Wer Stefan Petermann bei der Arbeit zuschaut, muss schnell schauen. Hier eine Latte, dort eine Latte, vier Bretter darauf im gleichen Abstand, und schon zückt er den Meter, um die Abstände für die Schrauben einzuzeichnen. Jeder Handgriff sitzt. «Das ist keine Hexerei», sagt der gelernte Zimmermann schulterzuckend.

Es ist das erste Hochbeet der Saison, das der 40-Jährige dieses Jahr zimmert – und höchste Zeit. Spätestens wenn der Huflattich blüht, juckt Hobbygärtnerinnen der grüne Daumen.

«In den nächsten Wochen werden wir sicher noch weitere Bestellungen erhalten», sagt Simone Hadorn, 35. Petermanns Partnerin ist zuständig für die Administration. Weitere Bestellungen bedeutet: weitere Samstage in der Scheune von Petermanns Eltern in Russikon ZH – eingepfercht zwischen Rasenmäher, Modellflieger, Besen, Sensen, Körben und Sägen.

Die beiden sind seit 16 Jahren ein Paar, und vor gut 10 Jahren haben sie angefangen, Hochbeete zu bauen. Hadorns Mutter, eine gelernte Floristin, hatte in einer Fachzeitschrift davon gelesen. Nur kaufen konnte man sie noch nicht in jedem Baumarkt. Heute haben sie längst Hinterhöfe, Gärten, Terrassen und Balkone in Stadt und Agglo erobert.

Stefan Petermann sägt ein Seitenteil für ein Hochbeet zurecht

Jeder Handgriff sitzt: Stefan Petermann ist gelernter Zimmermann.

Quelle: Maurice K. Grünig

Zuerst entdeckten Altersheime das Gärtnern auf Hüfthöhe als ideale Beschäftigung für die Bewohnerinnen und Bewohner. Im besten Fall landete das so gezogene Gemüse dann im Kochtopf der Heimküche. Die Freude am Gärtnern und der Trend zu mehr Selbstversorgung erfasste jedoch bald auch jüngere Generationen, besonders in den Städten. So begann der Siegeszug des Hochbeets.

Heute gibt es sie in unzähligen Grössen und Varianten, aus Holz, Metall oder rezykliertem Plastik, je nach Standort und Bedarf. Migros, Coop, Jumbo und Landi bestätigen: Hochbeete sind beliebt. Bei Veg and the City, einem der ersten Anbieter für «Urban Gardening», stehen Hochbeete auf Rollen hoch im Kurs. Sie eignen sich auch für kleine Stadtbalkone.

Spuren in der ganzen Schweiz

Für Stefan Petermann und Simone Hadorn ist der Hochbeetbau ein Nebenverdienst geblieben – zu schnell sprangen die Baumärkte auf den Trend auf. Im «richtigen» Leben arbeitet er als Zimmermann und sie als Energietherapeutin. In der Scheune in Russikon bauen sie hauptsächlich Beete nach Mass, auf Wunsch auch mit Gravur. Dabei legen sie besonderen Wert auf gutes Material. Lärchenholz aus dem Zürcher Oberland muss es sein. Unbehandelt und zertifiziert.

Stefan Petermann pustet die Holzspäne weg, die beim Bohren angefallen sind, und greift zur Gehrungssäge. Zügig und mit Druck fährt er das fertig geschraubte Seitenteil entlang, als wäre es Butter. Schon entsteht eine perfekte schräge Kante. Für die vier Seitenteile braucht er etwa anderthalb Stunden. Dann kommen sie aufs Autodach, die beiden Kinder, sieben und drei, in den Wagen, und los gehts, quer durch die halbe Schweiz. «Einmal lieferten wir sogar ins Welschland. Mir gefällt, wie wir so überall unsere Spuren hinterlassen», sagt Hadorn.

Stefan Petermann arbeitet an den Seitenwänden eines Hochbeets

Für die Beete benutzt Petermann Holz aus dem Zürcher Oberland.

Quelle: Maurice K. Grünig

Zusammenbauen müssen die Kundinnen und Kunden ihre Hochbeete dann selbst. Anleitung, Schrauben und sogar der passende Bohreraufsatz liegen bei. Die Kanten sind so gesägt, dass sie sich nicht berühren und ein schmaler Spalt bleibt. «Sonst würde sich dort Feuchtigkeit ansammeln, und es könnte anfangen zu schimmeln», erklärt Petermann. Einen Boden hat das klassische Hochbeet nicht – man stellt es direkt auf die mit einem Mäusegitter belegte Erde. An die Innenwände kommt noch eine Noppenfolie. Sie schützt das Holz.

