessen die Wilderer aus dem Auto heraus, mit Restlichtverstärker, Zielfernrohr und Schalldämpfer. Vom erlegten Tier wird oft nur der Kopf mitgenommen, der Rumpf bleibt liegen. Findet Gansner einen solchen Tierkadaver, scheut er keinen Aufwand, um die Missetäter zu eruieren. «Uns stehen die modernsten kriminaldienstlichen Methoden der Kantonspolizei zur Verfügung.» Mit Metalldetektoren sucht man nach dem tödlichen Projektil. Und im Labor wird festgestellt, ob die Kugel aus dem beschlagnahmten Gewehr abgefeuert wurde oder nicht.

Vier Schüsse und schlaue Hirsche
Inzwischen tasten sich in der Luvadina die ersten Sonnenstrahlen die Bergflanke des Vilans hinunter. Auf einem kleinen Erdhügel mit Blick auf das Wildschutzgebiet jenseits des Tobels sitzt, das Gewehr auf den Knien abgestützt, ein älterer Mann. Gansner grüsst ihn, man kennt sich. Der Jäger will nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen. Das sei, sagt er mit Schalk in den Augen, nicht nötig. Aber Auskunft gibt er trotzdem. «Schauen Sie sich um! Das ist es, was ich vor allem an der Jagd schätze: das Naturerlebnis, den Sonnenaufgang, die Ruhe. Ob ich etwas schiesse oder nicht, ist weniger wichtig», sagt er. Und überhaupt, fügt er an, habe es immer weniger Tiere. In Gansners Gesicht spielt ein leichtes Schmunzeln. Er weiss: Die Wildbestände in Graubünden sind insgesamt seit Jahren stabil und nehmen örtlich sogar leicht zu.

Plötzlich fällt ein Schuss, dann noch einer, ein dritter, ein vierter. Kurt Gansner staunt: «Vier Schüsse kurz hintereinander, das ist ungewöhnlich.» Der Schiesslärm kam von der anderen Seite, aus der Nähe des Wildschutzgebiets. Das Wildschutzgebiet, ein rund einen Kilometer breites Band, erstreckt sich von der Talsohle bis zur Bergspitze des Tschingels, so der Name des Bergs. Dahinter liegt Österreich.

Mindestens 50 Hirsche sollen sich im Schutzgebiet aufhalten, versteckt im Nadelwald und im dichten Gehölz, sagt Gansner. Am Rand lauern die Jäger darauf, dass ein Hirsch das Wildschutzgebiet verlässt. Aber die Tiere sind schlau, vor allem die älteren. Sie wissen, es ist Jagd, und sie wissen, im Wildschutzgebiet sind sie sicher. Sie verlassen es nur nachts, um zu äsen. Manchmal aber vergisst sich ein Tier und kehrt verspätet zurück – zu spät, nach halb sieben Uhr. Das wird ihm zum Verhängnis. Ab dann ist die Jagd frei, und die Jäger schiessen.

So wie Marco Pitschi. Er ist an diesem Tag vermutlich einer der glücklichsten Menschen im Prättigau. Vor der verwitterten Jagdhütte im Alpnovawald kniet er und schabt Fleischresten von einem Hirschschädel. Es ist sein dritter seit Beginn der Jagd. Die beiden anderen Köpfe lagern hinten im Brunnen. Das Wasserbad erleichtert das Schälen. Alle drei Tiere wiegen mehr als 100 Kilo. Je. Marco hätte allen Grund, überheblich zu werden; sein Name macht die Runde, im Dorf, sogar im Tal. Denn Marco, schmales Gesicht, blaue Augen, blondes Haar, ist heuer zum ersten Mal auf der Jagd. Und schiesst gleich drei kapitale Hirsche. Aber Marco sagt mit dem ganzen Ernst seiner 20 Jahre: «Ich bin dann nicht einer, der viel vom ‹Blöffen› hält!» «Zufall» sei dabei, «viel Glück», fügt er an, ohne aufzuschauen – und schabt weiter das Fleisch vom Knochen.

Rehpfeffer für die Nachbarin
Es sind vielleicht Szenen wie diese, die Gegner der Jagd in ihrer Haltung bestärken mögen. Zurzeit sammelt eine Politgruppe Unterschriften für eine Initiative zur Abschaffung der Jagd. «Jagd ist Mord, Hege ist Selektionsmord» lautet das Kredo der fundamentalistischen Tierschützer.

Die Jägerschar, zu der auch Marco gehört, sieht das anders. Seit fast 30 Jahren gehen Sepp Dal Ponte, Hans Peter Pitschi – der Vater von Marco – und Andreas Fausch gemeinsam auf die Jagd. Es sind Freundschaften, die halten. «Wir geniessen das Beisammensein, die Natur. Wie viele Tiere wir schiessen, ist nicht so wichtig», sagt Hans Peter Pitschi.

