Mit Leuchtweste und Taschenlampe sind Simon Obrist und ein Kollege seit einigen Tagen unterwegs im noblen Winterthurer Breite-Quartier. Sie wollen in den Abendstunden präventiv «gegen Kriminelle auf der Suche nach einer leichten Beute» wirken, schreibt Obrist in einem Flugblatt an die Bevölkerung.

Obrist, beruflich im kaufmännischen Fach tätig, ist Leiter der von ihm gegründeten Quartierpatrouille. Er will mit seinem Freiwilligeneinsatz die Sicherheit verbessern. Freiwillig soll der Dienst sein, aber nicht gratis. Wer die Patrouille unterstützen will, soll das mit einem Monatsabonnement für 90 Franken tun. Wenn 60 Personen zahlen, könne man den Dienst «kostendeckend betreiben und langfristig fortführen», liess Obrist die Quartierbevölkerung wissen. Falls sich 200 Haushalte beteiligten, koste das Abo nur 40 Franken.

«Leider ungeschickt kommuniziert»

«Ich habe sehr viele positive Reaktionen erhalten», sagt Obrist. «Leider habe ich bezüglich der Kosten ungeschickt kommuniziert.» Tatsächlich sind bis jetzt gerade mal 54 Quartierbewohner bereit, die 90 Franken zu bezahlen. Doch Obrist gibt nicht auf. Er will seinen «Pilotversuch» den ganzen Winter über fortsetzen, sofern er genügend finanzielle Unterstützung aus dem Quartier erhält.

Begrüsst wird die Idee von Roland Brack, Chef der Sicherheitspolizei Winterthur. Prävention gehöre ja zum Grundauftrag der Polizei. «Wir haben allerdings die Auflage gemacht, dass die Patrouille bei Verdächtigen nicht eingreifen darf, sondern Feststellungen der Polizei melden muss», sagt Brack. Er ist überzeugt, dass solche «Abendspaziergänge» etwas bewirken. Die Unterstützung durch den Winterthurer Sicherheitschef vermerkt Obrist denn auch freudig auf Werbebrief und Homepage.

Doch Brack hat seine Unterstützung wohl etwas voreilig gegeben. Nach einer Anfrage des Beobachters wurde er von seiner Chefin, Stadträtin Barbara Günthard-Maier, zurückgepfiffen. Die FDP-Politikerin stellt den «Mehrwert» privater Patrouillen in Frage. Zudem: «Das Erbringen von organisierten Sicherheitsleistungen im öffentlichen Raum ist klar Aufgabe der Polizei.» Verfassungsrechtliche und rechtsstaatliche Bedenken stünden solchen privaten Streifengängen entgegen, hält die Stadträtin fest. Solche Aktivitäten haben zudem stets den Anstrich einer Bürgerwehr.

Bedenken hat auch der St. Galler Staatsrechtler Rainer J. Schweizer. «Wenn Privatpersonen ohne klare vertragliche Regelung mit der Stadt und erst noch gegen Bezahlung solche Dienste erbringen, bin ich sehr skeptisch.» Damit würden Privatpersonen in Hoheitsrechte der Polizei eingreifen, «ohne deren Verantwortung und Verpflichtung zu unterliegen».

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Zahl der Einbrüche nimmt ab

Winterthur zählt zu den sichersten Städten der Schweiz, das Breite-Quartier ist sogar überdurchschnittlich sicher. 2015 nahm in Winterthur die Zahl der Einbrüche um drei Prozent ab – ohne Privatpatrouillen. Fazit der Polizeivorsteherin Günthard-Maier: «Es besteht keine Notwendigkeit für eine Bürgerpatrouille in Winterthurer Quartieren.»

Das Logo der Stadtpolizei musste Simon Obrist bereits von seiner Homepage entfernen. Und es kommt noch dicker für ihn. In Zukunft sollen bei privaten Überwachungsdiensten, die gewerbsmässig erbracht werden, die Zügel angezogen werden. Der Kanton Zürich will eine Bewilligungspflicht einführen, wenn das Polizeigesetz nächstes Jahr revidiert wird.