Wie man es nicht macht

Und was gehört hinein? Hier weiss der Gartenexperte Urs Streuli Bescheid. Der Berater bei der Bio- und Naturgarten-Organisation Bioterra warnt vor einer falschen Befüllung. Häufig werde geraten, zuunterst eine Schicht Baumschnitt hineinzugeben, dann Grünabfall, gefolgt von reifem Kompost. Doch das sei kreuzfalsch, sagt der Fachmann.

«Die Äste verrotten, und die unterste Schicht senkt sich ab. Die Pflanzen erhalten zu wenig Licht und zu wenig Stickstoff.» Ausserdem fange der Grünabfall an zu faulen, und die Kompostschicht sei viel zu nahrhaft und trockne schnell aus. «Das gibt nur wässrige Salate und Gemüse, die anfällig sind für Krankheiten. Nach spätestens drei Jahren muss die gesamte Erde ausgetauscht werden – ein Riesenaufwand.»

Streuli empfiehlt deshalb folgende Befüllung: zuunterst eine etwa 40 Zentimeter dicke Schicht aus grobem Blähton, darauf eine halb so hohe Schicht humusarme Erde, zuoberst nochmals gleich viel humusreiche Gartenerde.

Wichtig sei, dass die Gartenerde einen Anteil mineralstoffreicher Landerde enthalte. Gemüseerde oder spezielle Hochbeeterde, wie man sie vielerorts kaufen könne, seien dagegen Chabis. «Da sind meist viel zu viel organische Stoffe drin.» Diese Erde trockne schneller aus und ziehe Ameisen an – «eines der häufigsten Probleme im Hochbeet».

Hochbeet befüllen: Diese Schichten sollten rein

Bodenzusammensetzung eines Hochbeets

Für das ideale Hochbeet empfiehlt sich zuunterst eine rund 35 Zentimeter hohe Drainage aus Schottersteinen oder Blähton. Darauf folgt eine 20 Zentimeter hohe Schicht aus humusarmer Erde. Zuoberst wird eine rund 25 Zentimeter dicke Schicht humusreicher Gartenerde aufgebracht.

Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Achtung, Fruchtfolge

In ein Hochbeet passen eigentlich alle Pflanzen, die nicht allzu hoch wachsen – es sei denn, man möchte Tomaten mit der Leiter ernten. Manche behaupten, bestimmte Pflanzen mögen sich besonders gern, würden sich gegenseitig Schädlinge vom Leib halten, und andere könnten sich nicht ausstehen. Gute Nachbarn, schlechte Nachbarn, wie beim Menschen? Urs Streuli hält davon gar nichts: «Das ist frei erfunden und nicht erwiesen.»

Zwingend zu beachten sei aber die Fruchtfolge. Will heissen: niemals an der gleichen Stelle nacheinander Pflanzen der gleichen Familie anbauen. Ein No-Go sind Kartoffeln nach Peperoni, Randen nach Spinat oder Zwiebeln nach Lauch. Die Erde laugt einseitig aus, familientypische Krankheiten verbreiten sich.

Apropos Lauch: Aus den Hochbeeten im Garten von Stefan Petermanns Mutter spriesst immer noch der vorjährige – bereit für die letzte Ernte, bevor es mit etwas Neuem losgeht. Diese Hochbeete gehören zu den ersten aus dem Hause Petermann/Hadorn. Sie sind etwas anders konstruiert. «Zuerst arbeiteten wir noch mit Schlossschrauben, später mit Winkeln und Brettern statt Latten. Das war für den Kunden beim Zusammenbau aber etwas komplizierter», sagt er.

Mythos schneckenfrei

Was auch auffällt: der Schneckenzaun. Dass Schnecken nicht ins Hochbeet kommen, sei ein Mythos. «Ihnen gefällt es dort sogar richtig gut. Sie machen es sich zwischen Noppenfolie und Holz gemütlich», sagt Urs Streuli. Falsch sei auch, dass man im Hochbeet eine viel grössere Ernte einfahre, weil die Erde sich schneller erwärme. «Das stimmt zwar, aber sie kühlt sich auch schneller wieder ab. Der höhere Ertrag ergibt sich höchstens im ersten Jahr, wenn man das Beet mit zu viel Kompost befüllt hat.»

Sinnvoll seien Hochbeete vor allem an Stellen, an denen es keine Möglichkeit gebe, den richtigen Boden zu begärtnern, wenn der Boden zu lehmig sei oder an schattigen Nordlagen. «Da hilft es, dass die Erde sich im Hochbeet schneller erwärmt.»

Bei Stefan Petermann und Simone Hadorn fehlt jetzt nur noch der letzte Schliff. Dann heisst es mit Kind und Kegel ab nach Niederglatt ZH, wo das erste Hochbeet dieser Saison hinkommt.

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