Nummer 22 ist ein besonders elender Anblick: Verfilztes Fell, verklebte Augen, am Ohr eine eitrige Wunde. Wer das Kätzchen aufhebt, hat das Gefühl, er halte ein Holzscheit in den Händen - so mager ist es.

Die kleine schwarze Kreatur ist eine von 68 Katzen, die an diesem Samstag von Tierarzt Fabian Scholz und seinen Kolleginnen der Tierschutzorganisation Netap kastriert werden. In einer Parkettfabrik in Alpnach (OW) haben sie einen provisorische Operationsraum eingerichtet. Scholz legt das betäubte Katzenweibchen auf den Tisch, führt einen Bauchschnitt durch und entnimmt ihm die Eierstöcke. 10 bis 15 Minuten dauert der Eingriff. Scholz gibt dem Tier den Namen «Blacky». Es ist wohl das erste Mal, dass ein Mensch sich um sie kümmert. Netap-Helfer fanden sie einen Tag zuvor in einer Hecke in der Nähe eines Bauernhofs.

Riesiger Aufwand für Tierschutz

In der Schweiz gibt es über 100'000 verwilderte, herrenlose Katzen, schätzt der Schweizer Tierschutz (STS). «Die meisten davon fristen ein elendes Leben, gezeichnet von Hunger und Krankheit», sagt Netap-Präsidentin Esther Geisser. Ihre Organisation kastriert pro Jahr rund 1000 Katzen im ganzen Land, die verschiedenen Sektionen des Schweizer Tierschutz rund 10'000. Der Aufwand: Tausende Stunden freiwilliger Arbeit und Kosten von über einer halben Million Franken, bezahlt mit Spendengeldern.

Eigentlich müsste die Zahl der Tiere abnehmen, doch sie bleibt konstant hoch oder nimmt sogar zu, je nach Schätzung. Jeden Tag werden neue Katzen ausgesetzt, bekommen neue Katzen Junge, um die sich niemand kümmert. Nicht nur in ländlichen Gebieten: Das Basler Quartier St. Johann machte diesen Herbst national Schlagzeilen, weil es dort so viele elende, herrenlose Katzen gibt.

Kastrationspflicht für Bund zu teuer

Tierschützer fordern deshalb seit Jahren: Jeder Halter und jede Halterin Haustiere von A bis Z Was unsere Leser wissen wollen soll verpflichtet werden, Freigängerkatzen kastrieren zu lassen. Nur so könne man verhindern, dass entlaufene Stubentiger, ausgesetzte Hauskatzen und streunende Bauernhofkatzen immer noch mehr Katzen zeugen. Letztes Jahr überreichten 150 Organisationen dem Bund eine Petition für eine Kastrationspflicht, unterschrieben von über 115'000 Personen.

Der Bundesrat hält eine Pflicht jedoch für unverhältnismässig und für einen Eingriff in die Freiheit der Halterinnen und Halter. Auch betrachtet er den Aufwand als zu gross. «Der Staat müsste Kastrationskampagnen durchführen, die wahrscheinlich sehr kostspielig wären.» National- und Ständerat lehnten die Petition ebenfalls ab.

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Die zuständige Parlamentskommission fordert aber, Katzenhalter sollen ihre Tiere bechippen müssen. So wie Hundehalter Hundehaltung Tipps für die Anschaffung eines Hundes . Tierschutzorganisationen dürften nicht gekennzeichnete Katzen dann ohne Einverständnis kastrieren. Bundesrat und Nationalrat aber wollen auch davon nichts wissen: Für Hunde habe man die Identifikations- und Registrierungspflicht infolge der Diskussionen über gefährliche Tiere eingeführt. «Im Fall der Katzen besteht kein vergleichbares öffentliches Interesse an einer solchen Massnahme.»

Kastrationspflicht in Deutschland und Österreich bewährt

Im Ausland denken die Politiker anders. In Deutschland gibt es in 700 Städten und Kommunen eine Kastrationspflicht für Freigängerkatzen. Laufend werden es mehr. Angefangen hat die Stadt Paderborn in Nordhrein-Westfalen vor elf Jahren. Grund waren viele kranke, elende Katzen, vor allem in Parks und in der Nähe von Spielplätzen.

«Die Situation hat sich mit der Pflicht merklich verbessert», sagt Udo Olschewski, Leiter des städtischen Ordnungsamtes. Zahlen hat die Stadt zwar nicht. Die Population verwilderter Katzen in Paderborn sei aber zurückgegangen, besonders da, wo es früher viele gab. «Das ist ein Erfolg. Schliesslich geht es den Katzen besser, je weniger Konkurrenz sie in ihrem Revier haben.» Das Tierschutzprojekt Kitty Paderborn gibt an: Vor der Einführung der Pflicht habe man jährlich 300 frei lebende Katzen kastriert, die man in der Stadt aufgefunden habe. Jetzt seien es noch 20 bis 30.

