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MotorräderDer Lärm-Bschiss

Die EU wollte mit schärferen Vorschriften den Motorradlärm eindämmen. Die Töffs sind aber lauter geworden – auch in der Schweiz.

Töfffahrer am Nufenen: Viele Maschinen haben einen nachträglich eingebauten Spezialauspuff.
von aktualisiert am 19. Juli 2018

Die Hölle bricht unvermittelt los. Ein Pulk schwerer Motorräder donnert zum Nufenenpass auf 2478 Meter hoch. Polizisten in gelben Warnwesten winken eine Harley-Davidson mit Zuger Kennzeichen auf den Parkplatz. Dort stehen schon zwei Dutzend Töffs. Die Walliser Kantonspolizei führt ihren jährlichen Präventionsanlass durch. «Die Hälfte der Töffs hat einen nachträglich eingebauten Spezialauspuff», sagt Wachtmeister Fredy Imfeld. Das sei legal, solange der Auspuff typengenehmigt und im Fahrzeugausweis eingetragen sei und die Fahrer ein Eignungszertifikat vom Hersteller mitführen würden.

Bei der Harley ist ein Auspuff der Marke Dr. Jekill and Mr. Hyde eingebaut. Speziell daran: Ein Knopfdruck am Lenker variiert die Lärmstärke. Der Hersteller sieht sich als «führenden Anbieter von elektronisch verstellbaren Auspuffanlagen für Motorräder».

Harley-Fahrer verlangt Toleranz

Warum soll ein Töff mehr Krach machen als nötig? «Der satte Sound gehört bei einer Harley einfach dazu», sagt der Fahrer aus Zug. «Wenn ich auf das Bike steige und mit geöffneter Auspuffklappe die Passstrasse hinauffahre, bin ich oben einfach voll gechillt», fügt ein zweiter Harley-Fahrer hinzu. Dass sich Wanderer und Alpinisten durch den weithin hörbaren «satten Sound» gestört fühlen könnten, ist ihm egal: «Es braucht halt Toleranz.»
 

«Der Motorradfahrer geniesst es, über die Ohren aller Menschen in Hörweite zu herrschen.»

Sieglinde Geisel, Buchautorin


Sieglinde Geisel, Autorin des Buchs «Nur im Weltall ist es wirklich still», sieht es kritischer. Es sei eine Demonstration von Macht. «Der Motorradfahrer geniesst es, über die Ohren aller Menschen in Hörweite zu herrschen. Er weiss, dass niemand seinem Sound entgehen kann, und das ist seine volle Absicht», sagt Geisel. Viele Fahrer wollten akustisch die Aufmerksamkeit erzwingen, die ihnen offenbar im Leben fehle.

Viele Reklamationen

Unter Töfflärm leiden vor allem die Bergkantone. «Unsere Gäste suchen Natur und Ruhe. Wir haben immer wieder Reklamationen wegen übermässigen Motorenlärms», sagt Hans Lozza vom Schweizerischen Nationalpark. «Es ist ein Skandal, dass Sportwagen und Motorräder mit lärmsteigernden Auspuffklappen ausgestattet werden dürfen.»

Der VCS Uri forderte Anfang Juli in einem offenen Brief an den Regierungsrat mehr mobile Lärmmessungen und Bussen. «Kaum waren die Alpenpässe vom Schnee befreit, bolzten die Töffs wieder wie jeden Sommer in Scharen die Passstrassen hinauf und hinunter», sagt Harriet Kluge von der VCS-Sektion Uri. Viele Fahrer seien anständig unterwegs. Einige wenige aber verursachten Lärm bis zu den Gipfeln hinauf.

Ob ein Motorrad bei der Vorbeifahrt gesetzlich zu laut ist, kann die Polizei kaum kontrollieren. Die Vorgaben, wie der Lärm der Motorräder ermittelt werden muss, sind komplett realitätsfern. «Wir müssten den Töff beschlagnahmen, ins Strassenverkehrsamt transportieren und das genaue EU-Prüfverfahren durchführen», sagt Fredy Imfeld.

Neue Regeln gegen Lärm

Ein Töff und alle speziellen Bauteile müssen die Typenprüfung bestehen, um zugelassen zu werden. Die Schweiz führt die Prüfungen nicht selber durch, sondern übernimmt die Ergebnisse der EU-Zulassungsprüfung Lärmbelästigung Töffs mit lauter Klappe – aufgrund der bilateralen Verträge und des Gesetzes über den Abbau von technischen Handelshemmnissen.

Vor zweieinhalb Jahren setzte die EU neue Lärmvorschriften für Motorräder in Kraft. Mit ihnen sollte das Ärgernis Töfflärm erledigt werden. «Neue Regeln sorgen für weniger Auspufflärm», schrieb die NZZ.

