Anfang März erhielt Angela unter Vollnarkose 24 millionstel Liter Ibotensäure in den linken Motorkortex gespritzt. Das ist der Teil des Gehirns, der die bewussten Bewegungen der rechten Körperhälfte steuert. Als sie aufwachte, konnte sie die Finger ihrer rechten Hand nicht mehr bewegen.

Jetzt sitzt Angela in ihrem Primatenstuhl, einer bläulich-transparenten Kunststoffbox, und klaubt mit dieser Hand Bananenpastillen aus den Vertiefungen einer Plexiglasplatte. Dafür hat sie mehrere Monate trainiert. Die frühere Fingerfertigkeit hat sie zwar nicht vollständig wiedererlangt, doch einen Teil ihrer Beweglichkeit.

Heute wird Angela im Geschicklichkeitstest kein Glanzresultat erzielen, auch nicht bei dem Test, bei dem sie eine kleine Schublade gegen unterschiedlich starken Widerstand aufziehen muss, um an Süssigkeiten zu gelangen. «Vas-y», sagt die Technikerin, die täglich eine halbe ­Stunde mit Angela übt. «Vas-y. Noch ein bisschen, du schaffst das.» Doch Angelas Augen schweifen ab zur Fotografin und ihrer Kamera, zum Neurobiologen Eric Rouiller, der das Labor für Neurophysiologie der Universität Freiburg und diesen Tierversuch leitet und nur selten bei Tests anwesend ist.

Angela ist ein Makakenweibchen. Die Hirn­verletzung hat ihr Rouillers Team zugefügt, um einen Hirnschlag zu simulieren – ein Versuch mit Schweregrad 2 (siehe Infobox «So stark dürfen Tiere belastet werden» weiter unten im Artikel).

Geboren wurde Angela 2004 in einer Zuchtstation in Asien, 2010 kam sie über einen französischen Händler nach Freiburg. Sie ist das zehnte und letzte Tier eines Versuchs, der vor 23 Jahren startete. An vier der zehn Makakenweibchen wurde ein neuer Ansatz zur Behandlung von Hirnverletzungen getestet. Neurochirurgen des Unispitals Lausanne wollen ihn später an Patienten mit Hirnschlag testen, sofern Swissmedic die Studie genehmigt.
 

«Ich hasse es, die Tiere zu töten. Mit den meisten ­arbeiten wir über Jahre zusammen.»

Eric Rouiller, Neurobiologe und Laborleiter


Beim Verfahren entnimmt man Stammzellen aus einer gesunden Hirnregion, vermehrt sie im Labor und spritzt sie dann rund um die verletzte Stelle wieder ins Gehirn. Angela bekam diese Behandlung nicht, sie gehört zur Kontrollgruppe. «Die Resultate sind vielversprechend», sagt Rouiller. Die Handmotorik habe sich bei den behandelten Tieren deutlich besser erholt als bei den Tieren der Kontrollgruppe.

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Die Versuchsreihe ist beinahe abgeschlossen, bald wird der Forscher Angela mit einer Dosis Pentobarbital töten – dem Mittel, das auch die Sterbehilfeorganisation Exit einsetzt. «Ich hasse es, unsere Versuchstiere zu töten», sagt Rouiller. «Es ist der schwierigste Teil der Arbeit. Mit den meisten Tieren arbeiten wir über Jahre zusammen, wir lernen sie gut kennen, sie wachsen uns ans Herz. Aber wir müssen sie opfern, damit wir ihr Gehirn analysieren können. Sonst könnte es passieren, dass wir denken, eine Behandlung sei wirksam, dabei war bloss die Hirnverletzung kleiner als gedacht.»

Makakenweibchen Angela

Für die Hirnforschung: Makakenweibchen Angela öffnet gegen Widerstand Schubladen.

