In der Einschätzung der möglichen Risiken und Gesundheitsgefahren durch die neue Mobilfunktechnologie 5G gibt es nach wie vor keine abschliessenden Wahrheiten. Dazu fehlen bis heute insbesondere klare und eindeutige Studien über mögliche nicht-thermische Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Pflanzen bei sehr niedrigen, aber permanenten Mobilfunkbelastungen.

Die Corona-Krise zeigt andererseits deutlich, wie wichtig funktionierende Digitalkanäle und schnelle Datenautobahnen sind. Dies erschwerte die zweifellos unbequeme Ausgangslage zusätzlich. Wir stehen vor der schwierigen Aufgabe, die Schweiz technologisch fit zu halten, möglichst nicht den Anschluss zu verlieren in der globalen digitalen Hochrüstung und trotzdem sicherzustellen, dass der Schutz von Mensch und Umwelt jederzeit gewahrt bleibt. Vor diesem Hintergrund hat der Bundesrat entschieden, die heute geltenden, strengen Grenzwerte für Mobilfunkanlagen Valbella GR Roger Federer und der Knatsch um die 5G-Antenne beizubehalten, bis klarere Erkenntnisse vorliegen. Telecom-Industrie und verschiedene Medien kritisieren den Entscheid teilweise harsch: «Ein Entscheid wider besseres Wissen» (NZZ) oder: «5G bringt keine zusätzlichen Risiken» (Tages-Anzeiger).

Es geht auch anders

Die Kritik ist kurzsichtig. Denn es ist und bleibt eine der wichtigsten Aufgaben der Regierung, vor dem Ausrollen einer die ganze Bevölkerung betreffenden neuen Technologie alle Aspekte zu prüfen und nicht nur auf die Interessen der Wirtschaft zu achten, auch wenn schnelle Datenverbindungen noch so wünschbar sind für das Funktionieren unserer ganzen Infrastruktur.

Es ist ja nicht so, dass dieser Entscheid die Schweiz in die Steinzeit zurückbefördern würde. Richtig ist zwar, dass die Kapazitäten der drahtlosen Kommunikation an ihre Grenzen kommen und wir sicherstellen müssen, dass wichtige Kommunikationskanäle auch weiterhin schnell und reibungslos funktionieren. Aber dafür stehen auch andere Möglichkeiten zur Verfügung Vorbild St. Gallen Weniger Strahlenbelastung wäre machbar .

Laut Ericsson Mobility Report werden bereits in vier Jahren drei Viertel der weltweiten Datenkapazitäten allein für Videos und Film-Streaming genutzt. Es wäre also durchaus möglich, Netzkapazitäten zu gewinnen, indem für Nutzungen, die für die gesamte Gesellschaft weniger relevant sind, höhere Tarife verrechnet werden.

Vorangehen mit Augenmass

Es ist deshalb nur vernünftig, wenn der Bundesrat die 5G-Aufrüstung mit Vorsicht angeht. Tatsächlich setzt er die Schweiz damit auch nicht ins Abseits. Erst im Februar dieses Jahres hat der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments einen Bericht zu den «Auswirkungen der drahtlosen 5G-Kommunikation auf die menschliche Gesundheit» veröffentlicht. Darin werden die erhofften Vorteile des neuen Mobilfunkstandards – «Millionen von neuen Arbeitsplätzen und zusätzliche Gewinne in Milliardenhöhe» - durchaus genannt. Es wird aber auch erwähnt, dass Militär, Krankenhäuser, Polizei und Banken vor allem aus Sicherheitsgründen auch weiterhin auf drahtgebundene Verbindungen setzen werden.

Vor allem aber plädiert der Bericht für einen vorsichtigen Kurs. Denn die gesundheitlichen Risiken der 5G-Technologie Selbstfahrende Autos Weniger Stau dank 5G? seien bis heute schlicht und einfach zu wenig erforscht. So heisst es im Briefing wörtlich: «Bei der 5G-Technologie werden sehr hohe Pulsationsniveaus verwendet, um sehr grosse Datenmengen pro Sekunde übertragen zu können. Studien zeigen, dass gepulste elektromagnetische Felder (EMF) in den meisten Fällen biologisch aktiver und daher gefährlicher sind als nicht gepulste EMF.» Der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments weist darauf hin, dass die heutigen Grenzwerte deshalb «nicht auf die spezifischen technischen Merkmale von 5G anwendbar» seien und «die möglichen negativen biologischen Auswirkungen» der 5G-Technologie jetzt weiter erforscht werden müssten.

Hinweise auf Risiken

Tatsächlich gibt es einige Hinweise auf so genannte nicht thermische Einwirkungen von EMF auf Menschen, Pflanzen und Tiere. Einer der renommiertesten Forscher auf diesem Gebiet ist Martin Pall, emeritierter Professor für Biochemie und Grundlagenforschung an der State University im US-Bundesstaat Washington. Seine auf 100 Seiten detaillierte Analyse vorliegender Studien hat er auch der EU und den US-Gesundheitsbehörden vorgelegt.

Die Daten Dutzender Studien zeigen, dass EMF bei Mensch und Tieren spannungsabhängige Kalziumkanäle aktivieren kann – und zwar bereits bei Strahlung weit unter den gültigen Grenzwerten. Als Hauptwirkungen werden unter anderem aufgelistet:

  • Einwirkungen auf Nervensystem und Gehirn
  • Belastung des Hormonsystems
  • Begünstigung von chronischen Krankheiten.

Pall warnt gar wörtlich: «Ich sage voraus, dass viele Organismen viel stärker betroffen sein werden als wir Menschen. Dazu zählen Insekten, Vögel, kleine Säugetiere und Amphibien. Aber auch Pflanzen und grosse Bäume.»

Es ist zu hoffen, dass solche Warnungen überzeichnet sind. Aber solange solche grossen Unsicherheiten bestehen, ist ein vorsichtiger Kurs, wie ihn der Bundesrat jetzt beschlossen hat, auf jeden Fall empfehlenswert.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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