In Österreich existiert eine bundesweite Kastrationspflicht seit 2005. Vor zwei Jahren wurde sie auf Bauernhofkatzen ausgedehnt, die davor ausgenommen waren. Wer eine Katze zur Zucht verwenden will, muss sie durch einen Chip als Zuchttier kennzeichnen, bevor sich die bleibenden Eckzähne ausbilden. Den Chip muss ein Tierarzt einsetzen und die Halter müssen die Katze bei der Heimtierdatenbank melden. Auch das Sozialministerium in Wien schreibt: «Die Kastrationspflicht hat sich bewährt.»

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Kaum Bussen notwendig

Der Aufwand halte sich in Grenzen, heisst es aus beiden Nachbarländern. Wichtig sei gewesen, die Bevölkerung vor der Einführung umfassend zu informieren, sagt Udo Olschewski aus Paderborn. Man habe bei der Einführung eine «aggressive Sensibilisierungskampagne» in den Medien geführt. Externe Juristen hätten den Eigentumseingriff abgeklärt und gutgeheissen. Inzwischen sei die Pflicht breit akzeptiert.

Die Stadt Paderborn kontrolliert nicht selbst, sondern verlässt sich auf die Tierärzte und die lokalen Tierschutzorganisationen. Weigert sich jemand, machen sie Meldung. «Wir schreiben diese Personen dann im Rahmen einer Anhörung an. Das hat jedes Mal genügt, um die Verordnung durchzusetzen», sagt Olschweski. Eine Busse habe man noch nie aussprechen müssen. Betragen würde sie zwischen 350 bis 400 Euro.

Mit dem Schlauch vom Hof verjagt

Einen Kater zu kastrieren kostet in der Schweiz um die 100 Franken, eine Kätzin rund 190 Franken. «Wir wurden schon mit dem Schlauch abgespritzt, als wir Besitzer aufforderten, ihre Tiere zu kastrieren», erzählt Netap-Präsidentin Geisser. Ihr Kampf für Kastration sei auch ein Kampf gegen Tötung. Tausende Büsis würden jedes Jahr nach der Geburt erschossen, erschlagen oder ertränkt, weil die Besitzer für sie keine Verwendung haben.

Netap will weiter für eine Kastrationspflicht kämpfen, notfalls mit einer Volksinitiative. Eine Chippflicht sei gut, genüge aber nicht. 1,6 Millionen Katzen gibt es heute in der Schweiz. Zu viele, sind sich Tierschützer und Wildexperten einig. Über 10'000 Katzen wurden letztes Jahr allein in einem Tierheim Haustiere Muss Kater Carlo nach dem Tod seiner Halterin zurück ins Tierheim? des STS untergebracht. Die vielen Katzen setzen auch den Beständen von Vögeln und Reptilien zu Gefahr für die Vogelwelt Bedrohen Katzen die Artenvielfalt? . Findet ein unkastriertes Weibchen Gelegenheit zur Paarung, bekommt es ein bis dreimal pro Jahr 4 bis 8 Junge.

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Einmal wild – nie mehr integrierbar

«Bei der heutigen Dichte von Katzen in der Schweiz leben kastrierte Tiere gesünder, länger, besser», sagt der Schweizer Tierschutz und tritt verbreiteten Vorurteilen entgegen: Kastrierte Katzen sind gleich gute Mäusefänger, verletzen sich seltener bei Streitereien, werden weniger Opfer von Verkehrsunfällen, weil sie nicht zur Partnersuche auf Wanderschaft gehen. Als Junge kastriert, vermissen sie nichts, da sie hormonell nicht auf Fortpflanzung eingestellt werden.

In der Obwaldner Parkettfabrik ist Tierarzt Fabian Scholz inzwischen bei Nummer 48 angelangt, einem jungen gefleckten Kater. Verwilderte Tiere können nicht mehr gezähmt, in ein Tierheim gebracht oder einem Besitzer übergeben werden. Nach der Kastration setzt Netap sie wieder aus. Würde man sie nicht besser einschläfern? Ein Tier habe ein Recht zu leben, sagt Scholz. «Und dieser junge Kater hier wird wenigstens nie unter sexuellen Frustrationen leiden. Das ist mir der Aufwand wert.»

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