Quelle: Hanna Jaray

Moralisches Dilemma

Rouiller führt seit 30 Jahren Versuche an Affen durch. Dafür wird er von Tierversuchsgegnern immer wieder heftig kritisiert, über die Jahre hat er wiederholt Morddrohungen erhalten. Solange er und seine Mitarbeiter nicht persönlich angegriffen werden, habe er mit Kritik kein Problem. Demonstrationen von Tierschützern gegen Affenversuche wie zuletzt im April findet er völlig in Ordnung. «Wir leben in einer Demokratie. Am Tag, an dem eine Mehrheit solche Versuche verbieten will, machen wir hier Schluss», sagt Rouiller. «Natürlich ist es ein moralisches Dilemma. Aus wissenschaftlicher Sicht macht es Sinn, mit Tieren zu arbeiten, die möglichst nah mit uns verwandt sind. Aber je näher uns ein Tier ist, desto mehr stellt sich die Frage: Dürfen wir daran überhaupt Experimente durchführen?»

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Für viele Tierschützer ist die Antwort klar – egal welche Tierart. Zum Beispiel für die Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner, die sich auch aus medizinischen Gründen gegen Tierversuche engagiert: Die Ergebnisse liessen sich nicht auf Menschen übertragen, die Unterschiede seien zu gross. Zur Illus­tration führt die Organisation zahlreiche Substanzen an, die auf Mensch und Tier völlig unterschiedlich wirken:


«Wenn wir Contergan dazumal auch an Affen getestet hätten und nicht nur an Ratten und Mäusen, hätte man den schädlichen Effekt gesehen», sagt Rouiller. Und überreicht eine zweiseitige Liste medizinischer Errungenschaften, die wir Tierversuchen an Affen verdanken. Aufgeführt sind da etwa die Entdeckung des Rhesusfaktors, die Entwicklung der Dialyse, Impfstoffe gegen Kinderlähmung, Gelbfieber, Masern, Hepatitis B, Tuberkulose, Zika und Ebola. «Um einen Versuch an einem Affen durchzuführen, muss ich davon überzeugt sein, dass er unerlässlich ist. Und zwar nicht nur für den Erwerb von Wissen, sondern auch um eine konkrete klinische Anwendung für Menschen zu entwickeln.»

Ein Chip im Hirn

Ein Grossteil der Versuchstiere wird in der Schweiz in der Grundlagenforschung eingesetzt. Das heisst, man will Wissen gewinnen, ohne einen direkten Nutzen daraus ziehen zu können.

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Das Projekt von Neurowissenschaftlerin Marta Dimanico fällt in diese Kategorie. Sie möchte die Vernetzung von Hirnarealen besser verstehen, die beim Menschen dann aktiv sind, wenn wir uns entspannen oder Erinnerungen wachrufen. Dimanico erforscht das Zusammenspiel dieser Hirnregionen nun bei Spitzhörnchen, die mit dem Menschen näher verwandt sind als Ratten und Mäuse.

Dazu implantiert sie den Versuchstieren mehrere Chips ins Gehirn, die die Aktivität der jeweiligen Hirnregion aufzeichnen. Gleichzeitig filmt sie die Tiere rund um die Uhr, um zu sehen, wie die Hirnaktivität mit dem Verhalten korrespondiert. Weil das so aufwendig sei, forsche sie nur an zwei Spitzhörnchen gleichzeitig, während mehrerer Monate. Für ihre Studie wird sie insgesamt acht Versuchstiere benötigen.

Weil ein chirurgischer Eingriff unter Vollnarkose nötig ist, handelt es sich um einen Versuch mit Schweregrad 2. Die Tiere verhalten sich unmittelbar nach dem Eingriff aber wieder gleich wie sonst, sagt Dimanico.

«Wenn man einem Tier mehrmals ein Röhrchen Blut abnimmt, dann ist das in vielen Fällen bereits ein Tierversuch mit Schweregrad 1, für den man eine Bewilligung braucht», sagt sie. «Ich will das Gehirn der Tiere im Ruhezustand verstehen. Daher ist es für mich extrem wichtig, dass es ihnen gutgeht, dass sie mich kennen und meine Anwesenheit keinen Stress für sie bedeutet.»
 

«Aber du bist doch eine nette Person, weshalb machst du Tierversuche?»


