Susanne Hochuli, ehemalige Regierungsrätin und neue Präsidentin der Prix-Courage-Jury

Susanne Hochuli
Quelle: ZVG

Wann waren Sie das letzte Mal mutig? Seit ich das Amt als Regierungsrätin aufgegeben habe, brauche ich jeden Tag Mut, mein Leben neu zu erfinden.

Braucht es Mut, die Jury des Prix Courage zu präsidieren? Nein, ich bin es gewohnt, Sitzungen zu leiten und in der Öffentlichkeit aufzutreten. Es ist aber eine sehr spannende Aufgabe und eine Chance, unterschiedlichste Menschen kennenzulernen.

Welches Signal wollen Sie als neue Jurypräsidentin aussenden? Zivilcourage ist ganz wichtig für das Zusammenleben in der Gesellschaft – das geht leider oft etwas unter. Man sollte jeden Tag Menschen auszeichnen, die etwas Aussergewöhnliches gemacht haben.

Das gesamte Interview finden Sie hier.

 

Thomas Ihde-Scholl, Chefarzt psychiatrische Dienste Berner Oberland

Thomas Ihde
Quelle: Christian Schnur

Meine mutigste Tat: Als junger Assistenzarzt auf der Kinderonkologie sterbende Kinder und trauernde Eltern zu begleiten, war etwas vom Schwierigsten, das ich je gemacht habe. Innerlich wäre ich da gerne oft einfach weggerannt…
 
Hier wäre ich gerne mutiger gewesen: Als Kind, wenn andere Kinder ausgegrenzt und geplagt wurden
 
Der mutigste Mensch der Geschichte: Mahatma Ghandi
 
Ich bin in der Jury, um etwas sehr wichtiges zu unterstützen. Zivilcourage ist in der heutigen doch recht selbstbezogenen Zeit wichtiger denn je.

Nils Melzer, UN-Sonderberichterstatter über Folter

Nils Melzer, Kandidat Prix Courage 2020
Quelle: Christian Schnur

Nils Melzer, für den Beobachter Prix Courage werden immer wieder Whistleblower nominiert. Was zeichnet diese Leute aus? Den meisten Menschen fällt es schwer, sich zu exponieren, selbst wenn es für eine gerechte Sache ist. Aber Whistleblower können es schlicht nicht mit ihrer Identität und Integrität  vereinbaren, Missstände totzuschweigen. Wenn system-intern die Selbstheilungskräfte fehlen oder ausgeschaltet sind, wenden sich Whistleblower an die Öffentlichkeit. Das sind mutige und wichtige Menschen – sie sind quasi der Rauchmelder im Gebäude der Gesellschaft. 

Trotzdem sind Whistleblower gerade in der Schweiz rechtlich sehr schlecht geschützt. Und das ist ein Problem: Wenn solche Menschen verfolgt, eingeschüchtert und bestraft werden, können Missstände unerkannt weiter wuchern. So entstehen rechtsfreie Räume, die nach und nach die ganze Gesellschaft aushöhlen. Das geht rasend schnell.

Warum schlägt Whistleblowern meistens Ablehnung entgegen? Weil sie uns mit unbequemen Wahrheiten konfrontieren. Um beim Bild des Feueralarms zu bleiben: Es ist halt mühsam, wenn man das ganze Gebäude evakuieren muss, um einen kleinen Brand zu löschen. Aber wenn man die Rauchmelder ausschaltet, dann ist das nächste Mal, wenn man wieder hinschaut das Feuer bereits im ganzen Haus.

Whistleblower werden auch oft persönlich angegriffen und als Nestbeschmutzer verunglimpft. Missstände zu melden heisst oft, sich gegen die eigenen Leute zu stellen. Der Vorwurf des «Nestbeschmutzers» ist in diesem Zusammenhang ein besonders gefährliches und irreführendes Bild. Wer auf Missstände aufmerksam macht, weist lediglich auf den Schmutz hin, der bereits im Nest liegt – die Beschmutzer sind die anderen.

Im Fall des Wikileaks-Gründers Julian Assange sind Sie selbst zum Whistleblower geworden. Welchen Preis bezahlen Sie dafür? Bedroht wurde ich bisher nicht. Allerdings wurde mir verschiedentlich zu verstehen gegeben, dass mein Engagement für Assange meiner Karriere nicht zuträglich sei.

Hat sich Ihr Einsatz trotzdem gelohnt? Diese Frage stellt sich für mich gar nicht. Wenn ich wegen meiner Integrität meine Karriere verliere, muss ich mir halt eine neue Tätigkeit suchen, wo meine Integrität geschätzt wird. Wenn ich hingegen für meine Karriere meine Integrität aufgebe, dann habe ich alles verloren, wofür zu kämpfen es sich lohnt. Indem ich mich für Assange einsetze, verteidige ich den Rechtsstaat und die Gerechtigkeit, und damit letztlich auch mich selbst und meine Familie.

Warum stellen Sie sich für die Jury des Prix Courage zur Verfügung? Weil es wichtig ist, Menschen hervorzuheben, die sich mit dem breiteren Allgemeinwohl identifizieren und mit Zivilcourage handeln, auch wenn sie damit Risiken auf sich nehmen. Für mich persönlich war die Nomination auch eine wichtige Anerkennung. Man wird dadurch Teil einer neuen Allianz, die helfen kann, im öffentlichen Diskurs ein Gegengewicht zu Angst und Gleichgültigkeit zu setzen.

