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TöfflärmDie Lärmgrenzwerte sind reine Theorie

Seit 2016 gelten neue Grenzwerte für Lärm. Doch warum nehmen die Beschwerden seither zu statt ab? Weil Töff-Hersteller und Behörden Lärmgeschädigte an der Nase herumführen.

Die Yamaha YZF-R1t im Beobachter-Lärmtest: im Handumdrehen 16 Dezibel lauter als der Grenzwert von 80.
von aktualisiert am 11. Oktober 2018

Bei schönem Wetter möchte Irma Berger* aus Eggiwil im Emmental gern ihren Garten geniessen. Doch das wird seit Jahren immer schwieriger. Meist geht es schon früh am Morgen los. Motorräder, einzeln und in Gruppen, preschen das lauschige Tal hinauf. Nicht alle sind laut, aber viele. Schliesslich, findet Roger Uhr vom Schweizerischen Auto- und Motorradfahrer-Verband, «muss ein Töff ein bisschen tönen, das gehört zum Feeling».

Doch immer mehr fühlen sich durch Motorradlärm gestört. «Ein Grossteil der Bürgerbeschwerden wegen Strassenlärm betreffen überlaute Motorräder, obwohl Töffs nur einen sehr kleinen Teil der Fahrzeugflotte ausmachen», sagt Dominique Schneuwly vom Bundesamt für Umwelt. Viele Leute wundern sich, warum so laute Töffs auf öffentlichen Strassen verkehren dürfen Motorräder Der Lärm-Bschiss .

Bestimmt die Auto- und Motorradindustrie die Lärmgrenzwerte?

Die Suche nach einer Antwort führt nach Genf, an den Sitz der Vereinten Nationen. Hier, an der Avenue de la Paix, tagt halbjährlich die Arbeitsgruppe Lärmschutz (GRB) der UN-Wirtschaftskommission für Europa (Unece). Aufgabe der GRB ist es auch, Lärmgrenzwerte für Motorräder vorzuschlagen sowie die entsprechenden Messverfahren zu definieren. Das Fachgremium steht Behördenvertretern und Nichtregierungsorganisationen aller Uno-Mitgliedsländer offen.

Wie die GRB sich genau zusammensetzt, scheint nicht mal die Unece selbst zu wissen: «Leider können wir keine Liste der Beteiligten liefern. Es sind über 70 Experten, die an den Sitzungen der Arbeitsgruppe Lärm teilnehmen.»
 

«Das sind alles sehr finanzstarke Organisationen, die intensive Lobbyarbeit betreiben.»

Lars Schade, deutsches Umweltbundesamt


Erst nach wiederholter Nachfrage gibts dann doch eine Liste. Sie liest sich wie das Who’s who der globalen Auto- und Motorradindustrie. Dabei sind zum Beispiel die Internationale Automobilherstellervereinigung (Oica), die Europäische Reifen- und Felgen-Sachverständigenorganisation (Etrto), der Verband der europäischen Automobilzulieferindustrie (Clepa), der internationale Verband der Kraftradhersteller (Imma).

«Das sind alles sehr finanzstarke Organisationen, die intensive Lobbyarbeit betreiben», sagt Lars Schade vom deutschen Umweltbundesamt. Die Länder würden zudem meist Behördenvertreter der Verkehrsämter statt der Umweltämter in die GRB entsenden. Die Stimme der lärmgeplagten Anwohner findet so kaum Gehör. Das trifft für Deutschland zu, aber auch für die Schweiz. «Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) selber nimmt nicht an den Sitzungen der GRB teil. Der Bund wird vom Bundesamt für Strassen (Astra) vertreten», sagt Dominique Schneuwly vom Bafu.

