Ein «Bild im Kopf» von ihrem Ziel haben die meisten Ausflügler, wenn sie losziehen in die Berge, an die ­Seen und in die Wälder. Wie es dort aussieht wo sie hinwollen, wissen sie schon im Voraus. Was heute Hochglanzprospekte, Werbevideos und Webcams übernehmen, war vor hundert Jahren den Landschaftsgemälden vorbehalten.

Die Faszination der Alpen, der spektakulären Schluchten, der idyllischen Seen, haben unzählige berühmte und Hobbymaler schon früh entdeckt und sie effektvoll auf Leinwände gebannt. Eine frühe Form der Tourismusförderung sozusagen, denn schon damals begaben sich viele Betrachter hernach auf Spurensuche, um in Realität zu sehen, was Ferdinand Hodler und Co. gemalt hatten.

Kaum ein Kunstmuseum, das etwas auf sich hält, kommt ohne bekannte Landschaftsbilder aus. Sie sind noch immer Publikumsmagnete. Zu Recht, denn ein Bild ist viel mehr als das, was man darauf sieht. Es vermittelt eine Stimmung, ein Erlebnis, eine Einsicht, eine Weltsicht. Und im besten Fall macht es Lust, selber nachzuschauen, wie die gemalte Landschaft vor Ort wirklich aussieht. Heute mehr denn je, weil inzwischen natürlich längst nicht mehr jedes Tal und jeder See aussieht wie vor 100 Jahren gepinselt. Das zeigen folgende Beispiele. Bewegen Sie dazu den Zeiger in der Mitte der Damals-Heute-Vergleichsbilder nach links oder rechts.

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Ferdinand Hodler (1853-1918)

«Silvaplanersee im Herbst», 1907

Magisch ist das Wort, das ­einem als Erstes einfällt. Die Seenlandschaft präsentiert sich immer noch fast so, wie Ferdinand Hodler sie vor über 100 Jahren malte. Selbst­verständlich ist das nicht: Das Oberengadin ist eine Tourismusdestination erster Güte, ein Bauboom die beinahe unvermeidbare Folge. Dass die Seen immer noch zauberhaft aussehen, ist dem zähen Kampf um den Landschaftsschutz zu verdanken. Und ­einem topografischen Vorteil: Die bewaldeten Hügel verdecken manche Bausünde, die man von Nahem sehen würde.

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Als Ferdinand Hodler anno 1907 zehn Tage im Engadin verbrachte, um den «Silva­planersee im Herbst» und weitere ähnliche Ölbilder zu malen, war er bereits arriviert. Vier Jahre später wurden die ersten Banknoten mit zwei Motiven von ihm gedruckt. Der «Silvaplanersee» mit dem berühmten Blick über das Gewässer talauswärts Richtung Maloja ist wohl das am meisten reproduzierte Werk ­Hodlers, bekannter noch als der «Holz­fäller», der einst in Bundesrat Blochers Büro hing. Die Natur ist darin auf das Wesentliche reduziert, die Symmetrie ­perfekt: Horizontal spiegeln sich der Himmel und die ­Wasseroberfläche, vertikal die ­Engadiner Berge. Seine fast expressionistisch anmutenden Landschaftsgemälde machten Hodler zu einem der bedeutendsten Maler von ­Alpenlandschaften.

So kommt man hin
Ab der Bushaltestelle Surlej Brücke auf dem Wanderweg Richtung Süden, den See entlang Richtung Sils. Nach etwa 500 Metern ist man ungefähr am Malstandort.

Das kann man tun

  • Geniesser:
    Im Spätherbst präsentiert sich das Licht fast wie von Hodler gemalt, ein Spaziergang entlang des Sees ist jetzt am iyllischsten. Noch intensiver ist das Erlebnis im Winter, wenn man über den zugefrorenen See spazieren kann. 

  • Wanderer:
    Entlang des Silsersee-Südufers gelangt man via den pittoresken Weiler Isola nach etwa zwölf Kilometern nach Maloja.
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William Turner (1775–1851)

«Die Teufelsbrücke und Schöllenenschlucht», 1802

Als wäre die Schlucht nicht schon furchterregend genug, setzte William Turner noch ­einen drauf: Wider besseren Wissens malte er die Teufelsbrücke ohne Geländer. So ­erscheint der Bau noch ­gefährlicher. Müssten sich die Maulesel und Soldaten (die Uniformen erinnern an russische) derart an die Felswände ducken, wenn ein Geländer sie schützen würde?

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Der Brite William Turner zählt zu den grossen Meistern der Alpenmalerei. Wie er das Grauen zur Schau stellt, hält uns bis heute in Atem – auch wenn sich die Landschaft ­inzwischen verändert hat: ­Eine neue Brücke ist hinzu­gekommen, ebenso die Bahnlinie. Die alte Strasse über die ­Teufelsbrücke dient noch als Wander- und Veloweg.

Sechs Mal ist Turner Anfang des 19. Jahrhunderts in die Schweiz gereist, um die Schöllenenschlucht und andere spektakuläre Landschaften zu verewigen. Er malte aus einer Postkutsche heraus, während er die holprige Strasse zum Gotthardpass hochschaukelte. Mehrere Fassungen gibt es von diesem Sujet, die hier ­gezeigte ist eine der eindrücklichsten. Das Licht lenkt den Blick des Betrachters ­genau dorthin, wo die Gänsehaut entsteht.