Im Rahmen des Prix Courage werden nicht nur Whistleblower ausgezeichnet, sondern ganz unterschiedliche mutige Taten. Worin unterscheidet sich der Mut eines Whistleblowers von dem eines Lebensretters? Ein Whistleblower hat oft länger Zeit, sich sein Vorgehen zu überlegen als ein Lebensretter, der spontan eingreifen muss. Die Unvermeidlichkeit ist letztlich aber dieselbe, denn beide identifizieren sich mit einem grösseren Allgemeininteresse und haben im Grunde gar keine Wahl. Daher empfinden sie ihr Eingreifen in der Regel auch nicht so sehr als selbstlose Aufopferung, sondern eher als eine Art überpersönliche Selbstverteidigung.

 

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Nadya und Candid Pfister, Gewinner des Prix Courage 2020

Candid und Nadya Pfister, Prix Courage 2020
Quelle: Christian Schnur

Nadya und Candid Pfister verloren im August 2017 ihre einzige Tochter Céline durch Suizid. Die 13-Jährige wurde wochenlang per Smartphone gemobbt. Seither kämpfen Pfisters unter dem Hashtag #Célinesvoice für den Straftatbestand Cybermobbing, für eine härtere Bestrafung der Täter und dafür, dass Schulen, Jugendliche sowie die Gesellschaft stärker für das Thema sensibilisiert werden. 

Das Ehepaar führt sein Engagement für Jugendliche auf den sozialen Medien fort. «Wir wollen für gemobbte Junge in Not immer erreichbar sein», sagt Candid Pfister. «#Célinesvoice soll den jungen Menschen ins Herz reden. Damit sie im Netz nicht zu Mobbern werden. Und wenn doch, dass sie mit schärferen juristischen Konsequenzen rechnen müssen», sagt Nadya Pfister.

 

Iluska Grass, Gewinnerin des Prix Courage 2019

Iluska Grass
Quelle: Christian Schnur

An einem Samstagabend steigt Iluska Grass am Zürcher Manesseplatz aus dem Bus. Sie hört Schreie, rennt los und stellt sich zwischen angetrunkene Rechtsradikale und einen am Boden liegenden orthodoxen Juden. Die Skins hatten den Mann verfolgt, bespuckt und mit Naziparolen verhöhnt. «Ich habe nicht gross überlegt, sondern einfach gehandelt», sagt Iluska Grass. So hat sie Schlimmeres verhindert. Der Haupttäter war ein mehrfach vorbestrafter Neonazi.

Aufgrund von Grass’ Aussagen wurde er wegen Rassendiskriminierung und Tätlichkeiten zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er ficht das Urteil jedoch an. Ende Februar 2019, fast vier Jahre nach der Tat, spricht ihn auch das Zürcher Obergericht schuldig. Seine Haftstrafe wird auf zwölf Monate reduziert, er muss dem Opfer 3’000 Franken Genugtuung zahlen. 

Für ihren Mut und ihre Menschlichkeit wurde Iluska Grass 2019 mit dem Prix Courage ausgezeichnet.

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Natalie Urwyler, Gewinnerin des Prix Courage 2018

Natalie Urwyler
Quelle: Christian Schnur

Natalie Urwyler ist Ärztin und Mutter. Eine Frau. Kein Arzt, kein Mann, kein Papi. Genau das – ihr Geschlecht – wird ihr zum Verhängnis. «Ich verlor alles: Job, Karriere, Renommee», sagt die 46-Jährige. Urwyler arbeitete 11 Jahre lang an der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie am Inselspital Bern. Sie forschte im Ausland und holte Forschungsgelder für die Uniklinik. Sie war eine Nachwuchshoffnung, eine angehende Professorin.

Nach der Geburt ihrer Tochter kam es zum Bruch. Im Juni 2014 wurde ihr gekündigt «aufgrund eines komplett zerrüttenden Vertrauensverhältnisses». Die Ärztin hatte wiederholt den ungenügenden Schutz von Schwangeren am Inselspital kritisiert, lange, bevor sie selber Mutter wurde. Sie wehrte sich gegen die Benachteiligung von Frauen, forderte einen besseren Mutterschutz. Nach der Kündigung machte Urwyler vor Gericht eine systematische Diskriminierung geltend und zwei Instanzen gaben ihr vollumfänglich recht.

Für ihren Mut und ihre Hartnäckigkeit wurde Natalie Urwyler 2018 mit dem Prix Courage ausgezeichnet. 

 

Remo Schmid, Gewinner des Prix Courage 2017

Remo Schmid, Gewinner des Prix Courage 2017
Quelle: Christian Schnur

Es ist drei Uhr früh in der Nacht zum 9. Juli 2017. Remo Schmid hat die Fenster seiner Wohnung in Dübendorf ZH geöffnet. Da hört er die verzweifelten Schreie einer Frau: «Halt! Stopp! Nein!» Schmid rennt die Treppe hinunter, über die Strasse zur Bushaltestelle, sieht dort einen grossen Mann in dunklen Kleidern. Der zieht sich gerade die Hose hoch. Vor ihm sitzt eine Frau, Blut rinnt ihr aus der Nase. Der etwa 30-jährige Mann hat der Frau ins Gesicht geschlagen. Und sie dann genötigt.

Schmid zerrt den kräftigen Schläger weg. Dieser wehrt sich heftig. Schliesslich gelingt es ihm, den Mann zu Boden zu drücken. Erst jetzt kommt Schmid ein Anwohner zu Hilfe. Zu zweit warten sie, bis die Polizei den Mann verhaftet. Mit grösster Wahrscheinlichkeit hat Schmids Einsatz Schlimmeres verhindert, sagt die Kantonspolizei Zürich – vermutlich eine Vergewaltigung.

Für seine mutige Aktion wurde Remo Schmid 2017 mit dem Prix Courage ausgezeichnet.

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Porträts der Jury-Mitglieder: Christian Schnur