Deshalb besucht sie täglich ihre beiden Versuchstiere und die übrigen 40 Spitzhörnchen. Einige davon will sie als Versuchstiere verwenden. Sie schaut, ob sich die Tiere nicht gegenseitig verletzt haben, fährt mit dem Finger fein über den Bauch der Jungtiere, um zu spüren, ob sie genügend Milch bekommen. Spricht mit ­ihnen und steckt ihnen durch die Gitterstäbe getrocknete Mehlwürmer zu – Leckerbissen, die sie bei der normalen Fütterung nicht erhalten. «Das ist das Maximum an Nähe, das bei den ausgewachsenen Tieren möglich ist. Es sind Wildtiere, sie anzufassen wäre für sie zu viel Stress.»

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Manchmal, erzählt Marta Dimanico, müsse sie sich im Freundeskreis rechtfertigen für ihre Arbeit, manchmal werde sie gefragt: «Aber du bist doch eine nette Person, weshalb machst du Tierversuche?» Dabei liebe sie Tiere, und sie ­finde es toll, jeden Tag mit ihnen zu arbeiten.

«Nicht vorschnell grosse medizinische Erfolge ver­sprechen»

«Ich kenne niemanden, der einen Tierversuch durchführt, wenn er seine Forschungsfrage auch anders beantworten kann», sagt Immunbiologe Robert Rieben vom Departement für biomedizinische Forschung der Universität Bern. Er führt Tierversuche durch, oft zunächst an Ratten. Wenn ein Ansatz gut funktioniert, arbeitet er mit Schweinen. Mit immer besseren Zellkulturmodellen versucht er, die Zahl der Versuchstiere zu reduzieren.

Rieben hat einen Silikonchip mit haarfeinen Hohlräumen mitentwickelt, in denen man Endothelzellen dreidimensional wachsen lassen kann – diese Zellen kleiden die Innenwände von Blutgefässen aus. Durch diese künstlichen Blutgefässe lässt er stossweise Nährmedium strömen, wie im echten Blutkreislauf.

«Mit Hilfe dieses Modells können wir beispielsweise testen, wie die Zellen auf verschiedene Stoffe reagieren oder was in einem Herzkranzgefäss bei einem Infarkt passiert, wenn der Blutfluss plötzlich unterbrochen wird», sagt Rieben. «Eine Zellkultur hat aber kein Immunsystem. Die komplexen Immunreaktionen, die nach einem Herzinfarkt oder nach einer Organtransplantation Spenderherz Ein zweites Leben mit neuem Herz ablaufen, können wir darin nicht abbilden.»

Genau das interessiert Rieben. Für den Herbst plant er einen Tierversuch mit Schweregrad 1. Dabei will er 50 Schweinen unter Vollnarkose ein Vorderbein abtrennen, es mit unterschiedlichen Substanzen behandeln, an eine Herz-Lungen-­Maschine hängen und nach spätestens 24 Stunden wieder annähen. «Unsere Tiere sind während des ganzen Versuchs unter Vollnarkose. Auch nach der Operation, wenn wir beobachten, wie das Immunsystem nach der Replantation reagiert. Danach wird das Tier getötet, ohne jemals aufzuwachen.»
 

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«Wenn wir uns das Privileg heraus­nehmen, an Tieren zu forschen, wollen wir das vor uns selber und gegen aussen rechtfertigen.

Robert Rieben, Immunbiologe


Riebens Ziel: Menschen eine Hand oder ein Bein später als sechs Stunden nach dem ­Unfall wieder annähen zu können. Ohne dass das Immunsystem mit einer heftigen Entzündung reagiert. «Wir möchten herausfinden, wie wir das Zeitfenster verlängern können, das für eine Replantation bleibt.»

Die Tiere für seine Versuche bezieht er bei einem Schweinezüchter. «Die Söili, die nicht bei uns auf dem Operationstisch landen, werden geschlachtet und gegessen.» Rieben ist überzeugt: «Wenn wir uns das Privileg heraus­nehmen, an Tieren zu forschen, wollen wir das vor uns selber und gegen aussen rechtfertigen. Dennoch sollten wir aufpassen, dass wir nicht vorschnell grosse medizinische Erfolge ver­sprechen.» Denn bevor es in der ­Medizin Fort­schritte gebe, sei meist jahrzehntelange Knochenarbeit nötig.