Der Schutzpatron der Jäger, der heilige Hubertus, hat es trotzdem gut gemeint mit der Gruppe. Sie haben schon jetzt mehr geschossen, als sie brauchen. Das überschüssige Fleisch wird verkauft. «Lieber an die Nachbarn und die Leute im Dorf als an den Metzger», sagt Andreas Fausch. Das sorge für guten Kontakt.

Die Jagd ist eine Notwendigkeit, darin ist sich die Fachwelt einig. Die natürlichen Feinde des Wilds wie Bär, Wolf und Luchs fehlen weitestgehend. Ohne Jagd würden die Bestände ungehindert wachsen. Das hätte eine Übernutzung sowie eine Schädigung ihres Lebensraums zur Folge, beispielsweise durch Verbiss der Jungtriebe an den Bäumen. Eine Hirschpopulation vermehrt sich jährlich um ein Drittel. Das sind in Graubünden etwa 4000 Hirsche.

Die Jäger bevorzugen männliche Tiere, wegen der Trophäe. Um eine ausgeglichene Bejagung zu erreichen, gilt eine einfache Regel: Es müssen mindestens gleich viele weibliche wie männliche Tiere erlegt werden. Eine Gemsgeiss hat Sepp Dal Ponte schon. Jetzt soll ein Gemsbock dazukommen. Die Kollegen machen scherzhaft Druck: «Wer eine Geiss hat und den Bock nicht holt, ist eine Pfeife», stichelt Hans Peter Pitschi. Die Runde grinst.

Es ist kühl im Schlachthaus von Seewis, und es riecht nach kaltem Blut. Neugierig drängen sich die vier Kinder um den riesigen, ausgeweideten Hirschkörper, der kopfüber von der Decke hängt. Im Maul des Tieres steckt ein frischer Tannenzweig. Damit gibt der Jäger dem erlegten Tier, wie es der Waidbrauch will, «die letzte Äsung». Sie soll Ausdruck sein des Respekts, den die Jäger dem Wild entgegenbringen. Gansner beginnt mit geübten, schnellen Schnitten den Kopf des Hirsches vom Rumpf zu trennen, um ihn zu präparieren, eine seiner Nebenbeschäftigungen. Die Kinder verlassen eines nach dem anderen still das Schlachthaus, bis nur noch der zehnjährige Sandro in seinem HC-Davos-Leibchen dem Vorgang zuschaut, zunehmend schneller seinen Kaugummi kauend. «Er ist weg», verkündet Sandro schliesslich triumphierend seinen Kameraden, die sich wieder hineingetrauen und still den Kopf studieren, der vor ihnen auf dem Betonboden liegt. «Sind das echte Augen?», fragt der neunjährige Damian. Tatsächlich haben die Augen jeden Glanz verloren. Eine Passantin, die Brille in die Haare geschoben, fragt, ob der Hirsch einen schnellen Tod gehabt habe. «Schneller als jede Kuh im Schlachthof», gibt Gansner zurück.

Jagd nach dem Glück
Der Abend gehört der Beutekontrolle. Die Jäger sind verpflichtet, die erlegten Tiere dem Jagdaufseher zur Begutachtung vorzuweisen. Vor Kurt Gansners Haus fahren die Jäger vor. Sepp Dal Ponte ist da. Er konnte den Gemsbock erlegen. Jetzt wird klar, was es mit den rätselhaften vier Schüssen am Morgen gegenüber der Luvadina auf sich hatte. Der Schütze, der sie abgegeben hat, heisst Mario Gansner (mit dem Wildhüter nicht verwandt). Er hebt zusammen mit einem Kollegen einen Hirsch von 101 Kilo aus dem Kofferraum. Mario Gansner strahlt. Seit elf Jahren geht er auf die Jagd, zum ersten Mal aber ist ihm heuer der Abschuss eines männlichen Tiers gelungen. Vor wenigen Tagen ist er Vater geworden. Sein Zögern bei der Frage, welches Ereignis wichtiger gewesen sei, die Geburt seines Sohnes oder der lang ersehnte Abschuss, dauert kaum ein paar Sekunden: «Die Geburt meines Sohnes war natürlich wichtiger.»

Immer verfügbar sein zu müssen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, das sei manchmal ein wenig belastend am Beruf des Jagdaufsehers, hatte Kurt Gansner am Vormittag gesagt. Morgen aber sei Bettag, der Jägersonntag, wahrscheinlich gebe es da nichts zu tun, und er freue sich schon auf den geplanten Familienausflug ins Thermalbad nach Bad Ragaz. Eben hat sein Mobiltelefon geläutet. Ein Tier ist angeschossen ins Wildschutzgebiet geflüchtet, die Jäger dürfen nicht hinein. Der Jagdaufseher muss ran. Der Badeausflug fällt ziemlich sicher ins Wasser.

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