«Letzte Woche sassen zwanzig im Zug, diese Woche etwa vierzig», sagt der Kondukteur der Zentralbahn nach Engelberg OW. Seine Worte hallen durch den Waggon. Auf dem Bildschirm folgt still eine Corona-Meldung auf die andere. Das Virus beherrscht die Welt. Der zweitletzte Passagier verlässt den Zug in Wolfenschiessen, Halt auf Verlangen. Sein Bier ist leer, zum Abschied drückt er die Dose ins Abfallkübelchen. Ein Desperados.

So desperado, verzweifelt, wirkt Oscar Wetterblad nicht. Auch wenn die Dorfstrasse von Engelberg fast menschenleer ist. Der Duft seiner Kaffeerösterei lässt die wenigen Leute auf dem Bike schnuppern und stoppen. Es ist frisch, aber nicht kalt, und Samstag, 14  Uhr. Dann öffnet Oscar für wenige Stunden seinen Laden. 

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«Engelberg zeigt sich genau jetzt von seiner besten Seite.»

Oscar Wetterblad, Kaffeeröster aus Engelberg

Oscar Wetterblad, Kaffeeröster

Quelle: Herbert Zimmermann

Dank Corona ins Gespräch kommen

Nun stehen sie da, die Männer mit kurzen Leibchen und kurzen Hosen, die Frauen mit langem Leibchen und langen Hosen, alle gern in Dunkelblau. Sehnig sind sie, tragen eine verspiegelte Sonnenbrille mit grellem Nackenband. Und warten auf einen Espresso oder Cappuccino. Im Pappbecher, wegen Corona.

Üblicherweise würden alle ins Leere blicken oder die Fingernägel kontrollieren. In Zeiten des Virus aber kommt man ins Gespräch. «Ah, Sie sind vom Beobachter», sagt eine Frau. «Den lese ich nun von vorn bis hinten, so viel Zeit wie jetzt habe ich ja selten.»

Sie wohnt mit ihrem Mann in Baselland und sitzt mit ihm die Corona-Krise in der Ferienwohnung in Engelberg aus. Das tun seit Mitte März auch Unternehmer aus Basel oder der Zürcher Galerist mit seinem Partner, der sagt: «Ich habe in all den Jahren noch nie eine Zwischensaison Tourismus Gibt es ein Mittel gegen nervigen Massentourismus? in Engelberg erlebt. Sehr schade. Dabei ist es auch im April schön hier, nicht? Noch ein Glas Wein?»

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Krisen und Brände

Oscar und seine Schwester Sophia haben die «Roastery» vor fünf Jahren gegründet. In den Räumen der Papeterie Höchli. Ein halbes Jahrhundert führte ein Spross der Familie Höchli die Papeterie, Stammhalter Alex sitzt auf der Steintreppe bei der «Roastery». Wo soll man sonst sitzen? Alle Lokale sind zu, Essen und Getränke gibt es nur «to go» Coffee-to-go-Becher Was Mehrwegbecher wirklich bringen , zum Mitnehmen.

Alex Höchli ist Talammann von Engelberg und rechnet kurz nach. 131. So viele Jahre existiert das Geschäft an der Dorfstrasse bereits. Er sagt: «Ich habe grosse Achtung vor unseren Ahnen, wie sie es durch all die Krisen geschafft haben.»

«Dass es schlimm ist, wissen wir jetzt schon. Aber wie schlimm?»

Alex Höchli, Talammann Engelberg

Alex Höchli, Talammann von Engelberg

Quelle: Herbert Zimmermann

Weltkriege, Wirtschaftskrisen, Hochwasser Naturgefahren 10 Dinge, die Grundeigentümer wissen müssen , das letzte 2005, als die sonst zahme Engelberger Aa Talboden und Dorf flutete und wochenlang von der Umwelt abschnitt. Und Brände.

Einmal brannte das Kloster, dann das halbe Dorf, dann das Hotel Victoria, dann das Hotel Titlis, und auch die Haushälfte von Juwelier Guntensperger brannte, weil der Nachbar vergessen hatte, das Bügeleisen auszuschalten. Aber Corona? «Dass es schlimm ist, wissen wir jetzt schon. Aber wie schlimm?», fragt Alex Höchli.