Nach diesen neuen Regeln wurde auch Roland Gyrs neues Motorrad zugelassen, eine BMW R 1200 GS. Der passionierte Fahrer aus dem Berner Seeland war zufrieden. Was ihm aber auffiel: Wenn er abends heimkam, schauten manchmal die Nachbarn aus dem Fenster. «Der neue Töff ist deutlich lauter als mein voriges Modell.»

Doppelt so laut

In der Prüfstelle DTC der Berner Fachhochschule liess Gyr die BMW nach dem alten Prüfverfahren messen. «Unsere Lärmmessung ergab 96 Dezibel. Das sind 19 Dezibel mehr als heute zulässig», sagt Stefan Sempach vom DTC. 9 Dezibel – das entspricht mehr als einer empfundenen Verdoppelung der Lautstärke. 

Gyr ärgerte sich so sehr, dass er bei BMW nachfragte, ob nicht eine Auspuffanlage im Angebot sei, die den Töff leiser mache. «Mit dem Sound der aktuellen R 1200 GS sind wir den Anregungen vieler Kunden gefolgt, die sich für dieses Modell einen kernigeren Motor- beziehungsweise Auspuffsound gewünscht hatten», antwortete der BMW-Kundendienst.
 

«Die Automobil- und Motorradindustrie konnte ein Prüfverfahren durchsetzen, das mit der Lärmemission im wirklichen Betrieb kaum etwas zu tun hat.»

René Weinandy vom deutschen Umweltbundesamt


Doppelt so lauter Auspuff trotz angeblich strengerer Vorschriften: Wie passt das zusammen? «Ähnlich wie bei den Abgaswerten konnte die Automobil- und Motorradindustrie bei der Geräuschmessung ein Prüfverfahren durchsetzen, das mit der Lärmemission im wirklichen Betrieb kaum etwas zu tun hat», sagt René Weinandy vom deutschen Umweltbundesamt.

Keine Linderung in Aussicht

Das Verfahren bestimmt in der EU die sogenannte Working Party on Noise der europäischen Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen. In der Gruppierung sitzen neben politischen Vertretern auch Industrievertreter gleichberechtigt am Tisch – nicht zum Vorteil der Lärmgeplagten. «Wir sind zum Schluss gekommen, dass die neuen Vorschriften die Lärmsituation nicht verbessern», sagt Weinandy. Das deutsche Umweltbundesamt führt derzeit ein Forschungsverfahren durch, das den verursachten Töffkrach besser abbilden soll. Mitte nächsten Jahres sollen die Ergebnisse vorliegen.

Für Lärmgeplagte in Städten und entlang beliebter Motorradstrecken ist keine Linderung in Aussicht. «Mit den neuen Vorschriften sollen die Klappensteuerungen, die besonders störende Geräusche bewirken, nicht mehr möglich sein», sagt Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen. «Es zeigt sich allerdings, dass auf dem Markt trotzdem Fahrzeuge mit Klappensteuerungssystemen erhältlich sind, die auch den neuen Vorschriften entsprechen und in der EU typengenehmigt werden.»

Die neuen Vorschriften seien ein erster Schritt in die richtige Richtung. Auf EU-Ebene sei allerdings eine Verschärfung erst im Jahr 2022 zu erwarten. Die Schweiz könnte im Alleingang strengere Vorschriften beschliessen. Das würde aber den bilateralen Abkommen mit der EU zuwiderlaufen. «Eine solche Entscheidung liegt weit ausserhalb der Verwaltungszuständigkeit», sagt Rohrbach. «Das muss das Parlament entscheiden.»  

