Es klang nach einem guten Deal. Das Grundstück in einem Dorf am Eingang des Engelbergertals hatte einen grosszügigen Garten, eine schöne Sicht auf die Berge, lag in einem familienfreundlichen Quartier. Angelika Gerber (Name geändert) war per Zufall auf die Anzeige gestossen. Hier wollten sie und ihr Mann endlich das kleine Traumhaus bauen, ihre vier Kinder aufziehen, Wurzeln schlagen. Sie hoffte, den ersten Geburtstag ihrer jüngsten Tochter im neuen Heim feiern zu können.

Daraus wurde nichts. Mittlerweile ist das Mädchen drei, und nicht mal der Spatenstich für den Hausbau hat stattgefunden.

Seit über drei Jahren reicht eine Nachbarin Einsprache um Einsprache ein. Die Familie Gerber ist am Ende – nervlich und finanziell. «Wir wohnen in einer teuren Mietwohnung im Nachbarort und müssen gleichzeitig die Hypothek für das Grundstück zahlen. Mit vier Kindern ist das eine grosse Herausforderung», so Gerber.

Nicht die Ersten

Als die Gerbers das Grundstück zum ersten Mal besichtigten, wussten sie nicht: Die Familie, die das Grundstück vor ihnen gekauft hatte, war mit ihrem Bauvorhaben gescheitert. Nach fast zwei Jahren Ärger mit der Nachbarin verkaufte sie das Grundstück schweren Herzens weiter, obwohl damit finanzielle Einbussen verbunden waren. Die frustrierte Familie gab dem Makler eine Bitte mit auf den Weg: Er solle das Grundstück nicht wieder an eine Familie mit Kindern verkaufen.

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Die Nachbarin störe sich aber nicht nur an den Kindern, sagt Angelika Gerber. «Sie hat selber drei Kinder. Sie will einfach nicht, dass neben ihr gebaut wird.» Die Mutter seufzt, reibt sich über die Stirn mit den Sorgenfalten, ein blond gelocktes Kind springt auf ihren Schoss. Manchmal müsse sie lachen, so absurd sei die Geschichte. Dann kullern wieder Tränen über das Gesicht der jungen Mutter, ihre Brille beschlägt.

Das Treffen

«Nachdem wir uns für das Grundstück entschieden hatten, hörten wir aus der Nachbarschaft, dass es zuvor Einsprachen gegeben hatte. Darum haben wir alle Nachbarn miteinbezogen und mit ihnen über unsere Pläne gesprochen», so Gerber. «Wir liessen uns die vorherigen Projekte zeigen und versuchten, die Sachen zu ändern, gegen die Einsprache erhoben worden war.» Sie hätten sich nicht viel dabei gedacht. Einsprachen gehörten beim Häuserkauf ja irgendwie dazu. Man habe auf die Bedenken der Nachbarn auch eingehen können. Nur eine Partei stellte sich quer. Die Frau, die in der Nachbarschaft als besonders hartnäckig gilt. Mit ihr suchten die Gerbers das Gespräch.

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«Ich besuchte die Frau bei ihr zu Hause. Damals war ich schwanger mit unserer Jüngsten», erzählt Angelika Gerber. Der Architekt sei mitgekommen – als neutrale Partei. Am Anfang sei alles gut gegangen, die Nachbarin habe ihr sogar das Du angeboten. Dann hätten sie die Pläne für das Haus aufgeschlagen. Die Nachbarin habe angefangen zu hyperventilieren und zu schreien: «O nein! O nein! O Gott!».

So etwas habe sie noch nie erlebt, sagt Gerber. Sie sei aufgestanden, Tränen in den Augen, weil sie ihren Traum vom Eigenheim vor dem inneren Auge zerbröckeln sah. «Da schaute die Frau mich an und sagte: ‹Das sind wohl die Schwangerschaftshormone›.» Ein weiteres Gespräch sei nicht möglich gewesen. Sie habe das Haus verlassen. «Mittlerweile sind wir wieder beim ‹Sie›.»

Als die Nachbarin die Pläne sah, begann sie zu hyperventilieren und zu schreien.

Frau schreit auf, als sie Baupläne sieht
Quelle: Kornel Stadler
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Die ersten Einsprachen

Bald traf die erste Einsprache der Nachbarin gegen das Bauvorhaben ein. Weitere folgten. Einmal ging es um die Höhe des Hauses, dann die Art des Daches, die Fassade, den Balkon. Die Gerbers versuchten alles, um die Frau zu besänftigen.

Sie liessen vom Architekten einen Entwurf zeichnen, wie das Haus mit einem von der Nachbarin gewünschten Dach aussehen würde. Auch um zu zeigen, dass das Haus in dieser Wunschversion genauso hoch wäre wie in den Plänen der Gerbers. «Das hat sie nicht interessiert. Sie wiederholte nur die Drohung, bis vor Bundesgericht zu gehen, um den Bau zu verhindern», sagt Gerber.

Die Nachbarin scheute keine Zeit und keine Kosten, durch alle Instanzen zu klagen. Vom Regierungsrat als erster Instanz ging die Sache zum Verwaltungsgericht. Die Frau nutzte alle Fristen bis zum letzten Tag aus, um Beschwerde gegen die gefällten Entscheide zu erheben. Bislang wurden alle abgelehnt. Aber sie verzögern den Bau des Hauses immer weiter.