Tierversuche: Wofür Experimente bewilligt werden

Tierversuche: Aufteilung nach unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten

In der Schweiz werden die meisten Tiere bei Versuchen für die Grundlagenforschung eingesetzt – in unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten. So ist die Verteilung.

Quelle: BLV/Tierversuchsstatistik – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger
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«Rabbit Grimace Scale»: Das Gesicht des Kaninchens

Die meisten seiner Versuche macht Rieben an der Experimental Surgery Facility (ESF) der Uni Bern. Hier wird mehrmals pro Woche ein Experiment an einem Schwein, einer Ziege oder einem Schaf durchgeführt. Oder an einem Kaninchen, wie heute.

Das Tier liegt unter Vollnarkose auf dem Operationstisch, fast verborgen unter grünen Tüchern und umringt von einem ganzen Team blau gekleideter Personen mit Mundschutz. Ein Monitor zeigt Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz sowie weitere Messwerte des Kaninchens, ein Chirurg ist daran, ihm an der Halsschlagader ein künstliches Aneurysma zu schaffen, eine Gefässerweiterung. Er blickt durch ein Mikro­skop und führt zunächst Skalpell und Mikroschere, später die Nadel an den Hals des Tiers.

«In einem Aneurysma der Halsschlagader können sich Blutgerinnsel sammeln, die einen Hirnschlag auslösen», erklärt Leiterin Daniela Casoni. «Um diese Mechanismen genauer zu studieren, möchten wir ein Tiermodell dieses Krankheitsbildes schaffen.»

Als Anästhesistin ist sie dafür zuständig, dass das Kaninchen die richtige Dosis Schmerz- und Betäubungsmittel erhält. Sie ist seit 17 Jahren Tierärztin, hat sich auf Anästhesie und Schmerzlinderung spezialisiert und mehrere Jahre in Tierspitälern verschiedener Universitäten gearbeitet, bevor sie 2018 die Leitung der ESF übernahm. 

Casoni steht täglich im OP und überwacht die Versuchstiere. Sie ist es, die beim Kaninchen sein wird, wenn es aufwacht. Die schaut, ob die Schmerzmedikamente wirken. Das macht sie mit Hilfe der «Rabbit Grimace Scale», einer ­Tabelle, die Kaninchengesichter mit und ohne Schmerzen zeigt. Relevant ist etwa, wie weit die Augen des Tieres geöffnet sind, in welche Richtung die Schnurrhaare und die Ohren zeigen, ob die Backen eingefallen sind und die Nasenflügel eher ein U oder ein V formen.

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«Ich würde mal behaupten, dass lange nicht jeder Chüngelibesitzer diese Kriterien kennt», sagt Robert Rieben dazu. Viele kranke Tiere müssten wohl beträchtlich leiden, bevor ihre Besitzer etwas merken und sie zum Tierarzt bringen.

Versuchskaninchen sitzt in geöffnetem Käfig

Vermessen und überwacht: Während der Operation wurden die Hirnströme des Versuchskaninchens gemessen.

Quelle: Hanna Jaray

Versuche wie in der Natur

«Klar kann man Tier­versuche verbieten, aber dann werden wir bestimmte Fragen nicht beantworten können», sagt Helmut Segner, der das Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin (FiWi) der Universität Bern leitet. Etwa Fragen, zu denen er und sein Team in den letzten 20 Jahren zahlreiche Tierversuche durchgeführt haben: Warum gehen in der Schweiz die Bestände der Bachforelle so drastisch zurück? Warum können sie sich in vielen Gewässern nicht mehr vermehren?

In Aquarien setzten die Forschenden Bachforellen Belastungen aus, die sie auch in unseren Gewässern antreffen, und kamen so der proliferativen Nierenkrankheit (PKD) auf die Schliche. Ausgelöst wird sie von einem Parasiten, der in der Hälfte der Gewässer vorkommt und dessen Sporen über Haut und Kiemen in die Blutbahn gelangen. Sie können eine heftige Entzündung der Niere hervorrufen und tödlich sein. Wenn die Tiere überleben, sind sie immun.

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Die Versuche ergaben, dass die Fische in 12 Grad kaltem Wasser gut mit dem Parasiten klarkommen. Bei 15 Grad sterben 50 Prozent, bei 18 Grad 90 Prozent der Fische.

