Beobachter: Tragen Sie einen Velohelm?
Christoph Merkli: Meistens. Für kurze Fahrten nicht, für längere von ein paar Kilometern aber schon.

Beobachter: Das verstehe ich jetzt nicht. Sie sagen doch, das Unfallrisiko steige mit einem Helm.
Merkli: Ja, aber das erhöhte Risiko nehme ich in Kauf, weil ich annehme, dass mir der Helm nützt, sollte ich verunfallen.

Beobachter: Wieso soll das Risiko steigen?
Merkli: Eine englische Studie kommt zum Schluss, dass Velofahrer mit Helm von den Automobilisten knapper überholt werden.

Beobachter: Das ist ein Selbstversuch eines Verkehrspsychologen, der sich von 2500 Fahrzeugen überholen liess, um den Abstand zu messen – wissenschaftlich nicht haltbar.
Merkli: Es mag ein Selbstversuch sein, aber es ist die einzige Untersuchung zu dem Thema.

Beobachter: Etliche wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Helme schützen vor schweren Verletzungen.
Merkli: Ja, aber durch das Tragen eines Helms sinkt das Unfallrisiko nicht.

Beobachter: Die Sicherheitsgurten im Auto verhindern auch keinen Unfall, trotzdem käme es keinem Experten in den Sinn, dieses Obligatorium in Frage zu stellen. Weshalb tun Sie es beim Velohelm?
Merkli
: Ein Helmobligatorium ist kontraproduktiv. Es ist ein starker Eingriff in die persönliche Freiheit, und der Nutzen des Helms rechtfertigt dies nicht. Ein Obligatorium würde Menschen davon abhalten, Velo zu fahren. Und ein Helm ist im Gegensatz zum Gurt im Auto unpraktisch: Ich muss ihn immer irgendwo verstauen können. Wenn ich in Zukunft selbst auf dem Weg zur Bäckerei um die Ecke einen Helm tragen muss, ist das übers Ziel hinausgeschossen.

Beobachter: Ist es nun schlau, einen Helm zu tragen, weil er schützt, oder dumm, da das Unfallrisiko steigt?
Merkli: Jeder soll selbst Vor- und Nachteile abwägen. Ich schätze das zusätzliche Risiko, das ich mit dem Tragen eingehe, als kleiner ein als den Nutzen, den ich bei einem Unfall hätte. Sehr wichtig ist aber, den Helm korrekt zu tragen. Vor allem Kinder tragen den Helm meist falsch. Bei einem Sturz kann er ein Kind gar strangulieren.

Beobachter: Velofahrer sind immer noch überdurchschnittlich oft in Unfälle mit Schwerverletzten und Toten verwickelt. Was ist zu tun?
Merkli: Der Staat sollte dafür sorgen, dass im Strassenverkehr nicht mehr so schnell gefahren wird und dass nicht so viele Autofahrer unterwegs sind, die nicht fahren sollten. Dort will auch Pro Velo ansetzen.

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Christoph Merkli, 47, ist Geschäftsführer von Pro Velo. Die Non-Profit-Organisation vertritt die Interessen der Velofahrenden und hat 25'000 Einzelmitglieder.

Quelle: Daniel Rihs