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12 Kommentare

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leste
Sei es der Freizeit- oder Militärpilot, der mit seiner Propellermaschine tagelang Purzelbäume dreht und nebenbei ganze Landstriche mit einer Lärmkulisse wie bei Fliegerangriffen im zweiten Weltkrieg beglückt, der Wasserskifahrer der stundenlang per Motorboot vor dem Strand rumkurvt, der Nachbar der seinen Musikstil dem ganzen Quartier zumutet, der alkoholisierte Restposten von Festbesuchern, die sich nachts um drei durch die Gasse Unverständliches zuschreien oder eben Präsenz markierende Motorrad- oder Sportwagenfahrer mit gedoptem Auspufftopf - sie scheinen etwas gemeinsam zu haben: Sie verschwenden entweder keine Gedanken an die sie umgebende Menschheit (und Tierwelt) oder sie stellen ihre Bedürfnisse einfach darüber. Das klingt nach fehlendem Einfühlungsvermögen. Man könnte sagen, Lärm und das Defizit an Sozialkompetenz sind mehrheitlich proportional. Nun kommt die erwartete Toleranz. Was dabei nicht beachtet wird, ist die Arithmetik. Das Verhältnis ist ja meistens nicht 1:1 sondern 1:100 oder 1:1000. Das heisst mein Bedürfnis nach dezibelmarkiertem Auftritt stelle ich selbstverständlich über das potentielle Ruhebedürfnis von vielen. Dazu der Multiplikator, das Lärmegomanen gerne in Rudeln auftreten. Tolerante Anwohner einer Passstrasse stören sich, wie auch tolerante Nachbarn nicht an gelegentlichem Lärmaufkommen sondern an Dauer- und Mehrfachbelastungen. Als die heutigen Lärmachsen und Flughäfen vor Jahrzehnten gebaut wurden, war der Verkehr noch bescheiden und auch Ausgehlokale in der Stadt hatten früher mal Feierabend. We are the champions. Soll wer Ruhe mag doch wegziehen, wenn ihm der Lärm nicht passt. Wohin? Ich fahre übrigens auch Motorrad, eher als Transportmittel den als Freizeitaktivität. Eine dreissigjährige Honda. Wahrscheinlich betreffend Abgasproduktion nicht mehr ganz à jour, dafür ist die graue Energie amortisiert und was das Beste ist: sie ist für ein Motorrad sehr leise. Es macht richtig Spass leise durch die Gegend zu kurven - man kann das auch so sehen.

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mike.v.gaehwil
...im Fahrzeugausweis eingetragen sei.. das stimmt so nicht, denn viele Strassenverkehrsämter weigern sich, die 'legalen' Klappenauspuffe einzutragen. Warum - es ist nach ASA Richtlinien Nr. 2b nicht vorgesehen d.h. es ist eine nicht melde- und prüfpflichtige Änderung. Wenn wir bedenken, dass tausende Stinkdiesel, die keine Abgasvorschriften einhalten, unsere Luft verpesten, wenn Kirchenglocken die ganze Nacht über sinnlos Lärm verursachen dürfen, Laubbläser, die nicht nur Lärm sondern auch noch enormen Dreck in die Luft wirbeln, legal sind, usw. Warum über ein paar wenige Motorräder ärgern? Das wird im Winter ganz sicher viele besser ;-). Aber die Diesel stinken immer noch, die Glocken läuten immer noch - Tag für Tag, Nacht für Nacht, Monat für Monat, Jahr für Jahr.....

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best
„Die Schweiz führt die Prüfungen nicht selber durch, sondern übernimmt die Ergebnisse der EU-Zulassungsprüfung“ Das stimmt so nicht ganz. Jedes Motorrad das in die Schweiz eingeführt wird, mus eine Typenprüfung für die Schweiz haben. Wenn es diese nicht hat, sondern nur die EU Zulassung, so wird ein Prüftermin auf dem Strassenverkehrsamt benötigt. Da wird dann Punkt für Punkt geprüft ob bei der EU Zulassung alles richtig eingetragen und gemessen wurde. Also reine Schikane. Das wäre auch mal eine Beobachter Story wert.
derbeobachter
Guten Tag Vielen Dank für Ihren Kommentar. Unser Autor hat Thomas Rohrbach vom Astra folgende Frage gestellt: «Werden die Typengenehmigungsverfahren beziehungsweise die entsprechenden Prüfungen in der Schweiz durchgeführt oder werden die Ergebnisse einer ausländischen Prüfstelle übernommen? Falls ja, um welche Prüfstelle handelt es sich?» Zurück kam diese Antwort: «Die Prüfungen zum überwiegenden Teil und alle Genehmigungen werden im Ausland erstellt, bzw. erteilt. Die Schweiz anerkennt die Fahrzeugtypengenehmigungen der EU aufgrund der bilateralen Verträge bzw. bei den Motorrädern aufgrund des Gesetzes über den Abbau von technischen Handelshemmnissen (THG) und der Aufnahme ins Schweizerrecht (VTS). Ebenso werden Genehmigungen für Ersatzschalldämpfer gemäss Art. 53 Abs. 3 VTS anerkannt.» Freundliche Grüsse Ihr Beobachter Online-Team

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obersee
Diejenige die sich über den angeblichen "Mottorradlärm" aufregen, haben sich einfach darauf eingeschossen und projizieren ihren ganzen Frust auf diese kleine Gruppe. Lastwagen, Rasenmäher, Laubbläser machen objektiv gesehen mehr Dreck und Lärm alls Motorräder. Ganz mal abgesehen von den privaten Partys bis tief in die Nacht. Das Empfinden der Motorrad hasse ist sehr subjektiv. Motorräder verursachen auch Emissionen. Aber auf der Liste kommen ganz viele andere Dinge die viel schlimmer sind. Also ihr Lärmgeplagten ab an den Rasenmäher und Pamir nicht vergessen.

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