Wie schön, wenn man mit Reaktionen auf ein Partnerschaftsinserat überhäuft wird. Eigentlich könnte auch Rosmarie Wenger (Name geändert) glücklich sein: Ihr Telefon läutet pausenlos. Männer mit jugendlicher Stimme wollen unbedingt mit ihr Kontakt aufnehmen. Die 68-Jährige fühlt sich geschmeichelt; sie sucht tatsächlich einen neuen Partner. Dem Drängen von «Sascha», «Dani» oder «Luca» nach einem Rückruf kann sie nicht widerstehen und plaudert stundenlang mit ihnen. Bis diese plötzlich das Interesse verlieren. Die böse Überraschung kommt einen Monat später. Die Swisscom sperrt ihren Anschluss, weil sie innert kürzester Zeit für fast 6500 Franken telefoniert hat.

Was ist passiert? Die angebliche Privatnummer von «Sascha» entpuppte sich als 0901-Plauderlinie für Fr. 4.23 pro Minute. Das wusste Rosmarie Wenger nicht, niemand hat es ihr gesagt. Der Anschluss gehört der Firma «Fun4People», ein auf telefonische Kontaktvermittlung und Plauderlinien spezialisiertes Unternehmen in Zürich. «Sascha» und die übrigen Verehrer waren in Wahrheit «Fun4People»-Angestellte, die auf Kosten einer arglosen Frau ihren Umsatz aufbesserten.

Handel mit Privatadresse?

Doch woher wusste «Fun4People», dass die Witwe einen Partner suchte? Wenige Tage zuvor war in der «Glückspost» ein Kontaktinserat von ihr erschienen, allerdings ohne Namen und Telefonnummer. Wer mit ihr Kontakt aufnehmen wollte, musste das «Glückspost»-Callcenter anrufen und wurde weiterverbunden.

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Daher gibt es faktisch nur zwei Möglichkeiten, wie «Fun4People» zu Rosmarie Wengers Privatnummer gekommen ist.

Erstens: Ein «Fun4People»-Mitarbeiter hat sich mit Wenger verbinden lassen, sich bei ihr als interessierter Partner ausgegeben und so ihre Privatnummer erschlichen. Wenger beteuert indes, dass sie keinem Anrufer ihre Privatnummer gegeben hat. Zweitens: Ein «Glückspost»-Mitarbeiter mit Zugriff auf vertrauliche Personalien hat das Datenschutzgesetz verletzt und die Nummer an «Fun4People» weitergegeben oder noch schlimmer: weiterverkauft.

Laut Wenger haben zwei «Glückspost»-Verantwortliche diese zweite Variante kurz nach dem Vorfall zugegeben, als sich Wenger sowie ein Bekannter von ihr bei der Zeitschrift beschwert hatten. Dabei wurde ihnen auch erklärt, es sei deswegen ein Mitarbeiter der «Glückspost»-Anzeigenabteilung entlassen worden. Auf Anfrage des Beobachters bestreitet dies «Glückspost»-Anzeigenleiter René Rosset aber vehement. Wie sich das Unglück seiner Meinung nach abgespielt hat, konnte er nicht sagen: «Für uns ist der Fall unerklärlich.» Auch «Fun4People» wollte nach den internen Abklärungen nichts über das Ergebnis bekannt geben.

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Kein Gehör für Schuldenerlass

So oder so ist der Fall pikant. Denn die beiden beteiligten Firmen sind eng miteinander verbunden. Im Frühling 2001, als sich der Vorfall mit Wenger zutrug, hatten «Glückspost» und «Fun4People» bereits einen Vertrag abgeschlossen, der aber noch nicht in Kraft war. Seit Juli 2001 betreibt «Fun4People» das «Glückspost»-Callcenter. Zwar beteuert der «Glückspost»-Anzeigenleiter, dass alle Mitarbeiter der Schweigepflicht unterstehen und Adressen von «Glückspost»-Kontaktinserenten nicht für «Fun4People»-Plauderlinien verwendet werden dürfen kontrollieren lässt sich dies freilich kaum. Sowohl die «Glückspost» wie auch «Fun4People» lehnen jede finanzielle Beteiligung am Schaden ab. Die Telefonschulden muss Rosmarie Wenger von ihrer AHV-Rente abstottern.

Schon früher ist «Fun4People» mit merkwürdigen Praktiken aufgefallen. Der Beobachter kennt andere Fälle, die nach einem ähnlichen Muster abgelaufen sind. Zum Beispiel bei Stefanie Haller (Name geändert). Die IV-Bezügerin meldete sich auf ein «Fun4People»-Inserat. Sie wurde aber nicht an den angeblichen Inserenten vermittelt, sondern an einen Angestellten von «Fun4People», der sein Interesse am Kontakt mit Haller vortäuschte. Stundenlang telefonierte die arglose Frau mit «Sascha» und wurde dabei um 4217 Franken ärmer. Die «Fun4People»-Geschäftsbedingungen schreiben vor, dass der Dienst nur von privaten Kontaktsuchenden genutzt werden dürfe, die «keine finanziellen Interessen verfolgen». Das gilt ganz offensichtlich nur für eine Seite.

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