«Ein Anstieg der Temperatur macht den Fischen ein Riesen­problem», sagt Segner. Um den Zusammenhang zwischen Temperatur und Krankheit zu klären, führten die Forschenden mehrjährige Freiland- und Laborversuche durch. Dabei wurden mehr als 1000 Bachforellen bei hohen Wassertemperaturen mit dem Parasiten infiziert – für sie eine grosse Belastung, also Schweregrad 3.

Der Schmerz der Fische

Um das Leid zu reduzieren, darf man Fische, wie andere Versuchstiere, nicht bis zum Tod im Versuch belassen. Sobald deutlich wird, dass sie sterben werden, muss man sie töten.

«Doch dann fragten uns die Aufsichtsbehörden: ‹Halt, woran erkennt ihr denn, dass die sterben werden? Das ist ja alles Bauchgefühl und nicht wissenschaftlich untermauert.› Da sagten wir: ‹Klar sind es nur Erfahrungswerte, aber es gibt dazu schlicht ­keine wissenschaftlich abgesicherten Informationen›», so Segner.

In der Folge erhielt das Zentrum den Auftrag, zu untersuchen, anhand welcher Verhaltensmerkmale man erkennen kann, ob die Fische sterben werden. Eine Doktorandin konnte zeigen: Wenn ein Fisch aufhört zu fressen, ist das eines der sichersten Anzeichen. «Dank diesem Versuch haben wir nun wissenschaftlich abgesicherte Kriterien, die es uns erlauben, zahlreichen Versuchstieren ein langes Leiden zu ersparen.»
 

«Studiert erst mal die wissenschaftliche Literatur, bevor ihr neue Versuche durchführt.»

Helmut Segner, Leiter Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin (FiWi) der Universität Bern

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Dass Fische Schmerz empfinden, ist für Segner klar, auch wenn es bis heute Wissenschaftler gibt, die das bestreiten. «Daher finde ich es sehr wichtig, dass auch bei Tierversuchen an Fischen genau hingeschaut wird. Dass wir kontrolliert werden.» Seiner Ansicht nach lässt sich die Zahl der Tierversuche weiter senken. So sehe er etwa als Gutachter immer wieder Projekte, bei denen er sagen müsse: «Sorry, das wurde schon vor 20 Jahren gemacht. Studiert erst mal die wissenschaftliche Literatur, bevor ihr neue Versuche durchführt.»

Aber Tierversuche ganz zu verbieten ist für ihn schon deshalb keine Lösung, weil vieles dann einfach in andere Länder ausgelagert ­würde. So sei ein Gastforscher aus China «völlig überrascht gewesen, als er hörte, dass wir für jeden Tierversuch einen Antrag stellen müssen. So was kennen sie dort nicht.»

Derzeit schwimmen 2000 junge Bachforellen in einem Versuchsraum des FiWi. Sie werden einem Mix aus Pestiziden ausgesetzt werden – in Konzentrationen wie draussen, um zu prüfen, wie sich das auf ihre Gesundheit auswirkt.

Zusätzlich wird untersucht, ob sie auf die Pestizide anders reagieren, wenn die Wassertemperatur steigt oder sie zusätzlich dem PKD-Parasiten ausgesetzt sind. Mehr als 900 Fische werden voraussichtlich einer mittelschweren Belastung ausgesetzt sein, also Schweregrad 2. Segner sagt: «Bei uns sind die Fische dieser Belastung zwei Wochen lang ausgesetzt. In freier Wildbahn ihr ganzes Leben lang.»

Seit 1990 nur noch halb so viele Versuchstiere in der Schweiz

Versuchstiere in der Schweiz seit 1990

Tierversuche werden seit Anfang der achtziger Jahre zunehmend durch andere Methoden ersetzt. Der leichte Anstieg bei der Anzahl Tiere seit 2000 kommt daher, dass die biomedizinische Grundlagenforschung bedeutender geworden ist.