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Die Welle traf Engelberg nicht unerwartet, aber mit voller Wucht. Roland Odermatt sagt: «Bis zum 16. März waren wir auf Budgetkurs, ab dem 17.  März war der Umsatz null.» Elfie und Roland Odermatt führen das beste Restaurant im Ort, das «Schweizerhaus». Die Hausbank gewährte dem Wirtepaar binnen sechs Stunden einen verbürgten Kredit, der Staat bewilligte Kurzarbeit

Die grosse Unsicherheit

Im «Schweizerhaus» wurde geräumt, gereinigt, inventarisiert. Kündigungen gab es nicht, aber Crew wie Geschäftsleitung erlitten finanzielle Einbussen. Und es «machte sich Unsicherheit breit beim Sicheinstellen auf eine Situation, die noch nie da gewesen ist», sagt Odermatt.

Auch im Hotel Engelberg steigen kaum mehr Gäste ab. In den wenigen Hotels, die geöffnet sind, übernachten unter der Woche Bauarbeiter. Das Grand Hotel Titlis Palace steht vor der Vollendung, ein mächtiger Bau, der sich an der Ästhetik des alten Kurhauses orientiert. Gemäss dem Reiseführer «Baedeker» von 1927 zählte das Haus «mit Wasserheilanstalt» damals 330 Betten, 40 Zimmer hatten ein Bad, geschlafen und gekurt wurde ab 15 Franken.

«Persönlich versuchen wir, auch etwas Positives aus der Krise zu gewinnen.»

Thomas Infanger, Hotelbetreiber Engelberg

Thomas Infanger, Hotelbetreiber 

Quelle: Herbert Zimmermann
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«Geschäftlich trifft es uns härter als privat»

Das «Engelberg» ist das älteste Hotel im Ort. 1854 eröffnet, ist es nach wie vor ein Familienbetrieb, geführt «in der sechsten oder siebten Generation» von Nadia und Thomas Infanger. 55 Franken kostet die Nacht im Einzelzimmer mit Dusche, Frühstücksbuffet inklusive – ein Spezialpreis zu Corona-Zeiten .

Am Eingang muss der Gast tagsüber einen Knopf drücken, beim Frühstück ist das Einhalten der Distanzregeln Coronavirus Rechtliche Fragen zur Lockerung der Massnahmen kein Problem. Es sind nur zwei Gäste da. Das Restaurant ist geschlossen, die Mitarbeiter wurden in Kurzarbeit geschickt. «Umsätze und Nachfrage sind eingebrochen», sagt Nadia Infanger.

Die zwei Kinder gehen zu Hause zur Schule, und der Hund muss Gassi. «Geschäftlich trifft es uns härter als privat. Persönlich probieren wir, auch etwas Positives aus der Krise zu gewinnen. Wir geniessen die Familie, das schöne Wetter und die Ruhe», sagt Thomas Infanger. 

Die wahre Klausur

«Das Wesentliche wächst in der Stille.» Dieser Satz steht in der Broschüre «900 Jahre Kloster Engelberg, 1120 bis 2020». Die meisten Veranstaltungen zum Jubiläum des Klosters wurden abgesagt. Abt Christian sagt: «Als Mönche Einsiedler-Mönch Bruder Markus «Man kann nicht einfach davonlaufen» erfahren wir etwas deutlicher, was ‹Klausur› heissen würde. Wir hatten immer wieder Verpflichtungen gegen aussen. Die sind weggefallen.»

Kontakte laufen per Telefon, Skype oder klassische Briefpost. «Auch der Kontakt mit unseren Klöstern in Kamerun geht so weiter und gibt nochmals einen anderen Blick auf die Corona-Herausforderung.»

Die knapp 100 Angestellten des Klosters sind auf Kurzarbeit, «erhalten aber aktuell weiterhin den vollen Lohn», sagt Geschäftsführer Daniel Amstutz . Internat und Hotellerie wurden geschlossen. Hausdienst, Verwaltung, Schuladministration und Gastronomie laufen auf Minimalbetrieb. «Normalerweise wird für bis zu 250 Personen gekocht, aktuell für 20», sagt Amstutz.

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Umsatz im besten Fall ein Drittel des Üblichen

Als Benediktinerabtei erhält das Kloster Engelberg kein Geld aus Kirchensteuern oder von Rom. Es finanziert sich mit seinen Betrieben zum grössten Teil selber. Jetzt kommt wegen der Krise nicht viel rein, es fehlt an Geld. Auch für den Unterhalt der historisch wertvollen Gebäude.