78 statt 80 Dezibel

Am 1. Januar 2016 traten neue, von der GRB erarbeitete Lärmgrenzwerte und Messverfahren in Kraft (ECE-R41-04-Norm). Viele Medien berichteten über angeblich strengere Vorschriften. «Neue Regeln sorgen für weniger Auspufflärm», frohlockte die NZZ, der «Tages-Anzeiger» titelte «Lärmenden Sportwagen droht das Aus». Selbst das Bafu sprach von «schärferen Bestimmungen».

Tatsächlich sah es auf dem Papier so aus, als müssten die neuen Fahrzeuge strengere Lärmgrenzwerte einhalten. Für neue Motorräder wurde der Grenzwert von 80 auf 78 Dezibel gesenkt. Doch warum nahmen die Lärmbeschwerden seither zu statt ab?

Wir machen den Test mit den Töffs

Der Beobachter wollte es genauer wissen. Er liess den Lärm zweier neu zugelassener Motorrad-Massenmodelle messen, der Kawasaki Z900 (Verkaufsrang 2017: 6) und der Yamaha MT-09A (Verkaufsrang 2017: 5) – sowie von zwei sogenannten Supersportlern (Kawasaki ZX-10R und Yamaha YZF-R1t). Als Supersportler gelten Töffs mit sehr leistungsstarken Motoren im Bereich um 200 PS. Die Messung führte das DTC Dynamic Test Center in Vauffelin BE durch, schweizweit grösstes Zentrum für Fahrzeugsicherheit und Fahrdynamik.

Die Motorräder wurden aber nicht nach der aktuell geltenden, vermeintlich strengeren Euro-4-Norm (ECE-R41-04) getestet, sondern nach der alten Euro-3-Norm. Paradoxes Ergebnis: Bei Messung mit der «weniger strengen» Norm hätte keiner der vier Töffs die Zulassung erhalten. Sie waren alle zu laut (siehe Tabelle mit den Testergebnissen am Artikelende).

Töfflärm: Kawasaki und Yamaha im Test

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Halten die beiden Kawasaki- und Yamaha-Modelle die Lärmgrenzwerte ein? So sah der Lärmtest in der Praxis aus.

In einer zweiten Prüfserie wies der Beobachter den Testfahrer an, bei der Vorbeifahrt möglichst viel Krach zu machen: Er sollte im «Rowdy-Modus» fahren. Bei dieser Serie lagen alle Motorräder weit über dem erlaubten Grenzwert. Statt mit 78 Dezibel brauste die Yamaha MT-09A ganz legal mit 97 Dezibel an der Messanlage vorbei. Das entspricht etwa dem Lärmniveau einer Kreissäge.

Grenzwerte seien theoretisch, heisst es beim Kawasaki-Generalimporteur dazu. Je nach Frequenzspektrum werde die Lautstärke bei gleichem Dezibel-Wert sehr unterschiedlich wahrgenommen. «Ein Konzert mit klassischer Musik zum Beispiel erreicht Lautstärken über 100 Dezibel, und es stört sich niemand daran», so Geschäftsführer Freddy Oswald. Bei Yamaha beurteilt man die Werte als «gut». Das Geräusch von Motorrädern im originalen Zustand und bei vernünftiger und rücksichtsvoller Anwendung werde von sehr vielen Leuten nicht als störend empfunden.

«Unfassbar kompliziert»

Wie können Töffs trotz «schärferer Bestimmungen» ganz legal mehr Krach machen? Die Antwort liegt im von der GRB in Genf erarbeiteten Messverfahren. Statt im Leerlauf bei voller Drehzahl einfach das maximale Motorengeräusch zu messen, ist sowohl beim Euro-3- als auch beim Euro-4-Verfahren das kleinste Detail genau vorgeschrieben.

Dazu gehören die Beschaffenheit des Strassenbelags, das Tempo bei Beginn der Messung und vor allem, in welchem Gang gefahren werden muss. «Der Prüfzyklus ist unfassbar kompliziert», sagt Dominique Schneuwly vom Bafu. Sein Amtskollege Lars Schade vom deutschen Umweltbundesamt bilanziert trocken: «Das Verfahren ist in keiner Art und Weise geeignet, die maximale Lärmentwicklung eines Motorrads abzubilden.»