So kommt man hin
Der Bildstandort liegt in der Schöllenenschlucht kurz unterhalb der Teufelsbrücke. Wer zu Fuss oder mit dem Velo die Schlucht ab Andermatt hinunterreist, findet mehrere vergleichbare Aussichtspunkte.

Das kann man tun

  • Geniesser:
    Mit dem Velo die Schöllenenschlucht hinunterfahren (vorher Bremsen kontrollieren). Bis 2019 ist die alte Strasse jeweils im Sommerhalbjahr wegen Bauarbeiten bergwärts für Velos gesperrt.

  • Wanderer: 
    Mit dem Bus zum Göscheneralpsee (bis Mitte Oktober, nur Rufbus), dann zu Fuss den See See umrunden. In einem der schönsten Schweizer Täler überhaupt locken eine reichhaltige Flora und eine grandiose Gletscher- und Bergkulisse.
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Giovanni Giacometti (1868-1933)

 «Flimser Panorama», 1904

Wo sind bloss all die Berge hingekommen? Die Alpenkette, die Giovanni Giacometti in seinem Flimser Panorama auf die Leinwand bannte, sieht in echt anders aus. Nicht weil sie sich in den letzten 112 Jahren verändert hätte, sondern weil der Vater von Bildhauer Alberto Giacometti die Ansicht aus verschiedenen Blickwinkeln zusammenkomponiert hat. Das dreiteilige Bild, ein Trip­tychon, war ein Auftragswerk für das Hotel Waldhaus. Doch der Werbeeffekt war wohl ­bescheiden, nach wenigen Jahren verschwand es im ­Hotelkeller. Diesen Frühling wurde es für über vier Millionen Franken versteigert, zum Entsetzen von Bündner Kunsthistorikern und Politikern. Allerdings wollte es das Bündner Kunstmuseum im Jahr 1968 nicht einmal geschenkt erhalten, weil es «zu dekorativ» sei.

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Die gemalte Aussicht mag ­anno 1904 noch dekorativ ­gewesen sein. Die Sonnen­terrasse, ein einstiges Bergsturzgebiet, entwickelte sich damals rasant zum beliebten Kurort. Ent­sprechend anders sieht es dort, wo Giacometti einst gemalt hatte, heute aus: Häuser, Häuser, Häuser statt weites, freies Land. Die beiden Dorfteile Flims und Waldhaus sind beinahe zusammen­gewachsen, eine Hochbrücke überspannt ein Tobel. Der einstige Kurort Flims vermarktet sich heute als Paradies für Actiontouristen, Freestyler, Snowboarder, Skater, Biker, Kletterer und Wanderer.

So kommt man hin
Mit der Sesselbahn auf die Alp Foppa, dann auf dem Höhenwanderweg ungefähr auf halber Strecke Richtung Fidaz. 

Das kann man tun

  • Geniesser: Baden im türkisfarbenen Wasser des Caumasees

  • Wanderer: Ausflug zur Rheinschlucht (Ruinaulta) mit ihren bizaren Felsformationen. Ab Flims Waldhaus via Caumasee zur Aussichtsplattform II Spir.
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Paul Klee (1879-1940)

«Der Niesen –Ägyptische Nacht», 1915

Was für Farben, was für eine Form! «Ägyptische Nacht» heisst das Bild – vielleicht weil es mit den Blautönen und den Farbsäulen eher an nordafrikanische Städte gemahnt als an die Gegend um den Thunersee. Und wohl auch, weil Paul Klee es kurz nach einer Tunis-Reise malte. Das ­Aquarell war 1976 aus dem Kunstmuseum Bern gestohlen worden und galt ein Vierteljahrhundert lang als verschollen, bis es 2001 unter mys­teriösen Umständen wieder auftauchte. Das Museum musste die kassierte Versicherungssumme von 400'000 Franken zurückbezahlen, um das Bild zurückzuerhalten.

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Paul Klee ist nur einer von vielen, die sich vom beinahe ­perfekt kegelförmigen Niesen, dem Thuner Hausberg, inspirieren liessen. Auch Ferdinand Hodler und Cuno Amiet zählten dazu. Die grandiose Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau machte den Niesen schon im 19. Jahrhundert zum beliebten Ausflugsziel. Seit 1910 fährt auch eine Bahn hinauf. Klee war kein Maler der Berge, aber er verbrachte mehrmals Ferien in Merligen, seine Eltern hatten ein Ferienhaus in Oberhofen. Das ­Niesen-Bild gehört zu seinen berühmtesten Arbeiten überhaupt, auch weil es den Durchbruch zu seinem ganz eigenen Malstil darstellt: ungewohnt, kühn und gleichwohl gefällig. «Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiss das», ­sagte Paul Klee einmal.

So kommt man hin
Gemalt hat Paul Klee das Bild vermutlich von Merligen aus. Merligen erreicht man auf der Strasse das rechte Thunerseeufer entlang, mit dem Bus ab Thun.

Das kann man tun

  • Geniesser: Vom schmucken Dorf Sigriswil, oberhalb von Merligen, hat man die beste Aussicht auf den genau gegenüberliegenden Niesen. 

  • Wanderer: Wer den Niesem erklimmen will, muss 1600 Höhenmeter überwinden. Fünf Stunden dauert die Wanderung von Frutigen aus hinauf.  
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Buchtipp

Ruth Michel Richter und Konrad Richter: «Wandern wie gemalt. Auf den Spuren bekannter Gemälde» (zwei Ausgaben, Graubünden und Berner Oberland); Rotpunkt­verlag, 2015, 432 Seiten, je ca. CHF 43.—

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