«Ziemlich anstrengend, aber höchst lohnend.» So beschreibt der «Baedeker» von 1893 den Aufstieg auf den Titlis, Engelbergs Wahrzeichen. Damals zog keine Bahn Einheimische oder Gäste hoch. Sie mussten sich die «überaus grossartige Aussicht» auf die Alpenkette von Savoyen bis Tirol mühsam erkämpfen. Der Titlis wurde erst ab 1911 nach und nach mit Gondel-, Sessel- und Luftseilbahnen Kleinseilbahnen «Nicht sicher»: Vielen Seilbähnli droht das Aus bestückt.

«Die Krise war absehbar. Aber in ihrer Heftigkeit war sie ein Schock.»

Peter Reinle, Marketingleiter Titlis-Bergbahnen

Heute sind die Titlis-Bahnen mit 450 Angestellten der bedeutendste Arbeitgeber am Ort. Die meisten seien auf Kurzarbeit, sagt Peter Reinle, Marketingleiter der Titlis-Bergbahnen. Die Sommersaison dürfte miserabel ausfallen. Der Umsatz werde vermutlich ein Viertel des Üblichen betragen, im besten Fall ein Drittel. «Wir kommen unmöglich auch nur annähernd an die Umsätze des letzten Jahres heran.» 

Reaktion der Gäste und Mitarbeitenden ungewiss

Bei den Titlis-Bahnen wartet man auf die Richtlinien des Bundes. «Das ist das eine. Wie die Gäste und die Mitarbeiter auf die Einschränkungen reagieren, ist das andere», sagt Reinle. Die Corona-Krise sei absehbar gewesen. «Aber in ihrer Heftigkeit war sie ein Schock.»

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Im März blieb die Hälfte der Gäste weg. Im April dürften es 99 Prozent gewesen sein, schätzt Andres Lietha, Engelbergs Tourismusdirektor. Die Gäste aus Indien und aus China werden im laufenden Jahr ausbleiben, das ist absehbar.

Engelberg Tourismus lud als Geste 1000 Spitalangestellte zu einer Woche Gratisferien ein und zählte über 6000 Anmeldungen. Am 15. Mai kommt es zur Auslosung. «Wir freuen uns darauf, die Gewinner zu beherbergen und aus ihnen Engelberger Stammgäste zu machen», sagt Lietha. 

«Im April sind wohl 99 Prozent der Gäste weggeblieben.»

Andres Lietha, Tourismusdirektor in Engelberg

Andres Lietha, Tourismusdirektor

Quelle: Herbert Zimmermann

Kaffee und Krimis

In der «Roastery» dürfte inzwischen Kaffee Nummer 25 über die Theke gereicht worden sein. Talammann Alex Höchli ist froh, dass die Geschwister Wetterblad aus Schweden seinen Betrieb umkrempelten und weiterführen.

Oscars Frau Andrea verkauft in der «Roastery» Papeteriewaren und Bücher wie den Krimi «Tod am Titlis», doch das ist gegenwärtig verboten. So schaukelt sie Greta auf dem Arm, die Einjährige mit den blauen Augen, die hinter der provisorischen Schranke aus Paletten und einer fahrbaren Theke die wenigen Gäste anlächelt.

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Da die Grenzen vorläufig geschlossen sind und Reisen ins Ausland nicht möglich, hofft man in Engelberg auf Schweizer Gäste. «Es wird längere Zeit brauchen, um die finanziellen Wunden zu heilen», sagt Alex Höchli. «Ich bin überzeugt, dass unsere langjährigen Schweizer Gäste uns alle unterstützen werden, um den entstandenen Schaden möglichst gering zu halten.»

So meistern KMU die Krise

Die Lockdown-Krise stellt KMU vor grösste Herausforderungen. Das Geschäft ist geschlossen, der Umsatz bricht ein, das hat wiederum Folgen für die Zulieferer. Dabei unterstützen wir Sie ganz konkret: mit dem KMU-Krisenmanager von Beobachter und Handelszeitung. Er informiert und unterstützt praxisnah mit allen nötigen Links und Vorlagen unter anderem zu den Themen Kurzarbeit, Kredite beantragen, Kommunikation in der Krise und wenn die Kunden nicht zahlen.

zum Dossier (Beobachter+)

Ein Wegweiser, den es so eigentlich nicht gibt, zeigt mit Stichworten, wo Kleingewerbler während der Corona-Krise Hilfe finden
Quelle: Getty Images/iStockphoto

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René Ammann, Redaktor

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