Die Suche nach einer Antwort

Gern hätte der Beobachter vom Internationalen Verband der Kraftradhersteller (Imma) gewusst, warum der Prüfzyklus «unfassbar kompliziert» sein muss. «Aus Kapazitätsgründen» verwies der Imma-Sprecher an Motosuisse, die Vereinigung der Schweizer Motorrad- und Roller-Importeure.

Dort erklärte man sich für nicht zuständig: «Es ist nicht unsere Aufgabe, die Versuchs- und Messpraxis aufzustellen. Diese Frage müssten die entsprechenden Behörden beantworten.» Das Astra wiederum verweist auf die EU: «Die Schweiz hat sich im Rahmen der bilateralen Verträge verpflichtet, die europäischen Zulassungsvorschriften für Motorfahrzeuge zu akzeptieren. Das heisst: Was die europäischen Vorschriften erfüllt, darf in der Schweiz in Verkehr gebracht werden.»

Zuständig bei der EU ist die Kommissarin für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU, Elzbieta Bienkowska. Zu den Resultaten des Beobachter-Tests lässt sie sinngemäss mitteilen: «Wir bei der Unece arbeiten derzeit an der Verbesserung der Lärmbestimmungen, die den Lärm der Motorräder unter realen Verkehrsbedingungen kontrollieren sollen.»

Na dann. 

Test: So laut sind die 4 getesteten Motorräder

Um mit dem Smartphone die vollständige Tabelle zu sehen, halten Sie bitte Ihr Gerät waagrecht.
Alle Angaben in Dezibel. Beim «Rowdy-Modus» wurde der Fahrer angewiesen, möglichst viel Lärm zu machen.

 

  Kawasaki
Z900
Yamaha
MT-09A
Kawasaki
Ninja ZX-10R
Yamaha
YZF-R1t
Durchschnitt bei 50 km/h* 84,3 81,4 80,5 80,8
Höchstwert bei 50 km/h* 88 83 83 83
Grenzwert 80 eingehalten* nein nein nein nein
Durchschnitt bei 50 km/h «Rowdy-Modus» 86,6 86,5 84,6 83,6
Höchstwert bei 50 km/h «Rowdy-Modus» 90,6 88 86,7 84,9
Durchschnitt bei Vollgas im ersten Gang «Rowdy-Modus» 90 (bei 65 km/h) 90,6 (bei 80 km/h) 93,4 (bei 100 km/h) 96,4 (bei 80 km/h)
Höchstwert bei 100 km/h «Rowdy-Modus» 92,1 91 94,6 97

 

*nach ECE-R41-03-Norm: beschleunigte Vorbeifahrt. Das Motorrad fährt mit 50 km/h an und beschleunigt beim Erreichen der Messanlage. Die Vorbeifahrt erfolgt zuerst im zweiten, dann im dritten Gang. Die beiden gemessenen Lärmwerte werden gemittelt.

Diese Motorräder wurden geprüft:

Kawasaki Z900 / Yamaha MT-09A / Kawasaki Ninja ZX-10R / Yamaha YZF-R1t
Von links nach rechts: Kawasaki Z900, Yamaha MT-09A, Kawasaki Ninja ZX-10R, Yamaha YZF-R1t.
Quelle: Dominic Steinmann

* Name geändert

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1 Kommentar

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p-reber
Danke dass Sie über den Motorradlärm-Bschiss berichten. Die Schweiz kann bei der EU keine schärfere Bestimmungen durchsetzen. Also sollte die CH zur Selbsthilfe greifen: in allen bewohnten Gebieten Schwellen auf den Strassen anbringen. Bei Motorräder würden kleine Erhöhungen grosse Wirkung zeigen, die für Autofahrer nicht zu einschränkend wären.

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