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Von ihrem Vorhaben zurücktreten wollen die Gerbers nicht. «Der Rückzug von der Baueingabe wäre quasi ein Schuldeingeständnis, dass etwas damit nicht stimmt und die Einsprache berechtigt war. Wir müssten die Kosten für das gesamte Verfahren und auch noch das Honorar des Gegenanwalts tragen.» Und wenn sie das Grundstück weiterverkaufen würden, müsste der Käufer das Verfahren fortsetzen. Das mache das Grundstück im Moment praktisch unverkäuflich. «Wir würden zu viel Geld verlieren.»

Belastend für die Kinder

Die Nerven der Gerbers liegen blank. Die Corona-Pandemie setzt ihnen weiter zu. «Während Wochen sassen alle zu Hause und waren verzweifelt. Es geht weder vor noch zurück.» Ihre Mietwohnung im Nachbarort sei zu klein. Und der Vermieter hat mittelfristig Eigenbedarf angemeldet. «Vermutlich müssen wir in ein paar Monaten ausziehen. Finden Sie mal mit vier Kindern eine bezahlbare Wohnung», sagt die verzweifelte Angelika Gerber. «Und selbst wenn es mit dem Bau unseres Hauses endlich losgehen könnte, würde es wohl nochmals Jahre dauern, bis es steht.»

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Für die Kinder ist die Situation besonders belastend. Damit sie sich auf die Umgebung einstellen konnten, schickten die Eltern die zwei Grösseren in die Spielgruppe des neuen Ortes. Weil aber mit dem Bau nichts voranging, kamen sie danach in den Kindergarten ihres jetzigen Wohnorts. Sie verloren die neuen Freunde wieder.

Neben dem Rechtsstreit zettelte die Nachbarin Kleinkriege auf dem Grundstück der Gerbers an. Einmal habe sogar die Polizei einschreiten müssen. «Die Frau liess Baumaterial von einem Umbau an ihrem Haus auf unserem Grundstück deponieren. Auf die Bitte meines Mannes, das bitte zu unterlassen, reagierte sie nicht.»

Legale Verzögerungstaktik

Nun geht das Baudrama in die vielleicht letzte Runde. Am allerletzten Tag der Beschwerdefrist gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts legte die Nachbarin Beschwerde beim Bundesgericht ein. Der Baustart verzögert sich für die Gerbers damit noch einmal um mehrere Monate. Beschleunigen lässt sich das Verfahren kaum.

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Gerbers Anwalt versucht zwar, so schnell wie möglich auf die Rechtsschriften der Einsprecherin zu antworten. Damit kann er aber nur eine begrenzte Zeit wettmachen. Die Einsprecherin nutzt derweil alle möglichen Fristen bis aufs Letzte aus. Ganz legal.

Der Anwalt nennt einen weiteren Grund für das mehrjährige Verfahren. Im Kanton Nidwalden hätten die Baueinsprachen enorm zugenommen. Man habe aber nicht mehr Stellen geschaffen, um sie zu bearbeiten. Das führe zu monatelangen Verzögerungen.

Rechtsschutzversicherung zahlt nicht

«Uns schlägt das Ganze mittlerweile auf die Gesundheit», sagt Angelika Gerber. «Ich leide unter Schlaflosigkeit, Haarausfall, Übelkeit, Energielosigkeit. Der Streit raubt einem im wahrsten Sinne des Wortes alles.» Die Nachbarin habe sie in finanzielle Sorgen getrieben, den Kindern ein stabiles Daheim verwehrt.

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«Ich habe während der Corona-Krise auch noch meinen Job in der Gastronomie verloren. Allein für die Miete der Wohnung mussten wir schon 100'000 Franken ausgeben. Geld, das wir nicht ins Haus stecken können. Und immer wieder müssen wir einen Vorschuss für den Anwalt leisten, die Amortisation des Grundstücks kommt auch noch dazu.»

Die Gerbers haben zwar eine Rechtsschutzversicherung, doch die zahlt nichts an die Anwaltskosten. Viele Versicherungen schliessen Baueinsprachen am eigenen Bauprojekt aus. Kurioserweise werden die Kosten des Einsprechers dagegen oft bezahlt. Wer Einsprache erhebt, ist darum finanziell oft besser abgesichert als jene, die von der Einsprache betroffen sind.

Hinzu kommt, dass die Einsprecher die Anwaltskosten der Bauherrschaft auch noch in die Höhe treiben können. So schreibt im Fall Gerber der Anwalt der Nachbarin jeweils 20 bis 25 Seiten lange Rechtsschriften, auf die der Anwalt der Gerbers in ähnlichem Umfang antworten muss. Auf jede Behauptung muss eingegangen werden.

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Das geht ins Geld. Geld, das anderswo fehlt. Angelika Gerber sagt, sie wolle seit drei Jahren eine Ausbildung machen. Daraus sei aus Kostengründen nichts geworden. Auf ein grösseres Auto, das sie für die Grossfamilie brauchten, mussten sie verzichten, auf Ferien sowieso.

Bis sie einziehen können, könnten noch Jahre vergehen, befürchten die beiden.

Sollten die Gerbers das Verfahren gewinnen, müsste die Einsprachepartei ihnen zwar die Anwalts- und Prozesskosten zurückerstatten. Nicht aber die Mietkosten und die Hypothekarzinsen für das nicht nutzbare Grundstück.

«Ich mache mir heute grosse Vorwürfe, weil ich das Grundstück entdeckt hatte. Dabei war ich damals so glücklich, endlich ein Zuhause für uns gefunden zu haben», so Gerber. Bis sie einziehen können, könnten noch Jahre verstreichen, befürchtet das Paar. Jahre, die der Familie an die Substanz gehen.

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