Quelle: BLV/Tierversuchsstatistik – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger
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Zurzeit gibt es mehrere politische ­Vorstösse gegen Tierversuche:

 

  • Verbot aller Tier- und ­Menschenversuche 


Im März wurde die eidgenössische Volksinitiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot – Ja zu Forschungswegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt» eingereicht. Die Initiative fordert ein vollstän­diges Verbot von Versuchen an Tieren und Menschen sowie ein Verbot von Handel, Einfuhr und Ausfuhr von Produkten, für die direkt oder indirekt Tierver­suche durchgeführt wurden.

 

  • Verbot von belastenden ­Tierversuchen


Nationalrätin Maya Graf (Grüne) verlangt in einer parlamentarischen Initiative, dass «schwere Belastungen für Tiere zu Versuchszwecken» im Tierschutzgesetz verboten werden, also alle Tierversuche des Schweregrads 3. Darunter fallen Ver­suche, in denen Tiere tödlich verlaufenden Krebs- oder ­Infektionskrankheiten aus­gesetzt werden, oder toxikologische Tests, in denen die Giftigkeit von Stoffen mit Hilfe lebender Versuchstiere ­ermittelt wird.

 

  • Grundrechte für Primaten in Basel-Stadt


Der Verein Sentience Politics fordert in ­einer Volksinitiative, dass in der Kantonsverfassung die Grundrechte auf Leben und körperliche und geistige ­Unversehrtheit für nichtmenschliche Primaten ver­ankert werden. Die Initiative zielt gegen die biomedizinische Forschung mit Primaten, die aufgrund ihrer grossen biologischen Ähnlichkeit mit dem Menschen als Versuchstiere eingesetzt werden.

Mit Tierversuchen gegen Krankheiten

Infografik: Mit Tierversuchen gegen Krankheiten

Vier von fünf Versuchstieren in der Schweiz sollen Erkenntnisse zu Krankheiten liefern. Daraus ergibt sich obige Verteilung.

Quelle: BLV/Tierversuchsstatistik – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger
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So stark dürfen Tiere belastet werden

Die Belastung von Versuchstieren wird in vier Kategorien eingeteilt. Entscheidend ist, ob sich das Tier unwohl fühlt, ob ihm Schmerzen oder Schaden zugefügt werden, ob es leidet oder verängstigt wird. Je nach Tierart wird strenger bewertet. Eine Auswahl an Beispielen.

 

Schweregrad 0

keine Belastung

  • Beobachtungs- und Orientierungsstudien: etwa das Beobachten von Fischen in einem Labyrinth

  • Entnahme von ­Speichel, Urin und teilweise auch Blut 

So entwickelte sich die Anzahl Versuchstiere nach Schweregrad 0 in den letzten 20 Jahren

Anzahl Versuchstiere mit Schweregrad 0

Quelle: BLV/Tierversuchsstatistik – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

 

Schweregrad 1

leichte Belastung

  • kleinere chirurgische Eingriffe unter ­Betäubung: etwa Hautbiopsien oder Sterilisation bei Mäusen

  • Einzelhaltung gilt als leichte Belastung

Entwicklung Versuchstiere mit Schweregrad 1 in den letzten 20 Jahren

Anzahl Versuchstiere mit Schweregrad 1

Quelle: BLV/Tierversuchsstatistik – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

 

Schweregrad 2

mittlere Belastung

  • elektrische Stimulation von Tieren auf dem Laufband, ohne Überanstrengung

  • Therapie von gentechnisch erzeugten Krankheiten (etwa Diabetes)

Entwicklung Versuchstiere mit Schweregrad 2 in den letzten 20 Jahren

Anzahl Versuchstiere mit Schweregrad 2

Quelle: BLV/Tierversuchsstatistik – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

 

Schweregrad 3

schwere Belastung

  • Verpflanzung von
 Tumoren in Tiere

  • Transplantationen 
lebensnotwendiger Organe: etwa eine
 Nierentransplantation, durch die das Tier sterben könnte

Entwicklung Versuchstiere mit Schweregrad 3 in den letzten 20 Jahren

Anzahl Versuchstiere mit Schweregrad 3

Quelle: BLV/Tierversuchsstatistik – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger
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Sterilbank in einem Tierversuchslabor

Tierpflege in der Sterilbank: Im Umgang mit Ratten gelten strenge Vorschriften.

Quelle: Hanna Jaray

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Andres Büchi, Chefredaktor

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